strings&noise (c) Julia Wesely

Programm und Provokation – SOPHIA GOIDINGER-KOCH und MAIKEN BEER (STRINGS&NOISE) im mica-Interview

Zwei junge Streicherinnen fanden 2015 zusammen, um als Duo strings&noise maßgefertigte Konzertprogramme für Violine und Violoncello zu erarbeiten und vorzustellen. Am 4. und 5. Mai 2018 sind SOPHIA GOIDINGER-KOCH und MAIKEN BEER das nächste Mal live zu erleben. Christian Heindl hat mit ihnen gesprochen.

Es drängt sich auf nach dem herausfordernden Namen des Ensembles zu fragen: Programm oder Provokation?

strings&noise: Für uns ist beides okay. Eigentlich leitet sich der Name von dem Stück „Two strings and noise“ von Peter Ablinger ab. Dieses dauert nur 30 Sekunden. Und weil es so kurz ist, spielen wir es sehr oft als Zugabe. Es ist also durchaus charakteristisch für uns.

Wann und wie kam es zu dieser Verbindung als ein Duo aus Violine und Violoncello, das sich vor allem Neuer Musik widmet?

strings&noise: Das Duo entstand 2015, aber wir hatten schon vor der Gründung ab etwa 2012 öfter Kontakt durch unsere gemeinsame Arbeit in Ensembles wie Studio Dan, bei dem wir auch im Kernensemble des Streichquartetts mitwirkten, Ensemble Platypus, The Blackpageorchestra und bei der JazzWerkstatt Wien. Wir hatten keinen fixen Plan, aber es wurde uns schnell klar, dass wir mehr miteinander machen wollen.

Eine Solo-Karriere ist relativ häufig, eine Duo-Konstellation eher eine Seltenheit.

strings&noise: Das Duo eröffnet mehrere Möglichkeiten. Einerseits kann man darin auch solistische Auftritte integrieren, zum anderen ist es eine spezielle Art der Verantwortung, die in diesem Fall eben nicht beim Ensemble oder beim Einzelnen liegt, sondern bei zwei Personen. Das ist auch ein sehr guter Kern für Kammermusik oder für andere Projekte. So haben wir 2015 mit der Tänzerin Eva-Maria Schaller das Programm DICE entwickelt, das uns in unserer Arbeit sehr weitergebracht hat.

Wie erfolgt die Stückauswahl? Wie entscheidet ihr, was in einem Programm angesetzt wird?

strings&noise: Wir achten natürlich bei den Werken darauf, ob sie auch „konzertgeeignet“ sind und wie sie ein sinnvolles Programm ergeben. So fanden wir es etwa sehr passend, zeitgenössische Stücke von Gerard Pesson und Simon Steen-Andersen mit Bach zu kombinieren. Manchmal kommen auch spezielle Wünsche von Veranstaltern wie 2016 von impuls Graz, wo man uns eingeladen hatte, etwas von Friedrich Cerha zu spielen. – Das war auch unser erstes „richtiges“ Konzert in dieser Formation, aus dem sich dann der Name und weiteres entwickelt haben.

Was sind Eckpunkte eures Repertoires und wie fügen sich da die „Klassiker“ ein?

strings&noise: Einerseits sind das akustische Werke, die für die beiden Instrumente geschrieben wurden – Duos und Solostücke. Außerdem haben wir gerne die Ergänzung durch Elektronik, Video, aber auch Performance. Bach haben wir etwa integriert, indem wir als „Klavierduo“ aufgetreten sind, bei dem eine die linke und die andere die rechte Hand gespielt hat. Was wir ausklammern, ist das romantische Repertoire und frühes 20. Jahrhundert, also etwa Ravel oder Kodály, die wir zwar auch spielen, aber unser Hauptanliegen sind doch lebende Komponistinnen und Komponisten. Wie wir es auch in der Selbstbeschreibung auf unserer Website definieren: Streichinstrumente werden immer noch mit süßlichem Wohlklang in Verbindung gesetzt, und das besonders, wenn sie von Frauen gespielt werden. – Dieses Vorurteil wird von uns mit großem Vergnügen entkräftet.

„Wir wollen sie herausfordern, aber gleichzeitig auch uns selbst.“

Eure nächsten Konzerte finden Anfang Mai, am 4. Mai im Zentrum für Musikvermittlung in Wien und am 5. Mai in der Klosterkirche Schwanberg statt. Was erwartet das Publikum?

Bild strings&noise
strings&noise (c) Julia Wesely

strings&noise: Da kommen jeweils Werke von Elisabeth Harnik, Lei Liang, Gerard Pesson, Marina Poleukhina, Daniel Riegler und Matthias Spahlinger. Im Vorjahr haben wir mit dem Programm „strings&noise goes wild“ den Schwerpunkt auf Werke mit Elektronik und Performance gesetzt. 2018 soll der Kirchenraum mit seinen eigenen akustischen Gegebenheiten, aber auch als Ort der Ruhe und Kontemplation im Vordergrund stehen. Da spielt die Nachhallzeit in einer Kirche eine Rolle, Klänge an der Grenze des Hörbaren und andere Elemente. Gerade in Hinblick auf Schwanberg ist uns wichtig, dass wir da einen rein zeitgenössischen Abend anbieten: Wir wollen die Leute für uns und für neue Musik gewinnen. Wir wollen sie herausfordern, aber gleichzeitig auch uns selbst.

Wie sind eure bisherigen Erfahrungen wie ein Publikum auf das Ungewohnte reagiert?

strings&noise: Wir hatten beispielsweise ein Tanzprojekt mit Bach und Ravel in Kapfenberg, und da haben wir die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Bach, den wir im Sinn neuer Musik „zerlegt“ und quasi „zerstört“ haben, am meisten verstört.

Wichtig ist euch auch, dass ihr nach Möglichkeit auch vor den Stücken einiges dazu sagt.

strings&noise: In Kanada und New York haben wir jeweils auf Englisch einiges gesagt, da das den Leuten dann beim Anhören durchaus hilft. Es hilft aber auch uns selbst, zwischen den Stücken „runterzukommen“ und die Spannung für das Gesamtprogramm erhalten zu können. Auch bei der JazzWerkstatt Wien ist es üblich, mit dem Publikum zu sprechen.

„Uns geht es nicht um das Geschlecht, sondern in erster Linie um gute Musik“

In eurem Repertoire fallen die überdurchschnittlich vielen Namen von Komponistinnen auf. Gehe ich recht in der Annahme, dass das Thema „Frauenmusik“ für euch dennoch keine Rolle spielt?

strings&noise: Uns geht es nicht um das Geschlecht, sondern in erster Linie um gute Musik; um Musik, die uns interessiert. Natürlich wollen wir wach und offen sein für das Schaffen von Frauen, aber wir forcieren das nicht. Wesentlich ist für uns immer die Stimmigkeit der Programme. Gerade beim aktuellen Programm haben wir weniger Komponistinnen dabei. Das hat sich aus akustischen Gründen hinsichtlich der Stücke für den Kirchenraum so ergeben.

Ihr habt in der erst kurzen Zeit eures Bestehens als Duo schon Aufträge vergeben und bereits einige dieser Werke aus der Taufe heben können.

strings&noise: Ja, manchmal machen uns Komponisten Vorschläge, manchmal gehen wir konkret auf sie zu. Im Vorjahr hatten wir die Uraufführungen von Leo Rieglers „Der Wedel wackelt“, Bernd Satzingers „Rooms“ und Caitlin Smiths „Joan Jett Kicks off her Boots, Finishes her Beer and Takes a Deep Breath“. Jetzt im Mai steht ein Stück von Daniel Riegler auf dem Programm, und für Herbst dieses Jahres planen wir eine Premiere von Mirela Ivičević. Wichtig ist uns, dass wir für die für uns geschriebenen Stücke keinerlei Vorgaben machen, außer es handelt sich um Performances, wo etwas speziell berücksichtigt werden muss. Umso spannender ist für uns, was wir dann jeweils erhalten. Es ist toll, wenn Komponisten einen persönlich kennen und „für“ einen schreiben!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

strings&noise live

4. Mai 2018 – 19:30h, Zentrum für Musikvermittlung, Wien
Werke von E. Harnik, L. Liang, G. Pesson, M. Poleukhina, D. Riegler, M. Spahlinger

5. Mai 2018 – 19:30h, Klosterkirche, Schwanberg
Werke von E. Harnik, L. Liang, G. Pesson, M. Poleukhina, D. Riegler, M. Spahlinger


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