Cowbirds (c) Otmar Wagner

“UNSER AKTIONS- UND KOMMUNIKATIONSRAUM BEFINDET SICH ZWISCHEN TRADITION UND FIKTION” – CLELIA COLONNA UND IRENE COTICCHIO VON DEN COWBIRDS IM MICA-INTERVIEW

Die COWBIRDS sind ein in Wien gegründetes Kollektiv von vier Frauen unterschiedlicher Herkunft, die das gemeinsame Singen polyphoner Lieder, diese spezielle Art der stimmlichen Kommunikation, verbindet. Seit Jahren performen sie traditionelle Songs aus Korsika und Sizilien in unterschiedlichen Kontexten und Formaten und arbeiten mit Komponisten, Choreografen und bildenden Künstlern zusammen, um das zeitgenössische Potenzial von polyphonem Gesang auszuloten.

Für die Aufnahmen zu ihrem ersten Album „polyphonic tracks (songs from Corsica & Sicily)“, haben die vier COWBIRDS ihr Repertoire zwischen Klage- und Wiegenlied, Madrigal und Requiem nicht nur in österreichischen Wäldern und Kirchenräumen und im Wiener Studio minusgroundzero von NIK HUMMER eingesungen, sondern sind auch in Resonanz zu urbanen öffentlichen Räumen wie dem Matzleinsdorfer Platz oder der Schnellbahn S2 getreten. Anfang August haben die vier performenden Sängerinnen CLELIA COLONNA, IRENE COTICCHIO, CAROLINE DECKER und ROTRAUD KERN ihr Debut-Album im Rahmen des Impulstanz-Festivals in der Roten Bar im Volkstheater präsentiert.

Clélia Colonna, woher kommt das Interesse an – wie Sie es formuliert haben – “forgotten sounds and harmonies”, im Speziellen an traditionellem polyphonem Gesang? Sie kamen ja vor einigen Jahren als bildende Künstlerin und Performerin aus Paris nach Wien …

Clélia Colonna: Meine Familie stammt aus Korsika, ich war dort früher oft auf Urlaub. In der Bibliothek Phonothèque de Corte entdeckte ich eines Tages alte Aufnahmen des Songs Moita aus dem Jahr 1956 und konnte nicht verstehen, was sie sangen und auch die Art, wie sie sangen, faszinierte mich sehr. Ich habe das bis dahin immer ignoriert, aber mir wurde dann bewusst, dass nach dem 2. Weltkrieg eine kulturelle Kolonisation durch amerikanische Kultur stattgefunden hat, es gab einen Wechsel von modaler zu tonaler Musik. Heutzutage singt in Korsika fasst niemand mehr die alten modalen Lieder. Bernardu Pazzoni, ein sehr guter Freund, den wir mehrere Male in Korsika getroffen haben, hat mir viel Material gezeigt und erklärt, dass die Tonhöhe, in der man singt oder auch spricht von unseren Umgebungsgeräuschen abhängig ist. Wenn wir uns die Umgebung in der Stadt ansehen, so finden wir da zum Beispiel die Tonhöhe einer Straßenbahn oder das Brummen eines Kühlschrankes vor. Diese tönenden Dinge und Maschinen instruieren auch dein Musizieren. In den 1950er Jahren wurde Moita oder zum Beispiel Quandu lu Monte die Tagliu, zwei Songs die mich sehr faszinierten, auf Korsika von armen Bauern, die mit ihren Nutztieren lebten, gesungen. Sie waren umgeben von Stimmen und Klanginformationen, die wir als Städter nicht mehr kennen. Da sich natürlich die Gesellschaft ständig wandelt, verändern sich auch die umgebenden Klänge und Geräusche. Ich finde es sehr interessant, alte Klänge, Geräusche und Stimmen zu sammeln.

„DA SICH DIE GESELLSCHAFT STÄNDIG WANDELT, VERÄNDERN SICH AUCH DIE SIE UMGEBENDEN KLÄNGE UND GERÄUSCHE.“

Irene Coticchio, Sie sind in Sizilien geboren und beschäftigen sich schon seit einigen Jahren mit traditionellen sizilianischen Gesängen. Sie haben ein Trio mit dem italienischen Perkussionisten Toti Denaro und dem serbischen Gitarristen Miroslav Mirosavljev gegründet. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Clélia Colonna?

Irene Coticchio: Bevor Clélia mich gefragt hat, ob ich bei den cowbirds mitsingen möchte, kannte ich polyphonische Musik nicht. Ich hatte mich bis dahin mit monodischer Musik aus Sizilien beschäftigt. Bei einer cowbirds Probe hat mich dann Clélia einmal gefragt, ob wir nicht auch ein sizilianisches Lied singen könnten. In Sizilien ist es üblich, dass eine männliche Stimme von einem großen Chor unterstützt wird. Diese Art von choralem Gesang heisst canto ad accordo. Die Hauptstimme prima voce wird von einem Chor unterstützt, die meist paraliturgischen Lieder werden während der Osterwoche gesungen. Diese chorale Musik in Sizilien ist eigentlich männliches Terrain. Rituelle Musik wird in lateinischen (romanischen) Kulturen üblicherweise von Männern ausgeführt. Lieder mit alltäglichen Inhalten, die Themen wie Geburt oder den Tod zum Inhalt haben oder eben auch Wiegenlieder, waren traditionell Frauensache.

Clélia Colonna: In Sizilien gibt es eine starke Vermischung von katholischen und heidnischen Traditionen. Das traditionelle Singen ist sehr stark vom kirchlichen Leben beeinflusst – mit oder ohne Priester, denn in Korsika werden viele kirchliche Rituale auch ohne Priester durchgeführt. Das tägliche Singen im heidnischen Kontext wird oder wurde auch da vor allem von Männern praktiziert.

Ich fand bei den cowbirds die Beschreibung sehr schön, dass Sie an verschiedenen Formen des Geschichtenerzählens, spezifischen Klangcharakteristiken und der Schönheit des Alltags interessiert seid. Clélia Colonna, Sie haben auch ukrainische Gesänge untersucht, wie kam es dazu?

Clélia Colonna: Ein Freund aus Korsika erzählte mir, dass es eine Gruppe gibt, die ebenfalls polyphonisches Liedgut wiederentdeckt, aber auch mit ukrainischem Repertoire arbeitet. Ich mochte die Art, wie sie sangen, auch wenn es sich von der polyphonischen korsischen Musik natürlich stark unterscheidet. So reiste ich oft nach Lwiw in die Ost-Ukraine, um andere Techniken und Harmonien, und intime Geschichten über Kosaken von alten Frauen aus dem Dorf Kriachkivkain der Poltawa-Region kennenzulernen. Die höchste Stimme ist bei diesen Gesängen sehr wichtig, sie muss gut zur Geltung kommen. Bei den cowbirds arbeiten wir vor allem mit der Bruststimme, die ukrainischen Lieder werden auch mit Kopfstimme gesungen oder sogar geschrien. Das sind schon verschiedene Gesangs-Welten, aber wir üben immer noch einen speziellen ukrainischen Song, vor allem, um dadurch an technischen Details in hohen Stimmlagen zu feilen. Das hilft uns dann auch beim Singen unserer korsischen und sizilianischen Lieder.

„WIR MÜSSEN UNS NATÜRLICH DIE FRAGE STELLEN, WARUM WIR TRADITIONELLE LIEDER SINGEN.“

Das Projekt “fish in the search of water”, das Sie mit den cowbirds iniziert haben, stellt so etwas wie eine Spurensuche dar, wie sehr Tradition immer auch Fiktionales beinhaltet.

Clélia Colonna: Wir müssen uns natürlich die Frage stellen, warum wir traditionelle Lieder singen. Woher kommt unser Interesse an diesen speziellen Harmonien, stimmlichen Frequenzen und Dynamiken? Der Begriff Tradition ist eine komplizierte Idee beziehungsweise Annahme, mit der wir uns eingehend auseinandersetzen. Was bedeutet dieses “Über-Geben” im Rahmen der Interpretation von traditionellem Liedgut, wie kontextualisiert man das politisch? Unser Aktions- und Kommunikationsraum befindet sich somit zwischen Tradition und Fiktion. Was uns auch fasziniert, ist diese “In-Space“-Praxis. Das hat uns auch beim Aufnehmen des Albums, das zwischen Februar und Juni entstanden ist, stark beschäftigt. Im Mai hat Nik Hummer vorgeschlagen, doch ein paar der Songs auch im Studio aufzunehmen. Das war eine schwierige Entscheidung für uns. Da diese polyphonen Lieder ursprünglich im Freien aufgeführt wurden, war es für uns zum Teil auch schwierig, im Studio die entsprechenden Resonanz-Punkte zu finden.

Cowbirds (c) Burcak Konukman

Ein sehr schönes Beispiel, wie sehr die Umgebung mit Ihren Gesängen in Dialog tritt ist das letzte Stück Eramu in campu, ein korsisches Madrigal. Man erkennt gut die Vogelstimmen und Geräusche der Wiesenfauna, und am Ende auch einen Zug, der beim Vorbeifahren wie ein Distortion-Effekt Ihre Stimmen verstärkt beziehungsweise verzerrt.

Clelia Colonna: Wir haben sozusagen mit Fieldrecording-Equipment aufgenommen. Nik Hummer hatte 2 Mikrophone für uns vier Sängerinnen und 2 Mikrophone für die Umgebungsgeräusche. Wir haben also unsere Stimmen im Freien nicht individuell aufgenommen, sondern im Zusammenklang mit der Umgebung.

„UNSER GESANG SPIEGELT IN GEWISSER WEISE DIESES SOZIALE SPIEL DES LEBENS WIDER.“

Polyphoner Gesang unterscheidet sich vom Chor-Gesang durch die sehr individuellen Stimmen der Sängerinnen, die sich zwar auch an gewisse Regeln halten, aber sich durch “Eigeninitiative” und “Verantwortung” auszeichnen. Dieses interaktive Ausverhandeln von Tonräumen zwischen dem Individuum und Kollektiv haben Sie auch mit dem Begriff der “A-parallely” von Gilles Deleuze und Félix Guattari verglichen.

Irene Coticchio: Derjenige, der anfängt, stimmt einen Ton an und die anderen stimmen ein. Es gibt also keine festgelegte, notierte Tonlage, das ist ein grundlegender Unterschied zum Chorgesang.

Clélia Colonna: Gilles Deleuze spricht von diesem Entstehen, diesem Werden von “A-parallely”. Wenn wir gemeinsam singen, “kleben wir nicht aneinander”, wir begleiten uns nicht im engeren Sinne. Die a-parallelen Gesangslinien lassen in der interdependenten Wechselbeziehung auch Raum für unabhängige, freie improvisierte Momente, sie umspielen einander um sich dann immer wieder an bestimmten Stellen zu treffen. Und es gibt auch die Strukur, beziehungsweise die Reihenfolge, in der die Improvisationen ablaufen. Die secunda, die mittlere Stimme beginnt, dann bassa, der Bass und zum Schluss die terza, hohe Stimme.

Während einer Residency gemeinsam mit dem Tänzer Raúl Maia haben Sie die Performance-Praxis des continous toning ausprobiert. Gemeinsam mit einem Ensemble von Performer*innen wird ein Ton eine lange Zeit gehalten, dieser stimmlich kreierte Drone erzeugt ein vereinendes Bewusstsein für individuelle Sound-Qualitäten, um darüber eine kontinuierliche klangliche Verbindung mit einem Raum zu schaffen. Zurück zu den Stücken eures Debut-Albums, wie finden Sie da ein Ende für die jeweiligen Stücke? Die einzelnen Strophen wären ja auch beliebig wiederholbar?

Clélia Colonna: Es kann immer wieder vorkommen, dass du am Anfang irritiert bist von der Tonlage der anderen oder von der Art, wie das Stück begonnen hat. Man muss sich dann sozusagen stimmlich “adjustieren”. Wenn wir eine Harmonie gefunden haben, auf die wir uns alle einigen, können wir ein Stück abschliessen. Das spiegelt ja in gewisser Weise dieses soziale Spiel des Lebens wider, in dem man auch immer wieder Spannungen aushalten und auflösen muss.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Franz Woels

 

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