Bild Thomas Andreas Beck
Thomas Andreas Beck (c) Walter Mussil

„Texte liedfähig zu machen, habe ich immer als Korsett erlebt“ – THOMAS ANDREAS BECK im mica-Interview

Sein letztes Album hat „Stille führt“ geheißen, aufgenommen in einer Hütte mitten im Wald. Jetzt hat der umtriebige Poet und Musiker THOMAS ANDREAS BECK sein drittes Buch veröffentlicht, das sehr viel mit Musik zu tun hat. Auch der Albumtitel „Stille führt“ verlinkt inhaltlich zum Buchtitel „Texte die was keine Lieder geworden sind“. Im Interview mit Jürgen Plank spricht THOMAS ANDREAS BECK über Liedtexte als Korsett, das Schreiben auf der Schreibmaschine, Friedrich Hölderlin und Bob Dylan.

Du schreibst deine eigenen Liedtexte und interpretierst sie selbst. Warum sind die Texte im Buch nicht zu Liedern geworden?

Thomas Andreas Beck: Bei einem Liedtext läuft bei mir von Anfang an die Grundstruktur eines Liedes mit. Wie ein Metronom. Da geht es um den Takt, um den Reim, um das Klangbild, um den Grundaufbau eines Liedes. Bei diesen Texten habe ich darauf verzichtet. Texte liedfähig zu machen, habe ich immer als Korsett erlebt, darauf habe verzichtet und deswegen sind sie für mich auch stärker geworden. Ich schreibe immer mit einer Schreibmaschine, in diesem Fall ohne Rücksicht darauf, ob sich die Texte singen lassen müssen. Auch ohne Rücksicht darauf, ob der Text irgendwann zu einem gefälligen Lied wird, das man auf einer Bühne singt und das den Menschen irgendwann gut tun muss. Ich habe also rücksichtslose Texte geschrieben, die am Stapel der nicht vertonbaren Texte gelandet sind und so ist das Buch in den letzten drei Jahren entstanden.

„Ich schreibe noch immer mit der Schreibmaschine“

Was hat sich seit deinem ersten Buch 2003, vielleicht auch durch die Musikveröffentlichungen, an deinem Schreibprozess geändert?

Thomas Andreas Beck: Ich schreibe noch immer mit der Schreibmaschine. Das Buch damals war zu einhundert Prozent autobiographisch, kurz vor der Scheidung. Der Meilenstein zum neuen Buch jetzt war die Bundespräsidentenwahl zwischen Van der Bellen und Hofer. Da habe ich gemerkt, dass mir der Schmäh ausgeht. Dass ich mit dem normalen Benennen von Problemen in Liedern nicht mehr weiterkomme. Ich bin irgendwie verstummt und habe mir gedacht: Wenn du in lauten Zeiten gehört werden willst, musst du ganz still werden. Da war eine Ohnmacht in mir und habe mich dann beim Schreiben mit den aktuellen Phänomenen der Gesellschaft beschäftigt.

Was destillierst du in den Texten an möglichen Wegen, Auswegen, Erkenntnissen heraus?

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Thomas Andreas Beck (c) Walter Mussil

Thomas Andreas Beck: Die eigentliche Destillation hat meine Frau geschafft, die Künstlerin Devi Saha. Sie hat sich radikal an die Textredaktion gemacht. So mosaikhaft das Buch auch ist, gekonnt zusammengefügt vom Grafikdesigner Clemens Schedler, bin ich auf ganz banale Themen gekommen. Erstens: der Umgang mit Kindern, respekt- und liebevoll. Das ist eine absolute Säule meiner Antworten. Wie Don Bosco gesagt hat: es genügt für die positive Entwicklung eines Menschen, wenn ein Kind einmal in seinem Potenzial erkannt wird. Die zweite Säule ist für mich Spiritualität, eine seelisch-menschliche Weiterentwicklung, es geht um eine Hingabe ans Leben. Die dritte Säule ist die kompromisslose Aufarbeitung unserer Geschichte und das Lernen daraus. Und zuletzt die Übung der Phantasiefähigkeit. Die Schöpfung hat ja nicht damit gerechnet, dass wir auf unserem Weg die Intuition verlieren.

„Ein Buch funktioniert immer, da braucht es keinen CD-Player“

Wen möchtest du mit den Texten, die nicht zu Liedern geworden sind, ansprechen?

Thomas Andreas Beck: Die Leute, die keinen CD-Player mehr haben. Ein Buch funktioniert ja immer, da braucht es keinen CD-Player und keine anderen technischen Hilfsmittel. Mit den CD’s, das habe ich in den letzten Jahren bei vielen Musikerkollegen und Kolleginnen gesehen, das funktioniert nicht mehr. Denn die Leute haben kaum noch CD-Player. Mit einem ernsteren Aspekt gesagt: ich glaube, dass es ein Buch von Freunden für Freunde ist, oder von Kindern für Eltern. Am meisten ist es für den Leser selbst, denn für wen sind die Themen Menschlichkeit, Lebensfreude, Aufarbeitung der Geschichte, Elternschaft nicht wichtig?

Poetische Texte sollten für den Dichter und Sänger Friedrich Hölderlin „eine Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten“ herbeiführen und die individualisiert lebenden Menschen der modernen Gesellschaft zu einer umfassenden Gemeinschaft vereinigen. Inwiefern verfolgst du ähnliche Ansätze, schließlich handeln deine Liedtexte von essentiellen Themen wie Kindesmissbrauch, Nationalsozialismus oder Menschenhandel?

Thomas Andreas Beck: In der Verhaltensforschung gibt es den Begriff awareness behaviour gap – also der Unterschied zwischen dem, was mir – still drinnen in mir – bewusst geworden ist und meinem tagtäglichen, wirklichen Verhalten. Mir ist zum Beispiel längst bewusst, dass Autofahren für uns alle schlecht ist und ich besser mehr Öffis fahren soll. Doch ich mach es noch nicht so sehr, wie mein Bewusstsein es mir eigentlich abverlangt. Dieses Zweifeln und Nachdenken, jedoch auch Verdrängung erzeugende Spannungsfeld ist wichtig. Es läutet die Veränderung ein, es ist die Vorbereitung auf ein neues, reiferes, revolutionäres Verhalten. Dieser Paradigmenwechsel braucht Berührung, Betroffenheit, Erkenntnis, Aufklärung. Das schafft die Kunst, wenn sie radikal ist, kompromisslos, wenn sie nicht nur eitler Selbstzweck ist, sondern sich an etwas Höherem orientiert. Das können meine Texte: die in Österreich leidenschaftlich verdrängten Themen aus dem Tabu holen, sie benennbar, besprechbar, auflösbar zu machen. Damit sich die Geschichte nicht alle siebzig Jahre wiederholen muss.

Gibt es deiner Meinung nach Tabus in Bezug auf Liedtexte oder Gedichte?

Thomas Andreas Beck: Ich glaube, dass Texte dann gut sind, wenn ich beim Schreiben all meine Angst vor Peinlichkeit überwinde und mich voll reinhaue. Da gibt’s dann auch kein Tabu. Wenn ich, wie im Buch, über meine eigene Fremdenangst und Gedanken über Ausländer in der Wiener U-Bahn schreibe, meine eigenen Vorurteile und Schwächen zeige – dann entsteht erst das glaubwürdige Kunstwerk. Was für mich Tabu ist: einen rein verletzenden, anklagenden, vernichtenden Text mit böser Absicht und ohne Blick auf eine versöhnliche Auflösung stehen zu lassen. Oder zu sehr Partei zu ergreifen, Peter Handke ist dazu aktuell eine gute, kollektive Projektionsfläche.

„Auch wenn die Gitarre mal nicht dabei ist, irgendwie singe ich immer, auch beim Lesen.”

Schon die mittelalterlichen Dichter, etwa Oswald von Wolkenstein, der sogar Politiker war oder Walther von der Vogelweide waren immer beides: Dichter und Sänger. Inwieweit siehst du dich selbst in solchen Traditionen?

Thomas Andreas Beck: Die Musik ist das Emotionale, das archetypisch Weibliche an der Seite des Logischen, des Männlichen in Gestalt des Textes. Gemeinsam können Klang und Text ins Bewusstsein, in beide Gehirnhälften eindringen und sich dort entfalten. Wobei für mich auch die Lesung über die Stimme den Klang in sich trägt, das lebe ich bei meinen Lesungen extrem intensiv aus. Da werde ich laut und leise, bedrohlich und einladend, frech und höflich, ängstlich und mutig, nah und weit weg, zornig und lustig, tief und oberflächlich. Auch wenn die Gitarre mal nicht dabei ist, irgendwie singe ich immer, auch beim Lesen.

Die Nähe zwischen Musik und Schreiben ist nicht erst seit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Bob Dylan evident. Leonard Cohen ist den Weg vom Dichter zum Musiker gegangen, machst du den umgekehrten Schritt?

Thomas Andreas Beck: Bei mir ist es umgekehrt zu Cohen, ja: Er war als Dichter eifersüchtig auf die Stars der Musikszene, das war zum Glück seine Motivation, nach seinen Versuchen als Poet, vorrangig Lieder zu schreiben. Denn er war ja auch ein grandioser Musiker. Ich habe in den vergangenen Jahren konsequent weggelassen, was ich nicht wirklich, wirklich herausragend gut kann. Ich bin ein engagierter und emotional starker, aber kein herausragender Musiker.

Warum wirst du die Texte aus dem Buch in Zukunft nicht doch vertonen?

Thomas Andreas Beck: Wer weiß. Die Musik bleibt immer ein Teil von mir, im August werde ich am Weinsommer Gumpoldskirchen auftreten. Kann gut sein, dass da ein paar Buchtexte zu Liedern werden – allerdings welche ohne Refrain und ohne Reim.

Hast du die Gitarre bei den Buchpräsentationen dabei und wirst du somit Texte singen, die zu Liedern geworden sind?

Thomas Andreas Beck: Ja, dabei ist sie immer. Ich singe aber immer nur spontan, wenn es im Moment passt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

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Thomas Andreas Beck live
3.3.2020: phil, Gumpendorferstr. 10-12, 1060 Wien, 19:30h

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Thomas Andreas Beck, 2019, Texte die was keine Lieder geworden sind. Wien: Goldegg Verlag GmbH

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