Bild Alex The Flipper
Bild (c) Alex The Flipper

„Okay! So platt siehst du das?“ – ALEX THE FLIPPER im mica-Interview

ALEX THE FLIPPER ist noch relativ unbekannt. Dabei produziert er mit MAVI PHOENIX und LOU ASRIL zwei österreichische Künstler, die gern als Stars von morgen gehandelt werden.

Das Interview ist schon aus. Auch das Interview mit Mavi Phoenix ist im Kasten. Da fängt Alex The Flipper an zu plaudern. Dies, das, verschiedene Dinge. Und dann lässt er nebenbei fallen, dass ein Album beinahe fertig war. Aha. Das hatte in dieser Deutlichkeit noch keiner der beiden gesagt. Also Aufnahme wieder an. Der Einstieg ins Interview ist deshalb so abrupt geworden.

Kurz zum Grundsätzlichen. Mavi Phoenix veröffentlicht sein erstes Album. Er kann selbst Beats produzieren, macht das aber oft gemeinsam mit anderen. Am häufigsten mit dem Linzer Alex The Flipper, der früher auch als Tour-DJ mit dabei war, bei den großen Sommerfestivals etwa, die reihenweise anstanden, nachdem „Aventura“ in Spanien, Frankreich und Italien auch so etwas wie ein Hit war. Er war deshalb sehr nahe dabei, als die Pläne für das Debütalbum von Mavi Phoenix neu geschmiedet wurden.

Alex The Flipper macht auch andere Dinge. Kürzlich hat er zwei Tracks für Lou Asril produziert, von seinen eigenen Tracks stehen gleich drei auf Spotify bei über einer Million, er macht Remixe und träumt recht konkret vom ersten eigenen Release.

Das Interview entstand im Rahmen einer Serie des Ö1 Lexikons der österreichischen Popmusik und ist hier nachzuhören. Zum mica-Interview mit Mavi Phoenix geht es hier.

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November ist sehr kurz her, um alles umzuwerfen.

Alex The Flipper: Sicher, deshalb war L.A. so ein Wendepunkt. Wir waren jeden Tag im Studio für zweieinhalb Wochen, gemeinsam, gemeinsam mit anderen, da hat sich herauskristallisiert, was lässt man, was kommt dazu, und welche Ideen machen wir fertig.

Die Gespräche gingen vermutlich ans Eingemachte.

Alex The Flipper: Wir haben sehr viel geredet. Ich bin der festen Meinung, die Leute nehmen dir nur etwas ab, wenn du dich damit wirklich identifizierst, nur dann kann das funktionieren.

Ihr musstet euch sicher jede Idee und Zeile einzeln ansehen, was passt, was nicht mehr, taugt dieser Track noch etwas …?

Alex The Flipper: Richtig. Richtig. Aber so macht man das. Das zehrt natürlich an den Kräften. Und man muss immer schauen, dass man frisch bleibt. Wir sind schon picky.

Du sagst also, der Großteil des Albums ist in den letzten sechs Monaten entstanden.

Alex The Flipper: Genau, man weiß ja, am Ende geht man drei Wochen ins Studio, macht das Album. Ich habe manchmal mein kleines Set-up eingepackt, bin zu Mavi gefahren, viel war in Linz, anderes ist in Los Angeles passiert.

Deshalb gab es 2019 kaum Releases, weil ihr in Wirklichkeit schon am Album gearbeitet habt und euch relativ spät darüber klar werden musstet, was das für euer Material bedeutet.

Alex The Flipper: Genau. So kann man das gut zusammenfassen. Wir hätten uns vom Material her öfters fragen können, ob man damit rausgeht. Aber wenn man als Künstler nicht auf sich hört und sich kennt, gibt es Fehltritte. Und auf einem gewissen Level kannst du dir das nur so und so oft leisten.

Bild Alex The Flipper
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Vom Management gab es da gar keinen Druck?

Alex The Flipper: Nein, Christoph [Kregl; Anm.] ist ein super Partner, er versteht das und bringt sich ein. Es gibt Faktoren, die Druck machen, die Tour musste verschoben werden, da noch einmal zu sagen, wir brauchen noch, das ist für alle eine Herausforderung.

[Und so hätte das Interview ausgesehen, wenn ALEX THE FLIPPER nicht angefangen hätte zu plaudern.]

Sagst du Mavi oder Marlon?

Alex The Flipper: Ich sage Marv, das sage ich schon lange.

Wie kam es zum Kontakt?

Alex The Flipper: Antonin Pevny hat eine Doku über Linz gemacht, darüber kam das zustande. Mavi war früher der beste Freund von meinem Cousin und hat viel Zeit bei meinem Onkel und meiner Tante verbracht.

Es heißt, dass ihr euch musikalisch gefunden habt. Ist es so einfach?

Alex The Flipper: Nein, so einfach ist es natürlich nicht. Es hat sich ein Flow eingestellt, aber es gibt Hindernisse, bis man dorthin kommt. In einer Phase nach der Young-Prophet-EP gab es einige Wochen oder Monate keinen Kontakt, in denen wir herausfinden mussten, wie wir weitermachen.

Wie läuft die Zusammenarbeit typischerweise ab?

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Alex The Flipper: Wir sind auch jetzt wieder in Wandlung. Früher haben wir musikalische Ideen entwickelt, dann nimmt sich einer das, man arbeitet das gemeinsam aus. Oft war es einfach Spaß, im Studio wird gelacht und getanzt. Mittlerweile gibt es auch andere Stimmungen. Wir waren in L.A. für Sessions, da sind Dinge passiert, die wir nicht kannten, die uns weiterbrachten. Wir können von null weg gemeinsam starten, mit anderen Producern. Mittlerweile wissen wir, wo wir uns wichtiger nehmen, als wir müssten, wir geben uns den Raum, dann kann das florieren. Es ist ein schmaler Grat zwischen Ehrgeiz und Dinge zulassen. Man löst die Probleme gemeinsam, da sind wir erstaunlicherweise ziemlich konstruktiv.

Wie lief das bei Sessions?

Alex The Flipper: Da geht es um etwas anderes, wie kann ich das Beste aus dem anderen herausholen, wie überwindet man Hemmungen, wie bloß kann ich mich stellen, wenn ich am Klavier sitze oder einen Text schreibe.

Ihr seid euch sehr ähnlich und unterscheidet euch sehr. Worin unterscheidet ihr euch am meisten?

Alex The Flipper: Im Umgang mit Emotionen. Mavi kann sehr für sich einstehen, vertritt das nach außen, kann unangenehme Emotionen nach außen tragen. Ich trage nach außen hin gern Harmonie und den Disput eher nach innen. Daran arbeite ich. Musikalisch kommen wir auf einen Nenner, und selbst wenn man einmal keinen Zugang hat, verstehen wir, warum der andere das cool findet.

„Marv ist extrem mutig, in allen Belangen […]“

Was kann Mavi besonders gut?

Alex The Flipper: Marv ist extrem mutig, in allen Belangen, und er würde wohl sagen: „Nein, bin ich gar nicht.“ Aber Mut ist vielleicht ein unspektakuläres Wort. Marv ist ein super Gesamtpaket, nicht nur was Text oder Performance betrifft, sondern er ist auch ein super Produzent, vom Gespür, vom Handwerk. Außerdem ist er ein extrem guter Topliner. Marv stellt sich allen Widersprüchen oder allen Ängsten, und trotzdem gibt es eine Unverblümtheit. Ich glaube, diese Person wird auch mit achtzig noch frisch sein. Da gibt es eine Kraft, die raus will. Mit dem Transgender-Outing hat sich auch etwas gedreht. „Ich zeige es den anderen“ hat sich ein wenig gewandelt zu „Ich habe meinen Platz gefunden.“

„Es war ein Umwälzungsjahr.“

Die Entwicklung, die Mavi genommen hat, ist enorm.

Alex The Flipper: Unbedingt. Du brauchst ungemein viel Mut und Courage, damit du das machst. Letztes Jahr war spannend, auf der persönlichen Ebene, was wir diskutiert haben, und auf der musikalischen Ebene. Im Vergleich zu den Jahren davor, die relativ straight waren, war 2019 nicht leicht. Es war ein Umwälzungsjahr.

Was bedeutet das für die Musik?

Alex The Flipper: Casper meinte einmal, er habe Mavi Phoenix wegen des Vibes und der Attitude gehört. Mit dem Album kommt jetzt eine starke thematische Komponente dazu. Wenn etwas so dringlich ist, nehmen die Dinge ihren Lauf. Sonst geht man unter und ist nur noch Passagier. Es gibt Tracks, die einfach nur draufhauen, und es gibt Tracks, die stärker inhaltlich motiviert sind.

Trefft ihr euch auch, ohne dass es um Musik geht?

Alex The Flipper: Boah, das wird immer schwieriger, wir vermissen das. Es gibt immer was zu tun, eine Idee entwickeln, ein Video, Content machen. Silvester haben wir gemeinsam gefeiert.

Wäre es für dich denn einfacher, wenn du auf einen Stil festgelegt wärst?

Bild Alex The Flipper
Bild (c) Alex The Flipper

Alex The Flipper: Das Interview kommt in einer spannenden Phase, ich habe mit Mavi letztens bei mir im Studio darüber geredet. Wenn man sehr in ein Projekt involviert ist, gibt es Personen, die zum nächsten gehen. Ich nehme mir bewusst Zeit, um herauszufinden, was ich mache, wer ich bin ich. Für mich braucht es einen Klärungsprozess. Das habe ich so klar echt nur meiner Freundin erzählt. In dem Prozess entstehen neue Erkenntnisse, neue Ideen, neue Beats. Jetzt gerade habe ich den Wunsch, dass ich für einen Sound stehen würde. Und das Feedback, das ich bekomme, macht mich froh und gibt mir Kraft, da weiterzugehen. Wenn man produziert, steht die Vision einer anderen Person im Vordergrund. Und wenn man selbst keine entwickelt, dann ist das cool. Aber wenn man eine eigene Vision in sich trägt, muss man dem auch Platz geben. Mit meinem Tape habe ich damit angefangen. Ich hätte einen zweiten Teil ready und muss mir überlegen, ob ich das voll ausproduziere oder es so raushaue. Mich reizt die Vorstellung von einem größeren Release. Mavi Phoenix wird dennoch hoffentlich weiter ein großer Teil meiner Arbeit sein.

„Aber an manchen Tagen sehne ich mich nach einem klaren Profil.“

Deine eigenen Sachen lehnen sich mehr an Dance an oder House, der gut auf Spotify – und YouTube-Playlists passt.

Alex The Flipper: An manchen Tagen genieße ich meine stilistischen Freiheiten sehr, es schimmert ja trotzdem meine Handschrift durch. Aber an manchen Tagen sehne ich mich nach einem klaren Profil. Diese Bandbreite ist manchmal furchteinflößend und oft auch schön. Bei manchen Projekten muss ich nicht für meinen Sound stehen, sondern das muss fertig werden. Du merkst, das beschäftigt mich.

Bono meinte, mit ihm müsse etwas nicht stimmen, wenn er jeden Abend die Bestätigung von 80.000 Menschen brauche. Stimmt mit dir genug nicht?

Alex The Flipper: Super Frage, das habe ich auch letztens breit diskutiert. Wahrscheinlich ist da mehr, als ich mir eingestehen will, als mir selbst klar ist. Vielleicht nicht so dringend. Es ist immer ein innerer Zwist als Musiker.

Warst du eigentlich bei Bilderbuch involviert, bei Gerard, Catastrophe & Cure, Ages oder Lou Asril?

Alex The Flipper: Für Ages, Bilderbuch und Catastrophe habe ich einen Remix gemacht. Beim Neue-Welt-Album von Gerard war ich sehr involviert mit René Mühlberger von Pressyes und Patrick Pulsinger. Der Gitarrist von Bilderbuch ist auf „Sands” zu hören, wir haben dasselbe Management. Und für Lou Asril habe ich zwei Tracks produziert, das war sehr cool.

Würdest du lieber mit Ed Sheeran oder Travis Scott zusammenarbeiten? Sorry, dumme Frage …

Alex The Flipper: Beide auf einem Track wären cool. Travis Scott, wenn ich auswählen müsste. Wir würden schneller zu einem Ergebnis kommen. Man kennt ein paar big names und wie sie arbeiten, jeder kocht mit Wasser.

Wie bist du aufs Sample von „Aventura“ gestoßen?

Alex The Flipper: Musik durch Kombination macht mir Spaß. Dinge zusammenbringen, die nicht zusammenpassen. Es kann auch gern cheap oder cheesy klingen, damit spiele ich gern. Und mit World Music fühle ich mich einfach sehr verbunden.

Was kannst du selbst einspielen?

Alles mit Tasten. Saiten bin ich gerade dabei.

Was müsste passieren, damit du einen längeren Text auf Facebook postest?

Alex The Flipper: Nicht viel. Es wird passieren, auch wenn es bisher nicht passiert ist. Ich bin ein sehr politischer Mensch. Mavi und ich reden da stundenlang, ich kann auch anstreifen, aber in meiner Musik spielt das weniger Rolle. Da gibt es weniger zu schreiben, wenn ich in L.A. oder Peking stehe.

Aber für was steht Alex The Flipper, außer dass er oft cool in der Gegend steht?

Alex The Flipper: Okay! So platt siehst du das [lacht]? Mir taugt das auch. Mein Leben ist reich, aber ich möchte nicht alles zeigen. Ich finde, es sagt auch etwas aus, wenn man eine Session auf einem anderen Kontinent nicht so wichtig nimmt und nicht damit angibt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

 

„Boys Toys“ von Mavi Phoenix ist soeben via „LLT Records“ erschienen.

 

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