Österreichische Elektroniker waren in den Jahren seit 2000 nicht mehr so omnipräsent wie in der Dekade zuvor. Spannende Ansätze und Entwicklungen gab es dennoch zuhauf. Ein kleiner Überblick von Sebastian Fasthuber.
Wie die elektronische Musik aus Österreich seit 2000 klang, darüber ließe sich wahrscheinlich ein Buch schreiben. In ein paar Absätzen aber ist es unmöglich zusammenzufassen. Oder doch? Je länger man darüber nachdenkt, was sich in punkto Sounds und Szenen getan hat, nachdem der „Vienna Sound“-Hype 1996/97 und seine ein paar Jahre spürbaren Auswirkungen endgültig verklungen waren, wird es umso reizvoller, zumindest ein paar Punkte und Stichworte aufzuschreiben und einige Namen, die in den Nullerjahren prägend und/oder neu waren, zu nennen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
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In den Nullerjahren – machten zunächst genau diese Leute weiter. Die erste Hälfte des Jahrzehnts brachte nur wenige neue Akteure, stand weitgehend im Zeichen jener Artists, die bereits einige Bekanntheit erlangt hatten und in der Folge ihre Ansätze zum Teil einfach genauer ausformulierten. So schaffte es das mit Gitarre, Bass und Schlagzeug wie eine Popband besetzte, aber doch elektronisch klingende Trio Radian aus der Wiener Experimentalszene um das Gürtellokal Rhiz kommend, mit beinahe akademisch anmutenden, streng durchkonzipierten Alben auf dem US-Label Thrill Jockey zu einem weithin beachteten Act zu avancieren.


In weiterer Folge trat Pulsinger vor allem als Produzent anderer Künstler hervor bzw. nahm er bei einer Vielzahl von Platten in seinen Feedback Studios im 5. Bezirk das Mastering vor. Erst gegen Ende der Dekade veröffentlichte er wieder regelmäßiger eigene Musik und schloss etwa seine in den frühen 90ern begonnene Serie „Dogmatic Sequences“ ab oder veröffentlichte sein lang erwartetes Artist-Album „Impassive Skies“ (2010).
Patrick Pulsinger – Porno by Disko B

Worauf sich Wolfgang Schlögl vielmehr bezog, war, dass sich das Berufsbild des Elektronikmusikers in der letzten Dekade allmählich veränderte: „Es ist eine neue Generation von Theater- und Filmleuten auf den Plan getreten, die neue Anforderungen an die Musik stellt. Das sind Leute, die so alt sind wie ich, manchmal auch jünger. Dadurch haben sich für Musiker wie mich, die vorher kein Mensch gefragt hätte und die sich auch nicht in dem Feld gesehen hätten, plötzlich Aufträge in diesen Bereichen ergeben. Da hat sich ein komplett neuer, spannender Arbeitsbereich aufgetan.“ Für viele Akteure im Feld der elektronischen Musik erwies sich das als – durchaus auch finanziell – lohnende Aufgabe, die auf der anderen Seite mit sich brachte, dass weniger Zeit vorhanden war, um an eigener Musik zu arbeiten, und dadurch Veröffentlichungen mitunter spärlicher wurden.

Den Platz, den K&D frei ließen, nahmen für einige Zeit D&K ein, Dzihan & Kamien. Die in Wien lebenden und arbeitenden Vlado Dzihan und Mario Kamien bremsten mit einer gleichermaßen slicken wie musikalisch hochwertigen Melange aus Downtempo, Jazz und Elektronik alle K&D-Trittbrettfahrer der Fraktion „Vienna Groove“, die sich um 2000 sehr zahlreich auf diversen Labels und Samplern tummelten, locker aus. Besonders mit ihren ersten beiden Alben „Freaks & Icons“ und „Gran Riserva“ (2000 bzw. 2002) waren sie international höchst erfolgreich.

Klaus Waldeck, der zu Beginn seiner Laufbahn von den Medien als Gegenspieler von Kruder & Dorfmeister aufgebaut wurde, entwickelte sich im Lauf der Jahre weg von TripHop-Klangmalereien. Im Duo Saint Privat mit der Sängerin Valerie vermischte er Easy Listening mit Bossa Nova und Referenzen an französische Filmmusik. Später agierte er wieder solo und erwies sich mit dem „Ballroom Stories“-Album, auf dem er Swing und Jazz der 20er und 30er als moderne Popmusik reaktivierte, als Vorreiter des Electro Swing.

Auf Seiten der Musikproduktion brachten die Nullerjahre eine nicht zu unterschätzende Entwicklung. War schon in den 90er Jahren viel von der Liberalisierung der Produktionsmittel die Rede gewesen, so war es ab circa 2000 im Grunde genommen gar nicht mehr nötig, als Musiker in ein Studio zu gehen. Man konnte nun alles mit einem Gerät machen, der Laptop wurde mitsamt der nötigen Software zum Studio auf kleinstem Raum. Patrick Pulsinger sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Neuerung und der Tatsache, dass in den Nullerjahren verstärkt Frauen als Produzenten auf den Plan traten: „Ab dem Zeitpunkt mussten sie nicht mehr in ein Musikgeschäft gehen und sich von einem Typen ungut anlabern lassen. Sie konnten sich einfach hinsetzen und am Computer mit ein paar Programmen sofort versuchen, Musik zu machen. Wenn man ehrlich ist, ist die Entwicklung, dass Frauen produzieren, extrem neu. Das gibt es erst seit etwa 15 Jahren.“

Als weltweit gehörter Alternative-Popstar aus eigenem Antrieb und Können sowie mit einem starken Bezug zur elektronischen Musik trat etwas später Anja Plaschg alias Soap&Skin auf den Plan. Ihr selbstproduziertes erstes Album „Lovetune for Vacuum“ (2009) – das Werk eines Teenagers, wie man nur zu schnell vergisst – beeindruckte mit genialischen Songs und intensiven Arrangements zwischen Piano-Klängen und orchestral eingesetzten elektronischen Rhythmusschleifen. Mit ihrem zweiten Album „Narrow“ (2012), auf dem sie ihren Weg konsequent fortsetzte, sollte Soap&Skin sogar die Spitzenposition des österreichischen Charts erreichen.

Shroombab – Tension (Clip), High Tension Digital by Shroombab
Neu war in den Nullerjahren, dass die Genregrenzen durchlässiger wurden. In den 90ern hätte man eine Künstlerin wie Gustav wohl kaum der elektronischen Musik zugeschlagen, da bei ihr Gesang und Text zentrale Rolle spielen. In den Nullerjahren aber begann sich vieles zu vermischen. Leute, die das vorige Jahrzehnt streng elektronisch unterwegs waren, erinnerten sich an ihre Popsozialisation in den 80ern und bekamen wieder Lust dazu, mehr in Richtung Songs zu gehen oder sich eine Gitarre umzuhängen. So etwa setzte der als Popelektroniker bekannt gewordene Wiener Bernhard Fleischmann wieder verstärkt traditionelles Instrumentarium ein und sang auf seinen letzten beiden Alben schließlich sogar selbst.

Durchaus auch popaffin ist auch Wolfram Eckert, der als DJ Marflow antrat und nun einfach unter seinem Vornamen agiert. Sein erstes Album „Wolfram“ zeigt ihn als versierten und mit viel Witz ausgestatteten Player zwischen Electropop, Italodisco und Eurodance. Auf Maxis geht er es aber auch schon mal forsch-technoider an. Der Kärntner in Wien, der als DJ international gut gebucht ist, war eines der ersten frischen Gesichter in den Nullerjahren.
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Ogris Debris – Miezekatze by Ogris Debris

„Besonders schön finde ich, dass wir eine junge Generation von Musikern mit Jazz-Background haben, die keine Mucker geworden sind, sondern sehr viel Elektronik und auch anderes hören“, bemerkt Wolfgang Schlögl. „Da hat sich einiges geöffnet.“ Patrick Pulsinger pflichtet bei: „Mir gefällt das, dass eine Generation nachgerückt ist. Es wird heute vermehrt über Genregrenzen hinaus geforscht. Auch in den Clubs ist es nicht mehr so eng, dass einen Abend lang nur House oder Techno läuft. Da kommt auch HipHop oder experimentelles Zeugs rein.“
In den letzten Jahren wurde nicht nur getanzt. Es entstand auch wieder einiges an Clubsounds, neue Labels wurden gegründet. Zu nennen sind hier neben Affine auf jeden Fall Praterei Records, wo die Zwillinge Daniel und Fabian Schreiber mit ihrem neuen Projekt The New Tower Generation beheimatet sind, das House-Label Luv Shack Records (Lee Stevens, Simon LeBon u.a.) oder das technoidere Schönbrunner Perlen mit Acts wie Ken Hayakawa. House-Produzent Roman Rauch bringt seine Tracks bei gut angeschriebenen internationalen Adressen wie Endless Flight oder Philpot raus. Auf letzterem Label veröffentlicht auch die Crew Reboot Joy Confession ihre von Broken Beat bis Deep House erfreulich breit gestreuten Tracks. Brachialer rockt die Band Gudrun von Laxenburg die Dancefloors.

Das Potenzial elektronischer Musik aus Österreich ist groß. Gerade viele Künstler der jüngeren Generation haben bis dato Talentproben vorgelegt, ihre Fähigkeiten aber sicher noch nicht voll ausgeschöpft. Ob nun das Artist-Album als großes Statement noch das Maß der Dinge ist oder nicht, wird sich demnächst weisen. Wolfgang Schlögl hat sich zuletzt stark damit beschäftigt, wie fragmentiert Musik heute wahrgenommen wird. Als Reaktion darauf wird sein nächstes Soloalbum, das im Mai 2013 erscheint, gleich ein Doppelalbum. Patrick Pulsinger sieht die Veränderungen in der Rezeption von Musik weniger dramatisch: „Die Leute haben Musik immer schon so konsumiert, wie sie wollten. Heute machen sie sich ihr Programm einfach immer mehr selbst.“ Wenn man diesen letzten Satz als Omen nimmt, dann wird die elektronische Musik aus Österreich in Zukunft noch bunter und vielfältiger klingen. Dass ihr niemand mehr eine „Vienna Sound“-Mütze überstülpen will, hat ihr definitiv nicht geschadet.
Foto DJ © Dominik Vsetecka
Foto Kruder & Dorfmeister © G-stone
Foto Christian Fennesz © Maria Ziegelboeck
Foto Patrick Pulsinger © Elsa Okazaki
Foto Sofa Surfers © Bernd Preiml
Fotos Tosca © Markus Rossle
Foto Rodney Hunter © Oliver Jiszda
Foto Parov Stelar © Etage Noir
Foto Gustav © Thomas Degen
Foto Shroombab © Tiefenrausch Photography
Foto Bunny Lake © Bunny Lake
Foto Ogris Debris © Andreas Waldschuetz
Foto Elektro Guzzi © Klaus Pichler
Foto Ritornell © Andreas Waldschütz & Adia Trischler