Porträt Schnapsidee Records

Das Label Schnapsidee Records arbeitet seit 2007 an einer Aufarbeitung und Dokumentation der lebhaften Szene in Graz und Umgebung. Abgedeckt wird dabei eine musikalische Spannbreite, die von Punk über Country, Disco bis Free Jazz, Ambient und Noise reicht. Neben Tonträgern veröffentlicht das Label auch Katzenfutterdosen und sogar ganze Menschen. Mit den Labelbetreibern Arne Glöckner und Robert Brodschneider sprach Clemens Marschall.

Robert Brodschneider ist 34 und Wissenschafter am Grazer Institut für Zoologie. Wenn er sich nicht mit Schnapsideen auseinandersetzt, dann mit Bienen. Arne Glöckner ist 30 und Mitbegründer des SisiTop Studios, Dreh- und Angelpunkt von Schnapsidee Records mit Probemöglichkeiten und einem Aufnahmestudio. Er kümmert sich um die Recordings der meisten Schnapsidee-Bands und spielt selbst Gitarre bei Heifetz.

Die erste Frage an die beiden ist eine aufgelegte, nämlich, ob die Gründung von Schnapsidee Records eine Schnapsidee war. Brodschneider, trocken: „Nein.“, doch Glöckner widerspricht: „Selbstverständlich. Aber in Wirklichkeit sind wir keine Schnapstrinker, sondern Biertrinker. Gestandene Biertrinker.“ Brodschneider nickt: „Der Name kommt aber von mir, den hab’ ich lange Zeit da hinten im Kopf gehabt, der ist dann langsam nach vor, bis ich ihn aus dem Mund ziehen und endlich rauslassen konnte.“

Eine Zusammenkunft zwischen Glöckner und Brodschneider schien unausweichlich, wie Letzterer schicksalsergeben erklärt: „Also kennen tun wir uns schon seit Jahren. Arne zog von Essen nach Graz, ich komme ursprünglich aus der Südsteiermark, für mich war’s nicht so weit wie für ihn. Und in Graz sind wir uns dann häufig über den Weg gelaufen – wegen ähnlicher Interessen.“ Glöckner zieht an seiner Zigarette und nickt: „Ich brauchte für meine Band Heifetz ein Label und habe mit ihm den richtigen Partner gefunden. Das Label gibt es seit 2007.“

Auf der labeleigenen Homepage fängt die Liste der Veröffentlichungen erst bei #03 an – ob man sich für #01 und #02 denn so sehr schämt, dass man sie verstecken muss? „Nein, das denke ich nicht. Nummer 1 sitzt da, Nummer 2 da“, sagt Brodschneider und zeigt zuerst auf sich selbst, dann auf Glöckner. „Die Reihenfolge haben wir nach dem Alter ausgeschnapst.“

#03 im Release-Katalog ist dann eine Katzenfutterdose mit einem Heifetz-Etikett. Darauf schnurrt eine Katze ihrem Futternapf entgegen. Auf der anderen Seite steht ein halbnacktes, unterernährtes schwarzes Kind mit Blähbauch. Die Buchstaben darüber fragen: „Guess who’ll eat first.“ – ein politisches Statement. Glöckner fasst zusammen: „Wir haben Menschen, Katzenfutterdosen und Hefte veröffentlicht – also Dinge, die man von einem Label nicht unbedingt erwarten würde. Mit der Katzenfutterdose als erste erstehbare Veröffentlichung haben wir schon den Weg bereitet, dass das ganze ein offenes Gebilde ist und wir uns für mehr interessieren als nur für Musik. Trotzdem: Die meisten Veröffentlichungen sind Tonträger. Das liegt daran, dass ich Mitteilhaber an dem Studio bin und außerdem gerne Musik mache. Erst kürzlich haben wir die Frage bekommen, ob wir ein Buch veröffentlichen wollen, Kurzgeschichten eines Freundes.“ Das wäre die nächste Erweiterung von Schnapsidee Records, doch, wie bereits angedeutet, geht es hauptsächlich um Musik. In den letzten Jahren veröffentlichte Schnapsidee Records Bands wie Heifetz, Die Vögel, Hella Comet, Ader Rebell, Lazy Horz und viele mehr.

Einen guten ersten Höreindruck liefert Release #10, ein Sampler mit dem Namen „Es ist meiner Schnapsbirne entsprungen“. Dabei gibt es bluesige Balladen, kurze Punk-Kracher und flotte Tanznummern zu hören – sprich: Schnapsidee lässt sich auf keinen Stil festlegen, oder doch: auf Vielfalt. „Wir sind beide stilistisch nicht festgelegt. Wir haben beide eine Affinität zu Punkrock, aber man kann uns auch mal auf einem Jazzkonzert oder Kunstfest treffen, ohne dass man das Gefühl kriegen würde, wir würden unser Punk-Ethos verletzen. Aber es gibt schon Musik, die ich richtig, richtig scheiße finde, und die wir nie veröffentlichen würden“, lacht Glöckner, „zum Beispiel von Scheißbands. Schrottbands. Bis jetzt haben wir aber noch keine Anfragen aus dieser Richtung bekommen.“

Wie man nun aber als Musiker im Schnapsidee-Universum aufgenommen wird? Pause. „Sympathie.“ Pause. „Oder war die Antwort jetzt zu kurz?“, grinst Glöckner. Brodschneider fährt fort: „Das stimmt schon, Regeln gibt es dabei auf keinen Fall. Wir kennen alle unsere Bands persönlich und das muss einfach hinhauen. So hat mir auch das Sampler-Zusammenstellen irrsinnig gut gefallen. Die verschiedenen Songs aus einem Riesenpool auswählen, dann die Reihenfolge bestimmen, wie viele Sekunden Pause dazwischen sind – all das haben wir ganz genau festgelegt. Ich hatte währenddessen das Gefühl, liebevoll ein Mixtape für einen guten Freund zu machen. Wann macht man so was schon? Also ich muss zugeben, dass das bei mir sicher schon zehn Jahre her ist“, meint Brodschneider und denkt schon an die nächste Werkschau.

Glöckner erklärt noch einmal die Grundstatuten von Schnapsidee Records: „Es basiert alles auf Freundschaft und nicht auf: ‚Ok, da kommt jetzt diese Super-Band, mit der können wir Millionen verdienen.’ – diesen Gedanken gibt es bei Schnapsidee nicht. Falls der Spaßfaktor irgendwann mal ausbleiben sollte, war’s das mit Schnapsidee Records. Das ist ein kleines Hobbylabel, bei dem sich keiner schwer verletzen – sprich: tausende Euros verlieren soll. Aber reich werden damit wollen weder Brodi noch ich.“

Ein typisches Schnapsidee Records-Release wird in einer Plastikhülle mit Fotos dekoriert und mit dem Label-Logo – einem Kätzchen – versehen. Glöckner: „Das Tier zieht sich bei uns durch. Generell zeigen Tiere  uns oft sehr viel, wenn man genau hinsieht. Die Aufmachung mit Fotos in einer Plastikhülle halte ich nach wie vor für eine gute Idee, weil es günstig, unkompliziert reproduzierbar und ein haltbares Format ist. Wenn du ein Bier drüberschüttest, wäscht du die Hülle ab und fertig.“ Meistens waren es CDrs, die verpackt wurden: „Dabei können wir Kleinstauflagen machen, ohne Gefahr zu laufen, dass es irgendwas nicht mehr gibt und immer wieder nachliefern. Wenn wir Schallplatten veröffentlichen, dann produzieren wir allerdings nicht nach, die sind weg, wenn sie weg sind. Was auch gut so ist.“

Auf die Frage, wie der Vertrieb von Schnapsidee-Veröffentlichungen aussieht, antwortet Glöckner lachend: „Außer, dass wir keinen haben? Man kann uns gerne eine E-Mail schicken, wir schicken die bestellten Produkte aus, sobald das Geld am Konto ist. Außerdem bauen wir jeden ersten Mittwoch im Monat in der Grazer Postgarage bei der Veranstaltungsreihe ‚Sonntags Abstrakt’ unseren Plattenladen auf, wobei wir da nicht nur unsere Platten anbieten, sondern versuchen, die ganze Grazer Szene zu vertreten. Das wird eigentlich gut angenommen, immer mehr Leute kommen und fragen, ob sie ihre Platte dazustellen dürfen.“

Eine fixe Arbeitsteilung gibt es bei Schnapsidee Records nicht, einiges hat sich von sich aus entwickelt. Haus- und Hofgrafikerin ist Con, doch Glöckner bringt sich auch in diesem Feld immer mehr mit ein. Weiters zerrt er obskure Bands aus irgendwelchen Kellern und ist der Soundmann, weiß, wie was klingen soll. Brodschneider ist eher der Schreiber, „mir gefällt das mit Worten, mit Wörtern, das Stottern.“ Damit geht er durchaus dadaistisch zur Sache, wie auf dem #10er-Sampler bewiesen wird: Zur Gitarrenimprovisation von Glöckner zerpflückt er die Wörter graben, gröber und Grab, bis neue Sinne entstehen und alte verschwinden. Auch dieses Dokument ist im SisiTop Studio entstanden, das so etwas wie ein zweites Wohnzimmer von Glöckner ist: „Im Prinzip ist das Studio von der Belegschaft der mittlerweile aufgelösten Band Boner Bitch, bei der ich Gitarre gespielt habe, aufgebaut worden, vor drei Jahren. Vorher war da nichts, ein Betonquader. Es ist ca. 80 m² groß und besteht aus zwei Räumen, einem Abhörraum und einem Aufnahmeraum. Den Bau haben wir komplett selbst gemacht mit der Hilfe eines befreundeten Akustikers, der uns beraten hat. So, wie’s jetzt da steht, haben wir ca. ein halbes Jahr daran gebaut. Das Studio begünstigt unsere Musikproduktion unglaublich.“ – Schnapsidee-Bands haben weder mit teuren Studiomieten, noch mit Zeitdruck umzugehen.

Die Katzenfutterdose als erste erwerbbare Veröffentlichung zeugt schon von einem Ansatz, der weit über den typischen Label-Zugang hinausgeht. Es gibt auch noch die #07 mit dem Titel „Rex Gildo – er schminkte sich schon mit Filzstiften“ in der Auflage von einem Stück. Und dann taucht auf der Schnapsidee-Webseite auch noch die Meldung auf: „Für anstehende Veranstaltung(en) suchen wir einen Gewichtheber!“ Brodschneider begeistert: „Das war auch wieder so eine Schnapsidee. Wir sitzen zusammen, trinken zwei, drei Bier, und dann kommt das von irgendwoher nach vorne und plopp! – platzt wie eine Seifenblase aus meinem Mund. Es ist ja so: Künstler haben immer ein Ziel, in der Wissenschaft arbeite ich auch immer auf etwas hin – aber am direktesten passiert dieses Hinarbeiten und die Steigerung im Sport. Da kann man das in Gewicht oder Zeit oder einem anderen Maß ganz genau aufrechnen. Und die Idee, vor einer Band einen Gewichtheber auftreten zu lassen, finde ich schon sehr spannend.“

Glöckner und Brodschneider gehen weit über die klischeehaften Szenecodes hinaus, doch nicht nur hierbei herrscht ein offener Zugang, sondern auch die Schnapsidee-Bands selbst verfügen über eine große Spannbreite und die Lust am Experiment. Bemerkbar ist das etwa, wenn man sich durch die verschiedenen Heifetz- oder Die Vögel-Veröffentlichungen durchhört. Markus Krispel, Saxofonist bei den Vögeln, Bassist von Ader Rebell, Kollaborateur von Heifetz und enger Freund der Schnapsidee-Familie, pflegt diesen Denkansatz stets zu erweitern – so auch, wenn er jährlich mit Peter Jakober das Grazer Hörfest organisiert. Dabei treten ganz unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler auf: von Lesungen, zeitgenössischer Musik, harten Rockismen und Raummusik wird dabei allem Platz gegeben – sofern es eine ordentliche Spannung weckt.

Für einzelne Veröffentlichungen geht Schnapsidee Records Zweckbeziehungen mit anderen Labels ein: Die Hella Comet-Platte kam in Zusammenarbeit mit Pumpkin Records, die zwei Heifetz 7“-Singles mit Rock Is Hell. Mit Zusammenarbeiten und Partnerschaften wird aber sehr vorsichtig umgegangen, sorgsam ausgewählt – was die besten Voraussetzungen für ein starkes Profil sind. So kann man nur gespannt sein, welche Schnapsideen Glöckner und Brodschneider als nächstes aus ihren Schnapsbirnen entspringen und ihren Schritten von Veröffentlichung zu Veröffentlichung folgen.