Porträt: Martin Reiter

Will man das musikalische Schaffen des österreichischen Jazzpianisten Martin Reiter in wenigen Worten beschreiben, sind „vielseitig“, „innovativ“ und „virtuos“ wohl die am treffendsten gewählten. Der gebürtige Wiener ist ein musikalischer Freigeist, wie er im Buche steht, er ist ein Instrumentalist, der keinerlei Berührungsängste zeigt und es versteht, sein Spiel auf faszinierende Weise immer wieder auf eine neue Ebene zu heben. Der 1978 geborene Pianist ist ein unentwegt nach neuen Herausforderungen Suchender, der den gängigen Grenzziehungen zwischen den verschiedenen Genres keine allzu große Bedeutung beimisst und sich ganz besonders an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Spielformen beheimatet fühlt. Seine Klangsprach, wie auch sein Ausdruck sind von einem Spektrum, das wohl weiter nicht gefasst und an Nuancen reicher sein kann. Stillstand oder Stagnation sind für den inzwischen weit in der Welt umher gekommenen und vielfach ausgezeichneten Musiker schlicht und einfach Fremdwörter.  Er hält wenig davon, sich ständig zu wiederholen. Vielmehr strebt er danach, mit eingefahrenen Hörgewohnheiten zu brechen, um nicht Gefahr zu laufen, sich in irgendeiner Beliebigkeit zu verlieren. Angetrieben von der Neugier und dem Ehrgeiz, Außergewöhnliches zu leisten, eröffnet sich der Wiener mit einer Selbstverständlichkeit immer wieder neue Wege, wie man es sonst nur von wenigen ganz Großen der Szene kennt.

Martin Reiter präsentiert sich in seinen vielen Projekten, als ein Musiker mit vielen Gesichtern. Er spielt sanft und gefühlvoll, wenn Gefühl gefordert ist, er zeigt sich virtuos, experimentell und von stilistischen Begrifflichkeiten losgelöst, wenn es darum geht, die Grenzen des freien Spiels auszuloten, dann wieder zu allen Seiten offen, wenn es gilt Brücken zwischen den verschiedenen Genres zu schlagen. Gibt es etwas, was ihm überhaupt nicht behagt, ist es das Festhalten am Traditionellen, das Wiederholen der altbekannten Muster und Standards. Für den bereits mehrfach ausgezeichneten Pianisten, Arrangeur und Komponisten (unter anderem erhielt er 2002 den „Austrian Young Lions” Award verliehen, 2005 den begehrten Hans Koller Preis in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ und 2008 den Hans Koller Preis in der Kategorie „beste CD des Jahres“ für seine Veröffentlichung ALMA) zeigt sich die Musik nicht als ein streng in verschiedene Segmente unterteiltes System, sondern vielmehr als ein weites Feld, auf welchem man seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Sich in seiner Arbeit allen Freiraum bewahrend, geht der gebürtige Wiener stets von allem Scheuklappendenken losgelöst an die Sache heran. Wieso sollte er sich auch einschränken wollen, kann er sich nach eigenen Angaben, doch selbst für die unterschiedlichsten Musikern und Spielformen begeistern. Und genau diese Offenheit ist es auch, die in einem hohen Maße im Schaffen des Pianisten widerspiegelt.

Seine Liebe für die Musik bekommt der in Wien geborene und in Oberösterreich aufgewachsene Martin Reiter von seinen musikbegeisterten Eltern quasi in die Wiege gelegt. Schön früh beginnt er sich am Klavier und am Saxophon zu üben, so dass ihn sein Weg in logischer Konsequenz 1996 an die jetzige Bruckner Universität nach Linz führt, wo er Jazzklavier zu studieren beginnt. Später wechselt er an die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Dort macht er im Rahmen eines Arrangementworkshops Bekanntschaft mit niemand geringerem als Mathias Rüegg, dem Leiter des Vienna Art Orchestras. Dieser erkennt Martin Reiters Potential vom ersten Moment an und fördert ihn in weiterer Folge. Mit einem eigenen Projekt erstmals in Erscheinung tritt der Pianist 1999 gemeinsam mit der Jazzsängerin Susanne Kopmajer.

2001 folgt ein mehrmonatiger und für sein Spiel ungemein bedeutender Studienaufenthalt bei dem niederländischen Pianisten Rob van Kreefeld am Königlichen Konservatorium Den Haag. In das gleiche Jahr fällt auch die Gründung seines zweiten bedeutenden Ensembles, welchem der österreichische Schlagzeuger Klemens Marktl, der slowenische Saxophonist Jure Pukl und der niederländische Bassist Rodrigo Reijers angehören und mit welchem er nicht nur in Österreich Aufmerksamkeit erregen kann. Als Preisträger des „Austrian Young Lions” Awards 2002 erhält er auch die Möglichkeit, auf einer Europatournee, welche ihn unter anderem zum Jazzfestival Montreux führt, weitere Erfahrung zu sammeln. 2003 macht sich der Pianist schließlich auf nach New York, wo er die Zeit vor allem dazu nutzt, bei international renommierten Musikern wie etwa Bill Charlap, Bruce Barth oder Fred Hersch sein Spiel noch weiter zu verfeinern.

Welch immense stilistische Vielfalt und Breite sich Martin Reiter in seinen Lehrjahren angeeignet hat, sollte sich in der Zukunft offenbaren. Schon das 2005 erschienene vielumjubelte Erstlingswerk „Chez es Saada“ zeigt den Jazzer, als einen ungemein facettenreichen und ausdrucksstarken Musiker, der sich scheinbar traumwandlerisch zwischen den verschiedenen musikalischen Kontexten zu bewegen weiß. Weitere beeindruckende und wegweisende Veröffentlichungen, wie etwa das bereits erwähnte mit dem Hans Koller Preis ausgezeichnete Album ALMA, folgen, genauso wie solch aufsehenerregende Kollaborationen mit international namhaften Künstlern wie Alegre Correa, Ana Paula da Silva und Michael Mantler.

Aktuell sind es vor allem drei Betätigungsfelder, auf welche der Wiener in den Fokus seines kreativen Schaffens rückt. Zum einen das 2008 gemeinsam mit dem Gitarristen Andi Tausch gegründete Bandkollektiv THE FLOW, welches sich vor allem der Erforschung der Verbindung Jazz und Groove verschrieben hat, das von dem in Österreich geborenen und heute in New York lebenden Schlagzeuger und Komponisten Gernot Bernroider geleitete famos aufspielende Soul/Jazz-Fusion Ensemble THE OULIPIANS, sowie zu guter Letzt sein eigenes Soloprojekt, mit welchem er 2011 die CD „Impressions & Inventions” veröffentlicht hat. Ist Martin Reiter gerade einmal nicht in irgendein Projekt involviert, widmet er sich seinen Arrangeur- und Kompositionsarbeiten, wie etwa der Bearbeitung von  Kurt Weill Liedern für die Universal Edition.

Man sieht, bei Martin Reiter handelt es sich in der Tat um einen Musiker mit vielen Talenten. Egal ob nun als Solokünstler, als Mitglied in einer Formation oder als Arrangeur, der gebürtige Wiener präsentiert sich als ein Künstler, der seiner Zeit oftmals einen Schritt voraus ist. Mit der Fähigkeit, sich in seiner Musik immer wieder neu zu erfinden, darf angenommen werden, dass man von ihm auch in Zukunft viele spannende Sachen zu hören bekommen wird. (mt)

 

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