Neue Musik im Sommer – Festivals

In puncto Neuer Musik haben die großen Festspiele des Landes heuer so manches zu bieten: Auf mehreren Schienen läuft etwa das Programm des Carinthische Sommers. Nicht fehlen darf dabei traditionellerweise eine Kirchenoper, die für die heurige Ausgabe des Festivals beim Kärntner Komponisten Bruno Strobl in Auftrag gegeben wurde. Sein Komponieren ist geprägt von Wellen, die Wiederkehrendes bringen und sich dabei doch nicht wiederholen – wie sich auch die alttestamentarische Geschichte von Sara im Libretto von Peter Deibler in den vergangenen und gegenwärtigen Paarbeziehungen in veränderter Form wiederfindet. Kompositorische Struktur dafür bezieht Strobl aus den Intervallen von Teiltonreihen, die beim Erklingen eines Tones mitschwingen, und webt aus diesen dichte Gebilde.

Umrahmt von Werken Mozarts und Brahmsʼ gelangt zudem ein Werk des langjährigen Intendanten Thomas Daniel Schlee zur österreichischen Erstaufführung. Neben klassischen Ausprägungen bietet das Festival, dessen Spielstätten am Ufer des Ossiacher Sees liegen, auch die Gelegenheit, in jazzige Klänge einzutauchen. Lukas Kranzlbinger, junge Hoffnung der heimischen Szene, zeichnet für Konzept und Komposition von „Muchogusto“ verantwortlich und bringt die „opera tragi-erotico“ mit ebenfalls jungen Kollegen wie Tobias Hoffmann, Clemens Wenger und anderen zur Uraufführung. Kontinente übergreifend gestaltet sich der Auftritt des MIAGI Youth Orchestra, das sich aus jungen südafrikanischen Talenten zusammensetzt und unter der Leitung von Christian Muthspiel seine in Österreich erstmals zu hörende Symphonische Dichtung „Out of South Africa“ spielt – eine besondere Melange aus Klassik, afrikanischen Klängen und Jazz darf man sich davon versprechen. Nicht nur dieses Projekt erbringt den Beweis, dass der Carinthische Sommer über die Grenzen des Landes und der Genres hinausblickt. Im Rahmen der Reihe cs_alternativ bringt die Brassband Federspiel fetzige Volksmusikanklänge in neuer Ausprägung zu Gehör. Und auch die jüngsten Gäste kommen beim Kärntner Festival auf ihre Rechnung, denn bereits 1982, als Veranstaltungen für junge HörerInnen noch eine Rarität darstellten, startete der Carinthische Sommer seine erste Veranstaltung für Kinder, die nun in der ausgeweiteten Form der KinderMusikTage ihre alljährliche Wiederkehr findet. Aus Anlass des 30. Jubiläums wurde ein Werk in Auftrag gegeben, zu dessen abenteuerlicher Handlung rund um die Reise zu einem benachbarten Stern mit streitbaren Bewohnern Stephan Kühne die Musik beisteuert. Doch sind Kinder nicht nur als Publikum gefragt, denn als Teilnehmende des eineinhalbwöchigen Workshops treten sie selbst in Aktion und auf die Bühne.

Auch am westlichsten See des Landes lassen sich im August neue Klänge vernehmen, wenn in der Reihe Kunst aus der Zeit der Bregenzer Festspiele das famose Klarinettenduo StumpLinshalm Werke des in Wien lebenden Italieners Pierluigi Billone zum Besten gibt. Bereits zu einem Klassiker der zeitgenössischen Musik ist „Frankenstein!! Pandämonium für Chansonnier und Orchester“ von H. K. Gruber Ebenso zu hören sein wird das ensemble Lux mit Werken von Luigi Nono und Georg Friedrich Haas. Beim 3. Streichquartett des Letzteren dürfen sich die MusikerInnen nicht aus den Ohren verlieren, denn sehen können sie einander bei der Aufführung in vollkommener Dunkelheit nicht – ein Clou, der die ohnehin bereits eindrücklichen Klanggebilde zu einem noch intensiveren Hörerlebnis werden lässt. Mit seinen spektralen Klängen darf der gebürtige Vorarlberger bei kaum einem einschlägigen Festival im In- wie auch im Ausland mehr fehlen, und so haben die Salzburger Festspiele ein Werk bei ihm in Auftrag gegeben, das vom Mozarteumorchester Salzburg unter Michael Gielen aus der Taufe gehoben wird. Auch Johannes Maria Staud bat man um ein Werk – wie es klingen wird, vermag heute noch nicht gesagt werden, denn stets begibt sich der Komponist bei seiner Arbeit auf die Suche nach neuen Wegen; vielleicht bezieht er sich in direkter oder indirekter Weise auch auf die anschließend gespielte Messe W. A. Mozarts c-Moll KV 427, denn es wäre nicht das erste Mal, dass er sich Anregungen bei bestehenden Kompositionen holt, um daraus etwas ganz Eigenes zu gestalten oder um davon ausgehend unerwartete Wendungen herbeizuführen. Bei dem prestigeträchtigen Festival in der Mozart-Stadt kommt auch Friedrich Cerha zu Ehren, wenn das österreichische ensemble für neue musik (oenm) unter Johannes Kalitzke gemeinsam mit Horst Maria Merz seine 1. Keintate in typisch wienerischem Ton mit dazugehöriger Melancholie und schwarzem Humor anstimmt.

Damit scheint der Bann zwischen sogenannter Ernster Musik und neuen Formen der Volksmusik nicht nur bei den Salzburger Festspielen und beim Carinthischen Sommer gebrochen zu sein, denn auch die Tiroler Festspiele Erl mit ihrem Schwerpunkt auf der Rezeption von Wagner-Opern nehmen sich diesen oftmals sehr spannenden Ausprägungen an. Mit Franui und Quadart:sch sind zwei Formationen zu Gast, die sich ohne Kitsch und Verklärung auf ländliche Musiktraditionen beziehen und – immer öfter auch in den Städten des Landes – zu neuem Leben erwecken. Alles in Allem also ein Festivalsommer, der sowohl mit den bekannten Größen des Musiklebens aufwartet und gleichzeitig auch das Tor zu neuen Spielformen der Volksmusik öffnet.

Schon in einigen Programmen war heuer das hierzulande bisland wenig bekannte musikalische Schaffen in Korea zu erkunden – bei den Klangspuren im Tiroler Schwaz wird man sich ebenfalls intensiv damit beschäftigen können, und das etwa in Verbindung von Werken Unsuk Chins mit jenen hiesiger Komponisten wie Georg Friedrich Haas, Johannes Maria Staud, Beat Furrer, Bernhard Lang, Olga Neuwirth – die Liste ließe sich noch um einige ebenso bekannte wie auch interessante Namen ergänzen. Auch in direkten Ausstauch treten MusikerInnen der zumindest geographisch weit entfernten Länder, wenn Barbara Romen, Wu Wei und Gunter Schneider mit Extension/Intension eine nächtliche Fantasie zaubern. Filme geben weitere Einblicke in Kultur und Lebensweise des südostasiatischen Landes.

Für Abwechslung ist also gesorgt. Und im Herbst darf man sich dann schon auf die nächsten Festivals freuen, denn mit dem musikprotokoll im steirischen herbst und mit Wien Modern warten spannende Programme, die sich ausschließlich der Neuen Musik widmen. Aber dazu später. (dw)

Foto Stift Ossiach: Markus Siber