At The End Of The Tunnel (c) Zanshin Kuge

Raumdeutung im Kulturbetrieb

Wie geht es mit dem kulturellen Geschehen weiter, wenn die Pandemie weitestgehend unter Kontrolle ist oder gar mal für beendet erklärt wird? Und wie können sich die verschiedenen Akteurinnen und Akteure gemeinsam mit Kultureinrichtungen, Musikspielstätten und Clubs strukturell, organisatorisch und konzeptionell formieren? Beobachtungen, Vorschläge, Lösungsansätze und ein aufgespürter Lichtschalter mitten im Tunnel aus der Sicht des Labelbetreibers JAMAL HACHEM.

Ein rauer Wind weht durch das Land. Das ist eigentlich keine Besonderheit, zumal ausgeprägter Grant durchaus als Teil der österreichischen DNA bezeichnet werden kann. Doch dieser Wind ist irgendwie rauer als sonst. Ein pandemischer Sturm. Tagtäglich befeuert von staatlich großzügig geförderten Krawallmedien und toxisch aufbereiteter Häppchenkultur. Dazwischen all die Gruppierungen und Einzelkämpferinnen und -kämpfer – mit oder meistens ohne Lobby –, die sich Gehör verschaffen (wollen).

Verkürzung als untaugliches Mittel

Mittendrin, als eine dieser Fraktionen, ist das, was oftmals verkürzt wie nichtssagend als „Kulturszene“ bezeichnet wird. Es mutet absurd an, wenn ausgerechnet einem der vielseitigsten Gesellschaftszweige – in einer ohnehin pluralistischen Gesellschaft – dieses müde Etikett verpasst wird. Aber ein gemeinsamer Nenner lässt sich ja momentan dennoch schnell finden: diejenigen, die zuerst zusperren mussten und die zuletzt wieder aufsperren … könnten. Oder anders gesagt: diejenigen, die zusammen mit ihrem Publikum erst vor Kurzem im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit locker-flockig als „Kulturverliebte“ bezeichnet wurden. Tatsache ist (damit der Wiederholungseffekt auch in diesem Zusammenhang greifen kann): Der Kunst- und Kulturbereich in seiner Gesamtheit und mit all seinen Facetten ist eine der tragenden Säulen und einer der friedenssicherndsten Faktoren schlechthin in unserer Gesellschaft. Daher ist gerade jetzt, mitten in der Pandemie, eine Auseinandersetzung darüber, wie es vor allem für subkulturelle und nicht hochsubventionierte Unterfangen weitergehen kann, von essenzieller und existenzieller Bedeutung. Der Befund, „dass es jetzt ums Ganze geht“, ist wahrlich kein Alarmismus.

Zustandsbeschreibungen vor der Pandemie

Denn schon „vor Corona“ waren für viele Protagonistinnen und Protagonisten aus der sogenannten Kultur- und Kreativwirtschaft (seien das Musikerinnen/Musiker, unabhängige Veranstalterinnen/Veranstalter, Producerinnen/Producer, Technikerinnen/Techniker, Visualistinnen/Visualisten oder DJs) schon längst prekäre oder atypische Beschäftigungsverhältnisse keine Seltenheit. Damit verbunden der ständige Spagat zwischen professionellem Anspruch und Liebhaberei, Promotion und Selbstdarstellung, Selbstvertrauen und Selbstzweifel. On top ein Paradigmenwechsel, der Anfang der 2010er-Jahre verstärkt eingesetzt hat. Ein Verdrängungsprozess im Subkulturbiotop mitausgelöst von Veranstaltungsagenturen und Ticketingunternehmen, die sich nach und nach in Europa und Österreich ausgebreitet haben. Häufig mit Großkapital aus Deutschland „gestackt“. Logistik und Struktur inklusive. Die Mechanismen des Turbo- und Plattformkapitalismus, manche sprechen bereits von late capitalism, zeigen sich in unterschiedlichsten Aspekten. Die Auswirkungen für den verschachtelten Kulturorganismus (Sparte: Musik) sind dementsprechend spür- und erkennbar.

Die Konsequenzen der Verdrängung

Das beginnt bei lokalen Kollektiven und unabhängigen Veranstalterinnen und Veranstaltern, die beispielsweise mit immer höheren Basiskosten zu tun haben oder bei Bookings von Headliner Acts im mittleren bis unteren Gagensegment oft gar nicht mehr mithalten können. Vor allem dann, wenn diese besagten Agenturen in Packages buchen und Clubshows eigentlich primär als Werbeveranstaltungen für das eigene Sommerfestival dienen.

Aber auch einigermaßen etablierte heimische Bands und DJs sind von diesen Entwicklungen betroffen. Sie werden dann plötzlich von windigen Booking-Agentinnen und -Agenten für Support-Slots bei Sold-out-Shows internationaler Künstlerinnen und Künstler mit dreisten „Angeboten“ konfrontiert. Hier sind Gagen im Bereich zwischen 50 und 150 Euro die Realität. Davon muss aber oftmals auch noch die/der eigene Technikerin/Techniker und/oder Bookerin/Booker bezahlt werden. Dabei werden meistens die immer gleichen ausgebleichten Schablonen wie „Das ist deine Chance, dich einem großen Zielpublikum zu präsentieren” oder „Du bekommst dafür echt gute Promo” als angeblicher Mehrwert verkauft. Newcomerinnen und Newcomer bekommen in der Regel aber nicht einmal das. In diesem Zusammenhang ist der Verkauf von Support-Slots praktisch zum Standard geworden. Frei nach dem Motto: „Monetarisieren statt kuratieren“.

Im Fokus vor allem auch Kultureinrichtungen, Musikspielstätten und Clubs als unmittelbar Betroffene, die sich immer häufiger in Abhängigkeitsverhältnisse von Musikveranstaltungs- und Ticketingkonzernen begeben. Die Gründe dafür sind vielfältig und teilweise sogar auch nachvollziehbar. Doch diese Konstellation ist keine physikalische Gegebenheit. Und geht die Balance zwischen selbstständiger Programmierung und Vermietung der eigenen Räumlichkeiten verloren, verkommen diese eigentlich oftmals originären Plätze immer mehr zu seelenlosen und austauschbaren Empfangshallen. Das Resultat: Es werden kaum mehr eigene Formate und Konzepte entwickelt. Somit findet dann auch keine ernsthafte und direkte Förderung von Jugendkultur mehr statt. Es entsteht eine Schieflage. Vor allem dann, wenn die eigene Marketingstrategie mit dem gern verwendeten Indie- und Underground-Etikett betrieben wird.

Diese Entwicklungen gehen auch an vielen Besucherinnen und Besuchern nicht gänzlich spurlos vorbei. Denn weite Teile des Publikums haben ein feines Sensorium dafür, wenn ihr Lieblings-Act in einem lieblosen Setting platziert wird. Die besagten Agenturen stehen dabei ja nicht unbedingt im Verdacht, großen Wert auf dramaturgische Bögen zu legen. Die Venue ist ja bloß bis zu einer bestimmten Uhrzeit gebucht. Also Leute rein, Playlist starten, optional eine Vorband oder ein Local Hero, Hauptact spielt, Leute wieder raus. Vorher aber noch die Screens mit den 3-Tages-Pässen für das Festival im Sommer bespielen.

Szenarien nach der Pandemie

Agenturen dieser Ausprägung können als Teil des Kulturbetriebs stellenweise ja auch eine gute und sinnvolle Ergänzung sein. Zum Beispiel bei internationalen Künstlerinnen und Künstlern mit aufwendiger Logistik oder dort, wo kompliziertere Visa-Modalitäten anfallen. Doch ihr Einfluss, gerade im Indie- und Subkulturbereich, sollte aus guten Gründen spürbar reduziert werden. Denn in ihrer kapitalistischen Logik sind diese Firmenkonstruktionen letztendlich primär ihren Investorinnen und Investoren sowie Aktionärinnen und Aktionären verpflichtet. Eine Nivellierung nach unten bei Gagen für lokale KünstlerInnen wird nicht nur bloß in Kauf genommen, sondern auch aktiv forciert. Es sollten deswegen Modelle diskutiert und entwickelt werden, bei denen Mindeststandards geschaffen werden, die für alle gelten. Stichwort: Fair Pay. Der Einfluss solcher Firmenkonglomerate und deren Nachahmerinnen und Nachahmer sollte nach einer gemeinsamen und breiten Reflexion minimiert werden.

Denn „nach Corona“ werden vor allem Lokalitäten, die diese Pandemie überlebt haben und noch kein investorengetriebener playground sind, ein vulnerables Gebilde sein, das auf schnelles Geld angewiesen sein wird. Da die Big Player gerne mit Vorschuss-Systemen arbeiten und über ausreichend Rücklagen und Finanzkraft verfügen, ist die Gefahr besonders hoch, das in weiterer Folge die Abhängigkeitsverhältnisse exponentiell steigen. Es geht darum, diesen Zyklus endlich zu durchbrechen. Letztendlich geht es also um nichts weniger als um einen Strukturwandel. Es geht darum, die „Airbnbsierung“ der Indie- und Clubkultur zu bremsen und diese in weiterer Folge deutlich zurückzudrängen. Auch um eine bereits existente und sichtbare Zweiklassengesellschaft, die sich aufgrund der kapitalgetriebenen Auswüchse auf mehreren Ebenen zeigt, auszuhebeln.

Der Lichtschalter mitten im Tunnel

Die gute Nachricht: Es gibt jede Menge Lösungsansätze und Modelle, um die viel zitierte Phrase „Die Krise als Chance“ mit Sauerstoff zu füllen. Zuerst müssen lokale Szenen und deren Exponentinnen und Exponenten selbst aufstehen, sich lautstark artikulieren und dabei klar einfordern, Räume selbstständig zu gestalten. Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen können. Doch ein erster sinnvoller Schritt ist ohne Zweifel erst mal, Awareness in der eigenen Bubble – vom Superfan bis hin zur/zum semiinteressierten Beobachterin/Beobachter  – dafür zu schaffen, um eine inhaltliche Ebene zu vermitteln. Daraus soll im Idealfall ein öffentlicher Diskurs auf wesentlich breiterer Ebene entstehen. Das Resultat: Die unterschiedlichen Bubbles vernetzen sich miteinander. Dabei sollen Grundlagen geschaffen und selbstbewusste Positionen und Prinzipien formuliert werden, um gemeinsame Entscheidungen treffen zu können. Entscheidungen und auch rote Linien, die folglich zu mehr Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und reellen Perspektiven führen sollen.

Lokale Szenen gehören jedenfalls von jeglicher Seite entschlossen und direkt gefördert. Die wirtschaftliche Seite und die damit verbundene Wertschöpfungskette (Honorare, Tantiemen durch Live-Aufführungen, physische und digitale Verkaufserlöse, Merch etc.) sind dabei klarerweise auch ein wesentlicher Faktor, um besagte Perspektiven zu schaffen. Und es geht dabei vor allem auch um nachhaltige kulturelle Werte, die daraus entstehen. Denn lokale Keimzellen, Künstlerkollektive und lebendige Vertreterinnen und Vertreter einer Idee waren immer schon die Triebfeder und die tatsächlichen Entwicklerinnen und Entwickler von (pop-)kulturellen Bewegungen, Subgenres und Subkulturen.

Es ist vor allem die Jugend, der Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eingeräumt werden müssen. Auch um die psychische Gesundheit nach dem Höhepunkt der Krise zu stärken. Freiräume und eine große Unabhängigkeit sollten daher nicht bloß in schlauen Absichtserklärungen oder bildungsbürgerlichen Zirkeln verhandelt werden. Denn von innen erzeugte Identifikationspotenziale haben grundsätzlich eine sehr gute und wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, eine soziokulturelle Nachhaltigkeit zu entwickeln, als der Status quo. Die Schaffung tatsächlicher kultureller Werte sollte außerdem für alle Beteiligten auf lange Sicht mehr wirtschaftliche Substanz hervorrufen als künstlich erzeugte Marketingbubbles, die auf den schnellen Effekt aus sind und bloß einigen wenigen dienen.

Hier sind somit alle Player (Kunst- und Kulturschaffende vor und hinter den Kulissen, Institutionen, politische Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Journalistinnen und Journalisten) gefordert, ein beständiges und ernstgemeintes Denken und Handeln entlang der vorherrschenden Lebensrealitäten als Standard festzulegen. Mehr Inhalt, weniger PR. Eines darf abschließend nicht vergessen werden: Derzeitige Maßstäbe sind kein Naturgesetz. Es gibt Alternativen. Auch wenn das neoliberale Dogma stets das Gegenteil behauptet. Wir haben es selbst in der Hand. Wir müssen bloß den Lichtschalter selbst bedienen.

Jamal Hachem ist Gründer/Betreiber des Musiklabels Affine Records und Kulturarbeiter für diverse Kultureinrichtungen in Wien.

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