SoundproduzentInnen des frühen 21. Jahrhunderts

Um einen halbwegs repräsentativen Überblick über die vielfältigen Hervorbringungen der improvisierten, experimentellen oder sonstwie avancierten Musiken der vergangenen Dekade zu erhalten, erscheint es dem Autor nützlich, auf die Vielfalt der mehrheitlich  kleinen Labels zu verweisen, die diese Musiken mit viel Herzblut publizieren.

Erstens, weil diese Labels mehrheitlich ebenfalls im letzten Jahrzehnt ins Leben gerufen wurden; zweitens, weil sie den kreativen Wildwuchs der genannten Szene(n) gut widerspiegeln; und drittens, weil sie mit den Musikschaffenden (die sie teilweise selber sind) eine prekäre Lebens- und Arbeitssituation verbindet. Ein Prekariat, für das nicht schlechtes oder fahrlässiges Wirtschaften ursächlich ist, sondern die Ignoranz der gegenwärtigen Gesellschaft, ihrer Meinungsmacher und ihrer politischen Institutionen zeitgenössischer Musik gegenüber, die nicht oder wenigstens nicht im klassischen Sinn notiert ist.

Die Anhebung des Stellenwerts improvisierter und ähnlicher Musiken kann als dringende Forderung an Entscheidungsträger gelten – zumals die Geschichte ihrer Emanzipation, auch ihrer ökonomischen, von mehr Tiefen als Höhen gekennzeichnet ist. Ohne Vollständigkeit beanspruchen zu wollen, sollen hier wesentliche Label-Initiativen  und die von ihnen veröffentlichte Musik beleuchtet werden:

Beginnen wir symptomatischer Weise mit einem ganz jungen Unternehmen – und weil dessen Protagonist geradezu sinnbildlich für den offenen, bemerkenswert undogmatischen Umgang mit Stilen und Genres dargestellt werden kann. Die Rede ist vom Label God Records des Grazer Komponisten, Schlagzeugers, Elektronikers und Performers Slobodan Kajkut. Er selbst wirkt als Drummer in der Free-Rock-Band The Striggles und in der Elektronik-Rock-Combo Automassage mit und verfügt in seinen Soloarbeiten über ein weites Spektrum von so genannter Neuer Musik bis hin zu Noise und vergleichbaren Lärmmusiken. Nach der Veröffentlichung eigener Werke („The Compromise Is Not Possible“, „Glue Sniffer“, „Krst“ und „Krst Remixes“, für die er einschlägige Größen wie KK Null, Lustmord, Plotkin und Weasel Walter gewinnen konnte), publizierte er die Zusammenarbeit von Bernhard Lang mit dem britischen Turntabler Philip Jeck samt dem Ensemble Alter Ego („TablesAreTurned“). Darauf folgte eine Solo-CD von Robert Lepenik („poSTepeno“), der ebenfalls bei The Striggles mitwirkt und zugleich ausgewiesener Kenner zeitgenössischer Musiken ist.

Aktuell stehen zwei Releases in der God-Auslage: „Regenstücke Vol. 1“ eines der originellsten Komponisten der Gegenwart, Peter Ablinger; und eine Doppel-LP des Elektronikers Boris Hegenbart („Instrumentarium“), wofür er – wie schon im diesjährigen ORF-musikprotokoll – Arbeiten anderer zu neuen Tracks generiert, in dem Fall Stücke von u.a. Fred Frith, Martin Siewert, David Grubbs und Oren Ambarchi. In absehbarer Zeit folgen Platten des Experimentalmusikers und Wissenschafters Winfried Ritsch („Woodscratcher“), des Duos Rdeča Raketa von Maja Osojnik & Matija Schellander und von No Business for Dogs, dem aktuellen Trio der Klavierspielerin Judith Unterpertinger, die sich jetzt Juun nennt, mit den beiden Perkussionisten Bernhard Breuer und Steven Hess. Von der Warteliste künftiger Publikationen kursieren bereits Namen wie Beat Furrer, Georg Friedrich Haas, Gerd Kühr, Heifetz usw.usf. – Insgesamt also ein prächtiger Umschlagplatz neuer, aufregender Musik ohne stilistische Scheuklappen!

In Kajkuts Umfeld des in Graz vorbildlich funktionierenden Zusammenhalts der Szene(n), deren Solidarität in vielfältige Arten der Kooperation mündet, sind die chmafu nocords (nocords.net) von Martin Karner aka marufura fufunjiru zu nennen. Karners Publikationsbreite ist mit jener von Kajkut durchaus vergleichbar. Ein Schwerpunkt liegt auf Grazer Aktivposten der mittleren und jungen Generation. So ist der bereits oben genannte Bassist und Sampler/Elektroniker Robert Lepenik zu nennen (z.B. „Grete vor dem Haus“), auch als Mitwirkender der gemischtgenerativen Impro-Rockband code inconnu und daraus wiederum der Gitarrist und Elektroniker Gottfried Krienzer, der auch in Automassage und im duo adé mitwirkt und sich als Solokünstler kauders nennt. Zwei chmafu-Produktionen stammen von der Komponistin und Medienkünstlerin Elisabeth Schimana, einerseits ihre Komposition für den Ur-Synthesizer von Max Brand („Höllenmaschine“), gespielt von der unvergleichlichen Interpretin neuer komponierter und experimenteller Musik, Manon-Liu Winter, sowie von Gregor Ladenhauf; und andererseits Schimanas Zusammenarbeit mit dem Elektroniker und DJ Gernot Tutner, deren differente Clubabende in Graz und Ljubljana „Digitaler Rosengarten“ (Schimana) und „Heavy Dope Beats“ (Tutner) auf ihrer Koproduktion in den „Dope Beat Rosengarten“ mündeten.

Zudem ist Elisabeth Schimana – sie ist Begründerung des IMA Instituts für Medienarchäologie in Hainburg – auf der zweiten der beiden bisher auf chamfu erschienenen Compilations des freiStil-Magazins, „Damn!“ ,vertreten, die ausschließlich Musik von weiblichen Musikschaffenden dokumentieren. Neben Schimana sind das im internationalen Umfeld aus österreichischer Provenienz (in alphabetischer Reihenfolge): Cordula Bösze, Angélica Castelló, Elisabeth Flunger, Maria Frodl, Susanna Gartmayer, Katharina Klement, Maja Osojnik, Ilse Riedler, Petra Stump, Cherry Sunkist, Judith Unterpertinger und Manon-Liu Winter.

Weitere Beispiele aus dem chmafu nocords-Katalog sind  das Pivot Quartet von Josef Klammer (Percussion, Elektronik), Seppo Gründler (Midi-Gitarre), Martin Zrost (Saxofon) & Bettina Wenzel (Stimme) sowie das Aufeinandertreffen des Low Frequency Orchestra mit Wolfgang Mitterer, aus der die weithin gefeierte CD „Mole“ hervorging. Der Organist und Elektroniker glänzt darauf im Wechselspiel mit dem Ensemble von Angélica Castelló, Maja Osojnik, Matija Schellander, Thomas Grill, Herwig Neugebauer und Matthias Koch. Jüngste Veröffentlichung auf chmafu ist die CD „jalousie“ der Komponistin, Improvisatorin, Pianistin und Clavichordistin Katharina Klement. Von solchen Ausnahmen, wie dieser CD-Produktion, abgesehen, macht Klement schon seit Jahren aus der Not, dass kein nennenswertes Label für ihre Kompositionen Geld locker macht, eine Tugend und hat das Eigenlabel KalK gegründet. Darauf veröffentlichte sie, um nur zwei Beispiele zu nennen, „t(w)o wanderers“ mit Lynn Book (Stimme) und das gleichnamige Album ihres Trios USE mit Hermann Stangassinger (Kontrabass) und Hannes Schweiger (Percussion).

Wenigstens eine lobende Erwähnung steht den schnapsidee records zu, jener frei flottierenden Company von Robert Brodschneider & Arne Glöckner. Die beiden wildern immerhin mit viel Leidenschaft in den Randbezirken experimenteller Rockmusiken; und das mit einem bemerkenswerten Mix aus Underground-Bewusstsein und Witz. Da kann es schon passieren, dass die CDs (stellenweise sogar MCs) ihrer Heroen von Heifetz bis zu Hella Comet in ein Sackerl, das normalerweise fürs Gackerl gedacht ist, verpackt werden. Ebenfalls von Graz aus agiert Jochen Summer mit seinem Label Rock is Hell. Der langjährige Profiradrennfahrer gilt als einer der hartgesottensten Melvins-Fans – zuletzt erschien eine luxuriöse 8-LP-Box – und veröffentlicht ausschließlich Vinyl. Zu seinen Hervorbringungen gehören aus österreichischer Sicht die harten Buben von Reflector (Andreas Heller, David Reumüller) sowie von Bulbul (Raumschiff Engelmayr, Derhunt, DDkern) und deren Zusammenarbeit mit Maja Osojnik und Susanna Gartmayer im Broken.Heart.Collector. Summer bewegt sich überhaupt gern in Nischen, wo etwa die Debüt-Platte von Flugfeld (Helge Hinteregger, Martin Zrost, Paul Skrepek) entstanden ist. Aber auch der Gesamtkatalog der „Hotel Pupik“-Initiative des Vereins O.R.F (Heimo Wallner, Martin Dickinger, Uli Vonbank-Schedler, Martin Zrost) samt dort in der Obersteiermark stattgefunden habender Musiken geht auf Summers Konto, schließlich werden mit Wallner zusammen immer wieder LP-Covers für Rock is Hell im Siebdruckverfahren hergestellt.
 
Außerdem gehört es zum guten Ton von Rock is Hell, dass die Alben nicht im Alleingang produziert werden, sondern weitgehend in Kooperation mit befreundeten Initiativen, etwa mit Noise Appeal in Wien (siehe weiter unten) oder mit den Interstellar Records aus Linz, wo Aina Niemetz und Markus Merzinger werken, bzw. aus Graz, wohin vor Kurzem der Interstellar-Motor Richard Herbst übersiedelt ist. Interstellar fungiert als Mailorder-Vertrieb für befreundete Labels und bringt selbst Platten, CDs und Cassetten heraus. Zu ihren ProtagonistInnen gehören, neben etlichen Bands aus Südosteuropa, das Improvisations-Noise Duo Tumido von Christian Gratt & Bernhard Breuer, das zwischen Noise, Freejazz und Metal changierende Kollektiv Nitro Mahalia von Ralf Traunsteiner, der bereits genannte Broken.Heart.Collector, das Impro-mit-hart-Duo Philip Quehenberger & DDkern, die mit Futurismus, Witz und  Lust am Experiment und an der Performance ausgestattete Gruppierung NI (wiederum von Christian Gratt) und das Elektronikduo Regolith von Christian Zollner und Labelbetreiber Richard Herbst. Damit offenbar nicht genug, hat Herbst noch ein zusätzliches Label ins Leben gerufen, und zwar die Dilemma Records. Eigenheit der Dilemma-Veröffentlichungen ist es, dass es sich erstens um Vinyl und zweitens nur auf einer Plattenseite bespieltes handelt. Unter den bislang sieben einseitigen Platten befinden sich als österreichische Artists der Linzer Elektronik- und Medienkünstler Markus Decker sowie die Psychedelik-Noise-Band Metalycée von Nik Hummer (Synthesizer), Melita Jurisic (Vocals), Armin Steiner (Synthesizer), Matija Schellander (Bass) und Bernhard Breuer (Schlagzeug).

Aus Linz bzw. aus Ottensheim, dem gallischen Dorf mit eine Vielzahl an artistischen Freischärlern und alljährlich Austragungsort eines grundsympathischen Openairs, kommen die zach records. Sie werden von einem Kollektiv betrieben, das mehrheitlich selbst Musik macht; eine Selbstermächtigungsinitiative sohin, die auf eine wechselhafte Geschichte zurückblickt, ihre Aktivitäten ständig hinterfragt bzw. diskutiert. Wichtige zach-records stammen von Bands wie Delilah (Blumenschein/Huemer/Merzinger), Tumido (Gratt/Breuer), dem experimentellen Kontrabassisten Manfred Hofer, der Impro/Jazz-Community Braaz und Christian „Gigi“ Gratts Performance-intensiver Little-Bigband Gigi’s Gogos.

Bevor wir uns langsam aber sicher der Bundeshauptstadt nähern, genehmigen wir uns noch einen kurzen Schwenk in den Westen, verharren kurz in Salzburg, wo das Jazzit-Team die Jazzit CD-Edition gründete, um darauf lokale und regionale Jazzmusikanten unter die Arme zu greifen, und verweisen auf col legno, wo sich fast alles um Klassik und Neue Musik dreht (z.B. tolle Produktionen der Musik von Wolfgang Mitterer) und, nicht zu vergessen, Hannes Löschels Projekt Exit Eden, das auf „Songs of Innocence“ Musik zu Texten von William Blake generiert. Von hier wenden wir uns nach Tirol, genauer in die Alte Gerberei der Musik Kultur St. Johann. Dort betreibt der primus inter pares Hans Oberlechner seit Kurzem so nebenbei das Unternehmen Idyllic Noise. Eine Handvoll Silberlinge ist bis dato entstanden, einer davon, „Terrain“, kommt vom Trio VLP von Pia Palme (Subbassflöte, Elektronik), Electric Indigo (Synthesizer) und Jorge Sanchez-Chiong (Turntables), live mitgeschnitten beim eigenen Festival artacts, ebenso wie das CD-Debüt des frei assoziierenden Trios Badminton von Wolfgang Mitterer (Keyboards), Josef Klammer (Drums, Elektronik) und Gitarrist Martin Philadelphy; ein Aufeinandertreffen des multistilistischen Saxofonisten und Komponisten Max Nagl mit Freunden und The Seinehonsingers auf „Blattl-Lieder“ – und die CD „Greifer“ des expterimentierfreudigen St. Johanner Zitherspielers und Komponisten Martin Mallaun (mit den InstrumentalkollegInnen Reinhilde Gamper und Leopold Hurt) sowie zwei Compilations jugendlicher Rockbands aus der Umgebung unter dem Titel „Asphalt!“.

Wien also. Als Label wie als Vertrieb am längsten aktiv, seit einigen Jahren mit einem eigenen Geschäft am Währinger Gürtel, ist Harald Quendlers Extraplatte samt „Extraladen“. Aus den schier unzähligen Veröffentlichungen aus den drei Epizentren Jazz, Klassik und World Music seien aus jüngerer Vergangenheit zuallererst zwei Alben genannt, die mit dem bereits genannten, unverwechselbaren, immer originellen Saxofonisten Max Nagl zu tun haben, der neben seinen Jazzmusiken auch Super8-Filme fabriziert sowie eine Kinderoper („Camilo Chamäleon“) und sogar eine Operette („Der Siebte Himmel in Vierteln“) auf dem Kerbholz hat. Von ihm erschien sowohl der Livemitschnitt des Max Nagl Ensembles „Live at Porgy & Bess“ als auch ein Dokument seiner Zusammenarbeit mit dem von ihm verehrten, Stil bildenden, im Frühjahr 2012 verstorbenen britischen Saxofonisten Lol Coxhill, pragmatisch „Mag Nagl feat. Lol Coxhill“ betitelt. Außerdem interessant: die Soloplatte „Away for a While“ der unvoreingenommen zu Werke gehenden Harfenistin Monika Stadler.

Die zweite Wiener Plattenfirma, auch einen Vertrieb organisiert und mit einem eigenem Laden vertreten ist, sind die Trost Records von Konstantin Drobil und dessen „Substance“ in der Westbahnstraße. Hier werden vorwiegend Rock- und Noisebands österreichischer Provenienz herausgebracht, etwa, um nur zwei Beispiele zu nennen, Bulbul und Porn To Hula. Christina Nemec, die sich als Elektronikerin chra nennt, hat unter dem Trost-Dach das dezidiert queer-feministische Label comfortzone  ins Leben gerufen, wo neben internationalen ProtagonistInnen wie den Kumbia Queers oder Mika Vainio auch markante Alben von Cherry Sunkist („OK Universe“ und „Projection Screens“), die unter dem bürgerlichen Namen Karin Fisslthaler Bildende Kunst und Filme fabriziert, und von Crazy Bitch in a Cave („Particles“) produziert wurden, in beiden Fälle also Elektropop, der inhaltlich und in seiner Performance gegen Gendernormierungen mobil macht. – Damit nicht genug, besitzt Drobil selbst die Kühnheit, noch ein zusätzliches  Unternehmen zu starten: Cien Fuegos hat bis dato zwei Duftmarken auf 180-Gramm-Vinyl gelegt, einerseits Wiederveröffentlichungen vergriffener Platten des Freejazz-Giganten Peter Brötzmann, andererseits ebenfalls nicht mehr erhältlich gewesene Blüten österreichischer Popmusik jenseits der abgeschmackten Marke Austropop, beginnend bei der Band Chuzpe („1000 Takte Tanz“) und dem Hotel Morphila Orchester („Schwarze Energie“) des Medienkunstmultiaktivisten Peter Weibel.

Kommen wir an dieser Stelle zu erheblich stilleren Brütern als den zuletzt genannten. Einige Produktionen an der untersten Wahrnehmungsgrenze gehen auf das Konto der non visual objects, kurz nv° von Heribert Friedl und Raphael Moser. Ihre CDs in unverkennbarem Design propagieren internationale Ausformungen des Klangminimalismus, an dem auch österreichische Künstler wie Tim Blechmann, Bernhard Günther oder Heribert Friedl selbst teilhaben. In ähnliches Fahrwasser begibt sich das Label Durian, das u.a. von den beiden Kontrabassisten Werner Dafeldecker und Uli Fussenegger betrieben wird, seinen Aktivitäten einen langsameren Veröffentlichungsrhythmus verpasste und zuletzt mit zwei Produktionen wieder auf sich aufmerksam machte, an denen der Komponist Bernhard Lang beteiligt ist: „Schrift/Differenz“ mit dem Trio Amos als Interpreten und „Abbastanza Basso“, auf dem Uli Fussenegger und die Sopranistin Tora Augestad Kompositionen von Fussenegger, Lang, Beat Furrer, Kiawasch Saheb-Nassagh und Giacinto Scelsi verwirklichen.  

Einem gemäßigten Publikationstempo verschreibt sich auch Michaela Schwentner, die als Film-, Video- und Visuals-Künstlerin unter dem Namen jade firmiert, auf ihren mosz records. Sie lässt sich in ihrer Labelpolitik von keinen stilistischen Normierungen einengen und machte sich um die Veröffentlichung internationaler Größen, wie Pan American oder Denseland, ebenso verdient wie um die Herausgabe hervorragender österreichischer Musiken an der Schwelle zwischen allem bisher Bestehenden: um „No Need To Be Lonesome“ des Wall-of-Sounds-Gestalters Martin Siewert, um „Old Girl, Old Boy“ des Duos Rdeca Raketa von Maja Osojnik und Matija Schellander, um „Bestiario“, die Soloarbeit der Subbassflötistin und harschen Elektronikerin Angélica Castelló, aber auch um die DVD „Lebensfrische“ der Brachialperformer Fuckhead, um „Another White Album“ der weiter oben bereits genannten Psychedelik-Noise-Mischkulanz von Metalycée – und nicht zuletzt und kommerziell wohl am erfolgreichsten: „Rettet die Wale“ der solitären Erscheinung Gustav. Saxofonist Boris Hauf, Elektronik-Berserker Peter Rehberg und die Kapital Band 1 sind weitere Soundartisten, die auf mosz records eine kongeniale Plattform gefunden haben.

Schräg-Unterhaltsames wie Die Strottern findet sich auf cracked anegg von Sharon Anegg und Oliver Steger, daneben aber auch das erstaunliche „A word to be sufficient“-Album des EKG-Ensembles von Oskar Aichinger (Klavier), Susanna Heilmayr (Stimme, Viola), Achim Tang (Kontrabass) und Burkhard Stangl (Gitarre). Einen besonders bleibenden Eindruck hinterlässt der Gitarrist und Komponist Burkhard Stangl auf dem Label Loewenhertz des Klavierspielers, Keyboarders und „Soundgrube“-Veranstalters Hannes Löschel. Hier erschien 2011 Stangls Aufsehen erregende 3-CD-Box „Hommage à moi“. Weitere Großtaten Löschels sind – nur auszugsweise – die international außerordentlich   reputierte „Gomberg“-Platte des (Viertelton-)Trompeters Franz Hautzinger, der für die darauf befindliche, revolutionäre Spielweise eine eigene Kunstfigur erschuf; die Soloplatte „Songs“ der superben, gegenwärtig in Luxemburg wohnhaften  Metall-und-Schrott-Perkussionistin Elisabeth Flunger; die CD+DVD-Box „Travel Alert“ von Josef Novotny, quasi eine Retrospektive seiner jüngsten Klangarbeiten für Orgel, Keyboards und Elektronik; und die Reihe „Film ist. Musik“, die sich diversen bzw. diversitären Tonspuren zu Filmen von Gustav Deutsch widmet (u.a. von Martin Siewert, Josef Novotny und Burkhard Stangl). Bemerkenswert stellt sich auch die Produktionsschiene der valeot records des Cellisten und Elektronikers Alexandr Vatagin dar. Bands aus dem innovativen Postrock-Umfeld, wie etwa Tupolev, Port-Royal oder Slon, haben hier ebenso einen Heimathafen gefunden wie der Elektroniker Kutin, der Free-Folk-Musiker Werner Kitzmüller oder Vatagin selbst.

Nicht unerwähnt sollen die Firmen seayou records von Ilias Dahimène und konkord records von Wolfgang Reitter und seinem Team, die regelmäßig Pop-Perlen (wie A Thousand Fuegos, Japanther, Laokoongruppe, Kmet, Hans Platzgumer, Mopedrock) an die Oberfläche befördern, während sich aus der gleichnamigen Selbsthilfegruppe die Jazzwerkstatt Records formiert haben (z.B. Kelomat, Studio Dan) und, wie auch das nagelneue Label Listen Closely des Saxofonisten Werner Zangerle, neue Tendenzen des Jazz auf ihre Fahnen heften. Vor allem in Sachen moderner HipHop setzen die Wire Globe Recordings rund um Markus Steinkellner neue Maßstäbe (Beispiel: Jakuzi’s Attempt), schrecken aber auch vor den Härtegraden des oben genannten Slobodan Kajkut nicht zurück. Ein mutiges Unterfangen, das sie mit den Noise Appeal Records verbindet, die als Kooperationspartner bereits genannt wurden. Die Initiative von Dominik Uhl und Peter Balon blickt dieser Tage auf ihr zehnjähriges Bestandsjubiläum zurück und propagiert u.a. das Schaffen von Ensembles wie Reflector, Sex On The Beach, The Striggles „27“, aber auch Hans Platzgumers US-Band H.P. Zinker.

Wenn wir einen Blick aus dem heimischen Fenster hinaus in die weite Welt wagen, erkennen wir zum Beispiel – sozusagen exemplarisch für Musik aus Österreich, die im Ausland produziert wird – die Moskauer Mikroton Recordings von Vladimir Kudryavtsev. Hier erscheinen u.a. Arbeiten von Christof Kurzmann und dieb13, dessen Server klingt.org, eine online-Plattform vieler herausragender ProponentInnen der zeitgenössischen Szene, mit einer 2-CD-Box-Compilation vertreten ist.

Fazit: Die improvisierte, experimentelle und sonstwie avancierte Soundproduktion in diesem Land blüht auf und damit auch das sie an die Öffentlichkeit bringende Labelwesen. Und zwar nicht wegen, sondern trotz ihres gesellschaftlichen Stellenwerts und der halbherzigen öffentlichen Unterstützung – immerhin können etliche davon auf den SKE Fonds der austro mechana und auf Initiativen wie das mica – music austria bauen oder auch auf die Sendepräsenz auf den ORF-Radiosender Ö1, sporadisch auch von diversen freien Radio- und Fernsehstationen. Umso mehr gilt es, die verheerend sich auswirkenden Finanzkürzungen seitens der bundes- und landesweiten Kulturpolitik aufs Schärfste und gut organisiert zu bekämpfen.
Andreas Fellinger

Foto 1: http://www.myspace.com/slobodankajkut
Foto Rdeča Raketa: zoe*fotografie
Foto Angélica Castelló: David Murobi
Foto Flugfeld: Stephan Sperlich
Foto Electric Indigo: Bernd Preiml
Foto Crazy Bitch In A Cave: Ute Hölzl
Foto Gustav: Thomas Degen
Foto Studio Dan: Ditz Fejer