Porträt: Herbert Lauermann

Man muss ihn zu den Leisen, fast Stillen im österreichischen Musikbetrieb zählen: Herbert Lauermann ist keiner, der sich selbst gerne in Szene setzt. Kaum merkbar daher auch, dass seine nächste Uraufführung dieser Tage in Wien stattfindet. Am 19. Juli 2013 gestaltet das Ensemble Arcantus um 19.30 Uhr in der Otto Wagner-Kirche am Steinhof die Petrarca-Vertonung „es eilen unsre tage“.

Abseits des Rummels, fern der Schnelllebigkeit

Medienrummel um die eigene Person ist Lauermann völlig fremd, Medienaufmerksamkeit für seine Musik schätzt er – vorausgesetzt es handelt sich um substanzielle Auseinandersetzungen mit seiner Arbeit. Tageskritik mit ihrem eingeschränkten Aussagegehalt hat für ihn keinen größeren Stellenwert. Er ist auch nicht der Typ, der sich über die Presse oder elektronische Medien zu Wort meldet, wenn ihm eine allgemeine oder tagesaktuelle Problematik wichtig erscheint. Dergleichen wird im privaten oder kollegialen Kreis abgehandelt. Und wohl nur das engste Umfeld vermag zu verfolgen, ob und wie er äußere Ereignisse in sich „aufstaut“, um ihnen schließlich künstlerisch Ausdruck zu verleihen.

„Der österreichische Komponist Herbert Lauermann lässt sich Zeit“ hieß es in der Tageszeitung „Die Presse“ vor 20 Jahren anlässlich eines Porträtkonzerts in Wien. Dieses Sich-Zeit-Lassen kann man anhand besagten Abends sogar doppelt unterstrichen verstehen: Geradezu selbstverständlich handelte es sich nicht um einen ihm gewidmeten Abend im Goldenen Saal des Musikvereins, sondern um eines jener Konzerte, mit denen sich Peter Keuschnig und sein Ensemble Kontrapunkte seit Jahrzehnten im Brahms-Saal (mittlerweile auch im „Gläsernen“) des heimatlichen Gegenwartsschaffens annehmen und damit die Zeitgenossen-Statistik der ehrwürdigen Institution gewaltig aufbessern, welche, wäre sie auf die Zyklen im großen Saal beschränkt, sehr viel dürftiger ausfiele. Wohlgemerkt: Natürlich wurden Lauermanns Werke in der Vergangenheit auch dort mehrfach aufgeführt, ebenso in vielen anderen Konzertstätten und an mehreren Bühnen des deutschsprachigen Raums.

Kein Jungstar mehr und noch kein alter Meister

Dass es in den letzten Jahren vergleichsweise ruhig um ihn wurde, man wahrlich suchen muss, um seine Musik in Spielplänen zu finden, mag seine Ursache in der für viele Komponisten ähnlichen Situation einer gewissen Stagnation der Rezeption haben, wenn sie das Alter des „Jungstars“ überschritten und jenes des „ehrwürdigen (= alten) Meisters“ noch nicht erreicht haben. Eine befriedigende Situation ist das keinesfalls, kann es weder für den schöpferisch Tätigen noch für den Musikfreund sein. Welche Erklärung auch immer es geben oder nicht geben mag, es ist einfach schade, dass Meisterliches wie das virtuose Orchesterstück Caccia („Ah! Dov’è il perfido?“) (1989), die einzelnen Verbum-Kompositionen, das Streichquartett, Desert für Kammerorchester (1990), die Kammeroper „Das Ehepaar“ nach einer Novelle von Francisco Tanzer (1981/86) und so vieles mehr nicht echte Repertoirestücke sind, denen man in angemessenen Abständen immer wieder live begegnen kann.

Das Ernsthafte als steter Begleiter

Vielleicht liegt es wirklich daran, dass Herbert Lauermann sich in diesem für Komponisten so „gefährlichen“ Alter befindet. Am 7. November 1955 in Wien geboren, nahm er zunächst von 1970 bis 1975 privat Musikunterricht bei Ernst Vogel in Stockerau, ehe er von 1975 bis 1983 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien Musikerziehung sowie Komposition bei Erich Urbanner studierte. Von 1976 bis 1994 war er Gymnasiallehrer für Musikerziehung in Stockerau, von 1987 bis 1994 Lehrbeauftragter für Tonsatz und Gehörbildung an der Wiener Musikhochschule (seit 1998 Universität), wo er 1994 Professor für Tonsatz, Komposition und Gehörbildung wurde. In den „Jungstar“-Zeiten erhielt er zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter 1979 den Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, 1990 den Förderungspreis für Musik des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst. Konsequent wurde sein Schaffen auch weiter anerkannt: Der Publicity-Preis der Austro mechana und der Maecenas-Kunstsponsoring-Preis (1994) ermöglichten der Widmung gemäß die Produktion einer aufwändigen monographischen Broschüre und einer Porträt-CD. Der Musikpreis der Stadt Wien wurde ihm im Jahr 2000 just an jenem Tag im überreicht, an dem der am Vorabend erfolgte Selbstmord Gerhard Schedls, seines Studienkollegen bei Urbanner, in beider Heimatstadt und somit auch im Rahmen der Festveranstaltung im Wiener Rathaus bekannt wurde und diese überschattete. Der Aspekt des Ernsten ist etwas, das Herbert Lauermann und seine Werke stets zu umwehen scheint. Man sollte daher rasch hinzufügen, dass er durchaus auch – besonders dann, wenn er nicht im Scheinwerferlicht steht – eine Neigung zu Heiterkeit, Witz und Ironie besitzt; und hin und wieder blitzt diese sogar in der Musik durch.

Menschliche Sprache als Alter Ego der Musik

So wenig spektakulär Lauermann sein will, so unmittelbar scheint sich seine Musik dem Interpreten und dem Zuhörer zu erschließen – sei es ausschließlich über die Gefühlsebene, sei es unter Einbezug der „intellektuellen“ Ebene (soll heißen des Wissens um die Hintergründe des Entstehens und die Kenntnis der Faktur). Ein Motto des „Stillen“: Seine Musik soll so für sich sprechen, dass es erklärender Worte kaum mehr bedarf. Wichtig scheint daher, auf das Ureigenste im Lauermann’schen Schaffen einzugehen, das, was ihn in der von ihm praktizierten Form von anderen unterscheidet: die Sprache.

Die Sprache steht im Zentrum des musikalischen Schaffens von Herbert Lauermann. Dies gilt keineswegs nur für seine Bühnenwerke, wenngleich er damit stets eindrucksvoll seine Könnerschaft für das, was heutiges Musiktheater verlangt, bewies. Es gilt auch in hohem Maß für viele seiner Instrumentalwerke, darunter auch jene, die zum Glück doch hin und wieder in den Konzertprogrammen auftauchen: etwa die Klaviertrios „∫vartsə ‘rilən…“ (…schwarze Rillen…, 2003/04) und „…übungen im horizontgewinn und traumverlust…“ (2005/06) oder das wie letzteres ebenfalls auf Worten von Ingeborg Bachmann aufbauende „…ins Innere…“ (Verbum V – Fuge, 1996/97). Sie spiegeln die Neigung des Komponisten zum kompositorischen Spiel mit der Sprache. Das Zusammenspiel von Lauten und Silben in Worten wird direkt in Töne umgesetzt, Sprachrhythmen und Lautfärbungen erhalten musikalische Entsprechungen, Formen werden aus dem Sprachklang gewonnen und führen in ihrem Ablauf zu äußerst differenzierten Klangbildern. Die zugrunde liegenden Texte werden somit nicht durch eine stimmungsmäßige Vertonung verstärkt, sondern erhalten ihre Verbindung mit der Musik durch dichte Materialanalogien. Dass der Komponist dabei die Zitate und Gedichte in die Partituren integriert, stellt eine essenzielle Unterstützung für die Ausführung dar, da sie dem Musiker unmittelbar das Verständnis der inhaltlichen Aussage vermitteln. Eine Methode, die sehr individuell ist und Lauermann eine singuläre Position unter den verschiedensten aktuellen kompositorischen Ansätzen gibt.

Aktuelles auf Petrarcas Spuren

Lauermanns aktuellste Beschäftigung mit der Sprache findet keine instrumentale, sondern vokale Umsetzung: Am 19. Juli 2013 um 19.30 Uhr gestaltet das Ensemble Arcantus in der Otto Wagner-Kirche am Wiener Steinhof das Programm „Lamentationen und neue Vokalmusik auf Texte von Francesco Petrarca“ mit Stücken von Orlando di Lasso, Thomas Tallis, Rudolf Hinterdorfer, Thomas Daniel Schlee, Elisabeth Harnik, Kurt Estermann, Fritz Keil und Herbert Lauermann. Aus der Taufe gehoben wird dabei „es eilen unsre tage“ für fünf Stimmen nach einem Text aus Petrarcas Canzone VIII. Lauermann beschreibt es als „ein Stück ohne besondere akrobatische Anforderungen an die Stimmen, mit einfachen Klängen und Linien und einer klaren, einfachen Form“ und einen „Versuch, auf die Kraft der inneren Klangvorstellung ganz zu vertrauen“. Geradezu lustvoll betont er die den Kompositionsprozess begleitende Erinnerung an seine eigene Freude am Chorsingen, dem Verweis auf das Verwenden einer tonalen Sprache schließt er das Petrarca-Zitat „und bangend misst der Geist des Werkes Schwere…“ an. Und vielleicht schimmert da auch schon eine Spur des Erkenntnisreichtums eines kommenden „alten Meisters“ durch, wenn er hinzufügt: „Des Herzens Flammen müssen all verwehn; Ich kehre um und lerne in mich gehen.“

Christian Heindl

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https://shop.musicaustria.at/sheetmusic/lauermann-herbert
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