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Bild (c) Salah Ammo

„Tief drinnen herrscht Ruhe“ – SALAH AMMO im mica-Interview

SALAH AMMO kam als Flüchtling ohne Pass, ohne Bankomatkarte, nur mit seinem Instrument, der Bouzouki (einer syrischen Langhalslaute) und ein paar Euro in der Tasche in Traiskirchen an. Heute ist er ein gefeierter Musiker mit zahlreichen Auftritten im In- und Ausland. Mit Markus Deisenberger sprach er über die Wellen des Lebens, den Wind als das einzige Kapital und den blauen Himmel in Wien.

Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Salah Ammo: Ich war in England und wollte dort meinen Master in Musikethnologie machen. Dann wurde mein Visum nicht verlängert. Aufgrund des Krieges in Syrien konnte ich aber auch nicht nach Hause zurückzukehren. Mir wurde gesagt, ich müsse Asyl beantragen. Dann würde ich einen Pass erhalten, mit dem ich reisen könnte. Und nach dem Dublin-Abkommen war Österreich für mich zuständig, weil ich über Österreich nach England gereist war. Nachdem das entschieden war, hat mich die Polizei abgeholt und in das Abschiebezentrum gebracht. Und von dort hat man mich nach Traiskirchen abgeschoben.

War die Zeit in Traiskirchen schwer für Sie?

Salah Ammo: Sehr schwer. Es ändert dein Leben, von einem Moment zum anderen. Man fragt sich: „Warum ich? Warum Syrien?“ Aber man findet keine Antworten darauf. Es liegt nicht in deiner Macht. Als Musiker hatte ich Pläne, Projekte, tat dies und das. Und plötzlich findet man sich in einem Abschiebezentrum wieder. Damit muss man umzugehen lernen. Aber es gibt nun einmal Dinge, die sind größer als man selbst.

Wie ging es weiter?

Salah Ammo: Nach zwei Wochen in Traiskirchen haben sie mich in ein anderes Zentrum in Oberösterreich, unweit des Attersees, geschickt. Vier Monate habe ich dort verbracht. Ich hatte viel Zeit, um nachzudenken und mich zu beruhigen. Irgendwann dort begann ich auch zu akzeptieren, was mit mir geschehen war: „Ich habe alles verloren. Ich habe mein Zuhause in Syrien verloren, meine Projekte, meinen Master. Ich bin hier in Österreich, und ich bin allein.“

Was passierte mit Ihrer Familie?

Salah Ammo: Nachdem ich den offiziellen Status erhalten hatte, wurde mir erlaubt, meine Frau und meinen Sohn herzubringen. Meine Frau arbeitet heute für die Caritas und eine internationale Organisation, die sich um Flüchtlingsbelange kümmert. Mein Sohn geht zur Schule. So kamen meine Familie und ich hierher.

Wäre es besser für Sie gewesen, in England zu bleiben?

Salah Ammo: Schwer zu sagen. Sprachlich wäre es natürlich einfacher gewesen, weil ich mich auf Englisch schon ganz gut verständigen konnte, ich hatte auch schon orientalische Musik zu unterrichten begonnen. Aber jetzt bin ich glücklich, hier in Österreich zu sein. Ich mag Wien.

„Man wird an Orte geschickt, die man nicht kennt.“

Wie haben Sie die Abschiebung erlebt?

Salah Ammo: Man wird an Orte geschickt, die man nicht kennt. Man spricht die Sprache nicht. Ich hatte keinen Pass mehr, kein Bankkonto. Ich hatte nur noch mein Instrument und etwa 80 Euro in der Tasche. Mehr nicht. Sie haben mir noch nicht einmal erlaubt, meine persönlichen Sachen mitzubringen. Nur eine kleine Tasche. Darin waren mein Diplom und meine Kompositionen – das, was ich unbedingt brauchte, um mein Leben weiterführen zu können. Mehr nicht. Ich habe Musik studiert und wusste deshalb viel über die klassische Musik und die feinen Künste. Wien war immer verbunden mit den großen Namen der klassischen Musik. Das war meine Sicht der Dinge.

Mozart, Haydn – und dann Traiskirchen. Wie war der erste Eindruck?

Salah Ammo: Das Erste, was ich sah, als ich in Schwechat landete, war ein blauer Himmel. Nach wochenlang grauem Himmel in England wieder blauen Himmel zu sehen, habe ich als ein gutes Zeichen aufgefasst. In Syrien, wo ich herkomme, ist der Himmel immer blau. Ich dachte, dass der Ort vielleicht ja besser zu meinem Charakter passe. „Von nun an geht’s bergauf“, dachte ich. Und ganz laut habe ich gesagt: „Wenigstens blauer Himmel!“ Von da an nannte mich niemand mehr bei meinem Namen. Ich war „der Typ mit dem blauen Himmel“.

Klingt erst mal positiv, aber es gab auch eine Menge Schwierigkeiten, nehme ich an?

Salah Ammo: Ja, es ist unheimlich schwer, eine Wohnung zu finden. Es gibt viel Ablehnung. Andererseits lernst du Menschen kennen, die unheimlich nett zu dir sind, die dir helfen, dich unterstützen. Eine Künstlerin gab mir den Schlüssel zu ihrer Galerie. Ich könne dort gratis üben, wann immer ich wollte, sagte sie. Da kannten wir uns erst eine halbe Stunde. Bei Räumen, in denen wertvolle Kunst und andere teure Dinge wie Computer, Tablets etc. herumstehen, ist das ein großer Vertrauensvorschuss. Aber das kommt alles, nachdem du als Flüchtling anerkannt bist. Vorher, wenn du im Prozess steckst, zählen andere Dinge. Für den Zeitraum, den es braucht, bis der Status als Flüchtling anerkannt ist, ist man kein Musiker mehr. Man hat keinen Beruf mehr. Man ist nur Flüchtling. Das ist hart und es hat sicherlich auch einiges in mir verändert. Es hat Dinge in mir in Gang gesetzt, wie ich darüber denke, was Leben ist. Und es hat einige Türen geöffnet, die ich ohne diese Geschichte nie aufzumachen gewagt hätte.

„Ich habe begonnen, Menschen intensiver zu fühlen.“

Das heißt, es hatte auch positive Auswirkungen?

Salah Ammo: Ja, ich habe begonnen Menschen intensiver zu fühlen. Ich muss gar nicht mit ihnen sprechen, um zu spüren, wie sie drauf sind, und mit ihnen in Verbindung zu treten. Und ich habe realisiert, dass alles, was wichtig ist, in mir drin ist. Es gab mir die Chance, mich ganz auf das Leben und seinen Rhythmus zu konzentrieren.

Es hat Sie also als Menschen verändert. Hat es auch den Musiker verändert?

Salah Ammo: Wenn du tief in dich reingehst, tauchst du in den Ozean ein. Das Leben sind nur die Wellen. Bewegt. Tief drinnen herrscht Ruhe. Da ist es ganz still. Im gleichen Ausmaß, in dem ich als Mensch ruhiger wurde, wurde auch meine Musik ruhiger. Die Musik bekam eine Menge Raum, wurde meditativer, ohne dass ich das bewusst gewollt hätte. Es geschah auf ganz natürliche Weise. Wenn ich etwas schreibe, was einfach ist, dann lasse ich es einfach so. Es geht mir nicht mehr um Schönheit, sondern nur noch um Ehrlichkeit.

Wovon leben Sie?

Salah Ammo: Für mich war schnell klar, dass ich eigenes Geld verdienen muss, um hier zu leben, aber auch, um meine Familie in Syrien zu unterstützen. Es geht nicht nur darum, dass meine Frau, mein Sohn und ich hier ein gutes Leben haben. Nach einem Jahr fand meine Frau einen Job und ich begann, als Musiker zu verdienen.

Wie ist die Situation zu Hause? Es muss ein täglicher Schock sein, die Nachrichten zu hören.

Salah Ammo: Ja, man wacht auf und hört traurige Geschichten. Aber so traurig es ist: Es wird irgendwann zur Normalität. Mein Appartement, in dem ich in Damaskus gelebt habe, ist zerbombt worden. Durch einen Zufall waren meine Frau und mein Sohn nicht zu Hause, als es passierte. Und beinahe täglich schlagen in der Gegend, in der meine Eltern wohnen, Bomben ein. Wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, sagen sie zu mir: „Pass auf dich auf!“ Es ist absurd. Jeden Tag könnten sie getötet werden und sorgen sich um mich.

Denken Sie, es wird jemals wieder ein friedliches Zusammenleben geben?

Salah Ammo: Es gab immer Probleme zwischen Moslems und Christen, Moslems und Moslems, Christen und Christen. Aber sie müssen zusammenleben, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Aber sich von dem zu erholen, was gerade passiert, und wieder friedvoll miteinander zu leben, wird Generationen dauern. Es dreht sich alles um Menschlichkeit und Vergebung, die tief in dir drinnen sind.

„Ich bin Yogi, ich bin Christ, ich bin Jude, ich bin Muslim.“

Sind Sie gläubig?

Salah Ammo: Ich bin Yogi, ich bin Christ, ich bin Jude, ich bin Muslim. Ich habe mich zu viel mit Religion beschäftigt, um eine Religion zu favorisieren. Ich weiß, dass alle Religionen gekommen sind, um uns Menschen zu helfen.

Aber läuft es nicht auf das Gegenteil hinaus?

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Salah Ammo: Das Konzept ist zunächst einmal positiv. Es ist das, was die Menschen daraus machen, was negativ sein kann. Nimm das Christentum: Die Leute wollen Christen sein, haben aber vergessen, was es heißt, christlich zu sein. Jesus‘ Philosophie über Frieden, Offenheit und Nächstenliebe ist in Vergessenheit geraten. Und so verhält es sich auch mit dem Islam. Es gab so viel Druck, den die Religionen aufeinander ausgeübt haben, trotzdem können sie immer noch friedlich koexistieren, und tun das auch in verschiedenen Erdteilen. Sogar in Syrien.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, Ihre aktuelle CD „Assi“ reflektiere die politische Situation in Syrien. Wie genau funktioniert das? Sind die Texte politisch?

Salah Ammo: „Assi“ ist der Name eines Flusses. Es gab einen sehr berühmten traditionellen Song, der von Assi handelt. Wie schön, wie reich der Fluss ist. Er war einer der ersten Songs, die ich auf der Bühne bei einem Schulfestival sang. Hama, die große Stadt, an der der Assi vorbeifließt, erhob sich in den 1980er-Jahren gegen das Regime. Tausende wurden daraufhin von Regierungstruppen in einem Massaker getötet, die Leichen wurden in den Fluss geschmissen. Der schöne Fluss, die schönen Lieder darüber – es funktionierte plötzlich nicht mehr. Ich habe daraus einen Dialog zwischen mir und dem Fluss gemacht. Wir erzählen einander von unserem Leid. Ich erzähle dem Fluss von meinem Leid als Mensch und der Fluss erzählt mir vom Leiden des syrischen Volkes. In gewisser Weise reflektiert „Assi“ auch meinen Status als Flüchtling. Der Komponist schrieb im Original: „Du hast nichts als den Wind …“. So war es auch bei mir: Ich hatte nichts als den Wind.

Und den blauen Himmel …

Salah Ammo [lacht]: Genau. Und den blauen Himmel.

Danke für das Interview.


SALAH AMMO stammt aus einer kurdischen Familie und wurde 1978 in Darbasiyah, einer Stadt im Nordosten Syriens (in Al-Hasaka-Region an der Grenze zum Irak und zur Türkei) geboren. 2004 schloss er die Musikhochschule in Damaskus ab und arbeitete daraufhin als Bouzouki-Spieler, Komponist, Sänger und Tutor an der Musikfakultät von Homs. 2007 gründete er die „Joussour Group for Music and Singing“ und trat mit ihr in Syrien und zahlreichen anderen arabischen und europäischen Ländern auf. Seit 2013 lebt er in Wien. Seine aktuelle CD „Assi“ wurde für den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ nominiert.

Markus Deisenberger

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