Podiumsdiskussionen über "Publikumswandel: Herausforderungen für die Kunstmusik in der ganzen Welt" im Konzerthaus – Beitrag von Valentina Díaz-Frénot

Am 10. November fand im Wotruba-Saal des Konzerthauses im Rahmen von Wien Modern die von mica-music austria organisierte, in 3 Panels ablaufende Podiumsdiskussion “Publikumswandel: Herausforderungen für die Kunstmusik in der ganzen Welt” statt, mit Diskussionen auch des (dortigen) Publikums. Sie wurde gemeinsam mit dem International Music Council (IMC) und der – nicht zu vergessen in Salzburg 1921 gegründeten – Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) abgehalten (wieder kräftige Lebenszeichen mit neuem Team). Im Anschluss lud das BMUKK (MinR Mag. Hildegard Siess) zu einem Empfang ins Schubert-Saal-Buffet.Valentina Díaz-Frénot, Präsidentin des Musikrats von Paraguay, Vorstandsmitglied des Internationalen Musikrats erläutert in ihrem Beitrag die besonderen Umstände des Musiklebens in ihrem Land.

 (unter Bezugnahme auf die Schriften von Diego Sánchez-Haase, Vizepräsident des Musikrats von Paraguay, Komponist, Pianist, Cembalist).

 

Die Musikalität der Paraguyaner

Man sagt immer, dass der Paraguyaner ein sehr musikalisches Wesen ist, und dass dies weniger auf Talent oder musikalische Fähigkeiten zurückzuführen ist, sondern einfach auf seine immensen Möglichkeiten, sich durch Musik auszudrücken.Das ist vor allem auf dem Land sichtbar, wo man immer irgendjemanden mit einer Gitarre oder einer Harfe sieht, oder auch einfach Leute, die singen um ihre Arbeit zu begleiten. Die Musik ist überall präsent: Bei der Arbeit, bei der Erholung, in der Politik, beim Sport. Diese spezielle Musikalität des Paraguyaners wird auch genährt durch das einzigartige Ökosystem, das ihn umgibt: Er ist von einer faszinierenden Klangwelt umgeben, der rhythmischen Melodie der Landessprache Guarani und den Sprechgesang einiger Regionen des Landes.

Große Komponisten haben großartige Werke produziert, ohne jemals musikalische Studien absolviert zu haben, und so verhält es sich auch mit bestimmten Interpreten, die ihr Instrument spielen ohne jemals Musik studiert zu haben, indem sie sich ausschließlich von ihrem außergewöhnlichen Gehör leiten lassen.

Den Jesuiten ist es gelungen, einige unglaubliche Qualitäten bei den Eingeborenen zu entwickeln, die sangen, spielten und Instrumente bauten. Während der Zeit der Missionierung haben die Jesuiten sehr viel für die Musik getan. Jede Mission hatte ihren Chor, ihr Orchester, und auch ihre eigenen Komponisten. Die Instrumente wurden von den Eingeborenen nach dem Modell der europäischen Instrumentenbauer angefertigt, und es gelang ihnen auch, Orgeln, Violen, Trompeten, Fagotte, Klarinetten und Harfen zu bauen. Ab diesem Zeitpunkt musste man Europa nicht mehr um sein musikalisches Niveau beneiden.

Später, und während der Zeit der Festigung der Unabhängigkeit von Spanien (also während der Diktatur von Gaspard Rodriguez de Francia) gab es zwar Instrumentenfabriken, aber die künstlerischen Aktivitäten waren eher rar gesät. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Initiative seitens der Regierungen ergriffen. Man importierte ausländische Meister (vor allem Italiener) die sich in Paraguay niederließen und die musikalische Ausbildung entwickelten.

Überblick über die Entwicklung des Musikschulwesens:
1821 wurde in Paraguay die erste Musikschule gegründet, sie war auf Militärmusik spezialisiert
1895 Gründung der ersten Musikschule
1913 Gründung des Paraguyanischen Gymnasiums
1934 Fusionierung von Musikschule und Gymnasium unter dem Namen Ateneo Paraguayo (eine heute noch bestehende Institution) und der Schule der schönen Künste (abhängig vom Unterrichtsministerium)
1944 nationale Gesangsschule (zurzeit kommunal verwaltete Gesangschule)
1964 kommunal verwaltetes Konservatorium
1993 Musikkonservatorium der katholischen Universität
1996 nationales Konservatorium
Es existiert auch eine Anzahl von wichtigen Privatschulen, einige davon sind auch vom Unterrichtsministerium anerkannt.

 

 

Das wichtigste Problem dem man sich stellen muss, ist die Tatsache, dass in den in den Konservatorien und Privatschulen keine Gesamtausbildung angeboten wird (außer in seltenen Ausnahmefällen), die Studenten absolvieren neun Jahre eines unvollständigen Studiums, und dann stellt sich die große Frage: Was tun? Wohin gehen? Das tertiäre Niveau des Musikunterrichts ist in Paraguay quasi nicht vorhanden.

Erst seit 2002 existiert die einzigartige Musik-Universität des Mennonitischen Zentrum von Asunción, die das Studium der Chorleitung und des Dirigierens ermöglicht. Hinsichtlich der zeitgenössischen Musik ist das Problem ähnlich gelagert, weil die Konservatorien den Studenten nicht die Möglichkeit anbieten, die Musik des 20. Jahrhunderts kennen zu lernen, geschweige denn zu erlernen.

Es gab zwei Vereinigungen, die “Komponisten Paraguays” und den “Kreis der zeitgenössischen Musik”, die sehr viel für die jungen Komponisten getan haben, aber beide Vereine sind bereits seit langer Zeit wieder verschwunden. Für Komponisten ist es sehr schwer ihre Werke ohne jegliche Unterstützung herausgeben und verbreiten zu müssen. Nichtsdestotrotz entwickelt sich das Musikleben in Asunción weiter, sowohl durch den Beitrag der verschiedenen lokalen Organisationen, als auch durch die Unterstützung der Botschaften und immer mehr auch durch private Initiativen.

 

Orchester in Paraguay
Das OSCA, das Symphonieorchester von Asunción wurde 1957 gegründet. Es bietet ein Konzert pro Monat an, weiters Konzerte für Musikstudenten und auch einen Konzertzyklus an historischen Stätten in der Stadt. Das Projekt “Die Töne und die Erde”, entwickelt von Dirigent Luis Szarán, ermöglicht es einer großen Anzahl von Kindern und Jugendlichen, einen Weg zur Musik zu finden.

Jene Mitglieder des Orchesters, die auch als Musikprofessoren fungieren, reisen an den Wochenenden ins Landesinnere, um dort Kurse abzuhalten. Luis Szarán organisiert Treffen für Hunderte von Kindern, bei denen diese Gelegenheit erhalten, auch für ein Publikum Musik zu machen. Das Kammerorchester, 1973 gegründet, wird zurzeit geleitet von Miguel Angel Echeverría, dem Konzertmeister des Symphonieorchesters von Asunción.
Das Orchester der Universität des Nordens wurde 2001 vom Rektor der Universität des Nordens erschaffen. Die Universität bietet einige Studien an, aber nicht Musik. Ursprünglich war es ein Kammerorchester, das sich in ein Symphonieorchester umwandelte, indem auch Musiker aus Argentinien, Brasilien und Uruguay engagiert wurden. Gespielt werden neben Symphonischen Konzerten auch Opern.

Dirigent ist Diego Sanchez-Haase, Komponist, Pianist und Cembalist. Er hat einerseits ein Barockfestival ins Leben gerufen, und, im Jahr 2007, das Festival der zeitgenössischen Musik. Dieses Festival bietet neben Meisterklassen und Konferenzen auch Seminare für musikalische Analyse an, die den Studenten und Professoren einen besseren Zugang zur zeitgenössischen Musik ermöglichen sollen. Seit 1997 wurden auch Kinder- und Jugendorchester nach dem venezuelanischen Modell gegründet. Zurzeit gibt es fast 20 dieser Orchester.

Der präsentierte Überblick mag vielleicht pessimistisch erscheinen, aber das musikalische Leben in Asunción ist trotz allem sehr intensiv.
Eine Änderung ist vor allem im Bereich des Musikunterrichts wichtig, um den Studenten eine bessere Ausbildung zu ermöglichen und zu vermeiden, dass sie in andere Länder abwandern, die höher qualifizierte Musikstudien anbieten. Vor allem aber muss man geduldig sein, weil sich die Dinge in unseren Ländern nur langsam ändern, speziell in Paraguay.