"Neue Musik – heute?" Symposium, Bericht vom 26.10.2012

Am letzten Tag fragte das Symposium zur aktuellen Situation der Neuen Musik nach dem Erfolg zeitgenössischen Musikschaffens und dessen Rezeption abseits des traditionellen Konzertbetriebs. Gewohnt pointiert hielt Johannes Kreidler in seinem Eröffnungsreferat eine euphorische Lobrede auf das Internet, das nahezu die gesamte Musikproduktion aus Vergangenheit und Gegenwart universell verfügbar mache. Die Live-Aufführung historischer Musik sei dank ausgezeichneter Reproduktionsverfahren obsolet geworden. Auch hätten Online-Plattformen wie YouTube zur Folge, dass selbst die sperrigste Kunst im Laufe der Zeit ein Millionenpublikum erreiche. Um das Urheberrecht der faktischen Möglichkeit unbegrenzter Reproduktion anzupassen, schlug Kreidler vor, die Entlohnung von Musikschaffenden nicht mehr an der Anzahl der Kopien, sondern an der aufgewendeten Arbeit zu bemessen.

Aus der vergleichsweise traditionellen Perspektive eines Musikverlages beleuchtete in der Folge Marie-Luise Maintz, Projektleiterin für zeitgenössische Musik beim Bärenreiter Verlag, Fragen der Vervielfältigung von Musikwerken. Den Verlag beschrieb sie als geschützten Raum, der in einem gewissen Rahmen künstlerische Freiheit ermögliche. Den VerlegerInnen stelle sich Neue Musik kurzfristig als Verlustgeschäft dar, werde aber als Investition in die Zukunft gesehen, wobei häufig der ideelle Erfolg im Vordergrund stehe. Mit ihrer Definition dessen, was im Bereich zeitgenössischer Musik „Erfolg“ bedeuten könnte, gab sich Maintz minimalistisch: Neue Musik sei dann erfolgreich, wenn sie stattfinde.

Eine andere Art von Erfolg skizzierte Peter Tschmuk, der die Ursprünge kommerzieller elektronischer Musik in der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts verortete. Als die PionierInnen der Nachkriegszeit mit elektronischer Klangerzeugung experimentierten, so der Professor für Kulturbetriebslehre, seien sie auf teure Geräte und damit auf die finanzielle Unterstützung durch Universitäten oder öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten angewiesen gewesen. Als in den 1970er-Jahren Musikströmungen wie Psychedelic, Disco oder Synthie-Pop erstmals Instrumente und Techniken der elektronischen Avantgarde aufgegriffen hätten, seien jene Investitionen indirekt auch der populären Musik zugute gekommen. Mit dem Aufkommen rein elektronischer Stile wie Techno und House seit den 1980ern habe sich auch das Bild der Musikschaffenden nachhaltig gewandelt, die Unterscheidung zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen sei im Phänomen des „Prosumers“ aufgehoben worden. Diese Revolution in der Popularmusik lasse sich auch als später Erfolg der elektronischen Experimente in der Neuen Musik verstehen.

Ein Round Table versuchte sich abschließend noch einmal an einer Klärung des Erfolgsbegriffs im Bereich zeitgenössischer Musik. Lothar Knessl, der maßgeblich an der Gründung von Wien Modern beteiligt gewesen war, machte den Erfolg Neuer Musik etwa an dem Umstand fest, dass ein Uraufführungsfestival wie die Donaueschinger Musiktage ausverkauft sei. Markus Hinterhäuser, von 2006 bis 2011 für das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele verantwortlich, verwehrte sich gegen die Vorstellung, bei Neuer Musik handle es sich um ein Randphänomen. Zeitgenössische Musik müsse den Anspruch erheben, im Mittelpunkt der kulturellen Aufmerksamkeit zu stehen. Eine Einrichtung wie die Salzburger Festspiele böte die Möglichkeit, finanzielle Mittel von prestigeträchtigen Veranstaltungen in den Bereich der Neuen Musik umzuleiten. Renald Deppe warf daraufhin die Frage auf, ob Erfolg an der Repräsentation in etablierten Institutionen des Kulturbetriebs festzumachen sei. Drei persönliche Erfolgskriterien formulierte Johannes Kreidler: das Umsetzen musikalischer Vorstellungen, das Sicherstellen des eigenen Lebensunterhalts und die Möglichkeit, dem Publikum etwas vermitteln zu können. Wolfgang Seierl bezeichnete in seinem Schlusswort die Frage der finanziellen Vergütung als besonders brennendes Problem.
 

Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien

 

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