Bild Neuschnee
Neuschnee (c) Elodie Grethen

NEUSCHNEE – „Okay”

Seit 2008 gibt es NEUSCHNEE. Wobei damit nicht die Eiszeit gemeint ist, sondern eine sehr feine Band, die viel zu sagen hat. Ihr neues Album „Okay“ (Problembär Records) ist ihr dritter Langspieler und hat einiges zu bieten. 

Es beginnt schon mal mit einem Knall. Beziehungsweise mit der dunklen, fast mechanischen Stimme von Sänger Hans Wagner. Am Opener „Der Zeitgeist macht Buh“ philosophiert er über die heutige Gesellschaft, ihre vielen Fehler und Widersprüchlichkeiten. Wahrscheinlich trägt er auch deshalb im Video einen gelben Anzug, der irgendwie nach Atomkraftwerkarbeiter aussieht, aber mit Bananen behängt ist. Er beißt dann auch in eine Banane, die vorher in viel Klarsichtfolie eingehüllt wurde. „So konsumieren wir im Westen“, scheint Wagner zu denken, als er sich über all die Zitronen freut, die ihn umgeben.

Das Video birgt noch weitere kulinarische Momente. Zum Beispiel die Szene mit dem Würstel. „Wer ist die Made, wem gehört der Speck?“, fragt Wagner und tunkt den Frankfurter in Senf mit Blattgold. Der Humor ist zu spüren und doch ist es Neuschnee ernst, wenn sie die letzten Takte des Liedes mit der Zeile „Es ist nie zu spät für ein bisschen mehr Solidarität“ beenden. In „Der Zeitgeist macht Buh“ trifft Hamburger Schule à la Tocotronic auf Elektropop à la Bilderbuch.

Ein Album mit zwei Gesichtern 

Albumcover Okay
Albumcover “Okay”

Es ist eine spannende Kombi, die sich aber nicht durch das ganze Album zieht. Die darauffolgenden Songs sind eine Mischung aus jazzy Atmosphäre und klassisch instrumentalisierten Singer-Songwriter-Balladen. So nimmt die Band das Tempo aus ihrer mit 30 Minuten sehr kurzen Platte raus. Verträumt und sehr lässig präsentiert sich der Song „Stadtstrandkind“, der das Potenzial zur Indie-Sommerhymne hat. Schön ist, dass die Musik trotzdem nicht in eine Art Mainstream-Malen-nach-Zahlen-Sommerhit abdriftet. Der Song hat unendlich viel Power und punktet mit seinen toll eingesetzten Streichern.

Die Zwischentöne sind hier schon fulminant, aber bei „Umami“ geht es dann so richtig ab. Hier beweisen Neuschnee wieder ihren gesellschaftskritischen Humor, indem sie explizite sexuelle Anspielungen gekonnt durch Lebensmittel-Metaphern maskieren. Schon allein das im Refrain besungene „Umami“ klingt wie der Stöhn-Gesang in lateinamerikanischen Rap-Tracks. Besonders lustig wird das Erlebnis „Umami“, wenn man sich das Video dazu ansieht, in dem es nur so von Phallussymbolen wimmelt.

Ausklingen darf „Okay“ mit zwei langsamen, nachdenklichen Songs, wobei „Lass uns leben“ der perfekte Endtrack ist. Noch einmal dürfen die Streicher in den Vordergrund treten und sich feiern lassen. Noch einmal ist Platz für die Selbstbekräftigung, denn selbst wenn die Gesellschaft mit Problemen zu kämpfen hat, darf man dabei das eigene Leben nicht aus den Augen lassen.

„Okay“ ist ein Album mit zwei Gesichtern: Einerseits haben wir die modernen Elektropop-Songs und andererseits eine Vielzahl an Pop-Klassik-Liedern. Es ist für Fans beider Richtungen etwas dabei, wobei die Elektro-HörerInnen ein bisschen weniger vom Album haben werden. Trotzdem lohnt es sich, auch bei den langsameren Songs dabeizubleiben und auf die Lyrics zu hören, denn die sind wirklich des Lauschens wert.

Anne-Marie Darok

Neuschnee live
31.01.WUK, Wien (Albumpräsentation)
09.03.Jazzit, Salzburg
26.04.Orpheum, Graz

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