Nabil (c) Georg Cizek Graf

„Poet und Sänger war kein großer Unterschied“ – ALFRED GOUBRAN a.k.a. NABIL im mica-Interview

ALFRED GOUBRAN ist ein umtriebiger Künstler: er ist als Autor und Musik tätig und veröffentlicht demnächst einen neuen Tonträger unter dem Namen NABIL – Bücher sind ohnehin GOUBRANS Sache, früher hat er die Edition Selene betrieben. Im Interview mit Jürgen Plank spricht er über die Verbindung zwischen Text und Musik, welche Lieder er von Bob Dylan für sein neues Album „relocated“ ausgewählt hat und warum er Pannen bei Auftritten mag.

Welches Konzept haben Sie dem neuen Album zugrunde gelegt? Was wollten Sie umsetzen?

Alfred Goubran: Ich habe in den letzten Jahren deutschsprachige Lieder oder Chansons veröffentlicht, aber ich habe natürlich sehr viel gelernt über die englischsprachigen Songs. Denn abgesehen von den Austropop-Größen und Reinhard Mey wurzeln wir Liederschreiber alle eher in englischen, amerikanischen Traditionen. Und ich wollte einfach Mal, so abgedroschen das klingt, an die Wurzeln gehen. Ich habe versucht, bei den deutschsprachigen Liedern an die Wurzeln zu gehen und habe gemerkt, dass das gar nicht so gut ankam.

Welche Wurzeln haben Sie diesbezüglich entdeckt?

Alfred Goubran: Da muss man eigentlich vor den zweiten Weltkrieg zurückgehen.

Hermann Leopoldi?

Alfred Goubran: Auch, aber diese ganze Wandervögel-Geschichte und der Zupfgeigenhansl etc. Aber ich würde noch weiter zurückgehen, weil früher jeder Dichter auch Sänger war. Man weiß von Hölderlin, dass er seine Gedichte teilweise gesungen hat, Widmungsgedichte an Fürsten zum Beispiel. Und da komme ich ja eigentlich her: Poet und Sänger war kein großer Unterschied. Das waren meine Anfänge und dann gibt es diese seltsame Verdrängung des Deutschsprachigen nach dem zweiten Weltkrieg, die man verstehen kann. Ich verstehe, dass alle lieber Englisch gesprochen haben und Worte wie Volk und Heimat eher out waren. Dadurch ist es schwierig einen Folk-Song zu machen.

„Ich wollte einfach Mal (…) an die Wurzeln gehen.”

Sie covern auf der aktuellen CD englischsprachige Folk-Rock-Songs, etwa von Bob Dylan. Wie haben Sie sich diesen Stücken angenähert?

Alfred Goubran: Es war so, dass ich einerseits diese Songs gelernt habe und auch immer wieder gespielt habe, bei Dylan-Tributes etwa. So hat es sich angeboten, einmal eine CD mit diesen Liedern zu machen. Und was mich gereizt hat: stimmlich habe ich im Englischen ganz andere Möglichkeiten für mich entdeckt und dem wollte ich nachgehen. In einem zweiten Schritt ist es aber geplant, eigene englischsprachige Lieder zu veröffentlichen.

Aus welchem Umfeld haben Sie daher die Lieder ausgewählt?

Alfred Goubran: Es sind viele Lieder von Dylan, aber auch Traffic und Jacques Brel. Es war auch interessant bei Dylan zu schauen: wo sind die Originaltexte, auf die er sich bezieht? Jetzt habe ich zum Beispiel ein Lied wie „Delia“, bei dem das Arrangement von Dylan ist, aber der Text nicht. Oder im Fall von „World gone wrong“, da ist der Text im Original – aber nicht von Dylan – und die Musik von mir.

Da zeigt sich, dass sich Traditionen beständig weiterentwickeln und jeder darf das. Etwa durch das Hernehmen von Texten, die auch immer wieder verändert wurden und werden. In dieser Tradition haben Sie agiert?

Alfred Goubran: Genau. Außer bei „Port of Amsterdam“. Es gibt einen Dylan-Song, „Seven Curses“, der auf schottische Balladen – wie zum Beispiel „The Maid freed from the Gallows“ – zurückgeht und in mehreren Versionen existiert. Zuerst hatte ich eine Version mit Dylans Text und eigener Musik. Dann ersetzte ich seinen Text durch einen der Originaltexte, entdeckte die anderen Versionen, begann sie zu kombinieren und damit zu spielen und hatte am Schluss einen eigenen Text und Song daraus gemacht, der wahrscheinlich auf der nächsten CD zu hören sein wird. Früher hat man immer gesagt: man lässt sich anmuten. Und ich finde schon, dass das eine dichterische Arbeit ist.

Machen Sie das dann so wie Bob Dylan, der zum Teil seinen eigenen Namen als Autor unter Texte gesetzt hat, bei denen ist nicht immer ganz klar war, wer sie geschrieben hat? Und wie geht man da mit den Copyrights um?

Alfred Goubran: Ich glaube, dass das eher Dylans Management gemacht hat und dass ihm das ziemlich egal ist. Denn man weiß ja von seinen Radiosendungen, dass er sich eigentlich sehr gut auskennt und weiß, wer, was, wann und wo gemacht. Ich gebe das schon genau an: wenn ich nur das Arrangement gemacht habe, dann habe ich eben nur das Arrangement gemacht. Bei den schottischen Liedern ist das dann eben eine Volksweise, da sind die Rechte frei.

Wie haben Sie recherchiert, sind Sie in Musikarchive gegangen, an Musik-Universitäten? Oder haben Sie übers Internet recherchiert?

Alfred Goubran: Das geht über das Internet sehr gut, auch weil viele Dinge inzwischen digitalisiert sind.

Was hat dafürgesprochen, das Stück „Port of Amsterdam“ zu interpretieren? Davon gibt es ja eine berühmte Version von David Bowie.

Alfred Goubran: Ja. Ich habe das Lied schon früh gespielt, weil ich das sehr mag. Die englische Übersetzung ist von Mort Shuman, der Brels Lieder für ein Broadway-Musical übersetzt hat. Ich habe einfach gemerkt, dass das ‚mein Lied’ ist. Ich konnte dabei etwas mit der Stimme machen, was ich vorher nicht konnte. Mir geht es da mehr um die Stimme. Das Gitarrespiel ist jetzt nicht meine Domäne, abgesehen davon, dass ich mich beim Singen begleite. Aber beim Texte-Schreiben und Singen ist irgendetwas Besonderes dran, wie mir immer wieder gesagt wird. Und das versuche ich auszuloten.

„Ich singe mit drei Stimmen und das war mir beim Singen nicht bewusst“

Was haben Sie mit der Stimme machen können?

Alfred Goubran: Das ist schwer zu erklären, aber als wir „Port of Amsterdam“ aufgenommen haben, habe ich beim Anhören den Toningenieur Stefan Deisenberger gefragt: welchen Effekt hast du da drauf? Ist das ein Octaver, ein Stimmendoppler? Denn da waren plötzlich drei Stimmen zu hören. Und er schaut mich an und sagt: nein, das bist du. Ich singe mit drei Stimmen und das war mir beim Singen nicht bewusst. Es sind nicht drei verschiedene Stimmen, aber da schwingt etwas mit und wenn man das hört, dann fängst du an, damit zu arbeiten. So war das.

Das heißt, Sie haben das nicht als Technik eingesetzt, sondern das ist im Studio organisch gewachsen?

Alfred Goubran: Ja. Das ist bei mir eigentlich alles sehr organisch. Ich mag auch eher Konzerte vor wenigen Leuten. Nicht mehr als 50, 30 finde ich super. Wenn ein Konzert gelingt, dann kann man auch Dinge ausprobieren. Das Schönste ist dann, wenn die Leute beginnen die Lieder mitzusingen, auch wenn sie sie vorher noch nie gehört haben.

Wer hat mitgespielt im Studio?

Alfred Goubran: Bei zwei, drei Lieder spielen Hannes Wirth und Lukas Lauermann mit. Und es gibt Kurzauftritte von Markus Perner [Garish; Anm.] und Stefan Deisenberger.

Was ist Ihnen bei einem Konzert wichtig?

Alfred Goubran: Ich mag keine Repräsentationskonzerte. Ich habe schon den Anspruch, dass mit mir irgendetwas passiert, bei einem Konzert. Es geht darum, dass ich auch mich auf der Bühne riskiere und etwas Neues erfahre und im besten Fall wird das Publikum ein Teil davon.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Alfred Goubran: Eines meiner besten Konzerte war mit Ángela Tröndle, dabei ist mir während der ersten Nummer der Gitarrensteg gebrochen und dann habe ich eben – zum ersten Mal, ungeprobt und von Ángela Tröndle am Keyboard begleitet – nur gesungen und das Publikum war Teil dieses Prozesses und es will ja, dass etwas passiert, etwas Ungeplantes, Unvorhersehbares. Und bei Dylan finde ich es ja lustig, dass inzwischen showmäßig überhaupt nichts mehr passiert. Nach dem Wien-Konzert haben alle gesagt: er hat einmal gelacht. Die Leute wollen also, dass etwas passiert und deswegen sind auch im Theater die Pannen das Beste.

Welchen Schluss ziehen Sie für sich daraus?

Alfred Goubran: Deswegen komme ich jetzt notgedrungen zum Jazz, denn dort ist mehr Raum und Freiheit.

Dazu passt natürlich auch der Blues, denn beim Blues gibt es Improvisationsmöglichkeiten und musikhistorische Verbindungen zum Jazz?

Alfred Goubran: Exakt. Und für mich kommt Jazz schon vom Lied. Es ging wieder um das befreite Spielen, aus den Akkorden herauskommen. Dass man wieder zu Melodien kommt, die nicht an die üblichen Akkordschemen gebunden sind. Das heißt auch, dass die Melodie befreit ist. Mich interessiert es, etwas zum Schwingen zu bringen. Die Verbindung von Free Jazz und Dichtung fand ich immer optimal, auch historisch gesehen.

Somit ist eine CD-Veröffentlichung nur eine Momentaufnahme?

Alfred Goubran: Mein Anspruch an eine CD ist, dass man eine gültige Version schafft. Aber an die ist man nicht gebunden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

 

Live: Album-Präsentation 18.9.2018: Theater am Spittelberg, 1070 Wien

Links:
Nabil
Konzert-Termine