Pallas Athene weint Sujetcollage
Pallas Athene weint Sujetcollage (c) Neue Oper Wien

NEUE OPER WIEN – die Saison 2016/17

Die NEUE OPER WIEN präsentierte ihr Programm für die Saison 2016/17. Wie deutlich historische Werke ihre anhaltende Aktualität unter Beweis stellen können, zeigen die einfach herzustellenden tagespolitischen Bezüge sowohl bei der Uraufführung der Bühnenfassung von OTTO M. ZYKANS „Staatsoperette“ als auch bei der nur selten zu erlebenden KRENEK-Oper „Pallas Athene weint“ und bei der Uraufführung von „Le Malentendu“ mit Musik des argentinischen Komponisten FABIAN PANISELLO.

Persiflierendes politisches Puppenspiel

Als handfester Fernsehskandal ging die „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan in die Geschichte des ORF ein, war doch die satirische Darstellung von Dollfuß, Seipel und anderen politischen Akteuren 1977 ein herber Schlag ins Gesicht einer Gesellschaft, die sich dadurch mit noch nicht aufgearbeiteten Kapiteln der österreichischen Vergangenheit konfrontiert sah. Auch wenn so drastische Reaktionen heutzutage nicht mehr zu erwarten sind, zeigt die von Michael Mautner und Zykans Witwe Irene Suchy nun vorgelegte Bühnenfassung des Filmes dennoch ein äußerst hohes Maß an Beziehungen zu heutigen politischen Geschehnissen – so etwa verbildlicht die Darstellung der Kanzler als Marionetten, wie sehr diese auch heutzutage von Interessen unterschiedlichster Seiten gelenkt werden. Dass die dargestellten Figuren inzwischen nicht mehr am Leben sind, ermöglicht es außerdem, sie – im Gegensatz zum Film – bei ihrem tatsächlichen Namen zu nennen.

Musikalisch greift die Bearbeitung einerseits auf die für den Film verwendete Musik zurück. Sie bedient sich aber andererseits auch des Materials, das im Streifen keine Anwendung mehr fand und das Zykan deshalb in andere Werke einfließen ließ. Nun wird es also wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgeführt.

Historisches wird aktuell

Mit der Beschneidung der Demokratie trägt auch Ernst Kreneks „Pallas Athene weint“ äußerst aktuelle Züge. Parallelen zur Entstehungszeit in den 1950er-Jahren in den USA ließen sich hier etwa in den Einschränkungen der Persönlichkeitsreichte durch die Überwachung unter dem Vorwand der Erhöhung der Sicherheit und der Terrorbekämpfung ganz einfach finden, führte der Regisseur Christoph Zauner im Rahmen der Pressekonferenz aus. Dass das Werk aber trotz der Aktualität und der handwerklichen Präzision nur so selten zur Aufführung gelangt, führte Antje Müller, die Leiterin des Ernst Krenek Instituts, darauf zurück, dass sich der Komponist in den Augen der Avantgarde zu konservativer Mittel bediente. Den konservativen Kräften hingegen sei die verwendete Reihentechnik trotz ihrer Freiheiten, der Textverständlichkeit und der subtilen Instrumentation zu modern gewesen.

Bezüge zu bestimmten Geschehnissen der letzten Monate erhält die Inszenierung zusätzlich zu ihrer thematischen Gewichtung durch Flüchtlinge, die als Statistinnen und Statisten auftreten – und vielleicht ist selbst das schon wieder ein Seitenhieb darauf, dass unzählige Menschen in Not mit den Versäumnissen fertig werden müssen, die von politischen Marionetten verursacht wurden. In Kooperation mit dem Georg Danzer Haus und dem Verein Alpine Peace Crossing möchte die Neue Oper Wien auf diese Weise einen ebenso respektvollen wie nachhaltigen Beitrag zur Integration in Gang setzen.

National und international gegen Nationalismus

Dass die Flüchtlinge nicht nur derzeit, sondern auch in ferner Zukunft – ob in ihrer alten oder in ihrer neuen Heimat – die Folgen am eigenen Leib zu spüren bekommen, dieser Link könnte die Brücke von Krenek zum neuen Werk von Fabian Panisello darstellen. An die Rückkehr des Odysseus erinnert das Libretto nach Albert Camus „Le Malentendu“, in dem ein Mann nach 20-jähriger Abwesenheit die Untaten seiner Mutter und seiner Schwester erkennen muss, denen er seine wahre Identität vorerst verschweigt. Seine Uraufführung erfährt das jüngste Werk der heurigen Saison nicht in Wien, wo der Komponist einen Teil seines Studiums absolvierte, sondern im April 2016 in Panisellos argentinischer Heimat. Im Februar 2017 reist die Produktion dann nach Wien, bevor sie im September 2017 nach Madrid wandert. Auch darüber hinaus zeigt sich das Programm der Neuen Oper Wien heuer international, denn mit der „Nase“ von Dmitri Schostakowitsch gibt die freie Operngruppe ein Gastspiel am Teatro Sociale in Trient.

Die Neue Oper Wien setzt sich als Vermittlerin zwischen den Nationen ein; verankert ist inzwischen aber auch die Vermittlungsarbeit für Jugendliche. Im Rahmen des Projekts jungen oper wien erleben Schulklassen über einen längeren Zeitraum die diversen Schritte einer Opernproduktion hautnah und reagieren selbst künstlerisch auf die Auseinandersetzung mit einem Werk der Saison. Und auch hier stehen heuer anhand von Schostakowitschs „Nase“ das Kennenlernen von SchülerInnen und Flüchtlingen und der respektvolle Umgang – in Kombination mit der künstlerischen Arbeit – im Zentrum.

Neue Oper Wien in Serie

Erstmals ist es in der neuen Saison möglich, Karten für die drei Produktionen im Theater Akzent („Staatsoperette“), in der Halle E im MuseumsQuartier („Pallas Athene weint“) und im Semper-Depot („Le Malentendu“) als Abonnement zusammenzustellen. Und wer sich die Neue Oper Wien nach Hause holen möchte, hat die Möglichkeit, „Biedermann und die Brandstifter“ von Šimon Voseček als ORF-CD zu erstehen.

Doris Weberberger

Link:
Neue Oper Wien