Neues von Meisterhand – Zur Uraufführung von Erich Urbanners Violakonzert

Mit einiger Spannung harrt man jedes neuen Werks von Erich Urbanner. Da der Komponist keineswegs zu den inflationsverdächtigen Vielschreibern zählt und man gelegentlich sogar einige Jahre warten muss, ehe wieder ein großes Opus aus der Taufe gehoben wird, ist es nicht nur für seinen engeren Kreis – Kollegen, Freunde, Schüler und Familie –, sondern für alle heimischen Freunde zeitgenössischer Musik jedes Mal ein Ereignis, wenn dann doch wieder eine „Urbanner-Uraufführung“ auf dem Kalender steht.

Solches geschieht nun am kommenden Dienstag, dem 11. Mai, wenn das Ensemble Reconsil Wien im Wiener Arnold Schönberg Center erstmals das bei Erich Urbanner in Auftrag gegebene Konzert für Viola und 13 Spieler (2010) präsentieren wird. Gewidmet ist das Werk der Solistin Julia Purgina, die auch Urbanners Kompositionsschülerin war und dadurch sicherlich eine besonders vielschichtige Identifikation mit diesem Opus aufzuweisen vermag. Der Komponist setzt mit dem Bratschenkonzert seine lange Reihe an Instrumentalkonzerten fort, die u. a. bereits vier Werke für das Klavier sowie jeweils eines für Violine, Violoncello, Kontrabass und Saxophon enthält. Urbanner geht es dabei immer um den historischen Begriff des „concertare“ und seine Umsetzung im Gegen- und Miteinander von Individuum und Kollektiv. – Urbanner: „Gerade bei Kammermusik und bei Ensemblebesetzungen, wo Reichtum an Farben und Nuancen ständig zugenommen haben, das technische Repertoire der Musiker ein sehr hohes Niveau erreicht hat, steht man vor einer Situation, die weniger merkwürdig ist als zunächst vermutet, dass von Konzertstücken ebenso eine Faszination, die abgesehen vom Solisten auch von Instrumentalisten allgemein und ihrem Spiel, ja nicht zuletzt vom Instrument selber ausgehen kann. […] Im vorliegenden Werk werden dem Soloinstrument drei Formationen einschlägiger kammermusikalischer Besetzungen gegenübergestellt: ein Bläserquintett und ein Streichquintett. Das dazu verwendete Klavier trägt zur Belebung des Geschehens bei durch harmonische Unterstützung, Schärfung von Akzenten sowie Mitgestaltung von Steigerungen. Die vorhin angeführten drei Gruppen stellen sich dem Wettstreit in der Rolle des Kontrahenten, der Annäherung zur Partnerschaft bis hin zum gemeinsamen Musizieren. Die acht Satzteile dieses Konzerts sind durch reichhaltige Formen geprägt, durch eine Vielfalt von Dialogen, ein Netz von instrumentalen Beziehungen bis hin zur Bündelung mehrfacher Schichten, wechselnd in Dichte und Kontinuität, ein flexibles Gewebe von ebenso durchsichtiger Zartheit wie auch dynamischer Komplexität.“

Der Rahmen dieser Uraufführung verspricht demgegenüber nicht minder reizvolle Begegnungen. Gleich drei weitere Weltpremieren sind da programmiert und gemäß den Richtlinien der gastgebenden Spielstätte wird natürlich auch die 2. Wiener Schule vertreten sein: Neben den von Kaori Nishii interpretierten Fünf Klavierstücken op. 23 von Arnold Schönberg sind es diesmal Alban Bergs Vier Stücke op. 5, die von Thomas Heinisch eigens für diesen Abend von ihrer ursprünglichen Fassung für Klarinette und Klavier in eine Version für Klarinette und Ensemble gesetzt wurden.

Die neuen Werke stammen von Roland Freisitzer, Hauke Jasper Berheide und Alexander Wagendristel. Von Resconsil-Leiter Roland Freisitzer wird die virtuos-spielerische Scene 2 – Music for basset clarinet and bass clarinet (2011) zu hören sein. Ursprünglich als Duo mit Ensemble konzipiert, entwickelte sich laut Aussage des Komponisten während der Arbeit ein solcher Prozess der instrumentalen Reduktion, dass schließlich das unbegleitete Duo daraus erwuchs. Zur schöpferischen Inspiration trugen nicht zuletzt auch die ausführenden Widmungsträger Staffan Mårtensson und Thomas Schön bei.

Reconsil-(Gründungs)Mitglied Alexander Wagendristel hat PRAYERS TO NO ONE für Bassettklarinette und Ensemble (2011) komponiert, ein Stück in dem er sich mit Fragen zum aktuellen Umgang mit Spiritualität und Religiosität auseinandersetzt: „In unserer Zeit, da eine überwiegende Mehrheit zumindest in der westlichen Welt nichts mehr mit institutionalisierter Religion anfangen kann, wird das Bedürfnis nach dem Transzendenten zunehmend von bauernfängerischer Esoterik gestillt. Was kann aber jemand tun, der mit den grob vereinfachenden Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens auch nicht mehr zu befriedigen ist und trotzdem diesen Hang zur Spiritualität besitzt? – So kann man vielleicht das Phänomen erklären, dass sehr viele Atheisten und Agnostiker sich zu geistlicher oder allgemein religiöser Musik (etwa Bachs Matthäuspassion oder Mozarts Requiem) besonders hingezogen fühlen. In meinem Stück, das natürlich weder klingende Philosophie noch Programmmusik sein möchte, wechseln musikalische Charaktere, die man vielleicht mit kultischer oder geistlicher Musik in Verbindung bringen könnte, mit bewusst profanen bzw. sogar die ‚spirituellen’ Teile ‚aushebelnden’ Charakteren ab.“ (Alexander Wagendristel)

Und schließlich noch eine weitere Novität: Für viele heimische Zuhörer eine Erstbegegnung mit dem Schaffen des Komponisten Hauke Jasper Berheide wird es sicherlich bei der Uraufführung von Mein kieferndes Wacholdergrab. Szenen für Koloratursopran und Kammerensemble nach Texten von Oswald Egger (2011) geben. In seinem Heimatland vielerorts als ein Shooting Star der jüngeren Szene bejubelt, hat der dreißigjährige Deutsche ein durch dreiteilige Struktur (langsam – schnell – langsam) formal klar umrissenes Werk geschaffen, das die Sopranistin Avelyn Francis gestalten wird.
(Christian Heindl)


Mittwoch, 11. Mai 2011, 19:30

Arnold Schönberg Center – Palais Fanto
3, Schwarzenbergplatz 6 (Eingang Zaunergasse 1-3)

Ensemble Reconsil Wien
Roland Freisitzer, Dirigent
Avelyn Francis, Koloratursopran
Kaori Nishii, Klavier
Julia Purgina, Viola
Staffan Mårtensson, Bassettklarinette
Thomas Schön, Klarinette, Bassklarinette

PROGRAMM:
Alban Berg: 4 Stücke op.5, Version für Klarinette und Ensemble von Thomas Heinisch (2011, UA)
Roland Freisitzer: Scene 2 – Music for basset clarinet and bass clarinet (2011, UA)
Alexander Wagendristel: PRAYERS TO NO ONE für Bassettklarinette und Ensemble (2011, UA)
Hauke Jasper Berheide: Mein kieferndes Wacholdergrab. Szenen für Koloratursopran und Kammerensemble, nach Texten von Oswald Egger (2011, UA)
Arnold Schönberg: Fünf Klavierstücke op.23
Erich Urbanner: Konzert für Viola und 13 Spieler (2010, UA)

http://www.reconsil.com/
http://www.schoenberg.at/