Plakat „Menandros und Thaïs“
Plakat „Menandros und Thaïs“

“Es war offensichtlich, dass es nicht so einfach werden würde, so ein Großprojekt auf die Beine zu stellen“ – ONDŘEJ CIKÁN und HANS WAGNER im mica-Interview

Liebe, Piraten, blutige Schlachten. Der aus Prag stammende österreichische Autor ONDŘEJ CIKÁN nahm sich für seinen Debütroman „Menandros und Thaïs“ die spätantiken altgriechischen Liebes- und Abenteuerromane zum Vorbild. Nun hat er sein Buch gemeinsam mit dem Prager Bühnenbildner Antonín Šilar in Co-Regie verfilmt. Der Plot: Die junge Thaïs wird in ihrer Hochzeitsnacht von Piraten entführt. Der von einer bösartigen Hexe verfolgte Bräutigam Menandros begibt sich auf eine langwierige Suche nach ihr und entvölkert dabei aus Verzweiflung ganze Landstriche. Getrennt voneinander erleben die beiden Protagonisten surreale und berührende Abenteuer, die von dem in Wien lebenden Musikvirtuosen HANS WAGNER akustisch untermalt worden sind.

Die sowohl bild- als auch tongewaltige österreichisch-tschechische Koproduktion entführt das Publikum in eine Welt der Träume, die sich in der Antike und der Gegenwart zugleich abzuspielen scheinen. Rund 300 Beteiligte haben fünf Jahre lang unentgeltlich am Zustandekommen dieses – laut Ondřej Cikán – „surrealistischen Sandalenfilms“ gearbeitet, der am 2. Juni 2016 seine Österreich-Premiere im Wiener Burg Kino feiern wird. Ondřej Cikán und Hans Wagner im Interview mit Julia Philomena.

Ondřej Cikán, Sie haben sich als studierter Gräzist mit “Menandros & Thaïs” an Ihr Regie-Debüt gewagt. Was galt es zu verwirklichen?

Ondřej Cikán: Antonín Šilar und ich wollten einen Film drehen, von dem wir selbst hundertprozentig begeistert wären. Einen, der zu Tränen rührt, schockiert, begeistert und einfach sehr glücklich macht.
Antonín wohnt in Prag und ich in Wien. Wir kennen einander seit der Kindheit und hatten schon lange vor, ein großes gemeinsames Projekt in Angriff zu nehmen, auch um unsere Betätigungsfelder und die tschechische und die österreichische Welt miteinander zu verbinden. So haben wir ein Team aus beiden Ländern aufgestellt und auch die Schauspielerinnen und Schauspieler in beiden Ländern gesucht. Es war uns von Anfang an klar, dass der Film mehrsprachig werden sollte. Wir haben es aber nicht so gemacht, dass zum Beispiel die Perser Tschechisch sprechen würden und die Griechen Deutsch, sondern haben die Sprachen gleichsam unlogisch über den gesamten Film verteilt. Der Held Menandros spricht Tschechisch, seine Frau Thaïs Deutsch, ihr Vater wieder Tschechisch, und trotzdem verstehen sie einander, als ob sie nur eine Sprache sprechen würden. Das unterstützt einerseits die Traumhaftigkeit der Geschichte, andererseits kommt dieses Konzept auch daher, dass sich die Handlung der meisten antiken Liebesromane in einer sehr multilingualen Umgebung abspielt.
Es war offensichtlich, dass es nicht so einfach werden würde, so ein Großprojekt auf die Beine zu stellen, aber wir wollten keine Zeit damit verlieren, auf die Gunst von Produktionsfirmen oder Förderstellen zu warten. Es gab viele gute Leute, die mitmachen wollten, und das mussten wir nutzen.

Haben Sie im Zuge der Vorbereitungen ein eigenes visuelles Konzept geschrieben oder ist das meiste dem Roman entnommen?

Ondřej Cikán: Antonín hat sich ein visuelles Konzept ausgedacht, in dem sich die Akteure in theaterhaften antiken Kostümen durch abstrahierte mitteleuropäische Landschaften von heute bewegen. Es ist typisch für die antiken Romane – und auch für die homerischen Epen – dass die Zeit des Autors mit der Zeit der Handlung verschwimmt. Das haben wir nachgemacht. Und auch das ist wieder so ein surrealistisches Element, das darauf abzielt, die Wirkung des Films zu verstärken. Wenn der Held zum Beispiel nicht weiß, wo er seine entführte Braut suchen soll, dann geht er zum Flughafen, wo alle Flugzeuge eingeschneit sind.

Wie lang haben insgesamt die Dreharbeiten gedauert?

Ondřej Cikán: Drei Jahre! Wobei man sagen muss, dass wir für die jeweiligen Szenen recht unterschiedlich viel Zeit hatten. In Summe hatten wir 70 Stunden Filmmaterial, und Zuzana Walter hat dann gemeinsam mit Antonín noch eineinhalb Jahre am Schnitt gearbeitet.

Haben Sie öffentliche Fördergelder bekommen?

Ondřej Cikán: Öffentliche Förderungen kamen nur aus Tschechien und haben uns eine professionelle Postproduktion gesichert. Technische Unterstützung hatten wir vor allem von der Prager Filmakademie FAMU. In Österreich gab es dafür private Sponsoren und unseren Executive Producer Rudolf Stueger, der uns einen ziemlich langen Drehblock gerettet hat. Im Verlauf der Dreharbeiten haben wir in Prag auch die Produktionsfirma Nutprodukce als Koproduzenten gefunden, aber der Eigentümer und Produzent des Films ist unser Wiener Verein geblieben. Deswegen wurde “Menandros & Thaïs” von den tschechischen Stellen auch als österreichisch-tschechischer Film geführt und war in allen möglichen Katalogen, aber nachdem uns in Österreich keine Institution als österreichischen Film anerkennen wollte, haben wir die Reihenfolge aus Trotz und der Einfachheit halber auf CZ/AT geändert.

Hans Wagner, zu welchem Zeitpunkt stand fest, dass Sie als Komponist für den Film arbeiten werden?

Hans Wagner: Relativ früh, ich denke im Jahr 2012. Das lief über den Sound-Designer des Films, Hannes Plattmaier, der mich gefragt hat, ob mich das Projekt interessieren würde. Als ich das Buch gelesen und mir das Filmmaterial angesehen hatte, das es zu dem Zeitpunkt schon gab, war mir eigentlich relativ schnell klar, dass ich als Komponist dabei sein möchte.

Wann haben Sie dann tatsächlich mit dem Komponieren begonnen?

Hans Wagner: Ich habe relativ spät angefangen, die Musik zu komponieren, erst als der Schnitt und Teile des Sound-Designs fertig waren. Das hat manche ein bisschen nervös gemacht.

Ondřej Cikán: Wir haben eben alle nicht geahnt, wie schnell du geniale Musik komponieren kannst.

Hans Wagner: Naja, wir haben uns vor allem zu wenig gekannt. Das hätte natürlich auch alles in die Hose gehen können. Aber die Kommunikation hat dann gut funktioniert. Es haben alle immer sehr viel diskutiert miteinander. Und für mich war es hilfreich, dass es schon viel vorläufige Musik und Temp-Tracks gab, an denen ich mich orientieren und mein eigenes Konzept entsprechend adaptieren konnte.

Wie haben Sie sich dem Themenkomplex konkret angenähert und den musikalischen Zugang zu Menandros & Thais gefunden?

Hans Wagner: Ich habe schon vor ein paar Jahren mithilfe von Samples angefangen, orchestrale Stücke zu zimmern und verschiedene Klänge auszuprobieren. Der Reiz bestand für mich darin, einen eigenen Sound zu erschaffen, der für den Film bestmöglich funktioniert. Es war ursprünglich auch einmal die Rede davon, eventuell mit einem Orchester zu arbeiten, nur wäre das zu aufwändig gewesen und hätte noch länger gedauert.

Konnten Sie sich als Komponist in der vorgegebenen Struktur der Temp-Tracks frei bewegen?

Hans Wagner: Ich habe es nicht als Einschränkung in meiner Arbeit gesehen, Vorschläge zu haben. Ich wollte nicht derjenige sein, der über den Film bestimmt, vor allem auch weil ich wußte, dass die Zeit knapp ist und die Kommunikation über mehrere Länder und Sprachen lief. Die Musik sollte den Bildern dienen und nicht umgekehrt. Besonders das Komponieren von Stücken mit vorgegebenem Text fand ich recht spannend. Sonst bin ich es eher gewohnt, die Texte selbst zu schreiben. Durch die Temp-Tracks waren es teilweise Musikstilübungen, aber ich habe auch immer probiert, eine eigene Note hineinzubringen.

Ondřej hat von der Verschmelzung der Antike mit der Gegenwart gesprochen. Inwiefern haben Sie diesen Gedanken musikalisch weiterführen können?

Hans Wagner: Die Klammer zwischen dem Anfang und dem Ende des Films war mir sehr wichtig, also die Verbindung zwischen dem ersten und dem letzten Lied. Ondřej hat mir Klangbeispiele antiker Musik vorgespielt, und mein Ziel war es dann, diese in einem modernen Gewand zu präsentieren. Von Antonín kam der Input, auch die rockige Seite dieser Musik herauszustreichen. Und jetzt haben wir am Anfang ein Lied, das sich doch recht stark an der antiken Musik orientiert und am Ende dasselbe Lied in einer Rock-Version.

Ondřej Cikán: Der Film spielt sich an sehr vielen unterschiedlichen Schauplätzen ab. Einige haben ihn als ein antikes „Road-Movie“ bezeichnet. Dazu passt es gut, dass Hans den Soundtrack in vielen verschiedenen Genres komponiert hat.

Wie haben Sie den Soundtrack eingespielt?

Hans Wagner: Im Endeffekt habe ich auch aufgrund des Zeitproblems beschlossen, bis auf den Gesang alles selbst einzuspielen: Gitarre, Bass, Klavier, Schlagzeug und Keyboard mit Orchestersamples. Die Stimmen haben der klassische Sänger Armin Knauthe, und die beiden Schauspielerinnen Pippa Galli und Violetta Zupančič beigesteuert. Ich habe Stück für Stück komponiert und gleich aufgenommen, das ging recht zügig voran, aber ich habe eben auch so einen Fetisch, sehr lange zu mischen.

Haben Sie einen akustischen Leitfaden gefunden?

Hans Wagner: Ursprünglich wollte ich für jeden Hauptcharakter ein eigenes Motiv erarbeiten, aber davon bin ich letztendlich abgekommen. Dafür tauchen Elemente aus dem ersten Lied in abgewandelter Form auch in anderen Stücken auf. Schließlich habe ich mich vor allem an den jeweiligen Schauplätzen und Bildern orientiert und auch darauf geachtet, dass die Musik mit dem sonstigen Sound-Design zusammenpasst, das komplett in Postproduktion entstanden ist und ziemlich musikalisch und teilweise bombastisch ist.

Ondřej Cikán: Als einen roten Faden könnte man auf jeden Fall das von Philip Zoubek eingespielte präparierte Klavier bezeichnen, das Teil des Sound-Designs ist.

Hans Wagner: Ich wollte jedenfalls, dass der Soundtrack auch ohne Bild Spaß macht.

Gab es kompositorische Blockaden?

Hans Wagner: Blockaden kenne ich nicht wirklich, weil ich immer direkt mit verschiedenen Sounds arbeite und viel ausprobiere, was möglich ist. Ich sitze nicht irgendwo im Park und hoffe auf Inspiration.

Was waren die größten Herausforderungen?

Ondřej Cikán: Antonín und ich hatten während der Dreharbeiten immer viel zu besprechen, um sicherzugehen, dass wir vollkommen auf derselben Linie sind, und das hat oft bis in die Morgenstunden gedauert und war mit vielen Litern Bier verbunden. Dann mussten wir ein paar Stunden später konzentriert am Set sein, wo es mitunter gefährlich zuging. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben viel mitmachen müssen, in größter Hitze, größter Kälte, oft ziemlich unbekleidet, auf Pferden, unter Wasser und so weiter. Dafür bin ich sehr dankbar.

Hans Wagner: Es war ein großer Lernprozess. Von jeder Seite kamen Input, Feedback, Ratschläge. Ich bin sehr stolz, dass dieses Projekt, bei dem es vor fünf Jahren noch gar nicht klar war, was daraus wirklich wird, sich als so groß, neuartig und freudvoll entpuppt hat.

Ondřej Cikán: Antonín und ich sind ja vorher nie Regisseure gewesen, und so waren unsere Zugänge und Ideen oft untypisch oder unfilmisch. Die anderen Teammitglieder, von meinem Co-Drehbuchautor über den Kameramann bis zu Cutterin und Tonmeister waren aber Profis. Diese Kombination aus Professionalität und unbeschwerter Improvisation ist oft sehr fruchtbar gewesen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

“Menandros & Thaïs” Österreich-Premiere
2.6. Burgkino, Wien, 20:30
Weitere Aufführungen 4.6.-8.6.

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