SILENT SIDES – „Lass es aussa – Gemma‘s an“

…bringt auf den Punkt, was viele hinnehmen. Der von Wien geprägte Tiroler Alex Folterbauer (Frontmann der SILENT SIDES) greift in seiner neuen CD auch heiße Themen wie Ausgrenzung und Anfeindung auf und nimmt Stellung. Womit ginge das musikalisch besser als mit den Mitteln des Blues?

Mit seiner rauen Stimme singt sich der Bassist, Bandleader und Texter von der Seele, was ihn berührt und aufregt. Da darf das Thema Nummer eins natürlich auch nicht fehlen: die Liebe. Vom Verlassenwerden handelt gleich der erste Track „Oa vergessene Spur“, die man auch in Pianoversion am Ende des Tonträgers als Reprise findet. Für das Nicht-vergessen-Sein ist also doppelt gesorgt.  Die Keyboarderin und Duopartnerin Gabriele Voigt liefert kontrastierende Stimmsounds besonders in diesem Stück und schmiegt sich gern in Oktaven und mit Phrasierungsgirlanden um die Melodie, was vor allem in der Schlussversion für eine schöne balladige Atmosphere sorgt. Zum Ensemble gehören Schlagzeuger David Stampfer und an der Gitarre Rainer Grandtner. Mit vorwiegend Dialektsongs (Tiroler Umgangssprache), Standarddeutsch wie auch einzelnen englisch betexteten Nummern bewegt sich die Band auf ihrem aktuellen Album im Bereich Blues, Pop und Rock.

Magic Slim-Tribute: Fotzhobelfills neben Violinensounds

Dem voriges Jahr verstorbenen ehrwürdigen Singersongwriter und West Side Chicago Blues-Gitarristen Morris Holt alias Magic Slim und seiner Formation ist der Song „Teardrops – Für an Moment no a Mal“ gewidmet und präsentiert sich stilsicher und gitarrenschwanger samt Solo in Ray-Charles Tempo (erdig, satzig, voll, v. a. spannungsgeladen langsam). In diese Kerbe schlägt auch anfangs der elfte der zwölf Tracks mit seinen Fotzhobelfills, wendet sich dann dem Pop zu, swingt kurz auf und kehrt zu den Roots zurück. Auch hier wird sich inbrünstig wegsoliert, Violinensounds kreuzen den Weg und wieder dreht sich der Stile-Wind. Ist schräg, hat was.

Von der Kälte in Tirol – auch der sozialen

„A Gschicht vom Meer“ befasst sich mit dem Dreck, den die Menschheit in den Ozeanen entsorgt, „Koa Platz“ mit Außenseitern der Gesellschaft, „S’Wasser bis zum Hois“ thematisiert u. a. AusländerInnenhetze und wenn andere Bands den Sommer besingen, ist in Tirol die Kälte unausweichlich das ganze Jahr, oft auch die soziale. Die Nummer „Silence“ hingegen experimentiert mit unterschiedlichen Taktlängen, Sprechgesängen, Melodien und Klangbildern. Dass der Neid nicht nur in Wien viel schneller gedeiht, besingt der Titel „Unsichtbar“ und will mit der Zeile „Arm sein is ka Schand“ dazu auffordern, sich das Wegschauen wieder abzugewöhnen. Möge die Übung gelingen, auch abseits von Weihnachtsduselei, wo pfadfinderisch manch müder Pfenning stolz für‘s saubere Gewissen locker gemacht wird.

Die Band Silent Sides aus dem Land mit den schönen Bergen ist sich zu Schade für oberflächlichen „Schmus“ und verpackt jede Menge tagesaktueller Inlandsthemen in ihrem neuen Tonträger. Von solchen Songs kann es nie genug gebe. „Lass alles aussa – gemma’s an“ erinnert, dass uns der Begriff ‚attitude‘ mehr als ein Fremdwort sein sollte.

Alexandra Leitner

http://www.silentsides.at/