Bild Kerosin95
Kerosin95 (c) Hanna Fasching

„So wie das Album nicht nur ein Sound ist, ist Kerosin auch nicht ein einziger Sound“ – KEROSIN95 im mica-Interview

KATHRIN KOLLERITSCH ist mittlerweile ein fixer Bestandteil der Österreichischen Musikszene. Nicht nur ist KATHRIN Teil der mit dem Impala Award ausgezeichneten Band MY UGLY CLEMENTINE, Kathrin hat auch mit dem Soloprojekt KEROSIN95 in den letzten Monaten für Aufmerksamkeit gesorgt. Am 19. März 2021 kommt nun das Debütalbum „Volume 1“. Itta Francesca Ivellio-Vellin sprach mit KEROSIN95 über politische Kämpfe, Persönlichkeitsspaltungen und Make-Up-Tutorials.

Wie hast du immer noch die Kraft zu kämpfen?

Kerosin95: Indem ich mir überlege, wie ich sie regelmäßig auftanken kann. Meinst du jetzt eh politische Kämpfe?

Ja, genau.

Kerosin95: Die Kämpfe müssen halt geführt werden. Ich kann entweder keine Nachrichten mehr lesen und mich in meinem Zimmer einsperren, oder sie führen. Also, ich versuch, nicht alle Kämpfe zu führen. Zum Beispiel Sexismus – da könnten sich auch mal die Cis-Dudes darum kümmern, damit ich nicht immer so viel kämpfen muss. Oder Homo- und Transfeindlichkeit, davon bin ich ja auch betroffen, da wär’s natürlich auch super, wenn endlich mal Cis- und Hetero-Menschen kämpfen. Es ist halt so, dass immer die Betroffenen die Kämpfe führen müssen, und die werden dann irgendwann alt und Schwammerl, und wenn wir alle – also wirklich alle – mal die Kämpfe führen würden, dann wär’s ja nicht so zach. Und es passiert halt ganz langsam, dass die Leute mal draufkommen, dass sie solidarisch sein könnten. Ich kann ja auch nicht sagen „Cool, ich bin weiß und muss mich deshalb nicht um Rassismus kümmern“, sondern muss auch dafür kämpfen. Und ja, Ressourcen auftanken am besten mit irgendwelchen anderen schönen Sachen.

Ja, was das Kämpfen angeht: Ich bin teilweise schon sehr enttäuscht von der Gesellschaft – vielleicht nicht unbedingt überrascht, aber definitiv enttäuscht.

Kerosin95: Das wird noch öfter so sein, glaub ich.

Vermutlich.

Kerosin95: Pausen einlegen ist wichtig. Wie man am besten mit politischen Kämpfen umgeht, ist eh voll schwierig zu sagen, kommt drauf an, was die Leute brauchen. Ich muss mich dann auch einfach distanzieren, damit ich die Energie wieder in andere Kämpfe stecken kann. Es gibt halt auch so viele Volltrottel überall.

Das stimmt.

Kerosin95: Müssen auch nicht einmal Volltrottel sein, sondern können auch Leute sein, die sich mit Sachen halt noch nicht so auseinandergesetzt haben. Da gibt’s schon einen Unterschied. So wie zum Beispiel mein Papa. Ich glaub, der ist ziemlich cool, also ich glaub, wenn ich ihm alles erklären würde – was ich nicht immer tu, weil ich auch anderes zu tun hab – dann würde er schon einiges verstehen, das traue ich ihm schon voll zu. Aber es gibt Leute, die sich über Sachen informiert haben, die sind schon dezidierte Volltrottel, weil die einfach nur transfeindlich sind.

Am Freitag kommt auf jeden Fall dein Album „Volume 1“! Aufgeregt?

Kerosin95: Voll! Ich war eben so abgelenkt von so viel Zeug in letzter Zeit und habe mich gar nicht so richtig darauf konzentrieren können. Aber in dieser Woche werde ich sicher anstoßen mit mir selbst mit einem Glas Sekt und ein bisschen feiern. Es war so viel Arbeit und durch so viele andere Sachen geht dann manchmal verloren, wieviel Arbeit und Liebe und Detail drinnen steckt. Und dass das jetzt veröffentlich wird, und jetzt die Leute sehen, das ist so arg. Ich hör’s ja schon die ganze Zeit. Ich glaub, wenn mir das dann auch so richtig bewusst wird, dann freu ich mich auch sehr.

Ich muss sagen, dass mich dieses Album schon sehr überrascht hat – vom Stil her. Es ist schon was anderes als die Singles, die du in der letzten Zeit veröffentlicht hast, wie zum Beispiel „Außen hart, innen flauschig“. Wie hat sich dieser Wandel jetzt vollzogen?

Kerosin95: Ich habe erstens mit ganz anderen Leuten zusammengearbeitet, und ich war zweitens in einer ganz anderen Phase und habe schon ganz andere Musik gemacht. Diese Singles, die da rausgekommen sind, die habe ich ja schon viel früher geschrieben und teilweise erst ein Jahr später veröffentlicht. In diesen ein bis zwei Jahren habe ich eigentlich schon was ganz anderes gemacht, aber das hat halt noch niemand gewusst. Ich war schon länger auf der Suche nach einem anderen Sound, mich haben schon längst andere Sachen interessiert und ich wollte das in ein Album packen, und da haben die alten Sachen einfach nicht drauf gepasst. Ich lass einfach die alten Singles da sein und es war auch voll schön, und jetzt öffne ich ein ganz neues Kapitel. Auch sound-mäßig, und eben auch mit ganz anderen Leuten. Ein ganz anderes Konzept und Design, ich probiere da ganz viel aus und mach eben so ein komplettes neues Projekt.

Sound-technisch ist das Album ja komplett gemixt. Da ist Poetry, 90er Ästhetik, Pop – teilweise gibt es Stellen, an denen ich an Nena denken muss, manchmal aber auch an Fiva. Hast du damit jetzt deinen – zumindest derzeitigen – Sound gefunden?

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Kerosin95 (c) Hanna Fasching

Kerosin95: Ja, also so wie das Album eben nicht nur ein Sound ist, ist Kerosin auch nicht ein einziger Sound, der sich durchzieht. Ich glaub, das Album war wirklich dazu da, jeder Geschichte, die ich erzählen will, eine Bühne zu geben. Und auf dieser Bühne passiert der Sound und so muss sie erzählt werden. Ich habe mir nicht am Anfang gedacht „Krass, da machen wir noch so eine 90s-Pop-Nummer rein und da machen wir einen krassen Trap-Hit und das wird dann voll oldschool sein“, sondern das Album ist einfach komplett ohne Konzept entstanden. Ich habe die Leute auch immer ganz spontan gefragt, ob sie Zeit haben, so einen Tag davor, weil ich ja mit verschiedenen Produzentinnen zusammengearbeitet hab. So sind die Songs entstanden. Also voll ein Kuddelmuddel. Aber trotzdem zieht sich ein roter Faden durch. Kerosin ist halt eben dieser Spielplatz. Sound-mäßig ist der rote Faden vielleicht nicht sichtbar, aber das muss er auch nicht. Ich habe mich auch irgendwann gefragt, ob’s einen roten Faden haben soll, sound-mäßig, so wie zum Beispiel das geilste Leyya-Album – weil ich habe das Gefühl, Leyya bringt das auf so eine geile Ebene, so einen eigenen Sound auf einem Album durchzuziehen, was ich was voll Schönes finde – aber gleichzeitig bin ich draufgekommen, dass es das auch nicht sein muss. Also dieser Faden kann ja wo anders sein, und bei mir ist das eher in den Inhalten, in den Geschichten. Das ist das Design, die Musik, das Artwork, die Videos, die Kostüme und die Performance und die Texte. Durch das ganze Projekt zieht sich der Faden durch. Und das zeichnet für mich Kerosin aus.

Das Album spiegelt ja die unterschiedlichsten, aber krassesten Emotionen wider, also da ist diese Wut, dieses Selbstbewusstsein, aber auch Trauer – alles sehr starke Emotionen. Meine Interpretation war, dass das eben Kerosins Welt als Ganzes darstellt.

Kerosin95: Ja genau, das ist es auch. Das habe ich auch vorher mit dem Spielplatz gemeint. Es ist einfach ein Ausschnitt der Welt, die Kerosin sein kann. Da gibt’s auch keinen Anfang und kein Ende, was ganz praktisch ist, weil ich einfach irgendwo beginnen kann, zu erzählen und nie aufhören – oder mir eben aussuchen, wo ich aufhöre. Mit jedem Song, der entsteht, wird das Projekt größer und bietet noch mehr Möglichkeiten, und das ist irgendwie schön. Ich muss mich da nicht begrenzen. Also, manchmal sind Grenzen in der Musik auch cool, also im Sinne von wo geh ich jetzt hin und wo hör ich jetzt auf, aber bei dem Album war es jetzt auch für mich ein mutigerer Schritt gewesen, dass ich sag, ich probiere mal, mich ein bissl aus dem Fenster zu lehnen. Und dann entsteht halt eine Platte, die nicht „Metapher für die Gefühle in diesem Album“ heißt, sondern „Volume 1“ – ist ja wurscht. Mir war ja wurscht, wie das jetzt heißt, ich wollt einfach sagen „Hey, schaut’s mal, ich hab eine Platte rausgebracht, die heißt halt irgendwie, zum Beispiel Platte Nummer 1, passt“.

Wie ist die Beziehung zwischen Kathrin und Kerosin? Ist das Projekt einfach ein Teil von dir, oder bist das du?

Kerosin95: Das will ich nicht so ganz verraten. Weil ich’s auch nicht genau weiß. Oder weiß ich’s? Ich weiß es nicht! [lacht] Ich find, das sollen sich die Leute einfach selber denken, das ist das lustige an dem Projekt. Also, dass es halt diese Figur gibt, und die heißt jetzt eben Kerosin95, und dann gibt’s Kathrin Kolleritsch – und was dazwischen passiert, kann halt immer alles oder gar nichts sein. Es kann das Schönste und das Zachste sein. Es kann voll lustig oder voll anstrengend sein. Aber das ändert sich auch ständig, und ich weiß es auch nicht.

Schöne Sache! Ich hatte mich nämlich schon öfter gefragt, inwiefern Kerosin und Kathrin eins sind.

Kerosin95: Sie sind auf jeden Fall friends! Vielleicht ist es auch eine Abspaltung meiner Persönlichkeit [lacht]. Ich wollte mich mit mir selbst auseinandersetzen und jetzt personifiziere ich das halt. Und dann bin das doch ich, oder nicht, oder hä, oder keine Ahnung – so irgendwie halt.

Man muss es ja auch nicht definieren.

Kerosin95: Voll. Das ist auch wieder diese Spielplatz-Metapher. Es ist sogar so ein Spielplatz, dass ich irgendwie meine Gefühle personifizieren kann.

Beim Pressetext über Kerosin95 ist auch der Spielplatz erwähnt – außerdem steht da „Kerosin ist Figur, Projekt und Performance“. Performance ist ein sehr belastetes, vieldeutiges Wort und kann eben eine Rolle sein, ein Act, setzt aber immer irgendwie eine Inszenierung voraus. Inwiefern ist das bei dir der Fall? Steht eine Inszenierung hinter Kerosin?

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Kerosin95 (c) Hanna Fasching

Kerosin95: Bei mir geht es mit dem Inszenieren vor allem darum, dass, wenn es mir wirklich schlecht geht, und ich meinen Job aber trotzdem machen will – und mein Job ist halt eben performen – dann muss ich irgendwie Party machen, Stimmung machen auf der Bühne – aber irgendwie auch nicht. Aber mit diesem Projekt funktioniert das sehr gut. Und dann macht’s mir auch mehr Spaß, weil die Songs halt auch sehr energievoll sind. Aber es ging mir zum Beispiel einmal echt schlecht und ich habe mir gedacht „Fuck, wie komm ich jetzt auf die Bühne“, und da kommt dann die Inszenierung ins Spiel, die das auch voll schön drehen kann. Da ziehe ich mir dann eben dieses Kostüm an, ich schminke mich jetzt irgendwie ganz anders, ich ziehe mich ganz anders an und inszeniere mich. Und dann habe ich eine Stunde vielleicht eine richtig geile Zeit, und danach geht’s mir vielleicht wieder scheiße. Aber in der einen Stunde habe ich was wirklich Schönes gemacht. Und somit ist es auch etwas voll Legitimes zu sagen, ich schlüpfe da jetzt in eine Rolle, wenn ich’s als Rolle nutzen will. Manchmal kann’s ja auch wirklich ich selber sein. Und manchmal kann’s eine Rolle sein, die mich aus einer Stimmung herausrettet. Und deswegen ist dieses Performative auch oft etwas sehr Gutes.

Performances sind auch etwas sehr Legitimes, finde ich, im Grunde performen wir ja alle die ganze Zeit. Sag, hast du es mittlerweile nicht ein bisschen satt, auf Gender reduziert zu werden?

Kerosin95: Ja. Ja, voll. Die Leute sollen mir halt auch mal Interviews zeigen, wo sie das mit den Cis-Boys machen. Dann können wir nochmal drüber reden. Aber zeigt’s mir zuerst 10 Interviews, in denen Cis-Boys dieselben Fragen gestellt werden. Vorher beantworte ich die Fragen auch nicht mehr, sondern sage einfach „nächste Frage“.

Fair enough! Dann mal was anderes: Wer ist Tina?

Kerosin95: Tina! [lacht] Ja, Tina – das ist die Mutter von einem Liebi von mir. Tina ist einfach cool, die hat so eine coole Stimme. Sie ist auch eine Schauspielerin in einem My Ugly Clementine-Video. In dem Video spricht sie aber nicht. Und sie ist eben voll cool und immer am Start für solche Sachen und sie hat diese schönen Youtube-Kommentare eingelesen für das Intro des Albums.

Ah, das sind Youtube-Kommentare! Ich hab mich schon ein bissl gefragt…

Kerosin95: … was Tina gegen mich hat? [lacht]

Ja, ein bisschen! Ganz toll finde ich ja den Kommentar „Warum hat sie einen Bart?“. Erinnert mich an das geniale Video, das du mal gemacht hast, das Make up-Tutorial, wie man so einen schönen Bart bekommt wie du.

Kerosin95: Ja, auch wenn das ein bissl ein ungutes Video geworden ist. Ich hab’s nämlich diskriminierenderweise für Leute gemacht, die schon ein bissl einen Flausch haben, was schade ist, weil es ja auch Leute gibt, die gar nichts haben, oder eben viel mehr. Das tut mir immer noch ein bissl leid, dass ich da nur diese eine Art und Weise aufgezeigt hab. Vielleicht kommen da noch Fortsetzungen.

Fände ich super!

Vielen Dank für das Interview!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

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