Bild Mia Zabelka
Mia Zabelka (c) Anna Schorm

„Normalität im Musik- und Kunstbetrieb ist noch weit entfernt.“ – MIA ZABELKA im mica-Interview

Die in der Steiermark lebende E-Violinistin, Klangkünstlerin und Komponistin MIA ZABELKA porträtiert auf ihrem eben erschienenen neuen Album „MYASMO“ (Setola di Maialeein) mit London​​, Le Havre​​, Wien und Tønsberg vier europäische Städte auf ihre ganz eigene musikalische Art. In Rahmen von Konzerten in ebendiesen Städten vor Publikum live eingespielt, offenbaren sich ZABELKAS Stücke als echte Schätze der hohen Improvisationskunst. Im Interview mit Michael Ternai lässt die außergewöhnliche Künstlerin ihre Zeit während des Corona-bedingten Lockdown Revue passieren und erzählt, warum sie sich dazu entschieden hat, auch einmal ein Livealbum zu veröffentlichen.

Zunächst einmal, wie geht es dir? Wie hast du den Lockdown überstanden?

Mia Zabelka: Mir geht es sehr gut, danke! Ich hatte das Glück, diese herausfordernde Zeit im Klanghaus Untergreith, meinem Zuhause in der Südsteiermark zu verbringen. Zumindest hatte ich daher die Möglichkeit, ohne größere Probleme mit meinem Hund ‚Alma’ in meinem kleinen Weingarten oder dem nahegelegenen Wald spazieren zu gehen. Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, die ich bisher vernachlässigt habe, z.B. Kochen und Hausarbeit. Außerdem konnte ich mich endlich sehr intensiv und ohne Ablenkungen meinen neuen Projekten und der Arbeit im eigenen Tonstudio widmen.

Wie sehr hat dich die Krise als Künstlerin getroffen? Hast du viele Konzerte absagen bzw. verschieben müssen?

Mia Zabelka: Ich musste leider viele Konzerte absagen beziehungsweise auf 2021 verschieben, unter anderem eine dreiwöchige USA Tournee im April und eine zweiwöchige Japan Tournee im Juni.

Inwieweit hast du Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch nehmen müssen?

Mia Zabelka: Bisher musste ich zum Glück noch keine Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Ich möchte auch lieber für meine künstlerische Arbeit adäquat bezahlt werden, als auf Almosen angewiesen zu sein. Es sollte viel mehr Arbeitsstipendien für Künstlerinnen und Künstler geben, die in dieser schwierigen Zeit mit ihrer Kunst ganz sicher sehr viel mitzuteilen haben.

Wie sehr ist das Klanghaus Untergreith betroffen. Sind Veranstaltungen wieder möglich? Machen die aktuell aus rein finanzieller Sicht Sinn?

Mia Zabelka: Theoretisch wären Veranstaltungen wieder möglich. Aufgrund der COVID-19 Vorschreibungen könnten wir allerdings nur 6 Personen zu den Veranstaltungen einladen, da unsere Veranstaltungszelte räumlich sehr begrenzt sind. Es macht also keinen Sinn. Wir werden daher im Herbst – sollte sich bis dahin die Situation nicht zum Positiven wenden – ein großes mehrtägiges international besetztes Online-Festival veranstalten.

Wie hast du die Zeit des Lockdowns künstlerisch genutzt?

Mia Zabelka: Ich habe jeden Tag Violine gespielt beziehungsweise in meinem Tonstudio gearbeitet. Außerdem habe ich mich mit grundsätzlichen Überlegungen beschäftigt, wie z.B. wohin möchte ich mit meiner Musik, welche gesellschaftliche Relevanz hat mein musikalisches Schaffen, wie wird sich die Musikproduktion in Zukunft entwickeln etc.

Bild Mia Zabelka
Mia Zabelka (c) Anna Schorm

Was ist dir am meisten abgegangen?

Mia Zabelka: Obwohl ich an vielen Online-Kunstprojekten teilgenommen habe, sind mir am meisten der soziale Kontakt und die Konzerte mit österreichischen und internationalen Musikerinnen und Musikern abgegangen.

Inwieweit ist mittlerweile so etwas wie Normalität in dein musikalisches Leben eingekehrt? Oder ist diese noch weit entfernt?

Mia Zabelka: Normalität im Musik- und Kunstbetrieb ist noch weit entfernt. Es wurden z.B. viele Festivals auf 2021 verschoben. Meine Konzerte im Herbst sind zwar im Moment noch aufrecht, es kann aber auch sein, dass sie verschoben oder in den virtuellen Raum verlegt werden.

„Improvisation ist eine musikalische Ausdrucksform, die im Moment, im Augenblick stattfindet… eine Komposition in Echtzeit.“

Du hast mit „MYASMO“ auf dem italienischen Label Setola di Maialeein ein Livealbum veröffentlicht? Was hat dich dazu bewogen, auch einmal ein Livealbum zu veröffentlichen?

Mia Zabelka: Improvisation ist eine musikalische Ausdrucksform, die im Moment, im Augenblick stattfindet… eine Komposition in Echtzeit. Ich war in den letzten Jahren auf mehreren internationalen Tourneen, habe Solo und mit vielen anderen Musikerinnen und Musikern zusammengespielt. Meine Konzerte mit akustischer Violine und Stimme fanden zumeist in einem kleinen, räumlichen Rahmen statt. Ich konnte in diesen Settings am besten mit dem Publikum kommunizieren. Ich wollte eine Auswahl dieser großartigen Augenblicke, die ich gemeinsam mit meinen Zuhörerinnen und Zuhörern erleben durfte, auch auf einem Tonträger festhalten und anderen Musikinteressierten zugänglich machen. Außerdem haben mich die jeweiligen Veranstalter und der norwegische Noise-Musiker Lasse Marhaug, der die Auswahl und Reihenfolge der Stücke getroffen, sowie die CD gemixt und gemastert hat, sehr dazu animiert.

„Die Aufführungsorte haben so gesehen einen großen Einfluss auf die musikalische Entwicklung meiner Stücke.“

London​​, Le Havre​​, Vienna, Tønsberg ​​- die vier Stücke des Albums sind nach europäischen Städten benannt. Was kannst du über die sie erzählen?

Albumcover MYASMO
Albumcover “MYASMO”

Mia Zabelka: Die Stücke sind nach den Städten benannt, in denen ich die vier Solo-Sets gespielt habe.  Auf meinen Konzertreisen inspirieren mich die kulturellen Unterschiede der jeweiligen Städte beziehungsweise Länder sehr. Meine Improvisationen sind nicht vollkommen frei, es liegt ihnen immer ein kompositorisches ‚Raster’ zu Grunde, von dem ich mich aber auch gerne im Rahmen der Live-Konzerte befreie und die Stücke in vollkommen andere, neue Richtungen entwickle. Die Aufführungsorte haben so gesehen einen großen Einfluss auf die musikalische Entwicklung meiner Stücke. Ich denke, das kommt auf „MYASMO“ sehr gut zum Ausdruck.

Die musikalische wie stilistische Vielfalt deiner Projekte ist immens. Wo lässt sich dieses Album musikalisch einordnen?

Mia Zabelka: Ich verstehe mich als „Musician-Composer“, das heißt, ich komponiere immer mit dem Instrument, der Stimme und electronic devices. Wie eine Komponistin ein Komponist im traditionellen Sinn unterschiedliche Werke, z.B. Opern, Orchesterstücke, Streichtrios etc, schafft, arbeite auch ich zumeist gleichzeitig an mehreren Projekten. Es ist immer eine große Herausforderung von der Arbeit mit der akustischen Violine zu der Arbeit mit E-Violin und Elektronik zu wechseln und umgekehrt. Somit entsteht auch eine wechselseitige Beeinflussung, die ich sehr spannend finde. Zugrunde liegt meinem Schaffen aber stets die von mir entwickelte Improvisationstechnik des ‚automatic playing‘. Bei „MYASMO“ bestand die Herausforderung darin, eine musikalische Erzählung beziehungsweise einen Spannungsbogen allein mit akustischer Violine und Stimme zu schaffen.

Wie sehen deine nächsten Pläne aus?

Mia Zabelka: Ich arbeite unter anderem bereits wieder an einem neuen Elektronik-Album. Grundsätzlich möchte ich die von einigen Freundinnen und Freunden und mir entwickelte Theorie einer „wissenschaftlichen Musik, die auf dem Prinzip des ‚automatic playing‘ beruht“, weiterentwickeln. Dabei geht es darum, technische Vorgänge sowie technische Zustände tonal darzustellen. Ich interessiere mich grundsätzlich sehr für die Interdisziplinarität zwischen Musik und Wissenschaft. Der Begriff „wissenschaftliche Musik“ trifft am besten auf meine Arbeit zu. Es ist Musik jenseits von Melodien, Harmonien und Rhythmus. Wissenschaftliche Musik befasst sich damit, automatische Prozesse hörbar zu machen. Sie basiert auf Geräusch, Bewegung, Automatisierung, Teilung, Symbiose, Dissonanz und Resonanz etc. Eine künstlerische Reise in das Reich der Elementarteilchen, bei der es noch so viel zu entdecken gibt…

Herzlichen Dank!

Michael Ternai

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