Richard Dünser (c) Matthäus Stepan

„Über kurz oder lang setzt sich Qualität durch“ – RICHARD DÜNSER im mica-Interview

Richard Dünser lebt seit Jahren in der Südsteiermark und unterrichtet an der Musikuniversität Graz eine Kompositionsklasse. Mit Vorarlberg verbindet ihn die Familie und viele Musikerfreundschaften. Regelmäßig ist er als Komponist und auch als musikalischer Leiter, unter anderem des EnsembleS Plus oder wie im vergangenen Sommer des Wiener Concert-Vereins, im Land zu erleben. Das Symphonieorchester Vorarlberg hat bedeutende Kompositionen aus der inzwischen umfangreichen Werkliste zur Uraufführung gebracht. Nun präsentieren die Musikerinnen und Musiker das Auftragswerk, mit dem an einen berühmten romantischen Maler erinnernden Titel „Landschaft mit Regenbogen“. Was es damit auf sich hat, wie Richard Dünser literarische und optische Eindrücke in Musik setzt und welchen Stellenwert die zahlreichen Instrumentierungen traditioneller Werke, unter anderem von SCHUBERT, ZEMLINSKY, SCHÖNBERG und BERG, in seinem künstlerischen Schaffen einnehmen, erzählte Richard Dünser im Gespräch mit Silvia Thurner.

Sie verbindet eine lange Freundschaft mit dem Symphonieorchester Vorarlberg. Es gab schon zahlreiche Kooperationen mit diesem Orchester. Was waren für Sie die Wegmarken im Zusammenwirken mit dem Orchester?

Richard Dünser: Neben der konzertanten Erstaufführung und CD-Einspielung der Oper „Der Graf von Gleichen“ unter Christoph Eberle sicher die Tatsache, dass meine wichtigen Orchesterwerke vom Symphonieorchester Vorarlberg gespielt wurden, so zum Beispiel das Violinkonzert mit Benjamin Schmid und Gérard Korsten bei den Bregenzer Festspielen 2007, das damals auch vom ORF aufgenommen und vor Kurzem bei VMS als CD erschienen ist. Oder dass Ur- und Erstaufführungen von mir gemacht wurden, zuletzt die Süsskind-Szenen für Bariton und Orchester im Jahr 2014.

„[…] Ereignisse werden dabei in musikalische Metaphern, Bilder, Stimmungen und ‚Landschaften‘ transformiert […]“

Wie haben Sie das Werk „Landschaft mit Regenbogen“, das Sie im Auftrag des Landes Vorarlberg für das Symphonieorchester Vorarlberg komponiert haben, angelegt?

Richard Dünser: Inhaltlich bezieht es sich auf die Bilder „(Gebirgs-)Landschaft mit Regenbogen“ von Caspar David Friedrich und „Die Heimkehr der Jäger“ von Pieter Brueghel, auf das Gedicht „De Profundis“ von Charles Baudelaire sowie den Anfang der Erzählung „Lenz“ von Georg Büchner.

Bilddetails wie am Anfang die heimkehrenden Jäger, im weiteren Verlauf das Haus mit dem brennenden Kamin im Mittelgrund, die fernen Berge im Hintergrund, aber auch Assoziationen zum Bild wie gemutmaßte Erinnerungen an nicht im Bild sichtbare Ereignisse werden dabei in musikalische Metaphern, Bilder, Stimmungen und „Landschaften“ transformiert, die sich in eine musikalische und orchestrale Gesamtdramaturgie einordnen. Im Zentrum steht das Gedicht „De Profundis“ von Baudelaire in der Übersetzung von Stefan George, das in imaginären Singstimmen „vertont“ wurde; darüber hinaus das titelgebende Bild „Landschaft mit Regenbogen“, das mit spektralen Klängen und einem radikalen Stillstand der Bewegung „helldunkle“ Sphären-Räume entstehen lässt und die niederschmetternde Stimmung des Anfangs von Büchners „Lenz“ vorbereitet, wo die tragische Hauptfigur durch eine Winterlandschaft geht, aber in Wirklichkeit im Innersten nicht von der Stelle kommt – in einer von tiefster Verletzung und Zerstörung geprägten Seelenverfasstheit gefangen –, bevor die variativ veränderte, wiederkehrende Brueghel-Landschaft eine große Klammer zum Anfang bildet.

„Außermusikalisches spielt bei mir sehr oft eine große Rolle als Inspiration […]“

Welchen Stellenwert hat die romantische Literatur und Malerei generell in Ihren Werken?

Richard Dünser: Außermusikalisches spielt bei mir sehr oft eine große Rolle als Inspiration, die Literatur von Patrick Süskind über Hugo von Trimberg bis zur Moderne, die Malerei von Leonardo bis Arnulf Rainer und auch Autobiografisches im Sinne einer „arte impura“ wie bei Pablo Neruda. Es ist also nicht auf die Romantik beschränkt, wobei ich einräumen möchte, dass die Kunst der Romantik mit Topoi wie etwa der Natur als Spiegel und Abbild der Seele, Nachtstimmungen etc. eine sehr große Faszination auf mich ausübt.

Text- und Bildvorlagen bilden oft Inspirationsquellen für Ihre Werke. Lyrik lässt sich explizit in Musik umsetzen, aber wie gehen Sie bei Bildvorlagen vor, ohne in die Illustration zu geraten?

Richard Dünser: Aus den Bildern werden musikalische Metaphern, die einem Verwandlungsprozess unterworfen werden, sodass sie völlig in musikalische Gestalten und Prozesse transformiert werden, deren formbildende Kraft die Dramaturgie des jeweiligen Werkes mitbestimmt und absolut musikalische Abläufe und Verarbeitungen zeugt. In meinem Violinkonzert habe ich aus Caspar David Friedrichs Bild „Das Eismeer“ eine Sonatenform „herausdestilliert“, die den 3. Satz des Stückes bildet.

Im Oktober 2017 wird „Apokalypsis – Vier Szenen für Kammerorchester“ in Augsburg uraufgeführt. Bezieht sich das Werk auf die „Geheime Offenbarung des Johannes“?

Richard Dünser: „Apokalypsis – Vier Szenen für Kammerorchester“ wurde im Jahr 2017 für die Bayerische Kammerphilharmonie geschrieben und bezieht sich auf musikalisches und textliches Material aus meinem Liederzyklus „Die letzten Dinge“ nach Gedichten von Thomas Höft.
Die erste Szene, „Der Tod”, beschreibt den Moment des Sterbens als einen Augenblick der Kontinuität: des Übergangs in eine andere Welt, kaum merklich, kaum vom Leben unterscheidbar.
Die zweite Szene ist dem „Gericht“ gewidmet. Der Selbstanklage der Seele, die sich als selbstgerecht, ungeliebt und gefühlskalt empfindet, sind dunkle Schreckensbilder der Nacht gegenübergestellt.
Höllische Bilder prägen die dritte Szene, „Verdammnis”, Phantasmagorien der Gewalt wie auf einem Bild von Hieronymus Bosch, die den größten Schrecken der Hölle ankündigen: den Verlust des Gedächtnisses.
In der Mitte der letzten Szene, „Die Erlösung“, erklingt vor der hymnischen Verklärung am Schluss wie eine Erinnerung, zitathaft und archaisch ein Choral – eingebettet und immer mehr „übermalt“ von Klängen der Gegenwart – auf die nicht gesungenen Worte „Selig sind die Toten …“ aus der Offenbarung des Johannes [griechisch apokálypsis, eigentlich „Enthüllung“; Anm.].

„Denn die Liebe zum ursprünglichen Stück und zu seinem Komponisten verlangt, dass mit Kreativität zu Werke gegangen wird.“

In Ihrem Werkverzeichnis finden sich zahlreiche Werke namhafter Komponisten, die Sie instrumentiert und für diverse andere Besetzungen bearbeitet bzw. eingerichtet haben. Welchen Stellenwert nehmen diese Werke in Ihrem Gesamtschaffen in der Zwischenzeit ein?

Richard Dünser: Diese Bearbeitungen sind inzwischen eine zweite künstlerische Ebene für mich, sie öffnen mir Türen, die mir sonst verschlossen blieben, erfüllen dadurch für mich eine Funktion wie das Dirigieren für manche Komponisten. Im Übrigen sehe ich mich in einer Tradition von Komponisten wie Ravel, Webern, Schostakowitsch, Henze und Zender, für die die Instrumentationen fremder Werke einen nicht unwichtigen Teil ihrer künstlerischen Arbeit darstellte. Sowohl bei den genannten Komponisten als auch bei mir handelt es sich allerdings sehr oft eher um einen Akt der Nachkomposition als um ein bloßes Arrangement. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sich bei Bearbeitungen und beim Instrumentieren die Beschränkung auf eine nur handwerkliche oder rein philologische Ebene meiner tiefsten Überzeugung nach weder dem Geiste der Originalkomposition als würdig erweist, noch ein lebendes Kunstwerk schaffen kann. Denn die Liebe zum ursprünglichen Stück und zu seinem Komponisten verlangt, dass mit Kreativität zu Werke gegangen wird. Es braucht Mut und als nachschöpferischer Komponist mache ich Dinge, die sich ein reiner Arrangeur nicht erlauben könnte.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Werke aus, die Sie bearbeiten?

Richard Dünser: Es sind Meisterwerke, die mich faszinieren, von Komponisten, deren Musik mir nahesteht, etwa Schubert, Mahler, Schönberg, Berg, Webern, Zemlinsky.

Sind auch konkrete Anfragen darunter?

Richard Dünser: Es handelt sich seit Langem hauptsächlich um Aufträge, etwa vom Arnold Schönberg Center oder vom Leiter des Ensembles Kontrapunkte, Peter Keuschnig, von der Stiftung Mozarteum oder vom Wiener Concert-Verein.

„Die Kammerorchester bzw. ihr Zuhörerinnen und Zuhörer wollen außerdem auch gerne mal etwas anderes spielen bzw. hören als die immer gleichen ‚Highlights‘.“

Ist der Boom, den derartige Bearbeitungen derzeit erleben, nicht auch eine „Flucht“ vieler Musikerinne und Musiker? So können sie sich in der Vergangenheit aufhalten und die Bearbeitung durch eine Zeitgenossin bzw. einen Zeitgenossen impliziert Aktualität. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Richard Dünser: Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach eher darin, dass durch die Bearbeitungen Literatur für Kammerorchester oder Kammerensembles verfügbar wird, die diese sonst nicht spielen könnten. So gibt es etwa von Alexander Zemlinsky praktisch gar nichts in dieser Besetzung, denn er war ein großartiger Dirigent und hatte für die Aufführung seiner Werke große Orchester zur Verfügung.
Die Kammerorchester bzw. ihr Zuhörerinnen und Zuhörer wollen außerdem auch gerne mal etwas anderes spielen bzw. hören als die immer gleichen „Highlights“.  Oder etwa der Bedarf von Spezialbesetzungen: Für das Piano-Duo Silver Garburg habe ich Brahms‘ Klavierquartett op. 25 zu einem Konzert für Klavier zu vier Händen und Streichorchester umkomponiert, die brauchten ein repräsentatives Stück für diese Besetzung, das weltweit gespielt werden wird.

„Der enge Kontakt zu Interpretinnen und Interpreten ist für einen Komponisten ganz essenziell.“

Vor vier Jahren gab es in Kempten im Rahmen des Festivals Fürstensaal Classix eine Personale von Ihnen. Daraus sind Künstlerfreundschaften entstanden, die nun auch auf Tonträger nachzuhören sind. Wie bedeutend sind derartige Kooperationen, um als Komponist im dichten Kulturgeschehen überhaupt wahrgenommen zu werden?

Richard Dünser: Der enge Kontakt zu Interpretinnen und Interpreten ist für einen Komponisten ganz essenziell. Einerseits, um überhaupt Aufführungen zu bekommen, und andererseits, um zur Entstehung einer Aufführungspraxis beizutragen, die natürlich nicht nur für die alte Musik wichtig ist, sondern genauso heutzutage. Ich habe mittlerweile ein Netzwerk von hervorragenden Musikerinnen und Musikern, Ensembles und Orchestern, die Musik von mir gespielt haben und spielen wollen und die ich bevorzuge, weil sie durch die Arbeit mit mir wissen, worauf es mir ankommt.

Sie finden in der Zwischenzeit international viel Anerkennung. Mir scheint auch, dass sich Ihre Art des kompositorischen Ausdrucks im Konzertsaal etabliert hat, während avancierte kompositorische Ausdrucksformen in „Spezialfestivals“ wie den Donaueschinger Musiktagen, den Wittener Tagen für neue Kammermusik und anderen präsentiert werden. Kann man das so vereinfacht sagen?

Richard Dünser: Ich habe eine musikalische Sprache gefunden, die das Publikum verstehen kann, ohne dass ich mich im Geringsten anbiedern oder qualitative Konzessionen machen muss. Mir ist es auch wichtig, das Gefühl unserer Zeit zu erspüren und zu reflektieren. Es ist bei mir so, dass mich von wem auch immer „verordnete“ Trends oder Richtlinien nicht im Geringsten beeinflussen, ich gehe kompromisslos meinen eigenen Weg, der mir vorschwebt, was übrigens lange nicht einfach war, weil ich mich vermeintlich herrschenden Strömungen radikal verweigert habe. Um Ligeti zu zitieren: „Ich bin nicht bereit, das zu machen, was andere von mir erwarten.“ Gerade das Eigenständige einer Künstlerin bzw. eines Künstlers ist das, was sie bzw. er suchen muss und weswegen sie bzw. er gehört werden wird. Darauf führe ich auch die mittlerweile breitere Anerkennung meiner Musik zurück. Die Musikgeschichte hat im Übrigen auch gezeigt, dass viele von denen, die nur „brav“ etwas mitgemacht haben, in der Versenkung verschwunden sind.

„Über kurz oder lang setzt sich Qualität durch.“

Wie beurteilen Sie die Situation zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten und die Rezeption zeitgenössischer Musik im derzeitigen Musikbetrieb im Allgemeinen?

Richard Dünser: Es ist alles offener geworden als etwa vor 25 Jahren, was natürlich einerseits willkommen ist, andererseits aber auch dazu geführt hat, dass zum Teil reine Blödeleien eine Bühne finden, wie Musik für Betonmischmaschinen und Ähnliches. Oder blutige Dilettantinnen und Dilettanten. Ich habe schon erlebt, dass ein berühmtes, auf zeitgenössische Musik spezialisiertes Ensemble eine Uraufführung von einem gemacht hat, dessen Notat nicht spielbar war. Die Musikerinnen und Musiker haben dann improvisiert. Das klang auch gut, denn es waren ja Spitzenmusikerinnen und -musiker am Werk. Das Problem ist nur, dass sie so all denjenigen das Leben schwermachen, die sich ernsthaft und mit all ihrer Kraft in den Dienst der Kunst stellen. Aber ich bin ein vollkommener Optimist: Über kurz oder lang setzt sich Qualität durch.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Silvia Thurner

 

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