Spaziergänge mit Cioran, kuriose Reisen Haydns und die Weltlage in Sachen Jazz – Franz Koglmann im mica-Interview

Der Wiener Komponist und Flügelhornist, Grenzgänger zwischen Jazz und Neuer Musik, Franz Koglmann, erzählt im Gespräch mit Heinz Rögl über nächtliche Spaziergänge auf den Spuren des Philosophen Émil Cioran in Hermannstadt/Sibiu, bietet eine Lageeinschätzung des heutigen Jazz und erklärt anlässlich seines kommenden Duo-Auftritts mit Oskar Aichinger im Porgy&Bess (15.12.) sein Faible für die Musik von Burt Bacharach.

Wie kamt ihr ausgerechnet auf Burt Bacharach?

Franz Koglmann: Auf die Idee Burt Bacharach zu arrangieren, wäre ich möglicherweise nicht von selber gekommen. Obwohl ich seine Musik seit meiner Jugend kenne, weil ich als Musikstudent sehr viel Ballmusik gespielt habe. Und bei den Bacharach-Arrangements gab es natürlich viele Trompetensoli. The Bridal Suite, das war ursprünglich ein Auftrag von Klaus Nüchtern, der mir bezüglich der Besetzung freie Hand gelassen hat. Aus finanztechnischen Gründen mussten wir das in bestimmten Grenzen halten. Ich habe den Oskar Aichinger dafür angeheuert.

Der Pianist, Arrangeur, Bandleader und Komponist populärer Songs Burt Bacharach war vor allem in den sechziger und siebziger Jahren ein Tycoon des amerikanischen Easy-Listening-Showbusiness.

Franz Koglmann: Auch noch später. Vor nicht allzu langer Zeit hat Elvis Costello ja noch eine CD mit ihm aufgenommen. Und erst kürzlich ist eine von ihm selbst produzierte CD erschienen. Man kann schon sagen, dass die Auswahl vom Klaus Nüchtern nicht ganz zu Unrecht erfolgt ist. Im U-Musik-Bereich ist Bacharach einer der Großen, der auch so was wie Qualität bietet. Der Burt Bacharach hat irgendwie was Grenzgängerisches, er bietet auch Ironie, so zwischen Sentimentalität und Absturz. Er hat eine eigene Tonsprache und Melodieführung, sehr eigenwillige harmonische Vorstellungen, und auch die Textvertonungen (großartig: Hal David) sind sehr besonders, er folgt genau dem Text und hat dadurch – unüblich für die Unterhaltungsmusik – sehr viele Taktwechsel. Wir haben das 2004 im Duo eingespielt [Anm.: the bridal suite – handsemmel records], zum Teil natürlich sehr abstrahiert vom Tanzmusik-Stil und haben versucht, was anderes daraus zu machen. Inzwischen haben wir das Programm, wie wir es am Freitag im Porgy&Bess spielen werden, durch andere Größen der Unterhaltungsmusik angereichert  – wir spielen etwas von Franz Lehár sowie von dem deutschen Filmkomponisten Franz Grothe (etwa den Filmwalzer aus “Illusion”).

Cioran, Freund Samuel Becketts und aphoristischer Kritiker von Weltbeglückungs-Ideologien  .

Franz Koglmann: den die Rumänen [t?o’ ran], die Franzosen aber [sj???~ ] aussprechen.

Wusstest du, dass Cioran in den dreißiger Jahren massiv mit den rumänischen Faschisten und den Nazis sympathisierte?

Franz Koglmann: Mir war das bis vor kurzem nicht bekannt, das habe ich erst jetzt, als ich mich näher mit ihm beschäftigte, in einer Biographie gelesen. Ich kenne seine Schriften schon länger, vor allem auch durch die Interviews, die Alfred Koch im ORF mit ihm gemacht hat und die er mir dankenswerter Weise jetzt zur Verfügung gestellt hat, damit man bei meinem Stück daraus Bandzuspielungen machen kann.

Also Cioran-Beschäftigung nicht wegen seiner ursprünglichen Faschismus-Nähe – wie etwa bei deinem Ezra Pound-Projekt (Oh Moon my Pin-Up), sondern trotz dieser?

Franz Koglmann: Ja, ja. Bei Pound war mir das klar, da gibt’s keine Ausrede. Bei Cioran ist das eine Sache, mit der ich gar nicht gerechnet habe. Aber seine trockenen, lakonischen Aphorismen aus späterer Zeit fand ich schon immer sehr überzeugend. Und es war so, dass die Leute vom Brukenthal-Museum in Sibiu, wo ich 2003 mit einer Trio-Besetzung die Ausstellung Melancholia Austriae eröffnet habe,  auf die Idee gekommen sind, mir einen Auftrag für die europäische Kulturhauptstadt 2007 zu erteilen, eine carte blanche für ein 40-Minuten-Werk: Ich habe mich entschieden, ein Werk für Kammerorchester zu komponieren, bei dem ich auch selbst – als einziger “Jazzmusiker” – im von Peter Burwik geleiteten Ensemble exxj mitspiele. Ich wollte etwas machen, das einen Bezug zur Stadt hat. Cioran verbrachte seine Jugend in Sibiu/Hermannstadt, wo sich auch seine mittlerweile legendären “Nächtlichen Spaziergänge” ereignet haben, auf einer Straße, eigentlich mehr ein Ochsenweg, die es übrigens heute noch gibt, samt dem originalen buckeligen Pflaster, wo man sich fragt, wie der jeden Tag dort viele Stunden lang spazieren gehen konnte. Ich war auch schon in dem Dorf Rasinari, wo sich bei seinem Geburtshaus eine eher schauerliche Büste von ihm befindet.

Der andere Eckpfeiler ist eine Haydn-Symphonie. Haydn und Hermannstadt?

Franz Koglmann: Es gibt von Joseph Haydn eine “Hermannstädter Symphonie”, ein Kuriosum. Die wurde 1946, zwar nicht in Hermannstadt, sondern in Bukarest sogar uraufgeführt, nachdem in Frek bei Hermannstadt in der Orangerie von Schloss Brukenthal eine Abschrift dieser Symphonie gefunden wurde. Wie ich herausgefunden habe, befindet sich das Original in einer Sammlung in Budapest, das war daher wahrscheinlich auch gar keine Uraufführung. Vermutlich ist die Abschrift durch Brukenthal [Anm.: Gouverneur von Siebenbürgen, 1781-1803], dem großen Kunstförderer, der aus Hermannstadt ein Klein-Wien machen wollte, dorthin gekommen. Aber nicht einmal das lässt sich belegen. Und mit den frühen Haydn-Symphonien gibt es, so weit ich das gesehen habe, ohnehin einen ziemlichen Durcheinander, es gab zwei, drei verschiedene Reihungen. Laut Anfragebeantwortung durch das Haydn-Institut in Eisenstadt muss es sich um die Symphonie Nr. 27 handeln, entstanden zirka 1760.  In Hermannstadt wussten die nur, da war irgendwas mit Haydn. Jedenfalls: Die Symphonie wird in Brukenthal auch original aufgeführt, ich wiederum verwende diese Musik sozusagen als zweite Säule in meinem Stück. Am 16. Mai gibt es in Wien im Schloss Schönbrunn eine Voraufführung und mittlerweile hat sich auch das Label col legno eingeschaltet, die werden das kombiniert mit einer Neueinspielung der Symphonie unter Gustav Kuhn auf einer CD herausbringen.

Reden wir noch ein bisschen über die Jazzszene einst und jetzt. Vor etlichen Jahren gab es eine etwas komisch polarisierte und zugespitzte Wiener Diskussion um den Stellenwert des Jazz und über deine Position dabei: Koglmann, “Third Stream”, intellektuell reflektierte Musik versus “Groove”, Bauchmusik und Bierzelt-Begeisterung. Wie verhält es sich damit heute für dich? Existieren für dich diese Abgrenzungen noch, gibt es Feindbilder?

Franz Koglmann: Eigentlich habe ich keine Feindbilder und auch keine besonderen Tendenzen, mich von etwas abzugrenzen. Es ist nur so, dass ich nie so richtig wo dazugehört habe. Das hat einfach mit meinen Interessenslagen zu tun. Dadurch, dass ich gleichzeitig vom Jazz, aber auch von der europäischen Musik komme, mich darüber hinaus auch für Literatur und bildende Kunst interessiere, spiegelt sich für mich immer irgendwie das eine im anderen. Ich konnte mich eigentlich mit keiner Szene total identifizieren. Hätte ich mich total auf die Jazz-Szene eingelassen, wäre ich zu nichts Anderem gekommen, denn der “echte” Jazzmusiker pilgert jeden zweiten Tag in einen Club zu einer Session – zumindest hat man sich das früher einmal oft so vorgestellt. Und dazu habe ich keine besondere Lust gehabt, weil ich andere Dinge auch machen wollte, eben mich auch mit Komposition und Arrangement, mit Neuer Musik beschäftigen, auch viel lesen. Zusätzlich hat es sich so ergeben, dass ich in meinem Leben immer irgendwo bei einer Galerie Berater war, zuerst von der Galerie nächst St. Stephan, dann von der Wiener Musik Galerie, später auch in Frankfurt, was ja auch einen Haufen Zeit in Anspruch genommen hat.

Die Gruppe von Musikern, die du zu deinen Partnern gemacht hast, mit denen du – etwa im Pipetet, im Pipe Trio, im Monoblue Quartet, – immer wieder zusammenspieltest, bildet seit etlichen Jahren einen relativ konstanten Kern. Zu ihnen gehören  Wiener Musiker wie Oskar Aichinger, Burkhard Stangl, der in New York lebende Bassist Peter Herbert  u. a., aber auch internationale Größen wie der britische Saxophonist und Klarinettist Tony Coe,.

Franz Koglmann: Es gibt einen Pool von Leuten, mit denen man sich gut versteht, die man kennt und auf die man immer wieder gerne zurückgreift. Tony Coe ist sicher so ein Fall. In seine Art zu spielen habe ich mich verliebt, seit ich ihn mit der Clarke Boland-Bigband im Wiener Konzerthaus zum ersten Mal hörte. Ich habe im Vorprogramm in der Bigband des Konservatoriums gespielt und als ich ihn hörte, dachte ich mir nur, mit dem möchte ich eines Tages spielen. Hätte eigentlich nie gedacht, dass sich das eines Tages auch realisieren wird. Mittlerweile haben wir ziemlich viel miteinander gemacht. Und er spielt immer noch wunderbar, er spielt besser denn je.

Zurück zur Frage, wie es mit dem Jazz heute steht.

Franz Koglmann: Die großen amerikanischen Jazzmusiker, die eine Vorbildwirkung ausgeübt haben, Thelonius Monk zum Beispiel, gibt es ja nicht  mehr, die sind alle gestorben. Der Jazz europäischer Prägung ist längst selbständig geworden, man hat das Gefühl, dass sich hier sogar die interessanteren Dinge abspielen. Es gibt keinen besonderen Grund mehr, dem amerikanischen Jazz bedingungslos nachzueifern. Natürlich gibt es da noch die Wynton-Marsalis-Linie, eine Art Jazzmuseum (auch wenn Marsalis fraglos ein wunderbarer Trompeter ist ) und natürlich gibt es auch in Amerika, in New York einen Widerpart dazu, ein Dave Douglas macht schon auch sehr kreative Sachen. In Europa hat sich mittlerweile vieles  immer mehr verzahnt, viele Jazzmusiker interessieren sich für Komposition, kennen sich in der Neuen Musik gut aus,  auch von Seiten der Neuen Musik gibt es eine gewisse Annäherung an Jazz und Improvisation. Auch beim Klangforum Wien war das eine Zeit lang zu spüren, jetzt plötzlich wieder nicht mehr so. Dafür interessiert sich jetzt zunehmend Peter Burwik  stärker dafür. Das entspricht auch einem internationalen Trend, siehe das deutsche Ensemble Modern.

Insofern scheint die Geschichte ja deinen immer schon vertretenen Positionen ja jetzt recht zu geben?

Franz Koglmann: Ich war in Wien sicher früh dran, in dieser Grenzgängerposition wahrscheinlich einer der ersten.

Seit Beginn deiner Karriere hast du auch verschiedene Labels betrieben, zuletzt “Between the lines”, das von einem Frankfurter Banker gesponsert wurde.

Franz Koglmann: Damit ist jetzt Schluss, ich bin dort nach einem Eigentümerwechsel nicht mehr der künstlerische Leiter. Paul Steinhardt betreibt das jetzt mit einer eigenen Gesellschaft und einem neuen Vertrieb, nachdem der alte in Konkurs gegangen ist.  Ich habe das fünf Jahre gemacht und dort 35 Produktionen verantwortet, das erscheint mir auch genug. Länger sollte man so etwas sowieso nicht machen. Natürlich kriegt das, wenn einer so etwas betreibt, eine bestimmte Richtung.

Immerhin ist Franz Koglmann ja auch international keine ganz unbekannte Größe, viele der CDs erhielten in England, in Frankreich, in den USA Preise, du wirst zu Festivals eingeladen .

Franz Koglmann: Es gibt schon immer wieder internationale Konzerte, das Bacharach-Programm haben wir mittlerweile ja auch in London, Paris oder Tel Aviv gespielt: Es ist nicht so, dass wir das nur im Porgy&Bess in Wien spielen.

Franz Koglmann (mica-Datenbank)