shut up and listen! 2020 - Flyer: Foto (c) Noémi Kiss

shut up and listen! – Nothing is real

Unter dem Motto „Nothing is real“ geht es in der fünfzehnten Ausgabe von shut up and listen! (2. bis 6. Juni 2021, echoraum, Wien) um Visionen und Illusionen, um rekonstruierte Instrumente und unhörbare Klangwelten sowie um Reisen in Vergangenheit und Zukunft. Auch wird John Lennon gedacht, dessen Todestag sich am 8. Dezember 2020 zum vierzigsten Mal jährte. Dass gerade diese Festivalausgabe aufgrund der Covid-19-Verordnungen auf Juni 2021 verschoben werden musste, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. An fünf Tagen finden Konzerte, Performances, Vorträge und eine Lesung statt. Die begleitende Ausstellung inkludiert eine Klanginstallation, Medienkunst, eine Teppicharbeit und Skulpturen, darüber hinaus stehen zwei Kurzfilme auf dem Programm. Den Abschluss bildet ein Hörraum sowie, falls möglich, der traditionelle Festivalbrunch.

Als diese Festivalausgabe im Oktober 2019 konzipiert wurde, wurde mit Blick auf das kommende Lennon-Gedenkjahr zunächst das Motto „Imagine“ gewählt. Gut eineinhalb Jahre und eine Festivalverschiebung später leben wir in einer Dystopie, so scheint‘s. Anstelle von resignativer Abschottung wollen wir den gegenwärtigen Herausforderungen mit Heiterkeit und Ironie begegnen (und weiterarbeiten, sobald es geht). Dieser atmosphärischen Umpolung wird mit „Nothing is real“ Rechnung getragen. Lennons Ermordung am 8. Dezember 1980 fiel absurderweise mit seinem musikalischen Comeback zusammen, das zahlreiche Zukunftspläne beinhaltete und von einer erwartungsvollen Aufbruchsstimmung geprägt war. Mit „Nothing is real“, einem Zitat aus dem Beatles-Song „Strawberry fields forever“, wird somit auch die Endlichkeit der menschlichen Existenz thematisiert.

Bild Chesterfield
Chesterfield (c) Oliver Hangl

Thomas Grill und Thomas Lehn (Elektroakustik & präpariertes Klavier) nehmen in der Performance Aggregationen auf den unablässigen Strom der Klänge und die Vergänglichkeit digitaler Audioformate Bezug. Hans Platzgumer liest aus seinem 2019 erschienenen Buch Willkommen in meiner Wirklichkeit!“, dessen Ausgangspunkt eine Anekdote John Lennons darstellt, und interpretiert den einen oder anderen Lennon-Song auf der Irish Bouzouki. Das Duo Chesterfield (Angélica Castelló & Burkhard Stangl) widmet sich in „Reel love“ dem klanglichen Potential von Lo-Fi-Tonbandaufnahmen.

In der musiktheatralischen Performance „Hibernation 0.9“ inszeniert Belma Bešlić-Gál einen interplanetaren Weltraumflug hibernierender menschlicher Passagiere und eines genetisch manipulierten Raumschiffkapitäns. Von der trügerischen Macht der subjektiven Erinnerung zeugt Mauro Hertigs ‚Stille-Post‘-Komposition „Ein Lied geht um die Welt“, welche in einer von der Lennon-Komposition Strawberry fields forever“ inspirierten, weltumspannenden Neufassung realisiert wird. „Imagine there’s no heaven“  Nava Hemyari wagt mit ihrem Kurzfilm Friedhofserzählungen“ einen unerwarteten Perspektivenwechsel. Ihre Komposition „Fetus, für Sopran und Violoncello“ ist ein Dialog zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind. Der Pianist Jaime Wolfson interpretiert Alvin Luciers Komposition Nothing Is Real (Strawberry Fields Forever)“, in welcher Melodiefragmente aus „Strawberry Fields“ anhand von Eigenresonanzen einer Teekanne gefiltert werden.

Bild Christoph Amann
Bild (c) Christoph Amann

Festivaltag 3 beginnt mit einer Auswahl der ältesten Audioaufzeichnungen der Welt, erstellt von Édouard-Léon Scott de Martinville zwischen 1853 und 1860, jedoch erst eineinhalb Jahrhunderte später, ab 2008, von einem amerikanischen Forscherteam hörbar gemacht. Christoph Amann gibt Einblicke in seine Suche nach dem perfekten Sound als Betreiber der Wiener Amann-Studios und präsentiert Audiobeispiele der letzten 25 Jahre. So wurde auch die Audio-CD „imaoto“ von Radu Malfatti und Klaus Filip bei Amann aufgenommen, in ihrer Duoperformance kombinieren die beiden ‚Meister des Nichts‘ Bassharmonika und Sinustöne. Die drei Herren von Kollegium Kalksburg geben mit ausgewählten Werken der Beatles sowie weiterem exquisiten Liedgut ihr Bestes.

Akustische Illusionen stehen im Zentrum einer Präsentation von Bernhard Gál, ergänzt von Evgenii Ж Ignashevs künstlerischer Auseinandersetzung mit otoakustischen Emissionen sowie Audiobeispielen der Musikpsychologin Diana Deutsch. Die Pianistin Isabel Ettenauer präsentiert Werke für Toy Piano, Spieluhr, Computer und Live-Elektronik von Karlheinz Essl. Das Ensemble Cantlon spielt Albin Paulus‘ Rekonstruktionen von Instrumenten aus der Eisenzeit, es erschallen Flöten, Leier, Maultrommel, Mundbogen, Perkussion, Rohrblattinstrumente und Winkelharfe.

Ursprünglich unhörbare Phänomene wie elektromagnetische Wellen oder Infra- und Ultraschallaufnahmen bilden den Ausgangspunkt von „The secret life of the inaudible“, einer Zusammenarbeit der Klangkünstlerinnen Christina Kubisch und Annea Lockwood, welche im diesjährigen Hörraum präsentiert wird.

Das begleitende Ausstellungsprogramm des Festivals beinhaltet Elisabeth Flungers Klanginstallation „Tinnitus-Szenen“, 12 Klangsituationen basierend auf Tinnitus-Erfahrungen betroffener Musikschaffender. In einer filmischen Hommage an brutalistische Architektur präsentiert Daniel Pabst mit einer Drohne gefilmte Bauwerke u.a. in Ljubljana, Split, Triest, Wien und Zagreb, begleitet von einem eigens komponierten Soundtrack. Die Salzburger Künstlerinnen- und Künstlergruppe gold extra transformiert in „Local Crisis Machine“ einen Glückspielautomaten in ein diskursives Forum zur europäischen Schuldenkrise. Mit „Carpeted Carpet Gems“ und „Stones – Heilsteine 2.0“ zeigen die bildenden Künstlerinnen Noémi Kiss und Sarah Steiner eine Auswahl ihrer höchst imaginativen Werke.

Infos zum Festivalprogramm

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Links:
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