(Persönliche) Orte: Chris Magerl im Interview

Mit der Hardcore-Band „Sick Of Silence“ und der Powerpop-Band „Once Tasted Life“ hatte der Grazer Musiker Chris Magerl internationale Erfolge feiern können. Er tourte durch England, Kanada und Osteuropa und wurde unter anderem in der Britischen Musikmagazin Kerrang! als „… possibly the most interesting thing in Austrian music right now…“ beschrieben. Doch die Bands gingen auseinander und es war kurzzeitig still um den talentierten Musiker und Songschreiber Chris. Bis er 2008 sein erstes Solo-Album veröffentlichte. Anfang 2014 veröffentlichte er sein zweites Solo-Album mit dem Titel „Places“. Petra Ortner traf den Musiker vor seinem Auftritt mit seiner Live-Band im Wiener Lokal Weberknecht.

Wann hast du beschlossen dein „Soloprojekt“ zu starten?

Chris Magerl: Das war in Wahrheit gar nicht so ein Entschluss, wo ich jetzt sagen kann „Es war genau zu dem Zeitpunkt.“ Ich habe ja, bevor ich mit den Bands gespielt habe, auch schon Solo-Konzerte gegeben. Allerdings war ich damals 16 und das waren ganz eigenartige Rahmenbedingungen. Aber ich habe eigentlich so begonnen. Alleine, mit Gitarre und Gesang. Ich wollte aber immer eine Band haben und habe dann meine Band-Karrieren gestartet. Irgendwann hat mich dann einmal ein Freund gefragt ob ich auf einer Party einfach ein paar Nummern spielen könnte. Es war schon ein offizieller Programmpunkt damals, aber es war so eine halb-öffentliche Geschichte. Nachdem ich das gemacht hatte habe ich sehr viel positives Feedback bekommen. So hab ich mir gedacht „Gut, ich hab da ein paar Nummern, die passen, die spiel ich einfach und nehm sie auf.“ Damals dachte ich, ich mach das ganz nebenbei. Einfach zwischendurch, zehn Konzerte im Jahr, in einem kleinen Rahmen. Eine kleine EP schnell mal. Und dann ist das einfach gewachsen. Und wie sich dann die Band „Once Tasted Life“ aufgelöst hat, habe ich dann alle meine Energien gebündelt für das Soloprojekt verwendet. Es ist vielleicht nicht ganz korrekt, aber die Party damals, ich glaub die war 2007, war so der Startpunkt, wo das Soloprojekt wieder aktuell wurde.

Vermisst du die Hardcore- und Punk-Szene oder bist du jetzt froh etwas ruhigere Musik zu machen?

Chris Magerl: Ich habe jetzt das Gefühl, seit zirka einem Jahr, dass ich da wieder mehr reinwachse. Ich war für einige Zeit sehr froh, dass ich weg war. Ich habe zwar sehr viele sehr nette Leute kennengelernt und Leute, denen es wirklich um die Musik und die Ideen dahinter gegangen ist und immer noch geht. Ich hatte damals eine großartige Zeit mit „Sick Of Silence“, in den Anfangsphasen. Wir haben wunderbare Tourneen gespielt, wir haben super Konzerte gehabt und wir hatten Leute, die sich wirklich perfekt um uns als Band gekümmert haben. Das hat mir immer sehr gefallen. Aber wir haben auch sehr viele Leute kennengelernt, die wirklich im Denken überhaupt nicht so frei waren wie das Image, das sie da verkörpern wollten. Und das ist mir ziemlich schnell unglaublich auf die Nerven gegangen. Ich dachte mir, das ist ja langweilig, wenn ich mich da hinstelle und von einer Revolution und der Gleichheit aller Menschen singe und rede, aber wehe es hat dann jemand zum Beispiel ein rosarotes T-Shirt an bei einer Hardcoreshow. Das geht dann einfach nicht. Und man muss die „richtigen“ Bands hören und man darf bestimmte Sachen dann nicht kritisieren, weil das nicht „in“ ist. Sowas hat mich immer genervt. Mit „Once Tasted Life“ haben wir dann auch sehr viele Konzerte erlebt, wo sich die Leute unsere Inhalte gar nicht angehört haben, weil wir sie nicht so plakativ vermittelt haben wie bei „Sick Of Silence“, die Musik war viel ruhiger, nur ist die Message nicht angekommen bei den Leuten. Ich habe einmal nach einem Konzert in England gehört, dass sich vor unserer „Once Tasted Life“-Tour ein T-Shirt von uns gekauft hat, weil er dachte „Ah, der von Sick Of Silence. Super!“ Und nach dem Konzert waren sie enttäuscht, weil sie mit meiner neuen Band nichts anfangen konnten. Da habe ich mir gedacht „In so einer Szene fühle ich mich nicht wirklich zuhause.“ Jetzt ist das wieder ein wenig anders, weil ich jetzt auch andere Seiten kenne vom Musikbusiness und ich es gut finde, jetzt wieder kleinere Sachen zu machen. Sachen, die überschaubar sind, wo ich die Veranstalter persönlich kenne oder zumindest mit denen in persönlichem Kontakt bin und ich machen kann, was ich selbst will.

Wie und wann hast du deine Mitmusiker für dein „Soloprojekt“ gefunden?

Chris Magerl: Ich hab sie alle schon von anderen musikalischen Projekten gekannt. Teilweise haben sie mich gekannt bevor ich sie gekannt habe. Ich bin immer auf sehr viele Konzerte gegangen und habe geschaut wer da so aller mitspielt und da sind mir halt immer Leute aufgefallen, die sehr gut auf ihren Instrumenten waren. Ich wusste, dass ich bei dieser Solo-Sache auch manche Konzerte mit Band spielen will. Die erste Show, die wir dann als Band gespielt haben war bei dem „Soundslike Festival“ in Graz im Jahr 2009 oder 2010. Da wusste ich, da brauche ich jetzt eine Band und so habe ich die Leute gefragt, wer mich dabei unterstützen will.



Wie darf man sich das Songwriting bei dir vorstellen?

Chris Magerl: Im Prinzip ist es so: Ich sitze zu Hause oder im Proberaum und spiel herum. Es entsteht zuerst die Musik, also das Grundgerüst der Musik. Dann kommt die Phase des Textens, was bei mir immr ein relativ langer Prozess ist, weil ich mir immer sehr genau überlege wie ich etwas formuliere und ich immer erst sehr spät zufrieden bin. Wenn dann eine Nummer fertig ist, gehe ich damit in den Proberaum um diese dann mit der Band zu proben. Die Nummern sind dann soweit ferig, nur die Arrangements noch nicht. Die Arrangements sind auch nicht alle von mir, da ist es dann schon so, dass da sehr viel von den anderen Mitmusikern kommt, die alle besser sind auf ihren Instrumenten als ich auf meinem.

Hat sich für dich das Songwriting sehr verändert im Gegensatz zu vorher?

Chris Magerl: Aus meiner Sicht gar nicht so sehr. Ich glaube viele Sachen, die jetzt auf meinem neuen Album drauf sind, klingen durchaus wieder sehr wie „Once Tasted Life“ Songs. Ich glaube, dass am Anfang das Songwriting für mein Soloprojekt ruhiger war. Da war ganz klar, das sind Solo-Nummern und keine Band-Nummern. Ich glaube aber, dass ich es mittlerweile so gar nicht mehr sagen kann. Also wenn ich jetzt eine Nummer von meinem neuen Album nehmen würde oder eine Live-Nummer, und eine alte dazwischen rein, da würde man keinen großen Unterschied merken. Eine Nummer auf meinem aktuellen Album – „Relief“ – habe ich schon mit „Once Tasted Life“ gespielt. Sie hat es aber damals nie auf ein Album geschafft. Und jetzt haben wir sie ausgegraben für diese Produktion. Jetzt bin ich musikalisch irgendwie wieder dort, wo ich vor sechs oder sieben Jahren war.

Das aktuelle Album heißt „Places“. Wie bist du auf diesen Titel gekommen?

Chris Magerl: Ich wollte ein Album aufnehmen, hatte schon sehr viele Nummern fertig und war zu dieser Zeit relativ viel unterwegs. Also so viel wie man sein kann, wenn man nebenbei noch einen Job hat, aber ich war so oft es ging auf Tourneen und habe Konzerte gespielt, im Ausland, aber auch hier in Österreich. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht wie dieses Album heißen könnte. Und irgendwann ist das einfach so passiert, da war der Titel einfach da. Ein Wort, das einfach all diese verschiedenen Sachen beinhaltet. Die Touren, und auch – was mir auch sehr wichtig ist – die „persönlichen Orte“, die ich gehabt habe. Ich war eine Zeit lang sehr oft in Wien, weil da musikalisch sehr viel passiert ist. London ist für mich auch eine ganz wichtige Stadt. Da bin ich auch immer wieder gewesen. Ich wohne aber in Graz. Auch innerhalb von Graz war es so, dass ich einige Zeit in einem Viertel gewohnt habe, wo ganz viel passiert ist und sich mein Privatleben da auch sehr stark verändert hat in den letzten drei, vier Jahren. Ich bin dann umgezogen, habe verschiedene Sachen verändert. Das heißt, innerhalb dieses ganz kleinen Raumes, in dem ich lebe, gibt es verschiedene Orte, die für mich sehr wichtig sind und die vor allem auch für das Songwriting sehr wichtig sind. Textlich und musikalisch. Darum war der Titel dann irgendwann einfach da und ich wusste, dass er perfekt passt.

Das Cover ist auch von dir?

Chris Magerl: Ja, das ist auch von mir. Das ist auf einer Tour entstanden. Ich fotografiere sehr gerne. Wenn ich Zeit habe, dann gehe ich sehr gerne spazieren und wenn ich ein Motiv sehe, das mich anspringt, dann halte ich das fest. Da waren wir mal in Lettland unterwegs und sind dort durch eine Stadt spaziert und dort habe ich diesen Wohnwagen stehen gesehen, mitten unter den normalen Häusern. Das war so ein Motiv, von dem ich mir dachte „Das muss ich jetzt festhalten“. Und das wurde schließlich das Coverfoto. Dieser kleine Wohnwagen und rundherum die Häuser. Die anderen Fotos im Cover der CD sind übrigens auch von mir. Das sind alles Fotos, die auf Tourneen entstanden sind.

Wie lange hast du an diesem Album gearbeitet?

Chris Magerl: Wir haben 2010 begonnen im Studio an ein paar Nummern zu arbeiten. Das war noch keine richtige Recording-Phase, aber man kann sagen wir haben schon ein wenig herumprobiert. Ein Freund von mir hat in St.Pölten ein Studio und ich damals regelmäßig bei ihm war. Und da haben wir schon an neuen Nummern gearbeitet. 2011 haben wir dann begonnen konkret aufzunehmen. Kurz bevor das Album fertig war habe ich aber massive Probleme mit der Stimme bekommen und so habe ich bis 2012 dann pausiert. Im vergangenen Jahr hab ich dann das Album fertiggestellt. Somit hat der ganze Prozess eigentlich dreieinhalb Jahre gedauert. Aber aktive Studiozeit, denke ich, war ungefähr ein Jahr, ein Teil in 2011 und ein Teil in 2013.

Das Album hätte eigentlich schon 2011 erscheinen sollen?

Chris Magerl:
Ja, genau. Im Oktober 2011. Es gab schon ein Release-Datum, es waren schon Konzerte ausgemacht. Das war schon sehr frustrierend für mich, da plötzlich alles stillgestanden und nichts mehr gegangen ist für sehr lange Zeit.

Du verarbeitest ja Eindrücke und Erlebnisse in deinen Texten. Worüber würdest du auf keinen Fall schreiben?

Chris Magerl: Das ist eine interessante Frage. Ich versuche nicht über Dinge zu schreiben, bei denen ich mich absolut gar nicht auskenne. Ich würde jetzt auch nicht, ganz normal, über das Weggehen am Abend schreiben. Da gibt es sehr viele Nummern von manchen Acts, die sind auch sehr witzig, aber ich glaube, das könnte ich einfach nicht gut. Umgekehrt, wenn mir beim Weggehen etwas interessantes passieren würde, wenn ich eine Geschichte rund um das Erlebnis spinnen kann, dann könnte ich da sehr wohl etwas schreiben. Also ich mag gerne „größere Sachen“, die nicht nur zwei Stunden dauern. Also über’s Bier trinken alleine wird es von mir nie ein Lied geben. Das Trinken an sich kommt bei mir schon immer wieder vor, aber da geht es mehr als nur ums betrunken werden oder Durst löschen. Von dem her kommen solche Sachen schon auch immer wieder vor.

Was ist dir bei Live-Shows am wichtigsten?

Chris Magerl: Am wichtigsten ist mir, dass es eine Interaktion zwischen Publikum und mir oder uns gibt. Wenn ich den Eindruck habe, ich spiele jetzt und eigentlich passt alles, aber der Funken springt nicht über, dann ist es für mich ein schlechtes Konzert. Mit dem neuen Album habe ich jetzt schon einige Konzerte gespielt. Manche Solo und manche mit Band. Davon hat es Konzerte gegeben, wo wir als Band wahrscheinlich nicht besonders gut gespielt haben, wo aber die Stimmung trotzdem super war. Ich habe aber auch schon Konzerte gehabt wo ich das Gefühl hatte, dass es vom Spielerischen her passt, aber irgendwie springt der Funken einfach nicht über. Und wenn ich wählen könnte, dann würde ich lieber das Konzert spielen, wo die Stimmung gut ist, auch wenn ich dann vielleicht nicht so gut spiele. Ideal ist natürlich beides, gut spielen und super Stimmung.

Was ist spannender. Solo auftreten oder mit Band?

Chris Magerl: Es hat beides seine Vorzüge. Ich spiele sehr, sehr gerne mit Band, weil ich da musikalisch mehr machen kann. Ich kann aber mit der Band nicht so flexibel reagieren auf die Gegebenheiten. Es gibt bei mir allerdings auch noch eine dritte Variante, das ist die reduzierte Bandform, mit meinem Kollegen Michi, mit dem ich schon sehr viele Konzerte gespielt habe. Wir waren auch schon sehr viel auf Tour zu zweit und haben schon ein sehr großes Repertoire an Nummern, die wir spielen können. In dem Kontext kann ich auch sehr spontan reagieren auf der Bühne, genauso wie wenn ich komplett alleine auftrete. Wenn wir mit der Band sehr viele Konzerte hätten und mehr Programm hätten, dann kann ich mir vorstellen, dass es auch mit der Band so klappen könnte. Im Moment bin ich aber alleine flexibler und mit der Band vielseitiger.

Was ist dein Wunschziel als Solokünstler?

Chris Magerl:
Das ist, da kommt jetzt mein Ego durch, dass sich die Leute an die Musik erinnern. Denn ich mache das jetzt schon sehr lange, auch darum, weil es mir sehr wichtig ist, weil es mir Spaß macht. Wenn sich das einmal ändert, dann wird es immer noch die Musik geben und dann wäre es schon schön, wenn ich mich dann hinsetzen kann und weiß, es gibt Leute, die meine Musik hören und denen das was bedeutet. Dann bin ich glücklich.

Bist du noch Vegetarier oder schon Veganer geworden?

Chris Magerl: Ich bin noch Vegetarier. Bei mir ist es umgekehrt. Ich war zehn Jahre lang vegan. Jetzt bin ich Vegetarier. Wenngleich ich sagen muss, von der Ideologie her wäre für mich Veganismus immer noch das Richtigere. Ich muss mich da selbst an der Nase nehmen, denn der Grund warum ich nicht mehr vegan lebe ist einfach, weil es immer noch einfacher ist vegetarisch zu leben. Ich habe es lange Zeit gemacht, es war etwas, an das ich wirklich geglaubt habe, aber es war dann auf manchen Tourneen einfach zu schwierig. Vor allem in Nordosteuropa, Russland, da habe ich mir relativ schwer getan den Leuten zu erklären was ich will. Ich habe ja auch neben der Musik einen 40 Stunden Job, wo ich sehr oft sehr wenig Zeit habe für die Mittagspause und ich habe dann ein Phase gehabt, so zirka eineinhalb Jahre, wo ich auf Fertiggerichte angewiesen war, weil sich kochen nicht ausgegangen ist, essen gehen auch nicht und da war das dann einfach nicht abwechslungsreich. Da hat es zehn Gerichte gegeben und da habe ich variiert und irgendwann habe ich gedacht „Naja, das ist mir eigentlich zu wenig und auf Touren ist es auch schwierig.“ Und so hat sich das vegane Leben immer mehr „aufgeweicht“, darum lebe ich jetzt vegetarisch

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