Popfest Sessions: Glokale Selbstverständnisse

Drückt Pop die Überwindung von Grenzen und lokaler Kultur aus und ist deshalb eine globale Angelegenheit? Oder funktioniert er ebenso gut, wenn eine gewisse Authentizität hinsichtlich der Herkunft besteht? „The Nation Of Pop – Transkulturalität oder Roots?” lud MusikerInnen mit migrantischem Hintergrund aufs Panel.

Alex Konrad von Ginga kam über Jugoslawien aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach Österreich, und übt sich mit seiner Band in einem englischsprachigen Popentwurf, der auch überall anders hätte entstehen können. Kid Pex stammt ursprünglich aus Kroatien. Er setzt in seinen Raps trotz dem Kreativstandort Wien auf die Muttersprache – mit großem Erfolg. Und die gebürtige Slowenin Maja Osojnik hat sprachliche Muster längst überwunden und macht es vom Projekt abhängig ob in slowenischer oder englischer Sprache gesungen wird. Dass die prinzipielle Fragestellung des Panels in der musikalischen Praxis kaum aufrecht zu erhalten ist, zeigte sich im Zuge von „The Nation Of Pop – Transkulturalität oder Roots” sehr deutlich. Noch mehr: Die in der Fragestellung mitschwingende Ambivalenz taugt als poptheoretische Konstruktion – der freien musikalischen Wildbahn und ihren ProtagonistInnen scheint dies relativ egal, weil das Selbstverständnis ein ganz anderes ist.

„Jede Sprache hat andere Eigenschaften”, fasst Maja Osojnik ihre Herangehensweise an den textlichen Ausdruck zusammen. Auch die „Verinnerlichung der Texte”, gekoppelt an die früheste musikalische Sozialisierung als Kind, ist für Osojnik ein wichtiger Parameter, um eine gewisse Authentizität zu vermitteln. Und als jemand, der einen guten Außenblick auf das österreichische Musikgeschehen hat, war es für Osojnik zu jener Zeit als sie nach Wien kam erstaunlich, dass so wenig auf Deutsch gesungen wurde. Wenig verwunderlich, schließlich formierte sich in Slowenien  in den Sechziger Jahren eine vitale Chanson-Szene, die für ein ganz anderes Selbstverständnis hinsichtlich der Muttersprache sorgte: „Try it. Have fun with it”, lautete Osojniks Aufforderung mit Sprache zu spielen.

Dass sich Kid Pex publikumstechnisch limitiert, wenn er in Wien auf Kroatisch rapped, nimmt er in Kauf. Er nennt seinen HipHop-Entwurf „Tschuschenrap” – die selbstbewusste Vereinnahmung negativ besetzter Wörter hat schließlich immer Saison. Herkunft sei für ihn etwas, für das man sich weder schämen noch besonderen Stolz entwickeln soll. Daher ergibt sich ein stimmiges Bild, wenn er davon spricht, dass HipHop für ihn eine „glokale” Kultur sei. Lokale Identität trifft auf universelle Ansätze, was bei ihm im Kreativprozess darin mündet sowohl mit amerikanischen als auch mit bosnischen oder mit serbischen Rappern zu kollaborieren.

Wenn Alex Konrad seine Persönlichkeit besonders authentisch in seiner Musik verarbeiten möchte, dann „müsste ich in einer Mischung aus Slowakisch und Deutsch“ singen. Tut er aber nicht. Und ebenso ist es bereits passiert, dass er zur Gitarre griff und Reinhard Fendrichs Weilst a Herz hast wie a Bergwerk zum Besten gab – freilich nicht mit Ginga. Die stark zunehmende Verwendung deutscher Texte aber auch des Wienerischen im Pop sieht er „als eine Modeerscheinung”, abseits eines geänderten Selbstverständnisses. Und vielleicht geht es in der Popmusik um etwas ganz anderes, als die Frage nach der Sprache: „Womöglich geht es nur darum über etwas zu singen, das interessanter als der Alltag ist.”
Johannes Luxner