
Fern von zu Hause versuchten sich die Menschen, die in den 70er und 80er Jahren den Weg nach Österreich gefunden haben, ihre kulturelle Identität zumindest in einem kleinen Rahmen auszuleben. Als „Fremde“ spielte die Musik in diesem Kontext natürlich eine bedeutende Rolle, fungierte sie doch als eine Art gesellschaftlicher Katalysator. Denn leicht hatten es die so genannten Gastarbeiter nicht gerade, wurden sie von manchen ÖsterreicherInnen nicht selten sogar als Menschen zweiter Klasse angesehen. Slavko Ninic war einer jener Leute, die mittels Musik dem tristen Alltag entfliehen wollten. Er gründete die Tschuschenkapelle, die ganz nach seinem humanistischen Verständnis, Platz für Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bieten sollte. Den Namen „Wiener Tschuschenkapelle“ wählte Slavko Ninić ganz bewusst, um dem Schimpfwort „Tschusch“ durch die ironische Selbstbezeichnung an Härte zu nehmen.
Musikalisch wurde schon von Beginn an der Weg eingeschlagen, der von den herkömmlichen stilistischen Begrifflichkeiten wegführte. Ausschlaggebend war natürlich auch die unterschiedliche Herkunft der einzelnen Mitglieder. So gehörten der Anfangsformation, neben dem Kroaten Slavko Ninić, auch Musiker aus anderen südosteuropäischen Ländern an. Ein jeder, mit anderen Musiktraditionen und Spielformen aufgewachsen, beteiligte sich gleichermaßen an der Erschaffung eines facettenreichen Gesamtsounds, welcher vor allem durch eine enorme stilistische Vielfalt zum Ausdruck gebracht wurde. So finden sich bis heute in den wohl hunderten Stücken der inzwischen vielfach ausgezeichneten Wiener Tschuschenkapelle (unter anderem erhielt die Band 2001 in der Rubrik “Ethno, World” den Preis der Deutschen Schallplattenkritik) neben traditionellen Einflüssen aus dem Balkanraum, auch solche aus der österreichischen Volksmusik, der traditionellen Romamusik und Klängen aus dem Mittelmeerraum. Ja sogar Elemente der Klassik fließen hin und in die mitreißenden und ungemein lebendigen Stücke mit ein. Mit viel Fantasie kann durchaus sogar soweit gehen, die in Wiener Formation als eine der ersten Crossover-Kapellen des Landes zu bezeichnen.

Bis heute hat sich erfreulicherweise an der optimistischen und von einer großen Hoffnung getragenen Einstellung der Wiener Tschuschenkapelle, die über die Musik ihren Ausdruck findet, nichts geändert. Es sind immer noch dieselbe Hingabe und Energie, der gleiche Enthusiasmus und unvergleichbare Weltoffenheit, mit denen Slavko Ninić und seine Kollegen ihr Publikum zu begeistern wissen. Die Geschichte Wiener Tschuschenkapelle ist also noch lange nicht zu Ende geschrieben und wartet noch auf viele, viele spannende und interessante Kapitel. (mt)
Fotos: Michael Winkelmann
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Wiener Tschuschenkapelle