„SYNTHESIZER? DAS IST JA BETRUG“ – MME PSYCHOSIS IM MICA-INTERVIEW

MME PSYCHOSIS hat mit „BSV“ ihr erstes Album auf Cut Surface veröffentlicht. Bei EUROTEURO saß sie am Keyboard, inzwischen macht sie solo eine Seelenwanderung. Beats, Synths, Vocals – die heilige Dreifaltigkeit für zerschnittene Oberflächen und das Gegenstück zur aristokratischen Tragödie, wo die Absenz der Präsenz noch so etwas wie Gruselfaktor für vom System entfremdete Seelen der Nacht bietet. „BSV“ ist wie ein Ausflug in den Böhmischen Prater nach Betriebsschluss. Der Soundtrack für einen Sci-Fi-Film, der nie gedreht wurde. Ein Tape, das den Beat zelebriert und dem Synthesizer eine Freundschaftsanfrage schickt. Christoph Benkeser hat MME PSYCHOSIS im Augarten getroffen. Im Schatten des Flakturms erklärt die in Wien lebende Forscherin und Musikerin, wieso sie ihre Jugend am Klavier verbrachte, vielleicht irgendwann David Foster Wallace lesen wird und warum man als optimistische Person nicht unbedingt an die Menschheit glauben muss. 

Man sagt, du seist nur im Dunkeln unterwegs.

Mme Psychosis: Ha, ja! Das habe ich mir ausgedacht. Aber es ist ganz anders gemeint! Tagsüber arbeite ich in der Forschung, habe also nicht wirklich viel Zeit, um Musik zu machen. Deshalb produziere ich abends – und schlafe in der Nacht.

Zum Glück! Ich dachte schon, wir müssten die Sonne meiden! Deine Musik könnte das widerspiegeln …

Mme Psychosis: Das haben schon einige Leute gesagt! In der Falter-Rezension stand auch, dass es Songs wie ein Downer mit einigen schönen Momenten seien.

Gerhard Stöger hat dein Album in eine dunklen Richtung geschoben, ja.

Mme Psychosis: Ich mag eher Moll-Tonleitern und Dissonanzen, aber höre auch gerne fröhliche Musik. Ob es eine Logik dafür gibt, warum ich trotzdem immer bei diesem dunkleren Sound lande, weiß ich nicht. Wenn in der Musik ein mysteriöses Gefühl mitschwingt, mag ich das.

Es ist definitiv unheimliche Musik!

Mme Psychosis: Oh, das ist das richtige Wort! Ich bin wirklich schlecht darin, meine eigene Musik zu beschreiben. Und gleichzeitig froh, dass Cut Surface das Album veröffentlichen wollte, weil sie es jetzt mit ein paar Adjektiven beschreiben können. Ich lande sonst immer bei Worten wie Tribal und Synthies.

Du hast in Bandprojekten wie Euroteuro gespielt, aber auch unter deinem Künstlerinnennamen Mme Psychosis Musik veröffentlicht, die man als „tribal“ bezeichnen könnte.

Mme Psychosis: Die erste Mme Psychosis-Veröffentlichung war ein Soundtrack für Burnbjoerns „Meanwhile”. Aber ich komme aus einem ganz anderen musikalischen Umfeld. Ich habe etwa zwölf Jahre lang eine klassische Musikschule besucht.

Oh, wow, du hast also doch einen klassischen Hintergrund.

Mme Psychosis: Von meinem achten bis 20. Lebensjahr habe ich die ganze Zeit Klavier gespielt. Teil meiner Ausbildung war nicht nur das Spielen am Instrument, sondern auch das Lernen klassischer Formen, die Entwicklung der klassischen Musik und das Analysieren von ihr. Zusätzlich dazu hatte ich auch Gehörbildung. In dieser Hinsicht bin ich also ziemlich gut ausgebildet, das ist großartig. Ich kann sehr schnell Musik hören und Noten schreiben. Trotzdem habe ich mit 20 Jahren aufgehört, Klavier zu spielen. Man hat keine Zeit zum Improvisieren. Selbst heute fällt es mir schwer, mich ans Klavier zu setzen und einfach etwas zu spielen.

Tatsächlich?

Mme Psychosis: Ja, vor anderen Leuten sage ich gerne, gib mir Noten, ich kann alles spielen, aber natürlich geht das nicht mehr alles so wie früher – auch wenn ich wirklich gut war! Jetzt schaue ich mir die Noten an und denke, das kann ich nicht. Das würde mich einige Zeit kosten, um … 

Wieder reinzukommen?

Mme Psychosis: Ja! Ich habe all diesen alten, klassischen Noten gespielt. Und jahrelang habe ich nicht mal daran gedacht, eigene Musik zu machen. Ich hatte einfach Glück, weil ich plötzlich von Leuten umgeben war, die mich diesem Gedanken auseinandergesetzt haben. Mir wurde klar, dass es eine Menge Musikerinnen- und Musikerfreunde gibt, die komplett autodidaktisch arbeiten. Manche sagten, warum machst du keine Musik mit deinem klassischen Hintergrund. So hat es sich entwickelt – und Euroteuro war eine coole Sache für mich. Ich hatte ein Casio-Keyboard, das ich für zehn Euro am Flohmarkt gefunden habe. Das war perfekt! Schließlich dachte ich davor immer, wenn ich Klavier gespielt habe: Synthesizers? Das ist ja Betrug!

Das klingt nach einer starken Abneigung gegenüber Synthesizer.

Mme Psychosis: Ich bin fasziniert von ihnen, aber gleichzeitig überwältigen sie mich. Ich verstehe sie einfach nicht … Kennst du das Projekt namens T.R.A.S.H.?

Oh ja, der kommt aus Wien, oder?

Mme Psychosis: Es gibt diese Compilation, „Rhizome #3“, die Rosa Nebel zusammengestellt hat. Darauf ist ein T.R.A.S.H-Track namens „Caroline”, der ist so gut! Die Person, die dahintersteckt, ist ein super nerdiger Typ, der sich viel mit dem Prozess der Soundfindung am Synthesizer auseinandersetzt. Ich versuche hingegen, nicht an zu vielen Knöpfen zu drehen.

„ICH DACHTE, OH MEIN GOTT, DAS IST EIGENTLICH GANZ EINFACH!“

Wieso das?

Mme Psychosis: Na ja, ich bin schnell zufrieden mit dem Sound. Aus diesem Grund war das Euroteuro-Projekt cool, denn im Vergleich zu dem, was ich früher gemacht habe, konnte ich einfach spielen. Außerdem war es cool, auf der Bühne zu stehen und diese Erfahrung mit Freunden zu machen. Allerdings war es für mich nicht so herausfordernd, die einzelnen Parts zu spielen. Wenn wir Songs gemacht haben, habe ich mich einfach an mein Instrument gehalten. Ich habe beim Recorden nicht einmal auf den Laptop geschaut, bis ich anfing zu lernen, wie ich meine eigenen musikalischen Ideen aufnehmen kann. Das war wahrscheinlich vor zweieinhalb Jahren. Davor habe ich versucht, sie mit meinem Telefon aufzunehmen. Du siehst … ich bin wirklich langsam mit dieser Art von Dingen. Irgendwann bin ich aber in den Urlaub gefahren, habe mir die Testversion von Ableton Live runtergeladen …

Und?

Mme Psychosis: Ich dachte, oh mein Gott, das ist eigentlich ganz einfach. Schau, Mme Psychosis ist wie ein interessantes Abenteuer, eine Herausforderung. Zum Beispiel war „Beats”, das letztes Jahr erschien, einfach ein Album, das aus Beats bestand. Natürlich hat sich das erweitern lassen – mit Synthies und Gesang. Manchmal habe ich einfach zu viel Energie, die ich irgendwo kanalisieren muss. Mit Mme Psychosis kann ich mich selbst austricksen und etwas tun, das mich entspannt.

Bild Beats Kassetten
Beats (c) Burnbjoern

Das ist ein interessanter Übergang, der mit klassischem Klavier anfängt und zur Entspannung durch Synthesizer führt. Was hat dich dazu gebracht, mit dem Klavierspielen aufzuhören?

Mme Psychosis: Das ist eine längere Geschichte! Das Klavier war lange ein ziemlich bestimmender Teil meines Lebens. Ich hatte ja zwei Schulen – die normale Schule bis zum Mittagessen und nachmittags bis abends, vier Tage die Woche, ging ich in die Musikschule. Das war sehr intensiv.

Wie bist du in diese Situation gekommen?

Mme Psychosis: Freunde meiner Eltern haben es vorgeschlagen. Sie sagten, schick sie zu den Prüfungen an der Musikschule. Und … es hat geklappt. Obwohl Klavier gar nicht meine erste Wahl war, im Gegenteil. Ich wollte damals, aus welchen Gründen auch immer, Schlagzeug spielen. Die Leute bei der Prüfung sagten aber: „Nein, nein, du solltest Geige nehmen, weil du so gut hörst!“ Diese Idee gefiel mir überhaupt nicht. Das Klavier war schließlich ein Kompromiss.

Ein ziemlich langer Kompromiss, oder?

Mme Psychosis: Die Sache ist … Ich war ziemlich gut. In den ersten drei Jahren habe ich an Wettbewerben in Polen teilgenommen. Aber am Ende war es einfach zu viel. Ich mochte den Wettbewerb untereinander zunehmend weniger. Wenn ich mich heute mit Freundinnen und Freunden aus dieser Zeit unterhalte, merke ich, dass die Leute wirklich lernen müssen, sich zu entspannen. Als ich 12 war, gab es diesen Typen, Staś Drzewiecki, der ein Star am Klavier war. Er war in meiner Peer-Group – und der Sohn von zwei Gewinnern des Chopin-Wettbewerbs. Mir wurde klar, das wird für mich nicht möglich sein, weil ich nie so gut sein werde und das war OK. Trotzdem machte ich weiter.

Warum?

Mme Psychosis: Ich mochte mein Instrument. Außerdem waren alle meine Freundinnen und Freunde dort. In der Schule entwickelt man sich auch ständig weiter. Das hat mir gefallen, selbst wenn es mich viel Zeit gekostet hat. Erst während meines „second degrees“ wusste ich, dass ich nicht auf die Akademie gehen würde. Trotzdem, ich wollte die Schule zu Ende bringen. Zum Glück hatte ich für meine letzten drei Jahre einen wirklich guten Lehrer. Jemand, der frisch von der Universität kam.

Wie war es davor?

Mme Psychosis: Herausfordernd! Ich hatte eine Lehrerin, die gruselig war. Sie gab mir absichtlich Noten von Stücken, von denen sie wusste, dass ich darunter leiden würde, sie zu spielen. Das war alles andere als hilfreich. Ich brauchte etwas dazwischen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich die Schule mit einer anderen Lehrperson beenden konnte.

Was passierte, nachdem du fertig warst?

Mme Psychosis: Ich verließ meine Heimatstadt und zog nach Krakau, wo ich Englisch studierte. Über ein Jahr lang habe das Klavier nicht einmal angefasst.

Du musstest Abstand gewinnen?

Mme Psychosis: Ja. Es stand einfach bei meinen Eltern zu Hause rum. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, mir einen Synthesizer oder ein Keyboard zuzulegen. Um Klavier spielen zu können, brauchte ich ein Klavier – zumindest dachte ich das! Wenn man oft umzieht, ist das aber gar nicht so einfach. Hier in Wien habe ich aber wieder mein Klavier!

Dein Klavier von damals?

Mme Psychosis: Ja, es ist so schön, es wieder bei mir zu haben. Auch wenn es einige Zeit gedauert hat … Davor habe ich in verschiedenen Städten studiert. Ich war an einer Universität in Dänemark, wo ich eine Student-Radioshow hatte. Das war übrigens die Geburtsstunde des Namens Mme Psychosis!

Als Name für die Radiosendung?

Mme Psychosis: Ich hatte eine Sendung mit einem Freund von mir. Er dachte sich Namen für uns aus. Ich war Madame Psychosis. Und er war Sweet Daddy Champagne. Das ist eigentlich eine Hommage an …

David Foster Wallace?

Mme Psychosis: Nein, nein! Mein Freund hatte dieses Buch aus den 1970er Jahren über Obdachlose auf den Straßen von San Francisco. Das Buch zeigte Porträts von ihnen, sie hatten Namen. Madame Psychosis war eine davon, die in diesem Buch vorkam. Meintest du das?

Nein, ich musste sofort an David Foster Wallace denken. Kennst du das Buch „Infinite Jest”?

Mme Psychosis: Nein, das habe ich nicht gelesen.

Schon lustig, dass du Mme Psychosis im Zusammenhang mit deiner Radiosendung erwähnen. In „Infinite Jest“ gibt es ein Kapitel, in dem sich die Person, die eine Sendung an der Boston University moderiert, Mme Psychosis nennt. Das brachte mich auf die Idee …

Mme Psychosis: Oh wow!

David Foster Wallace benutzte den Namen eigentlich als Wortspiel für Metempsychose. Es beschreibt die Wanderung von Seelen durch verschiedene Körper über Lebenszyklen.

Mme Psychosis: Klingt, als sollte ich das unbedingt lesen.

Ja. Es ist eigentlich ein ziemlich interessanter Roman. Und er passt zu deiner Musik.

Mme Psychosis: Ja, ich freue mich, den Namen wieder aufleben zu lassen. Vielleicht ist es ein bisschen seltsam, aber …

Nein, es ist ein wirklich guter Name!

Mme Psychosis: Ich habe gehört, dass man ihn komisch ausspricht. Manche Leute sagen, Hey Psychose! Und ich sage dann, ja, das bin ich!

So bleibt man im Kopf.

Mme Psychosis: Es hat was Unheimliches, oder? Vielleicht verleitet der Name auch ein bisschen dazu, diese Musik zu lesen … weißt du, ich war zuerst super gestresst mit diesem Gespräch, weil ich dachte, ich müsste eine Geschichte über das Album erzählen.

Wir schreiben die Geschichte wahrscheinlich jetzt in diesem Gespräch. Außerdem war es gerade die fehlende Geschichte, die das Tape interessant machte. Die Musik erinnerte mich an einen Science-Fiction-Film aus den Achtzigern, der nie gedreht wurde.

Mme Psychosis: Weißt du, ich habe Protestsongs mit einem Blitz auf dem Cover veröffentlicht. Im Herbst war in Polen zur gleichen Zeit eine Menge los. Die Leute gingen auf die Straßen, das katholische Treiben sollte endlich ein Ende haben. Die Proteste unterstütze ich nach wie vor, damals verfolgte ich sie die ganze Zeit, habe Livestreams auf Facebook gesehen. Dann wurde mir klar, dass ich, weil ich früher auch total auf Hip-Hop stand, Baggy Pants trug und …

Sorry, dass ich dich unterbreche. Aber du hast klassisches Klavier gelernt und Baggys getragen?

Mme Psychosis: Es war der Vibe von Hip-Hop. Ich liebe ihn immer noch. Manchmal mach ich einen Nostalgietrip, indem ich mir die alten Sachen anhöre. Damals lebte ich in Kattowitz, das in der zweiten Hälfte der 1990er bis Anfang der 2000er eine der Hotspots für supercoole Crews war. Als ich 14 oder 15 war, gab es dort so viele Hip-Hop-Shows. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich immer gute Beats gemocht habe.

Das ist das Fundament, oder?

Mme Psychosis: Ja, genau. Ich stehe aber auch auf melodische Beats, ein guter Loop, bei dem der Beat selbst melodisch ist. Aber das funktioniert nicht für alle und das ist OK! Ich muss nicht die ganze Zeit auf Mme Psychosis machen. Wie auch immer … wovon habe ich vorhin gesprochen?

Gute Frage!

Mme Psychosis: Ah, über meine Protestlieder! Ich habe sie deswegen erwähnt, weil ich über meine Texte sprechen wollte. Das Texten fiel mir zu Beginn eher schwer. Ich habe dann ein paar Tracks aus dem Album genommen und freestyle drübergerappt. Das hat ziemlich gut funktioniert – ich singe einfach in meiner eigenen Sprache … Dabei gibt es auch einen Euroteuro-Track, bei dem ich mein polnisches Vocal-Alter-Ego Czeski Film eingesetzt habe.

Oh, über diesen Namen habe ich mich schon gewundert!

Mme Psychosis: Das ist super verwirrend, oder? In Polen sagen wir „Czeski Film nikt nic nie wie”. Das bedeutet, dass in einem tschechischen Film niemand weiß, was vor sich geht. Also sagt man in einer chaotischen Situation einfach „Czeski Film nikt nic nie wie” … und die Leute wissen, dass es vielleicht einen Sinn hinter etwas gibt, aber auf eine sehr absurde Art und Weise. Mme Psychosis und Czeski Film – das passte also zusammen.

Bild Mme Psychosis
MP BSV basic (c) Burnbjoern

Es passt gut zu den Beats. Und deine frühen Erinnerungen an Hip-Hop, die kommen dadurch wieder hoch …

Mme Psychosis: In den schönen Melodien, meinst du? In der Musikschule war ich technisch nie die Beste, aber ich habe dieses melancholische und nostalgische Chopin-artige Zeug beherrscht …

Ich denke, das nostalgische Gefühl passt irgendwie zu meinem Gefühl für dein Album. Es klingt futuristisch, aber aus einem Moment in der Vergangenheit.

Mme Psychosis: Das ist wirklich cool! Die Sache ist, ich produziere eine Menge Tracks. Sobald alles aufgenommen ist, mag ich nicht zu viel Zeit damit verbringen, weiter an ihnen zu arbeiten. Das ist wirklich schwierig … aber ja, eine Sache, die ich gerne machen würde, sind Soundtracks und einige der neuen Tracks wären perfekt für eine Art von Film, den du vorhin beschrieben hast.

„WARUM FÜHLST DU DEN RHYTHMUS NICHT?“

Oh wow!

Mme Psychosis: Ich habe keinen Plan damit. Manchmal bin ich auch froh, wenn ich ein paar Tracks mache – einfach nur für mich. Ich habe ein paar Freunde, denen ich Ideen oder Skizzen vorspiele. Aber manchmal sagen sie: „Der Beat ist irgendwie zu lang, warum machst du keine Hi-Hat dazu?“ Und ich sage dann: „Warum fühlst du den Rhythmus nicht?“ Wie auch immer, ich bin oft mit der ersten Idee zufrieden. Das ist einfach nicht mein Prozess. Auch weil es ein Hobby ist …

Das kann ich verstehen!

Mme Psychosis: Na ja, Leute, die auf eine professionelle Art Musik machen, würden das nicht respektieren. Ich sollte dazu aber schweigen, weil ich sonst Gefahr laufe, ignorant zu klingen.

Finde ich nicht! Klar, manche Leute tüfteln tage-, wochen- oder monatelang an ihren Tracks …

Mme Psychosis: Und wenn sie es mögen, ist das großartig, aber sie sollten es anderen nicht aufdrängen. Manche Leute tun so, als ob man nur über die Qualität der Musik sprechen kann, wenn man genug Zeit in sie investiert hat. Aber das ist falsch. Nimm einen Typen mit einem Gong und jemanden mit einer schönen Stimme, gib ihnen etwas Zeit und du brauchst nichts weiter.

Auf jeden Fall!

Mme Psychosis: Hier in Wien gibt es so viele interessante Musikerinnen und Musiker. Zum Beispiel Mala Herba und Fauna, die du in der Vergangenheit interviewt hast. Die Dissonanz im Gesang, die slawischen Folkloreharmonien … Mala Herba kombiniert das perfekt. Und „Demonologia” ist ein großartiges Album.

Es ist sogar noch großartiger, wenn man es mit den frühen Versionen vergleicht. Da wurde mir klar, wie viel man aus Demos herausholen kann.

Mme Psychosis: Das ist wirklich interessant, denn es ist schwer, objektiv darüber zu sprechen. Ich kann meine Musik alleine hören oder mit ein paar Freundinnen und Freunden. Aber jedes Mal, wenn jemand meine Musik anhört, macht mich das glücklich. Die Sache ist: Ich habe keinen Anspruch an die Menge der Ohren, denen ich gefallen muss.

Das ist das Gute an einem Hobby!

Mme Psychosis: Im Moment ist es eine gute Möglichkeit, mich zu entspannen. Es reizt mich, über einen Laptop Beats zu machen und am Keyboard rumzuspielen. Außerdem kann ich mit Gesangs-Layern experimentieren. Manchmal, wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, habe ich keine Lust mehr zu lesen oder auf einen Bildschirm zu starren. Dann gehe ich einfach in mein Zimmer und singe ein bisschen.

Es ist schön, wenn man nach der Arbeit etwas machen kann, das nichts mit der Arbeit zu tun hat, oder?

Mme Psychosis: Gleichzeitig habe ich sehr viel Respekt vor allen, die Musik als Vollzeitjob machen. Trotzdem frage ich mich, ob es nicht den Spaß an der Sache zerstört.

Es verändert definitiv die Herangehensweise. 

Mme Psychosis: Bis zu einem gewissen Grad bestimmt! Aber lass mich probieren, es anders zu formulieren: Ich habe studiert und war schon immer gut darin, Themen zu erforschen. Irgendwann habe ich ein Praktikum an einer Universität gemacht und dachte, ich werde hier vier Monate lang ein bestimmtes Thema erforschen und sogar dafür bezahlt, das klingt nach einem tollen Job! Natürlich war es auch eine super prekäre Arbeit, stressig und wettbewerbsintensiv. Aber bin ich froh, dass ich mir nach meiner Promotion ein gesünderes Umfeld schaffen konnte. Ich mache wirklich so viel mehr Fortschritte als früher, als ich einfach zu viel Stress hatte. Jetzt ist sogar ein Arbeitskollege von mir auf dem Album zu hören.

Das ist schön.

Mme Psychosis: Mein Team ist so nett. Manche waren letzten Sommer sogar bei Shows von Mme Psychosis. Sie machen dann einen Witz und meinen: Wenn es für dich in der Wissenschaft nicht klappt, kannst du immer noch Musik machen! Wahrscheinlich würde ich aber als Musiklehrerin in den Kindergarten gehen. Schließlich wird es immer Kinder geben.

Mme Psychosis kommt, um Ihre Kinder zu unterhalten! Das würde eine tolle Geschichte abgeben!

Mme Psychosis: Weißt du, Mme Psychosis hat einen Instagram-Kanal. Aber ich kümmere mich wenig darum, was nicht heißt, dass ich nicht meine Stories checke. Mir ist aber klar, dass es nur eine Marketing-Maschine ist. Eine Maschine, die auf eine sehr problematische Art und Weise aufgeteilt ist … Wenn man Likes und Aufrufe seiner Videos kaufen kann, ist das …

Ein virtuelles Spiel mit sehr realen Konsequenzen. Trotzdem kann man sich da einfach rausnehmen. Vor allem als jemand, der eine Platte promoten oder ein Buch verkaufen muss.

Mme Psychosis: Wie ist das bei dir?

Ich bin kein Künstler, aber ich habe mich entschieden, das Spiel um Aufmerksamkeit nicht mitzuspielen. Das bringt viele Nachteile mit sich, aber es ist besser für mich. Und ich muss nicht so tun, als wäre ich glücklich, wenn ich 50 Stunden pro Woche in einem Bullshit-Job verbringe – was ich nicht tue, aber trotzdem …

Mme Psychosis: Ja, im Moment arbeite ich 20 Stunden in der Woche und unterrichte auch ein bisschen. Vor meiner Promotion war ich genau in diesem Hamsterrad, das du beschrieben hast. Natürlich haben wir hier in einer Luxusposition. Im Verhältnis zu den meisten Menschen auf der Welt haben wir ein gutes Leben. Wenn ich in Polen sitzen würde, wäre das ganz anders. Ich kenne niemanden in Polen, der Teilzeit arbeitet, weil das Leben unerschwinglich wird. Die Tatsache, dass ich 20 Stunden arbeiten, und die andere Zeit für mein Hobby oder einfach außerhalb der Arbeit nutzen kann, ist ein Wahnsinn – und eine glückliche Lage!

Warum also Vollzeit arbeiten?

Mme Psychosis: Um das Versprechen einer Pension zu haben, die wegen der systemischen Probleme ohnehin nie in Kraft tritt? Ich werde kein kleiner Hamster sein, bis ich über 60 bin. Da beziehe ich lieber eine niedrigere Pension! In der Zwischenzeit wird der Klimawandel sowieso verrückt spielen, warum also überhaupt über die Pension nachdenken? Vielleicht unterstreicht das auch meine Musik.

„VIELLEICHT SOLLTE ICH EINEN SONG NAMENS ELON SCHREIBEN.“

Durch den dystopischen Ansatz?

Mme Psychosis: Ich bin ein positiver Mensch, aber manchmal denke ich, dass wir ziemlich am Arsch sind. Für die Probleme, die wir als Gesellschaft haben, tun wir viel zu wenig. Und für das, was wir tun, ist es meiner Meinung nach ein bisschen zu spät. Wir sollten mehr über Postwachstum nachdenken. Wenn ich mir anschaue, wie die Menschen in der jetzigen Situation reagieren, habe ich aber nicht so viel Hoffnung.

Es ist gut, dass du das ansprichst. Noch vor einem Jahr sagten die Leute, oh, die Krise wird so ein Game Changer sein! Aber natürlich ist sie der Wirtschaft scheißegal. Der Kapitalismus hat sich wie immer auch durch diese Krise gefressen. Und die Leute sehnen sich danach, wieder ins Hamsterrad zu kommen, stehen vor den Geschäften Schlange, um ein T-Shirt zu kaufen, das drei Euro kostet und von Kinderarbeit hergestellt wurde.

Mme Psychosis: Die Balance ist nicht auf der richtigen Seite, ja. Elon Musk kann sich auf den Mars schießen, aber … das ist lächerlich. Vielleicht sollte ich einen Song namens Elon schreiben.

Das solltest du! Aber natürlich hast du Recht: Wir beschweren uns trotzdem auf hohem Niveau.

Mme Psychosis: Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass wir keine Probleme haben können. Aber: Ich bin wirklich glücklich darüber, wo ich bin. Ich versuche, etwas Sinnvolles mit meiner Zeit und in meiner Arbeit zu machen. Das Schlimmste für mich wäre, wenn man mich von nine-to-five in ein Büro stecken würde, wo ich unsinniges Zeug machen müsste. Das habe ich eine Zeit lang gemacht, nach eineinhalb Jahren fühlte ich mich ausgebrannt. Es macht mich traurig, dass das die Realität für die meisten Menschen ist. Deshalb fühle ich mich immer sehr … ich möchte nicht dankbar sagen, denn das würde voraussetzen, dass ich jemandem dankbar bin, auch wenn ich denke, dass es ein großer Zufall ist.

Es ist auch das Privileg, über all das zu reflektieren. Die meisten Menschen können das nicht – weil sie zum Hamster des Systems gemacht werden.

Mme Psychosis: Wenn man sich aussuchen kann, was man mit seiner Zeit macht, ist das so ziemlich das Beste, was man haben kann, ja!

Mme Psychosis ist also die Retterin vor den Bullshit-Jobs!

Mme Psychosis: Eigentlich würde ich gerne eine Sekte gründen, die niemand versteht – den Kult der Seventh Reduced. Vielleicht sollte ich diesen Gedanken mit etwas mehr Inhalt füttern. Das würde die Musik unterstreichen, denn diese Art von Beats kann einen wirklich einsaugen – wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Das ist das Magische daran, denke ich. Daher rührt auch meine Liebe zu frühem Detroit-Techno.

Mme Psychosis: Ha! Ich habe mir gerade gedacht… du weißt schon, weil ich ein bisschen Angst vor diesem Interview hatte und Musikerinnen und Musiker meistens nach ihren Einflüssen gefragt werden …

Oh, jetzt wo du es sagst!

Mme Psychosis: Ja, also ich habe mir letztens „Homework” von Daft Punk angehört.

Was für eine gute Platte!

Mme Psychosis: Nach „Homework” habe ich sie komplett verloren. Aber dieses Album ist die Essenz von coolen Beats, sehr loopy, sehr trippy!

Und trotzdem sehr melodisch!

Mme Psychosis: Absolut!

Das waren noch Zeiten! Jetzt sind sie Geschichte.

Mme Psychosis: Aber irgendwie auch egal, oder?

Ja, eh. „Homework” ist wahrscheinlich ihr bestes Album. Es ist so gut gealtert.

(Zwei Dackel laufen im Park an uns vorbei.)

Mme Psychosis: Siehst du die beiden Hunde? Unser erster Hund war ein Dackel!

Meine Großeltern hatten früher auch Dackel! Die wurden ziemlich alt, 18 Jahre oder so …

Mme Psychosis: Unserer ist gestorben, als er neun war. Sein Herz wuchs und explodierte – in diesem winzigen Körper!

Armes Ding! Der, den meine Mutter jetzt hat, wurde kürzlich an der Wirbelsäule operiert. Jetzt muss er …

Mme Psychosis: Vorsichtig sein mit Treppen, oder?

Ja, genau.

Mme Psychosis: Das ist so ein schlechtes Design für einen Hund!

Stimmt! Aber wo waren wir nochmal?

Mme Psychosis: Ich habe Daft Punk erwähnt. Wahrscheinlich, weil ich Pathos in der Musik mag.

Richtig!

Mme Psychosis: Ich höre zu Hause normalerweise keine klassische Musik, aber es gibt bestimmte Dinge, die voller Kraft sind und die ich liebe. Alles, was vor Beethoven passiert ist, macht für mich keinen Sinn, weil er der erste war, der wirklich verstanden hatte, dass man in bestimmten Bereichen des Orchesters mehr Kraft braucht. Außerdem hat man in der klassischen Musik Formen – etwas, das sich in der modernen Musik immer wieder wiederholt. Aber wenn man sich klassische Musik anschaut, merkt man, wie viel Bedeutung Konventionen hatten, wie viel Kraft jedes Intervall hatte, man hatte Regeln, welcher Akkord nach welchem Akkord kommen darf. Jahrhundertelang haben die Leute das gemacht. Diejenigen, von denen wir heute mehr hören, sind nicht unbedingt diejenigen, die diese Konventionen herausforderten. Heute lieben alle Mozart, weil er diese Regeln einfach auf eine exquisite Art und Weise gemeistert hat. Regeln, die wir alle in der Musik befolgen. Selbst ich kann das Dur-Moll-System nicht aufbrechen.

Ein amerikanischer Jazzer, Gary Bartz, hat einmal zu mir gesagt, dass es seit Bach keine neue Erfindung in der Musik gab.

Mme Psychosis: Oh, provokant!

Ja, er sagte, es gäbe schließlich nur zwölf Töne, was mich auf den Gedanken brachte, dass das situierte Wissen des Zeitgeistes sie immer wieder in neuen Formen zum Leben erweckt.

Mme Psychosis: Das war für mich das Interessante bei Euroteuro – diese einfachen Linien zu finden. Man macht das Vorhersehbarste, aber es passte wirklich gut, weil wir diese bestimmte Form schon so lange hören; weil sich unser Gehirn daran gewöhnt hat und denkt, dass sie richtig ist.

Das ist es, was Popmusik ist. Und was sie sein sollte, oder?

Mme Psychosis: Ja, ein guter Popsong braucht das! Letzte Woche habe ich diesen Song namens „Gypsy Woman” von Crystal Waters gehört. Er wurde 1991 veröffentlicht und ist immer noch so ein toller Song.

Wenn man den einmal gehört hat, bekommt man ihn nicht mehr aus dem Kopf. Er bleibt picken. Das zu schaffen klingt in der Theorie einfach, ist es aber nicht, oder?

Mme Psychosis: Es gab diese Frage, die heute nicht mehr so oft auftaucht, aber früher haben die Leute sich gern gefragt, welches Genre sie gerne hören. Oder die etwas allgemeinere Frage: „Welche Art von Musik hörst du?” Ich wusste darauf nie eine Antwort.

Niemand sollte verpflichtet sein, diese Frage zu beantworten!

Mme Psychosis: In diesem Sinn mag ich wirklich Herausforderungen verschiedener Formen. Das letzte Projekt, das ich mit der Euroteuro-Crew gemacht habe, war die Musik für ein Theaterstück in München über das Oktoberfest zu schreiben. Ich bin zuerst auf YouTube gegangen und hab mir ein paar Videos angeschaut, um die Stimmung zu fühlen – Schlager und solche Sachen. Das war witzig, denn als ich in der Musikschule war, hatten wir immer diesen Spruch, dass wir, wenn es mit der Karriere nicht klappt, einfach einen guten Disco-Polo-Track machen werden.

Als Backup-Plan!

Mme Psychosis: Ein guter Discopolo-Track und du hast fürs Leben ausgesorgt! Du könntest dir sogar eine Maske aufsetzen, damit du dich nicht damit identifizieren musst.

Oder jemanden dafür bezahlen, der für dich auftritt!

Mme Psychosis: Genau, das ist noch viel besser!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

 

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Links:
Mme Psychosis (Bandcamp)
Mme Psychosis (Cut Surface)
Cut Surface (Homepage)