Bild Dalia Ahmed
Bild (c) Dalia Ahmed

„Popmusic is for everyone“ – DALIA AHMED im mica-Interview

DALIA AHMED „schaut gern Sachen im Internet und Leute auf der Straße“, ist schon lange in Wiener Club- und Kulturkontexten aktiv und seit einem Jahr mit „Dalia’s Late Night Lemonade“ ebenfalls bei FM4 zu hören, jeden Samstag um 21 Uhr. Unter dem Motto „Popmusic is for everyone“ präsentiert DALIA AHMED ihre Lieblingsmusik, die sich vor allem im Bereich Hip-Hop, R’n’B, Dancehall und Afrobeats verortet. Im mica-Interview spricht DALIA AHMED von Beyoncé, die „größer ist, als Michael Jackson und alles, was jemals davor war“, von Kanye West, der sie als Teenagerin davon überzeugt hat, dass Beats, Texte, schöne Schuhe und Selbstbewusstsein alles sind, was man zum Leben braucht und schließlich von Respekt, der in Zusammenhang mit kultureller Aneignung Vorraussetzung sein muss.

Wie hat „Dalia’s Late Night Lemonade “ ihren Anfang genommen?

Dalia Ahmed: Ich war noch nicht lange bei FM4, da ist die Moderatorin Fiva von „Fivas Ponyhof“ schwanger geworden und ich habe einen Vorschlag für den Sendeplatz eingereicht. In Zusammenhang mit Popkultur und Musikgeschichten war ich schon lange u.a. für Vice tätig. Ich habe FM4 vorgeschlagen, meine Lieblingsmusik zu präsentieren, weil mir das seit Jahren Spaß macht und ich abgesehen davon finde, dass besonders Hip-Hop in der österreichischen Musiklandschaft ein bisschen untergeht. Es gibt auf FM4 seit Jahren die Tribe Vibes, die HipHop Show mit Trishes und Phekt, aber sonst eigentlich wenig Formate, die auch R’n’B oder Afrobeats vertreten. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht daran, dass in Wien ganz andere Welten existieren und man sich leichter mit mittelschichtigen RockmusikerInnen identifizieren kann, die ein ähnliches Leben führen. Aber ich freu mich sehr, dass meine Sendung mittlerweile gut funktioniert und gerne gehört wird.

Welcher Diskurs interessiert Sie in der Popmusik?

Dalia Ahmed: Mich nervt, dass Hip-Hop und Pop oft als eingängige, nervige und banale Musik abgestempelt werden – das stimmt nämlich einfach nicht. Der eingängigste Beat ist vielleicht cheesy, aber dahinter steckt immer extrem viel Arbeit und Genialität. Es werden unglaublich spannende Künstlerinnen, Gedanken und Lebenswelten übersehen.

Ist es Ihrer Meinung nach wichtig – um eventuell andere Lebenswelten verstehen zu können – über die Wurzeln des Hip-Hops, des afroamerikanischen Funk- Soul und Popmusik Bescheid zu wissen?

Dalia Ahmed: Auf jeden Fall! Besonders wichtig finde ich auch, dass einem bewusst ist, dass fast jede Musikrichtung afroamerikanische Wurzeln hat. Das wird gerne vergessen und ignoriert. Die afroamerikanischen Musikerinnen wurden und werden nach wie vor aus ihrem Genre vertrieben – wenn man sich heute beispielsweise anschaut, welche House-Music DJs Erfolg haben, dann sind das weiße Europäer. Es ist unglaublich wichtig, zu betonen, wo die Musik herkommt und wie Systeme funktionieren.

Mit Eminem wurde Hip-Hop in den Nullerjahren plötzlich überall salonfähig. Finden Sie seinen Erflog legitim?

Dalia Ahmed: Sein Erfolg als Hip-Hop-Künstler basiert sicher auch – vielleicht zu 80 Prozent – auf seiner weißen Hautfarbe. Aber ich denke mir, wenn Eminem für manche die Einstiegsdroge zu Hip-Hop gewesen ist, dann geht das schon in Ordnung, solange die Wurzeln vermittelt, respektiert und anerkannt werden. Post Malone finde ich dagegen schwierig, besonders wenn er in Interviews Hip-Hop-Musik als reine Partymusik erklärt. So was geht halt nicht. Der Respekt muss da sein.

Und die Vermittlung. Welche Aufgaben hat Ihrer Meinung nach das Radio?

Dalia Ahmed: Ganz unterschiedliche, auf jeden Fall auch die der Unterhaltung. Ich für meinen Teil versuche den Menschen Dinge näher zu bringen, die mir selbst als wichtig und relevant erscheinen. Ich will jetzt nicht Didaktik sagen, aber Vermittlung ist wirklich wichtig und desto leichtfüßiger desto effektiver, denke ich. Im Gespräch auf Augenhöhe kann viel hängen bleiben. Der akademische Zugang kann natürlich auch funktionieren, aber im Zusammenhang mit Musik finde ich es für mich sehr richtig, dort aktiv zu sein, wo es auch genossen werden kann. Ich bin am Samstag um 21:00 dein Homie, mit dem du chillst und eine Stunde lang coole Musik hörst.

Welchen Stellenwert hat Politik?

Dalia Ahmed: Für mich ich alles politisch, vor allem als schwarze Frau mit muslimischen Eltern in Österreich. Aber alles andere ist für genauso politisch. Pop ist extrem politisch, ein Rapper der „Yo!“ schreit, usw.

Wie steht es um die Sympathie bei Beyoncé? Auf ihrer derzeitigen Tournee wird mittels Diashow vor allem ihre turbulente Liebesbeziehung mit Jay Z gefeiert.

Dalia Ahmed: Ich habe die Show in Warschau gesehen. Ich habe mich so gefühlt, als kämen zwei Freunde von den Flitterwochen zurück, die mich jetzt mit ihren Liebesfotos beglücken wollen. Da fragt man sich schon, ob man unbedingt dabei sein muss. (lacht) Aber Beyoncé könnte machen was sie will, ich wäre immer on board! Objektiv betrachtet ist sie als Popstar das Größte, was es jemals gegeben hat. Sie ist größer, als Michael Jackson und alles, was jemals davor war. Und auf einer persönlichen Ebene finde ich es einfach großartig, dass sich eine schwarze Frau neu erfunden hat, sich von ihrem Vater, der lange ihr Manager gewesen ist, emanzipiert hat, von seichter Balladen-Musik entfernt hat und mittlerweile inhaltlich Themen verarbeitet, die relevant und vor allem für sie persönlich von Bedeutung sind. Es ist sehr viel Show dabei, aber eben auch sehr viel Politik.

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Bild (c) Dalia Ahmed

Ebenfalls bei Ihrem Hip-Hop-Liebling Kanye West?

Dalia Ahmed: Ja! Ich konnte mich auch wirklich lange mit ihm identifizieren. Sein Debütalbum „The College Dropout“ hat Fragen aufgeworfen, die mich sehr beschäftigt haben. Studieren? Nicht studieren? Unterwerfen? Nicht unterwerfen? Ich fand das großartig, dass es einen schwarzen Mann gibt, der so stolz auf sich gewesen ist, sich liebt und auf eine Bühne stellt, um das zu verkünden. Mittlerweile würde ich aber sagen, dass ihn sein Ego verschlingt, gemeinsam mit seinen psychischen Problemen. Aber abgesehen davon bleibt er mein Liebling, mein Wegbereiter zum Hip-Hop.

Gibt es für Sie in Österreich im Bereich Pop & Hip-Hop ähnliche Größen?

Dalia Ahmed: Mavie Phoenix, Bilderbuch – das ist alles spannend. Teilweise sehr problematisch, teilweise sehr großartig. Bei kultureller Aneignung steht halt immer die Frage im Raum, ob sie das dürfen, oder nicht, ob das okay ist, oder nicht – ob der Respekt da ist, oder eben nicht. Ob wirklich versucht wird, Lebenswelten zu vermitteln – ich weiß es nicht.

Bei den diesjährigen Wiener Festwochen hat Leiter Tomas Zierhofer-Kin auf jeden Fall versucht, andere, neue, fremde, nahe und auf jeden Fall spannende Lebenswelten zu vermitteln. Allerdings gab Zierhofer-Kin bereits seinen vorzeitigen Rückzug, nach nur zwei Jahren, von den Wiener Festwochen bekannt – denn er sei auf “keine breitere Resonanz gestoßen”.

Dalia Ahmed: Ich finde das unglaublich schade! Außerdem waren die Zahlen nicht so schlecht, wie alle behaupten. Das „Hyperreality“-Festival war, glaube ich, sogar fast ausverkauft. Wenn in Österreich neue Sachen ausprobiert werden, dann hat man es nie leicht. Schade! Weil natürlich hätte das, was begonnen wurde, erst aufblühen müssen. Schnelles Aufgeben finde ich immer blöd.

„Dalia’s Late Night Lemonade“ wurde nach dem vergangenen Sommer fix in das Programm aufgenommen und läuft mittlerweile seit einem Jahr – was waren bisher die Rückmeldungen?

Dalia Ahmed: Ich bin ganz glücklich, es kam bislang eigentlich nur positives Feedback. Außerdem freu’ ich mich, dass in Wien gerade generell sehr viel in der Musik- und Clubkultur passiert, ich weiß zum Beispiel nicht, wann das letzte Mal beim Fortgehen der Main-Act männlich gewesen ist. Wenn wir im Freundeskreis über gute DJs sprechen, sprechen wir über Frauen.

Wenn Sie selber auflegen, was steht im Vordergrund?

Dalia Ahmed: Auf jeden Fall Spaß! Ich würde zum Beispiel nie auf partei-politischen Veranstaltungen auflegen wollen, u.a. weil ich Angst vor Instrumentalisierungen habe. Am liebsten sind mir Kontexte, in denen ich nicht um mein Publikum kämpfen muss. Wenn meine Musik im ersten Momenten irritiert, man sich erst aneinander gewöhnt, kann das aber auch interessant und spannend sein, zu beobachten, welche Leute gehen und welche bleiben.

Abschließend: Wird Radio überleben können?

Dalia Ahmed: Ich glaube, dass man stark auf Phänomene und Dienstleistungen reagieren muss, die gerade gut funktionieren, wie Broadcasts, vorgefertigte Playlists auf Spotify usw. Aber das Radio hat auf jeden Fall eine Komponente, die sich von Algorithmen nicht so leicht ersetzten lässt, nämlich die Persönliche! Radio vermittelt eben nicht nur Information, Musik und Stimme – sondern Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Julia Philomena

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