Talk "Curating Popfest" (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

POPFEST SESSIONS 2019

Die POPFEST WIEN SESSIONS, ein zweitägiges Diskussionsprogramm im Rahmen des POPFEST WIEN 2019, widmen sich den Rahmenbedingungen des aktuellen Popschaffens. Das POPFEST bietet in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Musikinformationszentrum mica – music austria seinen Besuchern alljährlich ein Forum, um Aspekte des Musiklebens zu beleuchten: am Samstag den 28. Juli und am Sonntag den 29. Juli 2018 fanden die POPFEST SESSIONS bei freiem Eintritt wie bereits in den Vorjahren im Atrium des Wien Museums am Karlsplatz statt.

Talk 1: „Curating Popfest“, 6. Juli 2019

Gäste: Susanne Kirchmayr, Violetta Parisini, Robert Rotifer, Gerhard Stöger, Yasmo, Katharina Seidler
Moderation: Amira Ben Saoud

Zum zehnten Wiener Popfest eröffnen wir den Blick auf die Entscheidungsprozesse hinter dem Programm des Festivals. Ehemalige und heurige Kurator*innen gehen der Frage nach, was das Popfest erreicht, was es verpasst hat, und wo es in der Zukunft noch hingehen kann. Wer wird repräsentiert, was bedeutet Gender-Gerechtigkeit, wo steht das Popfest innerhalb der nach Ethnien und sozialem Status getrennten Parallelgesellschaft, aber auch im Verhältnis zu anderen kommerziellen und geförderten Veranstaltungen? Es darf, nein soll mitgeredet werden.

Moderatorin Amira Ben Saoud eröffnete den Talk augenzwinkernd mit einem Popfest-Kurationsrezept:

  1. Man checkt die aktuellen Releases ab.
  2. Man mischt dazu etwas persönlichen Geschmack.
  3. Man schaut, dass das Line-up geschlechtergerecht ist.

Nach diesem einfachen Rezept würde die Popfest-Kuration ungefähr zwei Stunden dauern, könnte man meinen. Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht. „Kuratiert sich das Popfest nicht von selbst?“, lautete in diesem Zusammenhang die erste Frage. Yasmo, die diesjährige Popfest-Kuratorin, thematisierte gleich zu Beginn, dass die Programmierung weit mehr beinhaltet, als nur Acts auszuwählen, alles rundherum brauche viel Zeit, denn auch Raumfragen oder bürokratische Faktoren würden jedes Jahr neu verhandelt. Es würden viele Dinge neben der Kuration passieren, über die man keine Macht oder Kontrolle habe, auf die man aber in dieser Position reagieren müsse. In den Anfängen des Popfests ginge es vor allem darum, auszuloten, was das Popfest verkörpern soll, welche Identität es haben wird. Es solle etwas Heterogenes abbilden, nicht eine Szene, sondern es solle die Fülle an autonom agierenden Szenenbildern in realer Form zusammenzuführen. Eine wesentliche Frage der Kuration sei immer, warum jemand nicht gespielt habe, meinte Robert Rotifer dazu einleitend.

Talk „Curating Popfest“ (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

„Eine wesentliche Frage der Kuration ist immer, warum jemand nicht gespielt hat.“

Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo, die im Jahr 2015 das Popfest kuratierte, meinte, sie begreife die eigentliche Schwierigkeit im Kennenlernen des Formats Popfest selbst. Es ließe sich mit der Struktur eines DJ-Sets vergleichen, im Sinne des narrativen Aufbaus, Verlaufes und Bogens. Es gehe dabei nicht nur darum, welche Acts gebooked werden, sondern auch darum, auf welche Art diese in einen Raum gesetzt werden und wie der Verlauf eines Abends innerhalb eines Raumes in Summe abläuft. Ein wichtiger Teil der Arbeit sei es, sich mit den Massen an Bewerbungen zu befassen, diese auszuwerten und beantworten.

„Das Popfest war die verwegene Behauptung zu sagen, etwas sei Pop, obwohl das eigentlich nicht so war.“

Das Popfest sei ursprünglich aus dem Eindruck entstanden, dass in Österreich viel passiert. 2010 habe es nicht weniger Musik gegeben, aber weniger Aufmerksamkeit für heimische Acts. Zu dieser Zeit habe es noch mehr Subszenen gegeben, die durch das Popfest als eine große, gemeinsame Szene präsentiert worden seien. Schon in den 90er-Jahren habe es zwar starke Szenen gegeben. Alles sei jedoch auf Englisch gewesen, alles sei irgendwie so wie etwas anderes gewesen, alles sei ein bisschen zu spät gewesen. In der zweiten Hälfte der Nullerjahre sei das in Wien schon ganz anders gewesen, außerhalb von FM4 und des Falters war die Aufmerksamkeit allerdings noch gering. „Das Popfest war die verwegene Behauptung zu sagen, etwas sei Pop, obwohl das eigentlich nicht so war“, erzählte Gerhard Stöger. Es sei zum damaligen Moment nicht breitenwirksam gewesen, aber es habe am Popfest breitenwirksam funktioniert und der Karlsplatz sei voll gewesen. Die Kuration sei im ersten Jahr noch am einfachsten gewesen, weil man aus dem Vollen habe schöpfen können, ein willkommenes Futter für das Bestreben, sich nicht zu wiederholen. Wiederholung habe es nur gegeben, wenn es ganz gute Gründe dafür gegeben habe, fasste Gerhard Stöger die Vergangenheit des Popfests zusammen.

Talk “Curating Popfest (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

„Alles darf Pop sein, wenn man Pop als etwas Populäres begreift.“

Das Popfest hat einen ungewöhnlichen Popbegriff geprägt, er ist breit und vage, zusammenführend und ausschließend zur selben Zeit. Es spielen zwar immer experimentelle Acts und auch manche subkulturellen Tendenzen werden angedeutet, jedoch gibt es immer Genres die gar nicht abgebildet werden, ein Beispiel dafür: Drum ‘n‘ Bass oder Metal. Die Venues spielen in dieser Begriffsdefinition eine tragende Rolle, es gibt zwar die fixen Locations, aber auch  immer wieder wechselnde Nebenschauplätze, die innerhalb ihrer Funktion wieder einen anderen Popbegriff zulassen können und somit auch andere Soundästhetiken, jeder in seinen Begrenzungen. Zur Kehrseite des kuratorischen Prinzips meinte Katharina Seidler: „Alles darf Pop sein, wenn man Pop als etwas Populäres begreift.“ Da könne alles reinfallen, das sei der Fluch und der Segen des Kuratorenprinzips. Das Line-up färbe sich jedes Jahr durch den spezifischen Blick zweier Personen, jede Kuratorin und jeder Kurator habe ihren bzw. seinen musikalische Schwerpunkt, deshalb würden gewisse Genres auf natürliche Weise wegfallen. Seidler merkte dazu an, dass sie sich selbst gar nicht zutrauen würde, eine Drum-and-Bass-Bühne auf demselben inhaltlichen Level zu gestalten wie beispielweise eine Indie-Bühne.

„Die inhaltliche Relevanz speist sich nicht durch Star-Auftritte.“

Acts, die bisher nicht am Popfest gespielt haben: Bilderbuch, Wanda, Yung Hurn, Soap & Skin. Die großen Aushängeschilder des kommerziellen österreichischen Erfolgs, könnte man sagen. Wenn man die Aufgabe des Popfests darin begreift, die Musiklandschaft real abzubilden, dann könnte man das zu 100 Prozent als Versäumnis bezeichnen. Dem gegenüber steht der Ansatz, als Gratis-Festival vor allem auch unbekannte Bands zu pushen und in den Popdiskurs miteinzubeziehen. All diese prominenten Beispiele zeigen aber, dass man manchmal einfach den Moment verpasst. Das Versäumnis ist aber überschaubar. Die inhaltliche Relevanz des Festivals speise sich nicht durch Star-Auftritte, da waren sich dann doch fast alle Gäste einig. Alle gemeinsam zählten sich ganz ungeniert zu den „Versäumerinnen und Versäumern“.

Talk “Curating Popfest” (c) Piece of Cake Films/Patrick WallyIm Schatten der lange verstaubten Mahnmale eines alten, noch nicht ganz überkommenen Wiens – gleich neben der Staatsoper und dem Musikverein – findet das Popfest ein bisschen sinnbildlich gratis statt. Die großen Steuergelder werden nach wie vor in der klassischen Hochkultur versenkt. Stichwort: Gratis-Festival, eine wesentliche und immer wiederkehrende Kritik am Popfest. Der Vorwurf: Kultur werde gratis hergegeben, um diese dann mit teurem Dosenbier in der Hand ignorieren zu können. In diesem Zusammenhang stellen sich auch weitere Fragen wie, an wen man Kultur gratis hergibt, denn der größte Teil des Publikums besteht aus privilegierten Leuten, die auch zahlen könnten. Ist das Popfest 2019 am Karlsplatz überhaupt noch zeitgemäß oder gehört es doch nach Favoriten? Katharina Seidler sagte, sie habe die Hoffnung, dass es Leuten den Zugang zu Musik gibt, die es sich sonst nicht leisten könnten, eine kleine Utopie irgendwie. Jedoch mit der Perspektive, dass die Aufmerksamkeit für Musikerinnen und Musiker dann nachhaltig bestehen bleibt und die Menschen dann auch für „reale“ Konzerte zahlen. Es gebe viele Beispiele dafür, meinte Seidler. Am Popfest sei die Aufmerksamkeit oftmals sehr niedrig, viele kämen wegen der Party und der langen Dosenbier-Eskapaden, weniger wegen der Musik, trotzdem bleibe immer etwas hängen. Daran glaube sie, sie begreife das Popfest als Verstärker.

Auch Themen rund um Gender, Diversität, „sexistische Problembären-Acts“ und den Anspruch an ein ausgeglichenes Line-up wurden in weiterer Folge thematisiert. Robert Rotifer erklärte, er glaube hier an die alte These der Vorbildwirkung. Durch theoretische Abhandlungen werde auch die Realität geändert. Seidler legte in diesem Zusammenhang nahe, nicht nur nach Genderkategorien zu buchen, sondern auch nach Kriterien wie Rassismus und Sexismus auszusieben. In den vergangenen Jahren seien, so Rotifer, diese Fragen im Festival-Diskurs stark öffentlich thematisiert worden. Man könne es 2019 einfach nicht mehr bringen, 92 Prozent Männer auf die Bühne zu stellen, das traue sich fast niemand mehr. Die Trennung zwischen musikalisch und persönlich sei für viele schwer aber notwendig. Man wolle keine Arschlöcher buchen, aber es passiere trotzdem manchmal, da waren sich alle einig. Die kontinuierliche Mission des Popfests sei es, so die Gäste, Sachen zu zeigen, die interessant seien oder werden könnten. Der Rahmen sei klar definiert, aber der Inhalt werde sich wie die Kuration jedes Jahr ändern.

Talk “Musik-Radio-Journalismus” (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

Talk 2: „Musik-Radio-Journalismus?“, 27. Juli 2019

Gäste: Daniel Koch (freier Journalist), Susi Ondrusova (Radio FM4), Christoph Reimann (Deutschlandradio), Jochen Schliemann (ReisenReisen-Podcast, WDR Eins Live) Moderation: Dirk Schneider (Deutschlandradio), Maik Brüggemeyer (Rolling Stone)

Das Ende der Druckausgaben von Spex, Groove und Intro hinterlässt eine große Lücke für den anspruchsvollen Popdiskurs in deutscher Sprache. Dabei ist das Nachdenken und Schreiben über Popmusik heute so wichtig wie noch nie, in Zeiten der zunehmenden Politisierung von Pop, von links wie von rechts. Auch dass der Popdiskurs inzwischen in den Feuilletons der großen Zeitungen angekommen ist, kann diese Lücke nicht schließen. Doch wie sieht es im öffentlich-rechtlichen Radio aus, mit seinen Musik- und Kultursendungen? Hier wäre viel Platz, um über Popzusammenhänge nachzudenken, zu sprechen und aufzuklären, der Bildungsauftrag der Sender sollte dazu verpflichten. Doch wo ist das überhaupt noch möglich, wo wird das bereits gemacht, und wo wird das vielleicht auch gerade geplant? Welchen Stellenwert hat der Popdiskurs für das öffentlich-rechtliche Radio, und welchen sollte er haben? (Quelle: https://popfest.at/?p=8086) 

„Es ist schwieriger, über Popmusik zu schreiben, als Popmusik zu machen“, sagte Dirk Schneider gleich zu Beginn. In Zeiten politischer Umbrüche und zunehmender Politisierung von Pop sei vor allem eines klar: Pop-Strategien würden überall benutzt. Susi Ondrusova sagte, sie assoziiere mit dem Begriff „Popdiskurs” vor allem die Akademisierung von gesellschaftlichen Diskursen, sowie mit den damit zusammenhängenden Ausschließungsmechanismen: „Ich bin ein Fan von einfachen, niederschwelligen Sachen.“ Der Popdiskurs beginne schon ohne theoretischen Überbau und müsse nicht zwangsläufig akademisiert werden. Bereits wenn man unbekanntere Acts an prominente Stellen platziere und auf diese Weise konkret in den Mainstream einspeise, würden diese schon Teil des Popdiskurses werden. 

Talk “Musik-Radio-Journalismus“ (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

Die Kommunikations- und Vermittlungsformen von Diskursen haben sich in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung und durch Social Media stark gewandelt oder zumindest verschoben. Zeitintensivere Formen und Formate sterben sukzessive aus, Bilder, Tweets oder Snapchat ersetzen diese durch eine maximale inhaltliche Reduktion. Statements werden durch Playlists oder Ähnliches getroffen, das Mixtape is over. Es gibt keine Stille mehr, sondern nur mehr Moods. Durch diese neuen Formate spart man Zeit, denn viele Aussagen werden inzwischen rein durch visuelle Kombinationen getroffen. Diese Entwicklungen haben auch in jüngster Zeit starke Auswirkungen auf den klassischen Journalismus, egal ob Print oder Radio.

Das Rolling Stone, eines der letzten klassischen Musikmagazine, verkörpert ein konkretes Sinnbild der verschiedenen Formen und Ausprägungen eines vermeintlichen Popdiskurses: Meistens zieren das Cover alte weiße Männer oder zumindest Superstars. Es gebe keine Regeln, meinte Maik Brüggemeyer von Rolling Stone dazu. „Wir können über Sunn O))) schreiben und haben keine Angst. Das Problem ist nur, wie kommt man damit am Kiosk klar. In den Nullerjahren konnte man sich noch mehr trauen am Cover, mit damals noch jungen Künstlerinnen und Künstlern wie The Libertines. Das kann man sich nur ein paar Mal im Jahr leisten, aber nicht zwölfmal.“ Fakt sei: Alte Helden würden als Lockvögel für den ersten Blick benutzt, aber hinter dem Cover gehe auch mehr. Hinter dem Cover dann der Popdiskurs. Laut Dirk Schneider ist der Popdiskurs eine Blase, denn das, was breit besprochen wird, verkaufe trotzdem keine Platten. Er frage sich, wann die Feuilleton-Bearbeitung von K-Pop endlich kommt. 

Talk “Musik-Radio-Journalismus” (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

„Man darf keine elitäre Veranstaltung aus dem Popdiskurs machen.“

Daniel Koch sagte, er empfinde die aktuellen Ausformungen des Popdiskurses als eine Chance. Die Diskurse innerhalb der bereits verstorbenen Musik- und Popkulturzeitschriften Spex und intro beschrieb er als „Studienabbrecher-Journalismus“: zu viel heiße Luft, zu viel geschwurbelt. Viele Autorinnen und Autoren hätten sich selbst durch diese Form des Textschreibens als „Personae“ inszeniert. Diese Zeiten seien jedoch vorbei. Neue Formen böten eine Chance für Journalistinnen und Journalisten, durch Podcast und Talks Inhalte originell zu vermitteln. Die pessimistische Note nerve, denn es gehe immer nur um Ende und Zukunft. Popdiskurs sei Katastrophenjournalismus, würden manche sagen. Maik Brüggemeyer beschreibt in diesem Zusammenhang den klassischen Autor als Haltung, Autoren werden zum Pop, so wie früher Zitate aus Songs der Shit waren. Es gehe im Diskurs um mehr als nur um die Musik, es gehe auch um Identifikation und Identitätspolitiken generell. Instagram sei inzwischen ein regulärer Teil des Lebens geworden, genauso wie der Supermarkt-Besuch. Diese visuellen Formen und die sozialen Medien seien ein neuer Aspekt innerhalb des Popdiskurses geworden.

Ein gut gefülltes Popjournalismus-Panel ist Katastrophenjournalismus

Ein weiterer Trend geht in Richtung Podcast, er ist inzwischen fast überall. Die Radiomacherinnen und -macher schielen mit glänzenden Augen in Richtung dieser Entwicklung und versuchen dabei, etwas zu lernen. Daniel Koch erklärte, dass er in diesem Zusammenhang das Radio als Schmiede begreift, um Podcasts zu machen, als Zweitverwertung des eigentlichen Radioprogramms. Der Podcast sei als Format aber oft sehr amateurhaft, und zwar durch die meist schnellen Produktionsbedingungen. Das ermögliche wiederum den Radiosendern, die eigenen Sachen in Häppchen zu zerteilen und das Podcast-Format zu professionalisieren. Jochen Schliemann hingegen sagte, dass im Podcast eine gewisse Gefahr beobachtet, eine Art Überproduktion von alteingesessenen Redakteurinnen und Redakteuren. Andererseits sehe er darin auch eine Möglichkeit, wieder Tiefe in Themen zu bringen und sich Zeit zu nehmen. Beim Radio herrsche nach wie vor das Problem der Sendezeit, man kämpfe um jeden Beistrich, erinnerte Susi Ondrusova. Das Format Podcast habe hingegen kaum zeitliche oder inhaltliche Limitationen. Sie hinterfrage in diesem Zusammenhang aber dann den Einsatz von Musik in Podcasts, denn die meisten würden die Tracks einfach schnell auf YouTube anspielen können. Maik Brüggemeyer sagte, das klinge jedoch nach einer Rückkehr zum Print, da könne man auch nichts hören. Print sei ist reduziert auf Worte, die Musik werde lediglich beschrieben und man habe viel Zeit. Die Themen, die zu viel Zeit brauchen, würden ignoriert. Der Podcast biete wieder Platz für Nischen. Robert Rotifer bemerkte, dass ihn diese konstruierte Trennung zwischen Radio und Podcast stört. Die Grenzen zwischen den klassischen medialen Formaten seien schon lange am Verschwinden, die ständige Unterscheidung sei künstlich. Ihm gehe es weniger darum, Radiodogmen beizubehalten, denn Radio zu hören sei immer noch eine Entscheidung.

Talk “25 Jahre MICA – music austria” (c) Piece of Cake Films/Patrick Wally

Talk 3: „25 Jahre mica – music austria“, 27. Juli 2019

Gäste: Thomas Heher (Waves Vienna), Franz Hergovich (mica – music austria), Mira Lu Kovacs (Musikerin und Popfest-Kuratorin), Hannes Tschürtz (Ink Music)
Moderation: Lea Spiegel (SAE)

Die Gründung von mica – music austria als professioneller Partner österreichischer Musikschaffender jährt sich 2019 zum 25. Mal. 1994 auf Initiative der Republik Österreich gegründet, macht das Musikinformationszentrum nun ein Vierteljahrhundert auf aktuelle Musik aus Österreich aufmerksam und unterstützt Musikschaffende in allen wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen. In den letzten 25 Jahren hat sich in der österreichischen Musiklandschaft viel getan. Der digitale Strukturwandel hatte auch bei uns tiefgreifende Auswirkungen. Wie haben sich die Rahmenbedingungen und das wirtschaftliche Umfeld und damit auch die Services und Angebote von mica – music austria in dieser Zeit verändert?

Die Musikwirtschaft hat sich im Verlauf der letzten Jahre stark gedreht. Durch die verschiedene Wechsel von Medien und den damit zusammenhängenden Veränderungen für die Musiklandschaft haben sich auch die umliegenden Strukturen stark geändert. Institutionen wie mica – music austria sind eine Reaktion auf diese Veränderungen und dann nützlich, wenn sie diese neue Entwicklungen mitbedenken und begleiten. Mira Lu Kovacs, diesjährige Kuratorin des Popfests, sagte, sie habe zum ersten Mal über die JazzWerkstatt Wien mitbekommen, dass es Förderungen gibt, die auch realistisch sind. Durch diese Beschäftigung mit der Förderungslandschaft sei sie an mica nicht vorbeigekommen und habe die Beratung bei Verträgen, die ihr bis heute nützlich seien, beansprucht. „Es ist immer gut, sich selbst, so gut es geht, auszukennen, mit dem Wahnsinn, der da steht. Er will nicht verwirren, aber er tut es. Deshalb ist notwendig, als junge Künstlerin oder als junger Künstler mit mica zusammenzuarbeiten.“

Talk “25 Jahre MICA – music austria” (c) Piece of Cake Films Patrick Wally

Die Wahrnehmung der österreichischen Musik-Outputs habe sich stark geändert, meinte Thomas Heher. Bereits in den 1990er-Jahren habe es das erste Hoch gegeben, das sich dann aber wieder verloren habe. Die Strukturen der Kommunikation der Qualität hätten sich erheblich verbessert. Es sei nicht die Qualität, die sich verändert habe. Österreich sei nach wie vor nicht der stärkste Musikmarkt in Europa, das dürfe man nicht vergessen, trotzdem würden viele Exportorganisationen ihre Bewunderung für österreichischen Austrian Music Export aussprechen. Im Jahr 2011 wurde der österreichische Musikexport gegründet. Franz Hergovich verwies auf die Tatsache, dass die Branche nicht immer so geeint war, wie es im Moment scheine, es sei lange Zeit viel mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander gewesen. Durch den Austria Music Export würden Kunst und Wirtschaft zusammengebracht. Durch den Export könnten Künstlerinnen und Künstler auch in Nischen manchmal von ihrer Kunst leben. Diese Bereitschaft habe aber erst erzeugt werden müssen, sagte Hannes Tschürtz. Das Export-Büro sei eine Art Miterscheinung des Booms gewesen.

Thomas Heher verwies darauf, dass es zu Beginn weniger einzelne Bands gewesen gewesen seien, die erfolgreich wurden, sondern vielmehr der Wille und die Fähigkeit einer Fusion von Künstlerinnen und Künstlern sowie Musikarbeiterinnen und -arbeitern. Kluge Köpfe hätten smarte Konstrukte aus dem vermeintlichen Nichts erhoben. Gute Musik reiche aber noch lange nicht zum Erfolg. Es gehe vor allem um die gegebenen Strukturen wie etwa Booking-Agenturen oder Labels. In den Nullerjahren seien viele Labels entstanden, die professionell gearbeitet hätten. Damit habe es nicht nur gute Bands aus dem Land gegeben, sondern auch die dazugehörenden funktionierenden Strukturen. Hannes Tschürtz beschrieb in diesem Zusammenhand das Festival Eurosonic im Jahr 2003. Im ersten Jahr seien dort drei bis vier Österreicherinnen und Österreicher vertreten gewesen, das sei dann sechs, sieben Österreicherinnen und Österreicher angewachsen. Im Jahr 2014 sei Österreich bereits zum Partnerland geworden und habe dort Lobbyismus im einfachsten Sinne betrieben. Der Eindruck von der österreichischen Musikszene sei so gut gewesen, dass Österreich zum Schwerpunktland geworden sei. Dies habe diesen allgemeinen Boom rund um neue Labels, Acts und das Popfest nur noch ergänzt. Das allgemeine Selbstbewusstsein der österreichischen Musiklandschaft sei inzwischen stark, es werde weniger gejammert, ein weiteres Zeichen für den Zeitenwandel.

Ada Karlbauer

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