„Passivität ist in Wirklichkeit eine große Aktion“ – – Golnar Shahyar & Zuzana Ernst (D/Arts) im mica-Interview (Teil II)

Was, wenn wir euch sagen würden, dass es ein zentrales Büro geben könnte, das nahezu alle aktivistischen Bemühungen im Kultursektor in Österreich miteinander verbindet und allgemeine und gezielte Unterstützung, Ressourcen, Dienstleistungen, Workshops und Vernetzungsszenarien für Mitglieder*innen und die Gemeinschaft insgesamt anbietet? Und was, wenn wir euch sagen würden: Das gibt es bereits.

D/ARTS – PROJEKTBÜRO FÜR VIELFALT UND URBANEN DIALOG steht am Ende seiner ersten zwei Jahre und hat bereits einiges vorzuweisen. Entstanden ist D/Arts aus einer eklatanten Lücke in der österreichischen Kunst- und Kulturszene – mit vielen Aufgaben, Problemen und Wünschen, die es zu jonglieren gilt. Die Musikerin, Komponistin und Sängerin Golnar Shahyar ist ein integraler Bestandteil des Netzwerks, und zwar sowohl mit ihrem musikalischen Fachwissen als auch durch ihren persönlichen Kampf für Antidiskriminierungspraktiken und Inklusion in der Musikszene. Aus diesen und weiteren Gründen hat sich Arianna Fleur Alfreds mit einem der Gründungsmitglieder von D/Arts, Zuzana Ernst, und Golnar Shahyar zusammengesetzt, um über die größten Herausforderungen, Fallstricke und Hindernisse in der österreichischen Musik- und Kulturszene zu sprechen sowie über die Veränderungen und Lösungen, die eine bessere Zukunft mit sich bringen könnte.

Dies ist Teil II des Interviews. Teil I kann hier nachgelesen werden.

Dieses Video ansehen auf YouTube.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Verbessert sich Österreich, wenn es um das Bewusstsein und die Maßnahmen in Bezug auf Inklusion geht?

Golnar Shahyar: Das ist schwer zu sagen, weil es noch sehr neu ist, und um nachhaltige Ergebnisse zu sehen, muss man sich Zeit lassen. Aber ich kann sagen, dass es zumindest mehr Menschen gibt, die über das Thema sprechen und die Dinge anders machen wollen.

Bild Zuzana Ernst
Zuzana Ernst D/Arts (c) Igor Ripak

Zuzana Ernst: Ich denke auch, dass es eine Bewegung gibt – natürlich mit vielen Fehlern, und auch mit vielen Lippenbekenntnissen, und ohne Taten. Oder es passiert zum Beispiel noch viel nur auf der Ebene des Publikums. Dann gibt es diese „audience development, outreach programs“, wo es darum geht, ein vielfältigeres Publikum zu erreichen, aber nicht darum, sich von innen heraus zu verändern, was nur dann wirklich passieren wird, wenn sich das Personal oder die Programme ändern. Ich denke also, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem mehr Gespräche geführt werden, aber es wird einige Zeit dauern, bis sich dies auch in den Programmen und beim Personal niederschlägt.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir besser verstehen müssen, was eigentlich der Status quo ist. Wir brauchen mehr Daten. Um eine bessere Lobbyarbeit leisten zu können, brauchen wir mehr konkrete Statistiken, und daran mangelt es noch. Wir sehen, dass es einige Daten zu Publikumsstatistiken gibt, aber es gibt nicht wirklich Daten zur Vielfalt – und um wirklich darauf einzugehen und zu verstehen, was „Vielfalt“ eigentlich bedeute. Vielfalt ist intersektional. Es geht nicht nur um eine Sache. Es geht nicht nur um das Geschlecht. Es geht nicht nur um Behinderung. Es ist nicht nur Klasse. Es ist komplex und überschneidet sich. Es sind so viele verschiedene Aspekte, die zusammenkommen. Und wie kann man Fragebögen erstellen und Daten auf eine Weise erheben, die dem Rechnung trägt? Natürlich gibt es da draußen Expert*innen, aber sie müssen finanziert werden.

Golnar Shahyar: Die Dinge sind in Österreich nicht transparent, und es gibt keine Institution, die die Leute dazu verpflichtet, transparent zu arbeiten. Und, nein, wir haben nicht genügend offizielle Daten.

Ich erinnere mich daran, dass wir mit WE:shape eine Untersuchung durchgeführt haben, um dies herauszufinden: Gibt es irgendwelche Daten? Was ist da los? Und wir konnten nicht wirklich viele greifbare oder verwertbare Daten finden.

Kannst du WE:shape kurz vorstellen? 

Golnar Shahyar: Im Grunde war es so, dass ich ein paar öffentliche Erklärungen über die Probleme, die ich sah, abgab und beschrieb, wie ich mich fühlte, und dann schrieben mir einige Leute: „Ich bin bereit, dir zu helfen“. So einfach war das. Eine dieser Personen war Yalda Zamani und die andere war Rojin Sharafi. Und, na ja, viel weiter konnten wir nicht gehen, weil es so viel Arbeit ist – oh mein Gott. Aber ich denke, wir haben sehr gute Arbeit geleistet, indem wir zum Beispiel die Probleme kategorisiert und sogar die Strategien ein wenig beschrieben haben. Aber die Sache ist die, dass die Umsetzung all dieser Ideen Geld, Energie und Zeit erfordert. Wir sind alle freiberufliche Musiker*innen. Wir haben nicht die Zeit dazu. Es ist praktisch unmöglich, so viel Arbeit auf so vielen Ebenen zu leisten. Und deshalb bin ich so froh, dass D/Arts stattfindet.

Bild Golnar Shahyar
Golnar Shahyar (c) Ina Aydogan

Hat D/Arts also das Potenzial, ausgebrannten Musiker*innen, die in doppelter Hinsicht als Musiker*innen und Fürsprecher*innen arbeiten, zu helfen, etwas von ihrer Last zu nehmen?

Bild Djamila Grandits
Djamila Grandits (c) D/Arts

Zuzana Ernst: Idealerweise, ja. Wenn es eine Förderung für D/Arts geben wird, dann ist das genau das, wofür sie auch gedacht ist. Und schon jetzt klopfen die Leute bei uns an, mit Anfragen, die von der Teilnahme am Podium für bestimmte Themen bis hin zu Beratungsleistungen reichen. Obwohl wir erst am Anfang stehen, hat D/Arts eine Expert*innenplattform ins Leben gerufen, um Menschen mit Profilen auf der Website zu haben und ihre Expertise hervorzuheben. Denn es ist auch so ein gängiges Argument zu sagen: „Ja, aber wir kennen die Leute nicht. Also haben wir den weißen Cis-Mann eingestellt…“.

Mit dem Expert*innenpool können wir direkt darauf verweisen und sagen: Die Expertise ist hier. Lasst uns diese Person hier auf diese oder jene Weise einbinden. Die Hoffnung ist, dass sich das so entwickelt, dass dieser aktivistische Kampf eine Infrastruktur hat, aus der er schöpfen und auf die er sich stützen kann.

„Das Wichtigste ist, dass man sich bewusst macht, dass wir in Österreich so privilegiert sind.“

Welche Botschaft möchtet ihr der Musikszene in Österreich übermitteln – was sind die größten, drängendsten Probleme, die ihr derzeit erlebt? Und was ist umgekehrt die Vision der Musikszene, die ihr euch wünscht?

Golnar Shahyar: Das Wichtigste ist, dass man sich bewusst macht, dass wir in Österreich so privilegiert sind. Das ist ganz offensichtlich. Und wir haben, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, eine sehr gute Infrastruktur für unsere Kultur – speziell für Musik. Aber das ist nicht für jede*n zugänglich. Das ist das erste, was wir verstehen müssen – wir haben ein fantastisches, verdammt gutes System! Es lohnt sich also, dafür zu kämpfen! Denn es kursieren viele Meinungen, dass alles „schlecht“ ist. Das ist eines der Dinge, für die die Wiener*innen bekannt sind: Jammern – weil sie ihr Opfer-Image behalten wollen und nicht aus diesem herauskommen wollen. Das Wichtigste ist also, aus der Opferrolle herauszutreten und zu schätzen, was man hat, und sich darum zu kümmern und es zuallererst besser zu machen – es zu verbessern, denn jedes System muss verbessert werden. Das zu erkennen, ist sehr wichtig. Viele meiner Kolleg*innen denken, sie seien die Ärmsten oder die am stärksten Ausgegrenzten, die keine Macht haben, etwas zu ändern, und deshalb unternehmen sie nichts gegen die Probleme.

Wenn man also den Schalter von der Opferrolle auf die Anerkennung von Privilegien umlegt und damit die Macht hat, etwas zu verändern…

Golnar Shahyar: Ja, viele meiner weißen Kolleg*innen haben keine Ahnung, wie viel Privilegien und Macht sie haben. Und das ist das größte Problem – sie nutzen ihre Plattform und ihre Macht nicht. Ich habe mich immer gefragt, was passieren würde, wenn die Gemeinschaft – jede*r Einzelne – 5 % der eigenen Zeit dafür einsetzen würde, dass die Gemeinschaft gestärkt wird. Nur 5 %. Ich glaube, wir würden einen großen Wandel erleben!

Der zweite Punkt ist, dass Bildung eines der wichtigsten Dinge ist, das in der Praxis integrativer sein muss – vom Inhalt bis zum System.

Bild D/Transformation at Belvedere
D/Transformation at Belvedere (c) Ouriel Morgensztern

Und der dritte Punkt sind die Medien. Die Medien sind sehr rückständig, und sie speisen sich natürlich aus politischen Agenden. Aber dieser Diskurs muss in die Medien kommen. Wir brauchen mehr Präsenz der verschiedenen Künste in den Medien. Deshalb sind zum Beispiel Dinge wie die Amadeus Awards sehr wichtig, weil sie im Fernsehen und im Radio gezeigt werden und die homogene Musikpraxis normalisieren. Die Medien sollten also eine kritische Stimme haben. Die nächste Sache sind die Institutionen – aber sie bewegen sich ein wenig, allmählich, denke ich, aber es ist noch ein langer Weg zu gehen.

Und noch etwas: In Österreich fehlt uns – für alle, generell – eine Infrastruktur für freiberufliche Musiker*innen, um ihr Geschäft aufzubauen. Es fehlt an Spezialist*innen für Booking, Management und auch Journalismus, für Leute, die in verschiedenen Genres arbeiten. Das ist ein generelles Problem für alle.

Es geht also darum, die Musikindustrie inhaltlich zu diversifizieren und zu klären, wer wen vertritt und wie…

Golnar Shahyar: Ganz genau. Wir haben jetzt ein bisschen mehr Infrastruktur und Spezialist*innen, die in einigen Szenen arbeiten, zum Beispiel in der Popszene. Aber die Popszene ist in Österreich eine weiße Szene – von der musikalischen Sprache her, aber auch physisch von den Körpern her – da ist alles sehr homogen. Wir haben auch eine Infrastruktur für klassische Musik, die auch weiß ist. Einige sind auch für die so genannte „Weltmusikszene“ verantwortlich, aber sie arbeiten mit vielen Klischees und exotischen Marketinginstrumenten, die die Industrie allen diktiert. Und für alles andere, bei dem Kreativität und Innovation im Vordergrund stehen, haben wir fast nichts. Wir haben viel zu wenig Spezialist*innen in der Szene, die risikofreudig, visionär und träumerisch sind.

Eine andere Sache, die ich erwähnen möchte, ist die Kultur der Kommunikation. Ich habe immer davon geträumt, eine Kultur des Gesprächs und des Austauschs in der Gemeinschaft zu haben, und vielleicht Treffpunkte, die regelmäßig stattfinden, und zwar unter den Expert*innen; aber auch unter den Fachleuten, die im Booking tätig sind, Veranstalter*innen, Kurator*innen, Journalist*innen – die regelmäßig in Kontakt kommen und ihre Ideen austauschen.

D/Arts Networking Meeting at Brunnenpassage
D/Arts Networking Meeting at Brunnenpassage (c) D/Arts

„Ja, wir müssen anfangen, als Gemeinschaft zu reden.“

So gäbe es möglicherweise weniger Trennung zwischen verschiedenen Szenen und Perspektiven …

Golnar Shahyar: Ja, wir müssen anfangen, als Gemeinschaft zu reden.
Und außerdem: faire Bezahlung. Das ist der letzte Punkt. Wir brauchen definierte und geschützte Arbeitsbedingungen für darstellende Künstler*innen, die regelmäßig verbessert werden müssen.

Zuzana, was sind deine Hoffnungen und Träume für D/Arts?

Zuzana Ernst: Ich muss sagen, dass ich mir wirklich wünsche, dass sich das Ganze verselbständigt – dass es zu einem breiten Bündnis vieler Akteur*innen wird, die über Ressourcen verfügen, um gemeinsam auf Veränderungen hinzuarbeiten, wie auch immer sie aussehen mögen. Unsere Träume reichen von einem kleinen Raum, in dem Menschen an unsere Tür klopfen und Ideen und Ressourcen austauschen können, bis hin zur Übernahme eines ganzen Straßenzuges mit vielen Initiativen im selben Komplex und so weiter!

Und was ist dein größter Wunsch, was D/Arts erreichen könnte?

Zuzana Ernst: Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr zuhören und Vielfalt nicht als Bedrohung ansehen, als ob jemand etwas wegnehmen würde. Denn es geht darum, Platz am Tisch zu schaffen. Aber es ist gut für uns alle. Im Moment ist die vorherrschende Kultur – zum Beispiel die Popmusik – sehr weiß. Die dominante Kultur ist sehr homogen, aber die Gesellschaft ist es nicht. Es gibt hier so viele verschiedene Ausdrucksformen, so viele verschiedene Meinungen und Formen. Und es gibt so viel Potenzial. Das ist etwas sehr Positives.

Golnar Shahyar: Entschuldigung, darf ich unterbrechen? Warum ist es positiv? – Ich möchte gerne deine Meinung wissen. Warum ist Vielfalt in Kunst und Kultur wichtig?

Logo D/Arts
Logo “D/Arts”

Zuzana Ernst: Weil ich denke, dass wir in engen, überholten Ausdrucksformen feststecken. Und es geht darum, diese eurozentrische Art der Produktion zu hinterfragen, ebenso wie die Art und Weise, wie wir Kunst und Kultur konsumieren. Ich denke, die kapitalistische Struktur ist dabei auch ein großer Faktor. Und es geht auch darum, andere Ästhetiken in Frage zu stellen oder sich für sie zu öffnen. Und das reicht von der Art und Weise, wie wir Dinge in unserer Ausbildung lernen, bis hin zum Produktionsprozess und dem, was auf der Bühne geboten wird. Und ich denke, das geht Hand in Hand mit den Bedingungen, die bei der Produktion von Kultur herrschen. Zum Beispiel: In welchem Tempo produzieren wir? Wer ist hinter der Bühne? In welcher Sprache werden die Dinge angeboten? Das geht von barrierefrei bis hin zu der Frage, wer sich in einem Team willkommen fühlt, und so weiter.

Ich glaube, viele Leute denken: „Wir müssen diversifizieren, okay. Also nehmen wir eine schwarze Person ins Team auf, und dann wird sich schon etwas ändern.“ Das ist es nicht! Es geht nicht nur darum! Es geht auch darum, die Art und Weise zu ändern, wie die Dinge laufen. Es geht darum, wie die Abteilungen in den Institutionen miteinander kommunizieren. Es gibt viele verschiedene Formen, die Kunst und Kultur annehmen können. Und im Moment wird sie hauptsächlich von den vorhandenen Strukturen bestimmt. Punktum.

Golnar Shahyar: Ja. Ich habe das gefragt, weil viele Leute nicht wissen …

… warum sie Vielfalt wollen?

Golnar Shahyar: Warum Vielfalt gut ist. Wir alle sagen, wir wollen sie. Aber warum?!

Und es stimmt alles, was du gesagt hast, aber wenn ich zwei sehr wichtige Dinge hinzufügen darf: Für jeden Wohlstand braucht man Austausch. Um das zu erreichen, muss man sich öffnen und in Kommunikation treten. Und weißt du, die erstaunlichste Kunst entsteht durch die Vielfalt der Ansätze. Das ist dieser Aspekt. Und mit dem Wohlstand kommt natürlich auch mehr Geld für die gesamte Gemeinschaft und mehr internationale Verbindungen.

Der nächste Punkt betrifft die politische Ebene. Denn was ist eigentlich „Kultur“? Kultur muss ein Raum sein, in dem sich die Menschen einbezogen fühlen, und im Moment haben wir diesen Raum nicht. Es ist ein Raum, der sehr exklusiv ist, die meiste Zeit über. Und ich meine, Kultur ist das Gesicht der Politik. Sie ist der Ausdruck der Politik.

„Wenn wir nichts ändern, werden wir auf eine sehr polarisierte Gesellschaft zusteuern.“

Und wenn wir uns nicht wirklich darum kümmern, wird die Polarisierung in unserem Land immer weiter zunehmen. Denn das ist nicht nur ein Problem der nicht-weißen Österreicher*innen. Es ist auch ein Klassenproblem, und dann haben wir am Ende Leute, die sich von dieser intellektuellen Besserwisser*innenklasse ausgeschlossen fühlen. Und das ist eine sehr politische Sache. Das ist also das große Bild. Wenn wir nichts ändern, werden wir auf eine sehr polarisierte Gesellschaft zusteuern.

Und die Kultur ist das Gesicht dieser Polarisierung…

Golnar Shahyar: Ja, und sie ist das Gesicht, in dem sie sich verändern könnte.

Zuzana Ernst: Und wer auch immer dort das Sagen hat, lenkt den politischen Diskurs in vielerlei Hinsicht.

Golnar Shahyar: Ganz genau. Wenn die Leute also über diese Philosophie sprechen: „Kunst für sich selbst“ – getrennt von der Politik – ist das Blödsinn.

Bild Wiener Stimmen – Alexia Chrysomalli, Marjorie Etukudo, Basma Jabr, Nataša Mirković, Golnar Shahyar und Sakina Teyna
Wiener Stimmen – Alexia Chrysomalli, Marjorie Etukudo, Basma Jabr, Nataša Mirković, Golnar Shahyar und Sakina Teyna (c) Wolf Dieter Grabner

Welche Bedeutung hat also der Programmpunkt Wiener Stimmen im Musikverein? Und was können wir uns davon erwarten?

Golnar Shahyar: An diesem Abend werden sechs Sänger*innen auftreten, und ich habe das Privileg und die Ehre, eine von ihnen zu sein. Wir werden unsere Musik spielen – einige von uns, traditionelle Lieder und einige von uns unsere eigenen Kompositionen mit dem Tonkünstler-Orchester. Die Lieder wurden von Michael Radanovics arrangiert, und wir werden sie im Goldenen Saal aufführen, der symbolisch sehr, sehr wichtig ist, weil es, glaube ich, zum ersten Mal so etwas gibt – was anerkennt, dass es in Wien andere Stimmen gibt als das, was normalerweise dort aufgeführt wird, und auch anderen musikalischen Stilen oder Ansätzen einen würdigen Wert gibt. Und auch wirklich in sie zu investieren. Es ist also kein Projekt der Tokenisierung – oder wie ich es gerne ausdrücke, ein „Wohltätigkeitsprojekt“. Es ist tatsächlich grundlegend anders. Auch in der Art und Weise, wie sie mit uns kommuniziert haben, sind sie von Anfang an auf uns zugegangen und haben dafür gesorgt, dass alles, was sie über uns sagen, so ist, wie wir es wollen. Ob du es glaubst oder nicht, das ist ein sehr ungewöhnlicher Ansatz. Normalerweise passiert so etwas nicht, und viele Darstellungen des Programms fallen unter Exzentrik oder falsche Informationen. Aber dieses Mal ist es anders. Es braucht mehr Energie, ganz sicher. Wir stehen seit mehr als sechs Monaten in regem Austausch.

Es ist also langsamer – eine andere Art zu arbeiten?

Golnar Shahyar: Ja. Und in dieser Hinsicht ist es ein sehr gutes Beispiel dafür, wie es sein könnte. Denn ich glaube, dass normalerweise 99% der Arbeit – bei dieser Art von Projekten, Konzerten usw. – hinter den Kulissen erledigt wird. Es ist also wichtig, wie es gemacht wird, wie die Leute bezahlt werden, wie sie behandelt werden. Und ich kann wirklich sagen, dass alles perfekt gelaufen ist; das war wirklich anders.

Was könnte deiner Meinung nach noch getan werden, um die Bedingungen in der Musikszene zu verbessern?

Golnar Shahyar: Nun, das ist etwas, was ich meinen Kolleg*innen sagen möchte, die schon eine Weile etabliert sind – ob weiß oder nicht, spielt keine Rolle: Ich denke, es liegt in der Verantwortung eines jeden von uns – sobald wir eine Plattform haben und etabliert sind und die Dinge verstehen – dafür zu sorgen, dass wir einen besseren Raum um uns herum schaffen, für uns selbst und alle anderen. Und wenn wir uns weigern, das zu tun, dann tragen wir zu einem ausbeuterischen, unterdrückenden System bei.

Viele Menschen wissen nicht, dass sie Teil dieses Systems sind. Aber sie sind es. Und es ist eine Herausforderung, ihnen klarzumachen, dass ihre Untätigkeit und Passivität in Wirklichkeit eine große Aktion sind.

Ich denke, dass es auch hier wieder auf die Kommunikation ankommt und darauf, Räume der Ehrlichkeit und des Vertrauens zu schaffen, in denen man kommunizieren kann.

Golnar Shahyar: Ja, dafür muss man Verbündete an verschiedenen Orten finden, und sobald sie bereit sind, zusammenzuarbeiten, wird ihr Netzwerk aktiviert.

Zuzana Ernst: Ja, es ist so wichtig, engagierte Menschen in den Organisationen zu haben, denn ich habe es immer wieder in Institutionen gesehen – es geht meist um eine Person, die das Gefühl hat, „ach, da muss sich etwas ändern“. Einzelne Personen können das nicht ganz alleine schaffen. Aber dann gibt es diese Kämpfer*innen im Hintergrund dieser größeren Maschinen, und dann wird es plötzlich eine andere Geschichte.

Bild Dissonant Counterpoint at Musikverein
Dissonant Counterpoint at Musikverein (c) D/Arts

Genau, das ist die potenzielle Macht von D/Arts – den Krieger*innen den Rücken zu stärken und möglicherweise Organisationen in Krieger*innen-Organisationen zu verwandeln.

Golnar Shahyar: Ja, wir konzentrieren uns im Allgemeinen auf ein systemisches Problem, das systematisch geändert werden muss. Aber auch, wie du gesagt hast, ist die individuelle Handlungsfähigkeit absolut wichtig. Eine Person kann in verschiedenen Bereichen so viel bewirken, und das anzuerkennen, ist ebenfalls sehr wichtig. 

Wie geht es nun mit D/Arts weiter?

Zuzana Ernst: Wie ich schon sagte, hatten wir die Diskursreihe – die vier großen Veranstaltungen. Und jetzt wird sie mit einer künstlerischen Produktion abgeschlossen, die eher ein künstlerisches Forschungsprojekt ist. Sheri Avraham ist die künstlerische Leiterin und arbeitet mit einem erstaunlichen Team von Künstler*innen aus verschiedenen Genres zusammen. Es wird Ende August – Anfang September stattfinden. Sie heißt ze_RO!Ayns (Zero:One) und befasst sich mit dem Thema des Aufbrechens von Binaritäten. Es stellt eine andere Art der kulturellen Produktion vor und ist in einer anderen Welt angesiedelt. Es geht also um all das, worüber wir gesprochen haben, aber wir versuchen, es in einen künstlerischen Prozess zu übertragen und dort zu manifestieren. Am Ende unseres zweijährigen Prozesses steht also eine Art großes Experiment – die Umsetzung von Worten in Taten.

Bild Sheri Avraham
Sheri Avraham (c) D/Arts
Bild Ivana Pilić
Ivana Pilić (c) D/Arts

Und obwohl D/Arts ursprünglich als Wiener Initiative begann, breitet es sich bereits auf nationaler Ebene aus, richtig?

Zuzana Ernst: Ja, im November: „D/Arts goes Salzburg“! Das ist ein erster Schritt, aber die Idee ist, irgendwann in allen Bundesländern Büros zu haben. Das ist so wichtig.

Ich danke euch beiden!

Arianna Fleur Alfreds

Übersetzt aus dem Englischen Original von Itta Francesca Ivellio-Vellin