Das namensgebende Graffiti von 1+1=15,3 piano soli
Das namensgebende Graffiti © Katharina Klement

Piano soli ist Programm – Katharina Klement im Interview

Vor zehn Jahren schon hatten die Komponistin KATHARINA KLEMENT und der Gründer des echoraumes WERNER KORN die Idee, gemeinsam ein Klavierfestival zu gestalten. Mit 1+1=15,3 piano soli werden nun an drei Tagen Stücke aufgeführt, die in keinem linearen Verhältnis zueinander stehen. Neben einer Auswahl an zeitgenössischen Werken der letzten fünf Jahre stehen Soli auf dem Programm, für die die Eingeladenen eine Carte blanche erhalten haben. Anlässlich der Festivalpremiere traf KATHARINA KLEMENT Ruth Ranacher zum Interview  – ein Gespräch über zeitgenössische Klavierliteratur, solistisches Dasein und die Liebe zum Klavier.

Was war die Motivation in Zusammenarbeit mit der IGNM und dem echoraum ein dreitägiges Klavierfestival auszurichten?

Katharina Klement: Wahrscheinlich haben Werner Korn und ich unseren Plan zwei Jahre vor uns her gewälzt. Irgendwann wollten wir Nägel mit Köpfen machen und ich fragte bei Bruno Strobl von der IGNM an. Sie nahmen piano soli in ihr Jahresprogramm auf und sind damit Hauptförderer des Festivals. Durch die SKE konnten wir einen Kompositionsauftrag an Veronika Mayer vergeben. SKE unterstützen das Festival auch, indem sie einen Teil der Künstlerhonorare übernehmen.

PIANO SOLI IST PROGRAMM

Ein Festival bietet immer die Möglichkeit, sich konzentriert einem Thema zu widmen. Was bedeutet es für Sie, wenn alle Beteiligten aufeinander treffen?

Katharina Klement: Das Dasein am Klavier ist ein solistisches, es ist durch das Instrument bedingt. Das habe ich zum Motto erhoben und der Untertitel piano soli ist Programm. Die meisten Beteiligten sind eingeladen ein Solo zu spielen, wobei ich einen Zeitrahmen von ca. 20 Minuten vorgegeben habe. Diese Soli werden aber denkbar unterschiedlich sein. Dabei habe ich das Augenmerk auf Aspekte wie Improvisation, Komposition, Elektronik und Mikrotonalität gesetzt. Während ich bei Kompositionen einen sehr engen zeitlichen Rahmen mit Werken der letzten fünf Jahre gesteckt habe, wählten wir für die Mikrotonalität (hier zwei Klaviere im Verhältnis eines ¼-Ton-Abstands) zwei ältere Stücke aus: „Arco“ (1995) von Germán Toro Pérez und „trois hommages“ (1982/84) von Georg Friedrich Haas. Diese Werke finden sich auch unter dem Gesichtspunkt der geschichtlichen Referenz im Programm, da sie mit Ligeti, Josef Maria Hauer und Steve Reich die Wurzeln ins 20. Jahrhundert zeigen. Alle anderen zeitgenössischen Kompositionen liegen aber innerhalb der letzten fünf Jahre, beispielsweise „Lacrimosa“ von Alexandra Karastoyanova-Hermentin oder auch das Auftragswerk „Umschiffung der Kernzone“,  das an Veronika Mayer vergeben werden konnte.

DER ZEITGENÖSSISCHE ZUGANG WIRD DOCH AM KLAVIER ABGEHANDELT

Natürlich geht es auch darum, einen Spot auf das Hier und Jetzt zu richten – um eine Bestands-aufnahme, obwohl das Klavier nicht gerade das Instrument des 21. Jahrhunderts ist. Und ist es doch, wie ich finde: Es ist wahrscheinlich das Instrument, für welches die meiste zeitgenössische Literatur geschrieben wurde. So wird der zeitgenössische Zugang doch am Klavier abgehandelt, auch der Zugang mit Elektronik. Natürlich schwingt bei mir persönlich eine große Liebe zum Klavier mit. Mein Solo wird eine Kombination aus einer Komposition und Improvisation sein, ein Ausschnitt aus meiner Werkserie „vessel“, in diesem Fall „vessel 1.2“.

Kathrina Klement © Nada Zgank
© Nada Zgank

Können Sie uns etwas mehr über die Entstehung von „vessel 1.2.“ erzählen?

Katharina Klement: Nachdem ich mich immer wieder zwischen Komposition und Improvisation hin und her bewege, gibt es speziell am Klavier für mich diesen Aspekt, dass ich völlig frei spiele oder mir etwas strukturiere. Beispielweise bekam ich letztes Jahr die Anfrage für eine Pianistin etwas zu schreiben. Ich unternahm den Versuch, eine Improvisation auszuformen und als Komposition auszuarbeiten. So entstand „vessel 1.1.“ Durch das Ausschreiben transformieren sich dann manche Dinge wieder. Das bildete wiederum Grundlage für eine längere Improvisation. Diese Schichten aus Improvisiertem und Komponiertem überlagern sich im Stück „vessel 1.2“. Der Titel – vessel bedeutet so viel wie Gefäß – rührt daher, dass ich gerade bei diesem Stück das Klavier als Gefäß empfinde. Es gibt darin eine Passage, bei der ich mit Obertönen beginne und das Gefühl habe, das Klavier mit Klängen zu befüllen. Es gibt in diesem Stück unter anderem noch Klangschalen, die im Innenraum des Klaviers stehen. Sie werden gleichzeitig mit dem Klavier angeschlagen und verbinden sich zu einem Klang.

Wofür steht 1+1=15,3?

Katharina Klement: 1+1=15,3 geht auf ein Graffiti zurück, das ich in Ljubljana gefunden und fotografiert habe. Es ist also ein Objet trouvé. Ich dache, dass es als Motto für dieses Festival gut passt. Die Soli unterscheiden sich nicht nur voneinander, sie eröffnen grundlegend unterschiedliche Welten. Im Grunde steht hinter dieser Gleichung eine Ungleichung – eben ein nicht lineares Verhältnis. Ein Solo plus ein Solo macht mindestens 15,3 Welten auf.

Ein Solo plus ein Solo macht nicht zwei. Und das Komma Drei?

Katharina Klement: Das finde ich besonders charmant. Dass sich bei einem so einfachen Verhältnis eine Kommazahl hinein reklamiert, finde ich wunderbar unlogisch. Genau so verhält es sich ja in der Kunst und in der Musik immer wieder. Ein Solo neben dem anderen sprengt die Linearität.

… SICH MIT DER EIGENEN KLANGSPRACHE IN DEN FOKUS STELLEN

Welche Möglichkeiten bieten sich den eingeladenen PianistInnen durch das dreitägige Festival?

Katharina Klement: Kaja Draksler hörte ich erstmals bei einer Veranstaltung, für die die MusikerInnen eingeladen waren, möglichst kurze Solostücke zu spielen. Das fand ich unglaublich erfrischend, 15 Minuten sind zu bewältigen. Man weiß, man ist alleine und muss nicht erst groß Verfügbarkeiten mit anderen Bandmitgliedern abklären. Die Möglichkeit, sich mit der eigenen Klangsprache in den Fokus zu stellen, bietet sich jetzt mit dieser Einladung den Pianisten und Pianistinnen.

Veronika Mayer ist mit einer Uraufführung im Programm mit Live-Elektronik vertreten. Was ist über ihr neues Stück bekannt, wird sie die Elektronik selbst bedienen?

Katharina Klement: Ich weiß, dass Veronika Mayer hier mit Transducern arbeiten wird. Das sind Körperschallwandler, die wohl im Klavier aufgelegt sein werden. Sie arbeitet 4-kanalig, es sind also außerdem vier Lautsprecher im Raum. Es gibt bei der Elektronik einen Liveaspekt und – wenn ich richtig informiert bin – auch vorab aufgenommenes Material, das zugespielt wird. Elisabeth Harnik wird das neue Stück aus der Taufe heben.

veronika mayer – helicopter turtle from veronika mayer on Vimeo. (Im echoraum wird ein anderes Werk von Veronika Mayer zu hören sein)

ICH LASSE MICH WIRKLICH ÜBERRASCHEN

Elisabeth Harnik verwendet oft Materialien in ihren Stücken. Beispielsweise kamen bei “Performanz” auch Textilien zum Einsatz. Wissen Sie, ob für die piano soli ähnliches geplant?

Katharina Klement: Ich lasse mich für 1+1=15,3 piano soli wirklich überraschen. Elisabeth Harnik kenne ich als Komponistin die teilweise präpariert, aber auch viel an den Tasten spielt. Sie ist jemand, die auf der einen Seite sehr energetisch spielt, auf der anderen Seite wieder sehr strukturiert. Das ist eine gute Mischung. Auch Josep-Maria Balanyà präpariert, spielt aber immer wieder viel an den Tasten. Von Thomas Lehn lasse ich mich ebenfalls überraschen, ich kenne ihn vorwiegend auf dem Synthesizer. Aber ich weiß, dass er ein hervorragender Pianist ist. Vielleicht kombiniert er ja beides. Manon Liu Winter wird nicht Literatur spielen, sondern eigene Musik.

In Alen Ilijic´s „Red Faces“ werden in der Besetzung auch die Köperbewegungen genannt. Es gibt im Netz einen Videomitschnitt der Performance. Wie und warum wurden Sie auf diese Arbeit aufmerksam?

Alen Ilijic lernte ich in Belgrad kennen und sah eine Performance mit E-Gitarre von ihm, die ganz stark ins Performative und Dekonstruktive ging. Erst nach und nach erfuhr ich, dass er einen ganz besonderen Zugang zum Klavier hat. Bei „Red Faces“ fasziniert mich, wie stark Ilijic einerseits seine Performance mit Leib und Seele auf die Bühne bringt und anderseits diese besondere Verbindung mit dem Klavier eingeht. In seiner Arbeit ist ein stark strukturelles, vielleicht auch serielles Denken spürbar. Es war mir auch ein Anliegen, den piano soli einen internationalen Charakter zu geben. Alexandra Karastoyanova-Hermentin hat unglaublich virtuose Klaviermusik komponiert. Sie setzt mit ihren Werken eine Tradition fort, die aus einem – wenn man so will – klassisch virtuosen Spiel kommt, aber einen völlig neuen Umgang mit dem Klavier hervorbringt.

Was ist hier das Neue?

Es stellt sich die Frage, was man unter Virtuosität versteht. Das Traditionelle bei ihr ist, dass sie auf den Tasten bleibt. Da ist nichts präpariert, und wenn doch dann minimal. Das Außergewöhnliche ist, dass Karastoyanova-Hermentin den zeitgenössischen Zugang auf den Tasten abhandelt. Er zeigt sich in Temporelationen oder anderen strukturellen Elementen. Technisch ist das alles höchst anspruchsvoll. Das sind die anderen Kompositionen im Übrigen auch, vor allem die Hommage an Ligeti von Georg Friedrich Haas ist körperlich sehr herausfordernd.

… die bei piano soli von Florian Müller interpretiert wird. Haben Sie zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet?

Florian Müller kenne ich schon lange als Pianist beim Klangforum und über das Ensemble haben wir schon einmal zusammengearbeitet. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass er für das Festival zugesagt hat, ebenso über die Zusage von Mathilde Hoursiangou. Müller und Hoursiangou haben 1995 auch das Stück „Arco“ von Germán Toro Pérez zur Uraufführung gebracht, das ich damals gehört habe. In den 1990ern besuchte ich oft die Wiener Tage der zeitgenössischen Klaviermusik der Musikuniversität. Unter anderem war dort eben „Arco – für zwei Klaviere im ¼-Ton-Abstand“ zu hören. Dieses Stück blieb mir in meiner Erinnerung hängen. Alfred Reiter wird, wie wir ihn kennen, für den guten Ton sorgen und zeichnet die Stücke auch auf.

Das heißt, es wird einen Mitschnitt aller drei Festivaltage geben?

Ja. Für mich persönlich und alle Mitwirkenden ist es wichtig eine gute Dokumentation zu haben, um nachzuhören und eventuell auch etwas senden zu können. Und es ist gut zu wissen, dass jemand mit guten Ohren alles mithört.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Ruth Ranacher

Programm: http://www.echoraum.at/pianosolid.htm

Website: http://www.katharinaklement.com