VIECH (c) Lucas Gerstgrasser
VIECH (c) Lucas Gerstgrasser

„So bleibt es irgendwie spannend, ob man wieder heimkommt“ – VIECH im mica-Interview

Das VIECH wird mit dem dritten Studioalbum „Heute Nacht nach Budapest“ Anfang April aus dem Stall am Kanal gelassen, um mit den zehn neuen Songs diverse Konzertbühnen abzugrasen. Höchste Zeit für Michael Franz Woels, um sich mit dem aktuellen Dreiergespann PAUL PLUT, CHRISTOPH LEDERHILGER und MARTINA STRANGER, die das VIECH in gemächlichem Tempo vor sich hertreiben, zu treffen, um in einem verrauchten Chinarestaurant-Hinterzimmer über artgerechte Haltung zu plaudern.

Die aktuelle Single heißt „Ich hab viele Fehler gemacht“. Das VIECH ist also nicht ganz fehlerfrei. Gab es in letzter Zeit spezielle Erlebnisse, die Ihnen in dieser Hinsicht passiert sind?

Christoph Lederhilger:
Mir fällt da ein spezielles Erlebnis mit meinem Schlagzeug ein. Ich bin nicht sehr strukturiert, was das angeht. Das heißt, es gibt überall kleine Defekte. Ich habe dieses leidige Problem, dass beim Schlagzeug-Hocker immer wieder einmal ein Fuß nachgibt. Während eines Songs bin ich – zum Glück von einer kleinen Bühne – hinten runtergefallen. Das Licht war grad so, dass man das nicht so bemerkt hat. Ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das wieder passiert.

Paul Plut: Ich habe mir vor ein paar Wochen ein Auto ausgeborgt, um nach Vorarlberg zu einem Konzert zu fahren. Wir haben uns für ein preiswertes, etwas rostiges Modell entschieden. Bei der Rückfahrt von Deutschland ist dann der Turbo ausgefallen und wir konnten nur mit 50 km/h fahren. Das war definitiv ein organisatorischer Fehler, sich so ein Auto auszuborgen. Jetzt nehmen wir immer mindestens das zweitbilligste.

Es wird Zeit für einen Tourbus?

Paul Plut: Ich finde das Ausborgen eigentlich okay. So bleibt es irgendwie spannend, ob man wieder heimkommt.

Martina Stranger: Ich mache eigentlich nur selten Fehler. Ich kann von einem Fast-Fauxpas erzählen: Einmal war ich als Bassistin beim Casting einer deutschen Schlagersängerin. Ich habe mich da gerade von meinem Freund getrennt und wusste nicht recht, wie es jetzt weitergeht. Das Angebot kam da ganz verlockend daher. Unter meinem echten Namen wollte ich natürlich nicht spielen. Ich habe mir überlegt, den Namen meines Ex-Freundes als Pseudonym zu verwenden. Aber dann kam Paul mit VIECH dazwischen. Das passt jetzt auch gut. Wobei, mit der Schlagerband hätte ich jetzt vermutlich einen Tourbus für die Reisen.

Es gibt bei VIECH eine neue Bandkonstellation und eine sehr reduzierte Instrumentierung. Ursprünglich haben ja Sie, Paul, auf sehr vielen Instrumenten gespielt: Akkordeon, Keyboard, Gitarre usw. Waren es logistische Überlegungen, die zur Gitarrenlastigkeit des aktuellen Albums beigetragen haben?

Paul Plut: Wir wollten es nicht komplizierter machen, als es eh schon ist. Ich habe ein paar Demos auf der Gitarre geschrieben, Christoph das Schlagzeug dazu gespielt. Später ist dann Martina als Livebassistin dazugestoßen. Warum ich in der Vergangenheit bei VIECH auch Akkordeon gespielt habe? Früher war ich ja als Sidekick bei Philipp Szalay von Farewell Dear Ghost mit dabei und habe dort Keyboard, zweite Gitarre oder Akkordeon gespielt. Bei VIECH war anfangs auch das Multi-Instrumentelle sehr spannend. Für dieses Album haben wir uns davon aber mal verabschiedet.

Christoph Lederhilger: Es ist halt wichtig, dass man auf das Gefühl hört, worauf man gerade Lust hat. Ich finde nichts langweiliger als Bands, die immer im Rahmen von gewissen Erwartungshaltungen bleiben.

Paul Plut: Wir wollten die Songs auf das Notwendigste herunterbrechen. Eine größere Instrumentierung verschleiert oft auch einen Song unnötig. Es ist jedenfalls einfach, einen schlechten Song mit einer sehr großen Instrumentierung besser klingen zu lassen.

Was haben Sie gehört, als das aktuelle Album entstanden ist?

Paul Plut: PJ Harvey, Black Rebel Motorcylce Club und Big Thief.

Christoph Lederhilger: Wenn ich Musik höre, dann ich Stoner Rock. Ich bin ein großer Fan von den Truckfighters und Fu Manchu. Die begleiten mich schon seit Jahren.

Und Sie, Martina, Sie kommen ja eher aus der Schlager-Ecke?

Martina Stranger: Nein, Schlager ist natürlich Schrott.

VIECH – Ich hab viele Fehler gemacht on Youtube

Wie haben Sie zusammengefunden?

Paul Plut: Martina ist aus demselben Ort wie ich. Christoph kenne ich von meinem Studium in Graz. Als Christoph und ich für das aktuelle Album auf der Suche nach einem Bassisten waren, habe ich Martina einfach in einer Pizzeria in unserem Ort angesprochen und sie hat gleich zugesagt.

Was hat sich an Ihrem Musikerdasein seit dem letzten Album geändert?

Paul Plut: Wie gesagt, Christoph und ich haben uns in Graz während des Studiums kennengelernt. Wir sind dann beide arbeitsbedingt nach Wien gezogen, ich habe anfangs noch als Volksschullehrer gearbeitet. Seit eineinhalb Jahren lebe ich ausschließlich von meiner Musik. Und markante Momente verbinde ich oft mit Proberäumen, da kann man sein eigenes Reich erschaffen. Früher waren wir neben so einer schwindligen Biker-Bar in Ottakring, heute sind wir in einem leer stehenden Versicherungsgebäude in Simmering.

War bei Ihnen, Martina, auch die Musik immer schon ein zentrales Element in Ihrem Leben?

Martina Stranger: Ja, eigentlich schon. Lustigerweise erinnere ich mich jetzt immer wieder daran, dass mein Gitarrenlehrer damals gesagt hat: „Du machst bestimmt einmal etwas mit Musik, was sollst denn sonst machen.“ „Stimmt“, habe ich mir gedacht. Am Ende habe ich dann Bass in Wien studiert.

Paul Plut [zitiert aus dem Song „Bartleby“]: „Jeder tut halt, was er kann …”

Paul, wie trennen Sie Ihre drei Projekte, das Singer-Songwriter-Projekt Paul Plut, die Blues-Rock-Gruppe Marta und die Band VIECH?

Paul Plut: Grundsätzlich denke ich sehr gerne in Albumabschnitten. Das ist ein gutes Format für mich. Ich bin mit diesen Albenthemen aufgewachsen. Songs funktionieren in einem Albumkontext ja ganz anders als ohne. Wenn ich da an „Desolation Row“ des „elektrischen“ Albums „Highway 61 Revisited“ von Bob Dylan denke, das ist ein siebenstrophiges Akustiklied, das in diesem Kontext umso mehr aus dem Rahmen fällt. Beim aktuellen Album von VIECH haben Christoph und ich uns im Vorfeld einen konzeptuellen Rahmen abgesteckt, was die Sounds und die Instrumente angeht. Das macht auch das Schreiben leichter. Das Schreiben von Gitarrenstücken und das Schreiben von Texten passieren unabhängig voneinander. Erst im nächsten Schritt schaue ich, wie ich sie zusammenfügen kann. Christoph ist unser Germanist vom Dienst. Er überarbeitet die Texte dann – oder schnalzt sie mir gleich wieder zurück auf den Tisch.

Christoph Lederhilger: Ich bin ja auch Werbetexter, das ist ein ganz anderer Zugang zu Texten. Mir fällt es dann leichter, gewisse Ideen zu konkretisieren.

Das Bandprojekt Marta gibt es ja auch noch in Ihrem Musikerleben. Die Website suggeriert eine Albumtrilogie: Nach den beiden Alben „warships“ und „spaceships“ wird für nächstes Jahr das Album „shipwrecks“ angekündigt.

Paul Plut: Marta war immer ein bisschen so eine On-off-Beziehung. Kommt eben immer drauf an, wann ich und der Drummer Günther Paulitsch Zeit haben, der ist ja auch ein viel beschäftigter Mann [Lili, Mynth, Stereoface; Anm.] Es gibt jedenfalls schon ein paar Songs, aber das hat jetzt noch Zeit.

Kommen wir zurück zum aktuellen VIECH-Album „Heute Nacht nach Budapest“. Wie kam es zu dieser doch eher posteuphorischen, bilanzierenden Sichtweise in vielen Songs?

Paul Plut: Irgendwer hat mal gesagt, man solle alle wichtigen Entscheidungen im Katerzustand treffen. Blinde Euphorie lassen wir uns diesmal sicher nicht nachsagen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

VIECH live:
13. April 2018: Sargfabrik, Wien
19. April 2018: Unter Deck, München
20. April 2018: Orpheum, Graz
21. April 2018: Kulturhofkeller, Villach

Links:
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