Soap&Skin (c) Poly Maria

SOAP&SKIN – „From Gas to Solid/You Are My Friend”

Die österreichische Musikerin und Produzentin ANJA PLASCHG, besser bekannt als SOAP&SKIN, hat mit „From Gas to Solid/You Are My Friend“ (Play It Again Sam/Rough Trade) nach sechs Jahren wieder ein Album herausgebracht. Dass dieses nicht hinter den Erwartungen zurückbleiben wird, war vielleicht schon vorab klar.

Was ist in der Schöpfung, wenn uns ein Gott zurückgelassen hätte zu bleiben, singt Soap&Skin. Ihr Album beginnt als Gas, in dem sich noch alles formt – ganz anders als die Geschichten, die man dazu lesen konnte. In „This Day“ ist keine Gelassenheit, kein Licht und keine Stimmung, die nach Aufbruch schmeckt. Nein. Der Song ist voller Zweifel. Er ahmt Whataboutism nach und spricht stattdessen von den großen Dingen, der Liebe, dem Hunger und einer Nation sogar, die bereit ist zu springen. Soap&Skin singt das nicht als Anklage, sondern voll zarter Erschöpfung. Erst die allerletzten Töne formen ein Häufchen Hoffnung. Danach wird erst nichts besser, über kargem Klavier, Streichern und Pulsationen einer Trommel sind es quälende Worte, die in „Athom“ Empfängnis und Geburt andeuten. Gerade, als du es vermeiden wolltest, singt sie, hältst du es schon in der Hand. Soap&Skin ist meisterhaft in diesen Andeutungen. Und erst wie sie singt!

Als Teenager presste Soap&Skin die Worte noch so aus sich heraus, dass es weh tat. „Schmerzensfrau“ wurde sie genannt und „Sirene der Melancholie“. Sie musste neu singen lernen. Zwölf Jahre lang wollte ihr „Surrounded“ nicht gelingen, heute sitzen auch diese extremsten Töne. Dabei sind sie seltener geworden. Auf „Heal“, der ersten Single, überstrahlt die Stimme noch zweimal die getupften Synths. Die Furcht ist weg, trotz eines Bündels von Narben. Man sieht Schaum und Sand im Video, Blätter und Tiere, die sie zerlegen, man sieht den kleinen und den großen Kosmos. Die Welt verfestigt sich hier am Scheitel des Albums. Zuletzt liegt Soap&Skin wie ein Embryo in dieser Urlandschaft, die noch werden kann, die Kamera gleitet sachte von ihr in den Himmel.

Amore und Freundschaft? Die Narben, die Angst und die Welt sprechen dagegen.

From Gas To Solid / You Are My Friend Cover

Die Apokalypse fährt wenig später auf und eine Orgel wuchtet sich mit schweren Arpeggios aus ihren tiefsten Tiefen ins Leben. In „Falling“ stürzen Flöten nach unten, breite Synths stemmen sich dagegen, doch bald verrecken auch sie, dazu dröhnen schwere Trommeln – plötzlich bricht der Metal-Pathos völlig, für einen Augenblick klingt etwas nach Kindersendung auf einem Bauernhof, als würde sich die Welt melden: In der Kunst können blasse Menschen fünf Minuten vor Todesangst schreien, aber Anja, du hast jetzt eine Tochter.

Die Geschichte hört sich ja recht gut an, eine blutjunge Deathmentalistin wird zur Mutter guter Hoffnung. Es stimmt so nur nicht. Soap&Skin streckt zwar ihre Hand aus, die Klangfarben sind organischer, die Stimme ist klarer, „Italy“ ist ein Wiegenlied, wie es sanfter kaum erwartbar war – die Welt ist nur kein anderer Ort geworden. Wir drehen uns in der Nacht und werden vom Feuer verschlungen, lässt sie einen Chor im vorletzten Song auf Latein singen, als Palindrom ist es von vorn wie von hinten dasselbe, ganz gleich wie man sich wendet. Und selbst „What A Wonderful World“ verleiht sie am festen Schluss des Albums eine buchstäblich eigene Note. Die entscheidenden Worte aller Optimisten singt sie wie einen Seufzer, nicht wie im bekannten Original erwartungsvoll, sondern von oben nach unten sinkend, vor Liebe, vor Schmerz, vor Freunden, vor allem.

Stefan Niederwieser

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