Noise Musik in Österreich

Eine stringente Definition des Begriffes “Noise” ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Der eine stellt sich darunter ein wirres Soundgewitter vor, der andere Laptopdrehende Click’n’Cuts Komponisten und der andere wieder Langhaarige Menschen, die ein mit Blastbeats unterlegtes Riffing in atemberaunder Geschwindigkeit produzieren. Das alles mag wohl zutreffen, hilft aber beim genauen Hinsehen auch nicht bei der Begriffsfindung weiter.

Dreht man die Definitionsschraube enger, könnte man sagen, dass es sich bei Noise Musik in erster Linie um keine Genre handelt, sondern um eine musikalische Kategorie, die wiederum aus verschiedenen musikalischen Stilen oder Genres besteht, die Noise als eine musikalische Ressource verwenden. Diese verschiedenen musikalischen Stile und kreativen Praxen verwenden Noise als primären Aspekt in ihrer musikalischen Ausdrucksform. Sie können akustisch oder elektronisch generierten Noise beinhalten, die mit traditionellen oder nichttraditionellen Instrumenten erzeugt wird. Sogenannte Live Machine Sounds, nicht musikalische Vokaltechniken, physisch manipuliertes Audio & Media Material, Soundeffekten, Field Recordings, Computer generierter Noise oder andere zum Teil wilkürlich hergestellte elektronische Effekte wie Distortion oder Feedback. Auch die Lautstärke und Länge der kann ein wichtiger Aspekt sein. Allgemeiner gesprochen kann Noise Musik auch Aspekte verschiedener musikalischer Techniken wie der Improvisation, “Extended Technique”, der Kakaphonie oder der “Indeterminacy” beinhalten.

Für die Entwicklung der Noise Ästhetik war vor allem die Futurismus Bewegung wichtig, genauso wie der Dadaismus sein Schäuflein dazu beitrug. Desweiteren waren die Surrealisten und die Fluxus Bewegung Ideengeber für die spätere Entwicklung der Noise Musik.

Die zeitgenössische Noise Musik wird oft mit extremer Lautstärke und Verzerrung (“Distortion”) assoziiert. In der frühere “Avantrock” Szene, angefangen in den 1960ern zeigen Beispiele wie Lou Reeds “Metal Machine Music” was damit gemeint war. Andere Beispiele, die Noise als Ausgangsmaterial in ihren Werken verwendet haben waren Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen, Helmut Lachenmann, Cornelius Cardew, Theatre of Eternal Music, Rhys Chatham, Ryoji Ikdea, Survival Research Labartories, Whitehouse, Cabaret Voltaire, Psychic TV, Blackhouse oder auch die Musik Hermann Nitsch’s Orgien Mysterien Theater. Nicht zu vergessen die gesamte japanische Noise Musikszene rund um ihre zentrale Figur “Merzbow”. Wie schon oben erwähnt verwenden die verschiedendsten musikalischen Genres, ausgehend von Industrial, Lo-Fi Music, Black Metal, Grindcore, Sludge Metal bis hin zu Glitch die musikalischen “Strukturen” der Noise Musik.

In diesem Artikel werden vornehmlich Projekte und Bands aus Österreich behandelt, die sich in einer der oben genannten popularmusikalischen Genres verorten lassen, jedoch aber immer wieder Brücken schlagen zu experimentellen Musik. Ziel soll es sein, einen konzentrierten Überblick der musikalischen Entwicklung im Bereich Noise Musik zu geben.  (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Noise_music)


PETER REHBERG & MEGO

Mego wurde 1994 von Ramon Bauer, Peter Rehberg und Andreas Pieper gegründet und war inspiriert von der schnellen und internationalen Strategie der Techno und Rave-Scene, der alle drei damals angehörten. Die erste Veröffentlichung war eine eigene Maxi der Gründer als „General Magic & Pita“, die Fridge Trax EP, die ausschließlich die Klänge von Kühlschränken verwendete. Die Platte wurde ein kleiner Erfolg, ebenso wie die direkt folgende Maxi Die Mondlandung, die auf der originalen Übertragung der Mondlandung von 1969 basierte.

Unter den Wiener Musikern hatte sich schnell verbreitet, dass es mit Mego jetzt ein Label für experimentelle elektronische Musik in der Stadt gäbe und ein Portefeuille stellte sich ein: innerhalb kürzester Zeit erschienen Veröffentlichungen von Stützpunkt Wien 12, DJ DSL, Sluta Leta, aber auch von Fennesz und Farmers Manual, letztere zwei Acts, die dem Label lange eng verbunden waren.

Im Zeitraum von 1995 bis 2005 brachte Mego es auf rund 75 Veröffentlichungen, bevor das Label im Juni 2005 bankrottging. Ein Nachfolgelabel editions mego, welches die alte Katalognummerierung fortsetzte, wurde 2006 gestartet. Es sollte sowohl gewährleisten, dass alte Veröffentlichungen lieferbar bleiben als auch neue Veröffentlichungen ermöglichen.

Wichtige Mego-Künstler waren Fennesz (siehe Endless Summer), Merzbow, Jim O’Rourke, Radian, Farmers Manual, Stephen O’Malley sowie Russell Haswell oder KTL. Als Sublabel existierte zeitweise das Netlabel „Falsch“, auf dem über 60 weitere Werke von Mego-Künstlern, aber auch anderen Musikern wie Сон, Merzbow oder Kim Cascone erschienen.

1999 erhielt das Label selbst und 2003 eine seiner Veröffentlichungen eine Prix Ars Electronica-Auszeichnung in der Sparte „Digitale Musik“. Die Zeitschrift The Wire bezeichnete Mego 2003 als „eines der wichtigsten und einflußreichsten Labels für elektronische Musik in der letzten Dekade“. John S nannte editions mego 2009 in Rock-A-Rolla das „vitalste Label experimenteller Elektronik und digitaler Musik der Gegenwart“.

Seit 2005 betreibt Peter Rehberg unter dem neuen Namen “Editions Mego” das Label alleine weiter. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Mego)

Ein Interview mit Peter Rehberg in der Zeitschrift “The Gap” gibt es hier nachzulesen.
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FRANZ POMASSL & LATON

Franz Pomassl ist ein “Electronic Sound & Recording Artist” und DJ aus Wien. Er ist auch Mitbegründer des Labels Laton “Experimental Techno” Label. Franz Pomassl hat zahlreiche analog und digital arbeitende elektronische Künstler beeinflusst, wie zum Beispiel Pansonic oder Carsten NIcolai und hat auch mit namhaften Künstlern quer durch alle Genres gearbeitet. Beispielsweise Carl Michael von Hauswolff, J.G. Thirwell and Kodwo Eshun. Neben Laton hat er auch bei einigen anderen Labels veröffentlicht, wie Raster-Noton, Mille Plateaux, Ash International, Sex Tags Mania, Craft, Sabotage and Nexsound.

Pomassl improvisiert unter der Verwendung von selbstgebauten analogen elektronischen Equipment. Dabei verbindet er unter der Zuhilfenahme von Patchkabeln Teile seines Körpers mit den elektronischen Geräten. Dadurch entstehen brachiale Noise-Sounds, die mit Dancefloor Rhythmen gekoppelt sind. Durch diese absurd-brachialen, dadaistischen Performances soll die künstliche Interaktion zwischen Sounderzeuger und elektronischer Soundmaschine auf satrische Weise überhöht werden. Desweiteren kreiert Pomassl Instrumentarien, um die Grenzen menschlicher akustischer Wahrnehmung zu untersuchen. Diese Werkzeuge verwendet er “to elaborate and process radcial moments”, wie zum Beispiel Black-Box Daten aus Flugzeugabstürzen.

Nicht nur für solche absurd-brachialen, dadaistischen Performances bekannt, die die künstliche Interaktion zwischen Sounderzeuger und elektronischer Soundmaschine zeigen sollen (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Pomassl)


HIRNTRUST GRIND MEDIA

Hirntrust Grind Media wurde von Wolfgang Ofner initiiert und versorgt seit einigen Jahren eine eingeschworene Gemeinschaft mit allerlei Perlen aus dem digitalen Grind & Noisecore. MIttlerweile werden alle Veröffentlichungen nur mehr auf Vinyl im 5 und 7”-Format gepresst.

Bei einer Großzahl der Veröffentlichungen wird unter Einsatz von digitalen Loops, Doublebass, Blastbeatattacken und brachialem Gesang eine Noisewand konstruiert und oft im gleichem Atemzug wieder dekonstruiert. Bands und Projekte wie 1Bomb1Target, Total Fucking Destruction oder Zombieflesheater zählen zu den bekannteren Erscheinungen der letzten Jahre.

Hier ist Wolfgang Ofners Selbstverortung zu lesen:
Independent 1-man record label for hard experimental noise, breaks, grind & core.
Currently operating from Linz/Austria/EU.
Brutal diseased noise, brain synapses on fire, harsh chainsaw jungle/dub soundwrecks, violent cut-up broken beat/grind/rave and overdriven death polka collapse. Every kind of horrible noise and distorted/tortured/spastic muzik is possible!

Hörbeispiele


KLANGGALERIE

Das Label Klanggalerie wurde 1995 von Walter Robotka gegründet. Der bis dato äusserst umfangreiche Labelkatalog ist geprägt von internationalen Künstlern von Industrial bis Elektronik. Legenden wie die amerikanischen Post-Industrial Musiker Psychic TV haben bereits bei der Klanggalerie veröffentlicht, genauso wie die Londoner Nocturnal Emissions oder Nurse With Wound. Alle mitsamt zentrale Protagonisten der Industrial und Noise-Avantgarde Ära der 80er und 90er Jahre.

Aber auch Musiker österreichischer Provenienz wie Fetish 69, Wipeout, Das Fax Mattinger oder die Black Metal Band Cadaverous Condition konnte Wolfgang Robotka als Künstler für sich gewinnen.

mica Labelporträt
Interview mit Walter Robotka Gothic.at

INTERSTELLAR RECORDS & DILEMMA RECORDS

Das Label Interstellar Records wurde 2001 von Richie Herbst, Aina Niemetz und Markus Merzinger in Linz gegründet. Bereits die erste Veröffentlichung, die Kompilation „Ad Nauseam“, gab die zukünftige programmatische Ausrichtung von Interstellar Records vor. Bands wie Bulbul, Valina, Bug, Turn Out oder Kobayashi, allesamt angesiedelt zwischen den Polen Noise, Hardcore und Experiment und auf der Kompilation vertreten, sollten fortan den Ton angeben. „Wir machen was uns gefällt und nicht um zu gefallen“, so die Philosophie der drei Betreiber, an der sich bis heute nicht viel verändert hat. Immer noch wird lauten Gitarren und aberwitzigen avantgardistischen Soundexperimenten gegenüber glattproduziertem Indierock/pop-Entwürfen  den Vorzug, was die Veröffentlichungen von Bands und Künstlern wie Nitro Mahalia, BulbulTumido und Tumido alleine, Metalycee, The Striggles, Reflector oder dem Viergespann Pulido/Fennesz/Siewert/Stangl auch unterstreichen.

2007 wurde von Richie Herbst ein weiteres Label gegründet, auf dem er sein Faible für experimentelle und dronige Musik auslebt. Bei Dilemma Records erschienen in den letzten Jahren Veröffentlichungen von Künstlern wie Kevin Drumm, Kam Hassah, M. Decker, Eva Aguila, Antoine Chessex, Valerio Tricoli und Metalycee.

Links:
mica-Interview mit Aina Niemetz, Richie Herbst und Markus Merzinger
mica Labelporträt

Peter Balon