„Ohren auf und fertig.“ – SYNESTHETIC4 im mica-Interview

Für das erste Album gab es gleich den Preis der deutschen Schallplattenkritik und trotz Corona auch einige Konzerte. Hervorgegangen aus dem von Klarinettist VINCENT PONGRACZ gegründeten SYNESTHETIC OCTET spielen nun Bassist MANUEL MAYR, ANDREAS LETTNER am Schlagzeug, Gitarrist PETER ROM und PONGRACZ selbst in Quadratur um die orangefarbene Gerbera. Und bahnen sich mit Elementen aus Hip-Hop, Jazz, Funk und zeitgenössischem Ernst ihren eigenen, bunten Weg ins Hirn, das daraufhin direkt Impulse an die Lachmuskeln sendet. Ein Gespräch mit Sylvia Wendrock.

Am 7. Okrober 2020 war Record Release eurer LP „BR TAKA BOOM“ ohne Party. Wie fühlt sich das an? 

Vincent Pongracz: Wir hatten genau das geöffnete Fenster im Oktober getroffen. Für die Umstände war das Porgy&Bess zum Release eigentlich gut besucht, wir hatten ein schönes Konzert. Es gab nur keine weiteren Auftritte, auch keine Tour.

Und wie arbeitet ihr jetzt? Wie denkt ihr euch die Stücke aus, Peter und Vincent?

Vincent Pongracz: Zu Beginn des Projekts haben wir sehr intensiv zu zweit gearbeitet und viel ausprobiert. Sicher war das nicht alles ausgereift, es ist jedenfalls noch vieles ausbaufähig in der weiteren Zusammenarbeit. Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten zu zweit zu komponieren und kreative Konzepte zu finden. Bei der ersten CD sind einige Stücke zusammen entstanden und auch nur deshalb so gut geworden. Es gibt aber auch Stücke, die jeweils nur von mir oder Peter geschrieben worden sind. Während unserer Entstehungszeit 2018/19 spielten wir die Konzertreihe „Synesthetic Wednesday“ einmal monatlich im Rhiz, was unsere Kompositionen noch stark beeinflusst hat, die einzelnen Musiker meldeten sich zu Wort und bekamen dadurch stärkere Stimmen.

Wann hören eure Stücke auf, durchkomponiert zu sein? 

Vincent Pongracz: Das hört nie auf.

Und wie fließen eure Stimmen ein, Manuel und Andreas?  

Vincent Pongracz: Zuerst einmal müssen alle die Komposition verstehen und verinnerlichen. 

Manuel Mayr: Die Komposition zu erfassen und zu erkennen, in welche Richtung es gehen könnte, ist essenziell. Andreas und ich können da ein Lied von singen. Das Notenmaterial ist dabei insofern perfekt, als dass es nur das Nötigste darstellt. Vincent hat da einen super Weg gefunden, seine musikalischen Ideen und rhythmischen Konstrukte einfach darzustellen. Hat man diese Prinzipien, die im Detail dann recht komplex sind, erst einmal verstanden, kann man sich mit bzw. in dieser Sprache ganz gut verständigen. Wir haben sie uns über die Zeit als Band und als Kollektiv ganz gut angeeignet. Andreas und ich steuern trotzdem noch unsere eigene Ästhetik bei was Sound und Phrasierung angeht.

Ist das Zeitgenössische, Komponierte der Kern, durch den sich Synesthetic4 von euren jeweiligen anderen Projekten unterscheidet? Woran erkennt ihr, dass ihr das seid? Was ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Bild Synesthetic4
Synesthetic4 (c) Astrid Knie

Manuel Mayr: Jede Form von kollektiver Zusammenarbeit kann unterschiedliche Gestalten annehmen. Folglich ist jede Gruppe anders. Bei uns gab es einfach eine Entwicklung. Vincents Musik wurde schon in sehr vielen unterschiedlichen Besetzungen gespielt. Durch gesammelte Erfahrungen festigt sich dann wahrscheinlich die Vorstellung davon, mit welcher Besetzung die Umsetzung gut gelingt. Die Größe der Band ist ja auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Quartett zählt da vielleicht noch zum Mittelfeld. 

Vincent Pongracz: Es gibt da verschiedene Ebenen. Zum einen die stilistische Ebene, die eher formal einordnet, wie innovativ die Ideen sind. Auf einer anderen, einer energetischen Ebene finden die Details statt. Da die Bandmember alle sehr erfahren sind, kann auf einer Mikroebene sehr Detailreiches passieren. Dort fließen die Persönlichkeiten, Erfahrungen und sehr viel Konzentration ein. Die Kombination einzelner Elemente ist schon spezifisch: die Art, wie Hip-Hop-Grooves gespielt werden beispielsweise.

„Es geht bei Konzerten ja auch immer ein bisschen darum, die Leute ein bisschen in eine andere, trippige Rauschwelt weg von ihrem Alltag und den Druck der Welt zu entführen.”

Ist zu dem Oktett dann das Rap-Artige dazugekommen? 

Vincent Pongracz: Es gab natürlich einen starken Hip-Hop-Einfluss auf unsere Musik. Manuel und ich haben auch im Oktett zusammengespielt und als bei Auftritten im Ausland immer häufiger Oktett-Mitglieder verhindert waren, dann auch die wirtschaftliche Frage zunehmend im Raum stand, hat sich das Quartett entwickelt. Wir hatten alle Lust auf eine kleinere Besetzung, wo jeder mehr Raum hat und sich ein anderes Spielgefühl einstellt, das Ganze aber auch fragiler ist. Es gab dadurch mehr Raum zum Experimentieren, auch zum Rappen, beim Oktett liegt der Fokus einfach woanders. Der Rap bekommt bei mir die Funktion eines Rausches. Es geht bei Konzerten ja auch immer ein bisschen darum, die Leute ein bisschen in eine andere, trippige Rauschwelt weg von ihrem Alltag und den Druck der Welt zu entführen. Intuitiv und unbewusst fließt davon sicher einiges in die Musik und auch in die Videos mit ein. Wir zu viert haben das Glück, solche außergewöhnlichen, besonderen Bewusstseinszustände durch konzentriertes Musikmachen zu erreichen.

Es klingt manchmal israelisch rückwärts, mal ungarisch, manchmal rumänisch an – wie kommt es zu der Sprache? 

Vincent Pongracz: Ich habe es neulich rückwärts abgespielt und meinte, einen arabischen Anklang herauszuhören. Grundsätzlich war die Idee, wie ein Kind wohl englischen Hip-Hop wiedergibt, wenn es doch die Sprache noch gar nicht versteht.

Steht im Vordergrund der Fun oder ist es eine Persiflage auf Hip-Hop? 

Vincent Pongracz: Nein, es soll sich nicht lustig machen, ist eher eine Freude am Ausdruck und zusätzlich ein Infragestellen von Wichtigkeiten. Ähnlich dem Dada versuch ich da, den Ernst und Bedeutungstiefe aus den Dingen zu nehmen.

Wenn von Inhalten die Rede ist, stellt sich die Frage nach den Geschichten der Songs, die durch eine Kunstsprache verschlüsselt werden. Oder geht es hier eher um eine Demokratisierung der einzelnen musikalischen Elemente?

Peter Rom: Die Emotion sucht sich die Inhalte und nicht umgekehrt. Die Emotion kommt rüber und der Inhalt ist eigentlich beliebig, das kommt da gut zur Geltung. Diese Sprache ist allein Vincents Erfindung und so verstehe ich sie. Die Inhalte sehr emotionsgeladener Reden werden dadurch auch ausgehebelt bzw. eben infrage gestellt.

Vincent Pongracz: Es gibt also nicht wirklich eine ausgedachte Geschichte. Wenn, dann ergibt sich die Geschichte durch die Dringlichkeit des Ausdrucks spontan, eventuell auch durch Interaktion mit dem Publikum.

Wer choreografiert die Musikvideos? 

Andreas Lettner: Auch wieder Vincent und Peter.

Vincent Pongracz: Wir haben uns zu zweit sehr genaue Konzepte dazu überlegt und dann mit einem Kameramann zusammengearbeitet.

Und deswegen seid ihr zwei immer die Diebe siehe „Pickedem“ und „Pitch Particle“? 

Manuel Mayr: Wir sind alle die Bösen, die ganze Zeit. 

Peter Rom: Es ist natürlich ein gewisser Spaßfaktor dabei. Aber das ist nur eine Möglichkeit, eine Interpretation zu liefern. Wir wollen einfach nicht nur Wiederholungen erzeugen und erkunden als Musiker das riesige und relativ neu gewonnene Feld der Musikvideos. Man kann herrlich gesellschaftskritische Haltungen skizzieren, die ja bei uns auch recht unmissverständlich durchkommen.

Ihr tragt in den Videos häufig einen Rosenkranz, beispielsweise bei „Pitch Particle“ – hat denn die Verwendung der Kostüme symbolischen Charakter?

Vincent Pongracz: Wir hatten ursprünglich ein Logo mit einer Figur, die eine Blume vor ihr Gesicht hält. Ich hab dann damit gespielt und Masken gebaut. Die rappende Person sollte eine Kunstfigur mit Maske sein.

Vieles funktioniert offenbar einfach unbewusst …

Andreas Lettner: Wir vertrauen uns gegenseitig musikalisch total und lassen deswegen beim gemeinsamen Arbeiten und Improvisieren die Zügel los. Das Ergebnis ist dann genau unseres.

Bild Synesthetic4
Synesthetic4 (c) Astrid Knie

Improvisiert ihr auf der Bühne dann auch?  

Andreas Lettner: Generell gibt es sehr starke, präzis ausformulierte Teile in jedem Stück und dem gegenüber stehen sehr offene Bereiche im selben Stück. Immer, wenn diese Offenheit beim Improvisieren, aber auch beim Interpretieren entsteht, beginnt sich etwas sehr Eigenständiges zu bilden. Das ist meiner Meinung nach das Spannendste in der Gegenwart: eine klare Idee von etwas zu haben und sie gleichzeitig gehen lassen zu können, je nachdem wie wir uns gegenseitig inspirieren.

Ist es nicht irrsinnig anstrengend, sich Files hin- und herzuschicken, um miteinander an einem Song zu arbeiten statt das zusammen zu erproben? 

Peter Rom: Natürlich ist es schöner, sich leibhaftig zu treffen. Aber wir nehmen halt die Situation, wie sie ist, es hat ja alles Vor- und Nachteile. Wir waren für die erste CD mal gemeinsam in Polen, da ist eine irrsinnige Dynamik entstanden. Wenn jetzt jeder für sich allein zuhause aufnimmt, kann man seine eigenen Gewohnheiten besser pflegen, ist ohne Beobachter und soziale Funktion.

Ist so eine digitale Zusammenarbeit nur dann fruchtbar, wenn man sich bereits (gut) kennt? 

Andreas Lettner: Das ist auf jeden Fall ein riesiger Vorteil. Es sind die Aufnahmemöglichkeiten nicht für jeden gleichermaßen gegeben. Gerade bei Schlagzeugern – ich bin da zufällig gesegnet, alles vor Ort zu haben. Für uns geht es auch deswegen sehr gut, weil die Richtung klar ist und wir wissen, was wir machen wollen. Wären wir am Anfang in diese Situation geraten, hätte ich auf jeden Fall Schwierigkeiten gehabt, zu wissen, wie die grundsätzliche Idee umzusetzen ist. Daher ist es für uns vielleicht sogar teilweise von Vorteil, allein zu spielen, weil jeder seinen Part dadurch klarer und fokussierter bearbeiten kann. 

Vincent Pongracz: Durch die Klarheit, mit der wir um die Idee wissen, nimmt jeder ohne viel Aufwand seinen Part auf. Ich kann durch das Alleinsein sehr viel auschecken, verschiedene Moods ausprobieren, tageszeitenunabhängig stimmlich mehr testen – in einem Bandsetting ist man doch automatisch lauter.

„Die Suche nach Anleihen aus anderen Sprachen hat mich aber letztendlich doch wieder zurück zur lautmalerischen Methode geführt.”

Hast du noch mehr Sprachen entwickelt, Vincent? Gibt es da eine Syntax? 

Vincent Pongracz: Ursprünglich war es nur eine intuitive Anlehnung an Kraftwörter bzw. Wörter, die vermehrt im Hiphop vorkommen, weil bei ihnen eine starke emotionale Komponente mitschwingt. Später wollte ich zu bestimmten Themen wie Revolution oder Verrücktheit Texte schreiben und brauchte deshalb noch mehr Wörter. Die Suche nach Anleihen aus anderen Sprachen hat mich aber letztendlich doch wieder zurück zur lautmalerischen Methode geführt: existierende Wörter ins Abstrakte abzuändern, damit die vorgestellte klangliche Entsprechung erreicht wird. Ich folge immer dem Wunsch, etwas Neues zu machen bzw. zu finden und an Grenzen zu gehen. Aber das spielerisch, weniger konzeptuell oder intellektuell. Mal ist Unzufriedenheit mit dem Vorhandenen der Motor, dann ist es die wieder reine Neugier auf Neuland oder starken Ausdruck. So suche ich immer wieder Plätze, die noch nicht besetzt sind. Es ist weniger die intellektuelle Idee von Innovation, obwohl ich das auch nicht hundertprozentig versichern kann. Es geht ja auch immer darum, dass man den Kontext kennt und auch weiß, was gerade passiert.

Manuel Mayr: Insofern ist der Rap bzw. Dis-Rap auch eine Stellungnahme zu popkulturellen Formen, Hip-Hop ist ja keine eindimensionale Angelegenheit mehr. Die moderne Popkultur liefert uns da viele Anknüpfungspunkte. Trotzdem bleibt die Rezeption dieser Sprache sehr subjektiv.

Gibt es eine Unzufriedenheit, die jeder in seine Musik mit hineinträgt?

Andreas Lettner: Nein. Die einzig wichtige Geschichte auf der Bühne ist für mich, komplett im Moment zu sein und alles loszulassen, was ich glaube, zu wissen oder zu können. Das ist meine einzige Herangehensweise. Ohren auf und fertig.

Vincent Pongracz: Es sind zwei verschiedene Sachen für mich: Das eine ist die Kunst, die ich mache, und das andere der Bühnenmoment. Das sind zwei verschiedene Zugänge. Sobald man mit einer Message auf die Bühne geht, wird’s doch theatralisch und passt nicht mehr zum Alter des Publikums.

Peter Rom: Aber es gibt doch diesen Spruch: „Play from your pain.“ Dem folge ich schon. Wenn man sich ausdrückt und auch eine ehrliche Aussage treffen will, geht es ein bisschen auch um das Verhältnis der eigenen Persönlichkeit zur Außenwelt. Das ist so unglaublich vielschichtig, dass ein einziger Begriff dafür nicht zu finden ist. Man bräuchte dann auch nicht diesen komplizierten Umweg über die Musik zu gehen, sondern könnte es als Schriftsteller in Worten rüberbringen. Mir erscheint die Sprache zu begrenzt dafür und damit berühre ich die alte Frage, ob erst das Denken oder die Sprache im Hirn passieren. Die Sachen, die man in der Musik ausdrücken kann, sind nicht in so einem Interview in Sprache zu packen. Themen sind dabei auch nur Vehikel für grundsätzliche Emotionen und mich fasziniert auf der Bühne schon der Mensch an sich, in die Welt geworfen.

Worüber man nicht reden kann, muss man musizieren. 

Vincent Pongracz: Diese rappende Person kann viel direkter irrsinnig viel Freude ausdrücken, auch Freude daran, ausgesprochen egozentrisch zu sein oder einer gewissen Narrenfreiheit und Rücksichtlosigkeit zu frönen. Dinge, die nicht sinnvoll sind oder die ich mir im Alltag nicht erlauben würde. Die Rap-Persona ist wer anderer als der spielende Musiker, die Stimme funktioniert viel direkter für mich als das Instrument. Da geschieht meist ein Wechsel zwischen zwei Setups in meinem Kopf. Wir probieren beständig, eine eigene Welt zu erschaffen. Die Videos waren dafür nur ein allererster Schritt. Mit der Zeit ergeben sich natürlich immer weitere Ideen. Ist nicht alles, was man macht, neu, weil es immer einen persönlichen Touch hat?

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sylvia Wendrock

 

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