Österreichische Orchester präsentieren ihre Musikvermittlungsprojekte

Sahne oder Joghurt: Anmerkungen von Annelie Gahl zur Interviewreihe „Situation der Neuen-Musik-Szene“

Auf Wunsch von WOLFGANG SEIERL erlaube ich mir ein paar Anmerkungen zu den Interviews, die er mit SABINA HANK, WOLFGANG NIESSNER, JAKOB GRUCHMANN, KLAUS AGER, HERMANN PESECKAS, STEPHAN MARIA KARL, STEFAN DAVID HUMMEL und GERHARD WIMBERGER geführt hat.

Da findet sich in allen Gesprächen das Thema „Mozart“ – der Inbegriff der Salzburger Hochkultur, oft liebevoll „unser Mozart“ genannt, als Komponist ganz sicher zu Unrecht Sinnbild für einen sich verkrustenden, isolierten Hochleistungskonzertbetrieb. Hier möchte ich einhaken und anmerken, dass eben gerade Mozart unsere frischen, erfrischten Ohren und ein auf höchstem Niveau kritisches Hinterfragen der Hörtraditionen braucht, damit seine substanzielle und zutiefst erstaunliche Musik auch immer wieder neu in (Er-)Staunen versetzt. Diesbezüglich leuchtendes Salzburger und internationales Vorbild ist das Hagen Quartett, das mit bis ins Kleinste durchdachter, kompromissloser Intensität genau diese Unmittelbarkeit erzeugt, die jede Musik zu „Neuer Musik“ macht und es schafft, unabhängig von Epoche und Ambiente ein Milieu zu erzeugen, in dem Kunst lebendig ist und ausstrahlt.

Reiche und treffende Assoziationen

Es wäre ein Verlust, ein solches Kind durch die (wirklich notwendige) Bemühung um den von Sabina Hank gewünschten Flow mit dem Bad auszuschütten.

Ich wünsche mir, dass – um der Neuen Musik in Salzburg Raum und Sauerstoff zu geben – „beide Seiten“ Interesse aneinander finden. Ich glaube zum Beispiel, dass die bloße Anwesenheit einer ausreichenden Anzahl von Studierenden und fortschrittlich gesinnten Musikerinnen und Musikern in den entsprechenden Konzerten auch die Veranstalterinnen und Veranstalter der etablierten Konzertreihen herausfordern würde.

Leider aber gibt es hier zu wenig Entgegenkommen: etwa erschwingliche Studenten- bzw. Musikertickets oder auch die Vor- und Nachbereitung „verpackter“ Neuer Musik – dies könnte übrigens zumindest ein kleines Aufgabenfeld für angehende Komponistinnen und Komponisten sein, wie es viele der Interviewpartnerinnen und -partner im Betrieb zu Recht vermissen.

Ich habe beobachten können, dass viele mit Neuer Musik nicht besonders vertraute Hörerinnen und Hörer, die behaupten, dass sie nichts davon verstünden, in Wahrheit häufig sehr reiche und treffende Assoziationen haben, wenn man mit ihnen genauer darüber spricht.

Um im wahrsten Sinn des Wortes „Neugier“ zu wecken, glaube ich, ist es wichtig, Räume, sogar ein „Milieu“ (Hermann Peseckas) zu öffnen, wo solch eine Kommunikation ohne Angst vor Beurteilung geschehen kann. Vielleicht haben einige Hörerinnen und Hörer ja sogar weniger mit Vorurteilen zu kämpfen als so manche Komponistin bzw. so mancher Komponist, der bzw. dem es schwerfällt, über die Grenzen des eigenen Geschmacks hinauszublicken.

In diesem Punkt liegen für mich die Äußerungen von Stephan Maria Karl und Gerhard Wimberger trotz unterschiedlichster ästhetischer Positionen überraschend nahe beieinander: Beide verwerfen mit erstaunlicher Leichtigkeit wertvollste Bestandteile der Geschichte der Neuen Musik. Während Ersterer substanzielle Werke der Vorkämpferinnen und Vorkämpfer verwirft, möchte Letzterer „sein“ Publikum am liebsten ausschließlich mit Sahne verwöhnen und vor schlimmem Neuen (potenziellem Joghurt) bewahren.  Mir persönlich erscheint es sowohl kompositorisch als auch gesellschaftlich mehr als unbedacht, ein Publikum, das (wie ich annehmen will) Kunst erleben möchte, derart zu unterfordern und ihm nur Altbekanntes mitzuteilen. In keiner Musikvermittlung mit Kindern, wie sie Sabina Hank beschreibt, könnte man mit diesem Ansatz die Aufmerksamkeit der Kinder gewinnen.

In meinen Augen offenbart sich gerade in dieser bestürzenden Aussage, wie „der Wunsch nach persönlicher künstlerischer Erfüllung über die soziale Verantwortung der Kunst“ siegt – da hilft auch die „heftige Heiterkeit“, mit der die Musik im Freundeskreis diskutiert wird, nicht viel.

Ganz im Gegensatz zu Herrn Wimberger denke ich, dass die Subventionierung der Neuen Musik ein selbstverständliches Anliegen eines Staates sein muss, der sich auch noch in späterer Zeit über seinen kulturellen „Output“ definieren möchte – das ist doch das, was eines Tages von unserer Zeit übrig bleiben wird.

Damit dieser Output gedeihen kann, braucht es Biotope, „Milieus“, in denen künstlerische Prozesse ohne sicheren Ausgang geschehen dürfen.

Das Kultivieren von „Joghurt“ ist mindestens ebenso lohnend ist wie das Aufschlagen von „Sahne“

Diese „Milieus“, von denen auch Hermann Peseckas spricht, sind in Salzburg kaum zu finden – die Hochkultur mit ihrem Anspruch auf Hochglanz hilft stimmungsmäßig sicher nicht – was weniger schlimm wäre, wenn die Politik verstünde, dass das Kultivieren von „Joghurt“ mindestens ebenso lohnend ist wie das Aufschlagen von „Sahne“. (Der Verzehr von Joghurt wirkt übrigens immunstabilisierend und erhöht angeblich die Lebenserwartung.) „Koloniebildende Bakterien“, also ermutigende Ansätze, finde ich wie alle Interviewpartnerinnen und -partner am Mozarteum, denn dort hat sich speziell im letzten Jahr durch das HRSM-Projekt „Werkstatt Akademie für Neue Musik“ viel getan.

Mögen die Studierenden Salzburg auch wieder verlassen, so geht es hier doch wesentlich um die Erzeugung eines Klimas, in dem die Begegnung mit Neuer Musik gedeihen kann und ihre brennende Aktualität spürbar wird. Ich halte es für sehr wichtig und lege auch als am Mozarteum Unterrichtende großen Wert darauf, dass sich Studierende eingehend und tiefgründig mit neuen Partituren auseinandersetzen – nur so können sie den angehenden Komponistinnen und Komponisten mit fundierter Anregung gegenübertreten.

Aus diesem Klima erwachsen im Glücksfall Ensemblegründungen wie die des jungen New Art and Music Ensemble Salzburg, das aus Studierenden des Mozarteums besteht und engagierte, lebendige Programme vor einem wachsenden Publikum vielfach an bislang nicht erschlossenen Konzertorten spielt – ein echter Anlass zur Hoffnung!

Begegnungsstätten wie das bekannte KomponistInnenforum Mittersill und die jüngeren Initiativen wie das INTERLAB-Festival, das Bureau du Grand Mot und das Festival Jazz & The City tragen mehr zur kulturellen Lebendigkeit Salzburgs bei, als vielen klar ist.

Es wäre wunderbar, das Publikum für die „Experimente“, von denen Hermann Peseckas spricht, wieder heranzubilden und besagte Dogmen aufzuweichen. Bakterienkulturen für dieses erfrischende Joghurt dürfen eingeschleppt werden und in dieser verhältnismäßig kleinen, aber kulturell so dicht besiedelten Stadt mutieren und weitertreiben, auch wenn nicht alles zu Sahnejoghurt wird.

Annelie Gahl

 

Interviews:
„Dieser Zustand eines Bettlerdaseins ist äußerst unwürdig“ – GERHARD WIMBERGER und STEFAN DAVID HUMMEL im mica-Interview
Gibt es eine Musikszene in Salzburg? – Sabina Hank und Wolfgang Niessner
„Ich glaube, das europäische Denken ist ganz wesentlich“ – KLAUS AGER und JAKOB GRUCHMANN im mica-Interview
Milieu und Vielfalt – HERMANN PESECKAS und STEPHAN MARIA KARL im mica-Interview