Bild Those Goddamn Hippies
Those Goddamn Hippies Nicola von Leffern

Sound zur Zeit – THOSE GODDAMN HIPPIES im mica-Porträt

Ob ein in den Raum gestellter Vorwurf Andersdenkender gegenüber der Bandmentalität oder ein Kokettieren mit altbackenen Hippies: Hinter der ersten erzwungenen Fassadenaufmerksamkeit erwarten einen die cleveren THOSE GODDAMN HIPPIES mit modernen und intensiven Sounds.

Der britische Wahlwiener und Kopf hinter Those Goddamn Hippies, Tom Marsh, hat eine dieser authentischen und kraftvollen Stimmen, die einem im richtigen Moment unter die Haut gehen. Das Herzblut, das er in den Gesang legt, in Verbindung mit Texten, die sich munter auf eigene Lebenssituationen ummünzen lassen, konnte bereits ein ansehnliches Publikum in seinen Bann ziehen und dürfte das in Zukunft noch vermehrt tun.

Im Mai veröffentlichte das durch David Leisser und Mike Seidl insbesondere live zum Trio gewachsene Projekt eine nach der Band benannte EP (61 Seconds Records), auf der ein eleganter Stilmix aus akustischen und elektronischen Elementen bzw. Singer-Songwriter-Attitüde und leicht verdaulichen Beats geboten wird. Es ist ein sehr moderner Sound, der sich aus einer milden Portion Indie-Gitarren, beinahe funkigem E-Bass und prägenden Synthesizer-Sounds zusammensetzt. Bei einem Bandleader, der ehemals unter anderem lange Zeit als Schlagzeuger mit IAMX tourte, verwundert es nicht weiter, dass ein detailverliebtes akustisches Schlagzeugspiel gekonnt mit fein produzierten Beats verwoben wird oder sich damit abwechselt. Wenn man den Mut aufbringt, so viel von sich selbst und seiner Melancholie über seine Stimme preiszugeben, kommt der Schritt vom hinteren Teil der Bühne ins Rampenlicht auch nicht allzu überraschend.

Leidenschaftlicher Tanz, exakt gestutzte Bärte

Those Goddamn Hippies bestechen auch mit einem hohen Ausmaß an Professionalität in allen Belangen, was bis zu einem gewissen Grad sicherlich der lebensbestimmenden musikalischen Vergangenheit von Tom Marsh geschuldet ist. Das beginnt bei der lupenreinen audiotechnischen Produktion der EP, die geradezu FM4 skandiert, und zeigt sich noch deutlicher in dem beeindruckenden Video zur Single „Drift“: höchst leidenschaftlicher Tanz in Morgengrauen-Lagerhallen-Ästhetik und eine Armada an feschen jungen Leuten, die mit exakt gestutzten Bärten und funkelnden Augen eine neu gefundene Freiheit besingen. Diese Zutaten liefern das visuelle Wohl zu einem sehr gelungenen Track, der gerade in dieser Kombination für so manche Gänsehaut sorgen dürfte. Vergleiche mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zu ziehen, fällt trotz der Bekanntheit verwendeter musikalischer Elemente schwer, da diese durchaus erfrischend miteinander verbunden werden.

Emotion tropft in jedem Fall aus jeder Pore der Goddamn Hippies und die Stimmung bewegt sich an dieser magischen Bruchlinie zwischen Alles-mit-ein-bisschen-kritischem-Vorbehalt-Sehen und Doch-noch-genügend-Hoffnung-in-sich-Tragen. Alle Zeichen stehen auf Publikumszuspruch und nicht zuletzt die tüftlerische Akribie und Professionalität des gesamten Auftritts der Band haben bisher schon zu wohlwollendem Feedback und Tourneen in Europa geführt. Auf die EP dürfte demnächst ein Album folgen und für Those Goddamn Hippies Tür und Tor noch weiter öffnen. Vor allem, weil man in vielerlei Hinsicht nahe am Zeitgeist der modernen Mittzwanziger agiert, die letzten Endes vielleicht die neuen Hippies sind.

Sebastian J. Götzendorfer

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