Porträt: Tiroler Kammerorchester InnStrumenti

„Man muss natürlich das Alte pflegen, als eine gewisse Basis. Eine Kultur jedoch, die sich nur auf das Alte spezialisiert, ist kaputt oder geisteskrank“, meint Othmar Costa in einem Interview mit Albrecht Dornauer für mole, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Musikszene in Tirol seit den 1960er Jahren mit nachhaltiger Wirkkraft bis heute. Costa, von 1969 bis 1991 Chef der E-Musik-Abteilung des ORF Landesstudios Tirol, der als Leiter des damaligen „Innsbrucker Kammerorchesters“ zahlreiche wegweisende Uraufführungen dirigiert hat, in einem Gespräch mit Gunter Schneider im quart heft für kultur tirol #15: „Wenn die Dinge nicht gemacht werden, ist das der größte Fehler. Man darf nicht Angst haben, vielleicht keinen Erfolg zu haben.“

Dies lässt sich als mögliches Motto wohl auch für die Initiative Gerhard Sammers annehmen, Mitte der 1990er Jahre wieder ein Kammerorchester zu gründen, das sich schwerpunktmäßig der Neuen Musik verschreibt. Sammer selbst verweist auf den Eindruck, den die Aufnahmen mit Costas Kammerorchester auf ihn gemacht hätten. Nachdem es dieses Ensemble nicht mehr gab, habe Anfang/Mitte der 1990er Jahre ein gewisses Vakuum geherrscht in Tirol, so Sammer.

„Es ist mir immer ein besonderes Anliegen gewesen und ich finde es sehr spannend, wenn Neue Musik entsteht, das Repertoire größer wird und viel passiert auf diesem Gebiet, zumal es in Tirol ein großes kreatives Potential gibt.“ So Sammer zur Intention, eine neue Kammerorchesterkultur aufzubauen, im Wissen, dass Aktivitäten einzelner für alle Mitbewerber förderlich sind: „Wo nichts ist, entsteht auch nichts. Wenn es keine Konzerte gibt, dann gibt es kein Publikum, wenn es aber Konzerte gibt, dann entsteht ein Sog […] Ich bin froh um alles, was passiert in Tirol, um jeden Komponisten, der was schreibt und ich finde es super, dass wir das TENM haben und dass die Akademie [St. Blasius] da ist!“

So hat sich mit dem Tiroler Kammerorchester InnStrumenti eine Formation entwickelt, deren harter Kern aus rund 35 Profimusikern aus dem Tiroler Raum besteht. Seit 1997 konzertiert das Ensemble regelmäßig und mit wachsenden Publikumszahlen, die angesichts von häufig ausschließlich zeitgenössischen Programmen staunen lassen. Auftritte gab es vorwiegend im Raum Tirol – zunehmend auf Einladung anderer Veranstalter wie etwa des Festivals Klangspuren Schwaz oder auch des Festivals zeitgenössischer Musik in Bozen, wobei die Kooperation mit Südtirol speziell forciert wird.

Die Konzipierung der eigenen Programme – von einer Programmgruppe, bestehend aus dem künstlerischen Leiter und ein paar Orchestermitgliedern, demokratisch erarbeitet – konzentriert sich nicht auf einen Schwerpunkt, sondern auf verschiedene Formate – grundsätzlich zweigeteilt einerseits in etabliertes Orchesterrepertoire (mit durchaus auch seltener gespielten Werken) und andererseits Neue Musik: Unter dem Titel „Matinee am Sonntag“ gibt es beispielsweise Brahms-Symphonien zu hören, während in den – sehr erfolgreichen – „Neujahrskonzerten“ bekanntere Repertoirestücke mit weniger Bekanntem kombiniert werden – so etwa auch einmal John Cages 4’33’’ eingeschleust wird.

Bei den Konzerten unter dem Motto „Junge Solisten am Podium“ wird einerseits einem von Anbeginn formulierten Anliegen, (junge) Solisten zu fördern, Rechnung getragen, andrerseits aber auch dem Wunsch, möglichst viel Neues zu spielen: Hier findet eine programmatische Überschneidung statt, da immer auch Neue Musik gespielt wird, zuweilen sogar eine Uraufführung, so zum Beispiel das Konzert für Bassetthorn und Orchester von Hannes Kerschbaumer 2012.

Im Rahmen der von InnStrumenti konzipierten Reihe „Komponisten unserer Zeit“, in der 2013 bereits das dreizehnte Konzert stattfand, werden jeweils drei bis vier zeitgenössische Kompositionen gespielt, ein Großteil davon vom Orchester selbst in Auftrag gegeben und uraufgeführt. Waren es 2012 die Uraufführung eines Saxofon-Konzertes von Christoph Wünsch, eines Stückes von Laurence Traiger sowie die Wiederaufführung von Haimo Wissers Klavierkonzert „Mauer“, so hoben InnStrumenti 2013 gleich drei neue Kompositionen aus der Taufe: Ein Konzert für steirische Harmonika von Romed Hopfgartner, das Stück „Haschkuchen für Orchester“ von Helmut Jasbar sowie die „sinnfonia“ für Chor und Orchester von Manuela Kerer und Florian Hackspiel. Ein weiteres Format bietet ebenfalls Platz für neueste Musik: Im Rahmen von „Sakrale Musik unserer Zeit“ wurden 2012 drei Uraufführungen geboten: „6 SMS an Gott“ für Bariton und Kammerorchester von Florian Bramböck, „Refugium II“ von Johannes Sigl und „Ex Sapientia“ für Sopran, Bariton und Kammerorchester von Franz Baur; 2013 gelangten „Epilog“ für Blechbläsertrio solo und Kammerorchester von Marco Döttlinger zur Uraufführung, ebenso wie die Psalmen-Messe für Chor und Orchester von Martin Lichtfuss.

Es lässt sich anhand der mittlerweile langen Liste von über siebzig Uraufführungen eine gewisse stilistische Bandbreite ablesen, die wohl die kompositorische Landschaft widerspiegelt und außerdem zum Konzept des Ensembles gehört, das nicht speziell eine Person, sondern „möglichst viele verschiedene Klangsprachen fördern“ will, so Sammer. Einige der prominenteren, aus Tirol stammenden und abgewanderten Komponisten sind – aus verschiedenen Gründen – allerdings wenig vertreten, was primär nicht an mangelndem Interesse seitens des Ensembles liegt. Abgesehen davon sieht man einen gewissen Auftrag darin, unbekannteren Komponisten vor Ort Aufführungen und somit die Chance zu bieten, bekannter zu werden.

„InnStrumenti war von Anfang an ein Projekt, das stark auf die Region bezogen ist, aber nicht im kleinkarierten Sinne, sondern: Wir wollen möglichst hohe Qualität, aber nicht, um durch die Lande zu touren, sondern wir wollen das für hier, für diese Region machen!“ so Gerhard Sammer, der erkannt hat, wie essentiell es ist, die Ressourcen vor Ort zu nützen und dabei hohe Qualitätsmaßstäbe anzulegen. „Es ist mir ein Anliegen (auch in meiner Arbeit im Musikbeirat des Bundes), dass man – und das gilt für überall in Österreich – spürt, dass es für die regionale Kulturentwicklung Akzente gibt. Das ist leider ganz oft nicht so. Da gibt es einige Festivals, die nur Leute von außen holen, da stimmt für mich die Balance oft einfach nicht.“

Neben Rundfunkmitschnitten der Konzerte von InnStrumenti (ORF, RAI) gibt es bis dato bereits einige Tonträger, auf denen das Ensemble zu hören ist, so zum Beispiel auf einer vom Festival zeitgenössischer Musik Bozen herausgegebenen CD mit einem Stück von Eduard Demetz (2006), einer ORF-CD mit Werken von Manuela Kerer (2010), der CD „Das Museum klingt“ mit Musik von Gunter Schneider (2011) sowie auf der mit dem Radio Österreich 1 Pasticcio-Preis ausgezeichneten CD mit Orchesterwerken von Haimo Wisser (2011).

Eines der neuen Projekte von InnStrumenti besteht darin, selber CDs in drei verschiedenen Reihen, die den Programmschwerpunkten entsprechen, herauszugeben, die sämtliche durch das Ensemble getätigten Uraufführungen dokumentieren und so auch eine Verbreitung und Wiederaufführung der neuen Werke fördern sollen. Ein weiteres Projekt betrifft die Vermittlungsarbeit und bietet unter dem Motto „Orchesterschule“ speziell auf Jugendliche zugeschnittene Konzerte mit starker Einbindung der Schüler (und Lehrer) – eines der großen Anliegen Gerhard Sammers, der selbst auch auf Europäischer Ebene im pädagogischen Bereich engagiert ist. Damit in Verbindung steht auch das Vorhaben, Kompositionsaufträge an Schüler zu vergeben als Möglichkeit, gemeinsam mit Profis Aufführungsprojekte zu entwickeln.

Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti lässt sich aus der Tiroler Musiklandschaft längst nicht mehr wegdenken, ist es für diese Region sowie darüber hinaus doch zu einem unverzichtbaren, dynamischen Impulsgeber für Musikschaffende geworden.
Milena Meller

Tiroler Kammerorchester Innstrumenti (Steckbrief)

Tiroler Kammerorchester Innstrumenti (CD Produktionen)
Tiroler Kammerorchester Innstrumenti (Kurzinformationen)

 

KomponistInnen unserer Zeit XIV

Am 22. März rücken wieder die KomponistInnen unserer Zeit beim gleichnamigen Konzertereignis des Tiroler Kammerorchesters InnStrumenti unter der Leitung von Gerhard Sammer in den Mittelpunkt. Der Abend im Canisianum in Innsbruck verspricht gleich mehrere Highlights: Zwei mit Spannung erwartete Uraufführungen von Manu Delago und Klex Wolf erklingen ebenso wie zwei selten zu hörenden Werken des vor 10 Jahren verstorbenen Tiroler Komponisten Bert Breit, dem an diesem Abend ein besondere Schwerpunkt gewidmet ist.

Das Konzert wird mit der intensiven Musik Tensions II von Breit eröffnet, anschließend erklingt das wohl bis dato erste Konzert für Fender-Piano und Kammerorchester aus der Feder von Klex Wolf mit dem Innsbrucker Solisten Alexander Ringler: Aggregate. An die Meditationen für Streichorchester von Bert Breit schließt im Finale dann die zweite Uraufführung eines Orchesterwerks von Manu Delago an: Für die drei jungen, hervorragenden Tiroler Musiker Christian Norz, Charly Mair und Manu Delago entstand das Ma Le Fiz Concerto für drei “sekkante” Percussionisten und Kammerorchester.

Im Rahmen des Konzerts wird der erste Tonträger einer neuen CD-Reihe “Neue Musik für Kammerorchester” in Kooperation mit dem Helbling-Verlag / Naxos präsentiert mit dem Titel “Garden of Desires”.

Das gesamte Programm.

http://www.innstrumenti.at/