"Neue Musik – heute?" Symposium, Bericht vom 25.10.2012

Am Tag drei des Symposiums „Neue Musik – heute?“, ausgerichtet von mica – music austria in Kooperation mit Wien Modern und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, wurden an einem Round Table zunächst unterschiedliche Arten des Sprechens über zeitgenössische Musik thematisiert. In seinem Impulsreferat stellte Reinhard Kapp die Frage in den Raum, ob die Rede über Musik den Anschluss an kulturelle Diskurse der Gegenwart verloren habe. Eleonore Büning, Musikredakteurin der FAZ, wies auf den Umstand hin, dass die ersten MusikkritikerInnen der Geschichte selbst KomponistInnen gewesen seien. Seit sich der Musikjournalismus als eigenes Berufsprofil herausgebildet hätte, befinde sich die Kritik der Neuen Musik in einer Krise. Einen Paradigmenwechsel im Diskurs über zeitgenössisches Komponieren machte die Musikwissenschaftlerin Dörte Schmidt daran fest, dass das SpezialistInnentum in Journalismus und Wissenschaft zunehmend von einer Ausweitung der Betätigungsfelder abgelöst werde.

Waren sich der Komponist und Theoretiker Jörg Mainka und die Musikproduzentin Anna Schauberger darüber einig, dass der private Austausch mit FachkollegInnen reibungslos funktioniere, so verwies Mainka andererseits auf den problematischen Charakter der öffentlichen Diskurse über Neue Musik. Schließlich handle es sich bei den ProgatonistInnen zeitgenössischer Musik um einen geschlossenen Zirkel, dessen Untergruppen (Komponierende, Veranstalter, Publikum etc.) jedoch unterschiedliche Interessen vertreten würden. Der Komponist schloss sich dem Befund von Johannes Kreidler an, wonach sich Streit meist an der Verteilung finanzieller Mittel entzünde. Bezüglich der Frage, wie Komponierende selbst über ihr Werk sprechen, konstatierte Mainka eine Verschiebung gegenüber der vorangegangenen Generation. Während bei dieser die Rechtfertigung kompositorischer Entscheidungen gewöhnlich mit grundlegenden theoretischen Überzeugungen einhergegangen seien, würden sich Begründungen jüngerer KomponistInnen meist auf Detailfragen beschränken. Daraus ergab sich die Feststellung, dass es keine unverrückbaren Kategorien mehr gebe, auf die sich eine ästhetische Bewertung aktueller Kompositionen stützen könne.

Auf welchen Kriterien basiert also die Beurteilung seitens der Zuhörenden? Der Violinistin Barbara Lüneburg zufolge fußt diese nicht nur auf der Qualität des betreffenden Werkes, sondern auch auf der Programmzusammenstellung und dem Charisma der Interpretin. Während Lüneburg den Unterschied zwischen Fachpublikum und durchschnittlichem E-Musik-Publikum zur Sprache brachte, beharrte Büning auf der Existenz einer Art „Schwarmintelligenz“, die jedes beliebige Publikum die Qualität einer Komposition erkennen lasse. In diesem Zusammenhang verwies Schmidt auf eine Studie, welche die größere Beeinflussbarkeit von ExpertInnen gegenüber einem Laienpublikum belegte.

Gibt es einen Underground?

Am Nachmittag verschob sich die Diskussion von der „ernsten“ Musik auf das aktuelle Musikschaffen in seiner Gesamtheit, als die DiskussionsteilnehmerInnen am Round Table dem Begriff des „Underground“ nachspürten. Wie lässt sich dieser definieren? Der Musiker Renald Deppe sprach von einem Raum jenseits der Hochglanzkultur, in dem auch Scheitern möglich sein müsse. Noch prägnanter charakterisierte der Avantgarde-Pop-Musiker und vielseitig aktive Künstler Bill Drummond den Underground, den er als Bewegung ohne Aussicht bzw. Anspruch auf Anerkennung durch Institutionen oder eine breitere Öffentlichkeit beschrieb. Underground-Kunst müsse gänzlich ohne Subventionen auskommen, da sie sonst zu staatlicher Propaganda werde. Eine Gegenposition dazu vertrat Uschi Katzer, die als erste Frau Österreichs Leadsängerin einer Punkband gewesen war: Wenn die gesamte Energie in den Überlebenskampf fließe, verliere auch der Underground seine Existenzgrundlage. Ebenso verwehrte sich Barbara Lüneburg gegen das romantisierende Bild der verarmten, aber innerlich befriedigten Künstlerin, die gerade unter der Bedingung materieller Not kompromisslose Werke schaffe. Stattdessen solle die Gesellschaft die wirtschaftliche Leistung von KünstlerInnen anerkennen.

Ist der Underground also Not oder Tugend, moralische Haltung oder erzwungene Erfolglosigkeit? Häufig Letzteres, so Curt Cuisine, Autor des Musikmagazins Skug: Ein Großteil der Musikschaffenden würde durchaus kommerziellen Erfolg anstreben, den meisten davon bleibe er aber verwehrt. Dennoch gilt der Kreative heute als Prototyp des flexiblen Leistungsträgers, wie Moderatorin Susanna Niedermayr unter Verweis auf das Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello feststellte. Kann in einer Zeit, in der die kapitalistische Ideologie ihre KritikerInnen längst absorbiert zu haben scheint, überhaupt noch von einem Underground die Rede sein? Ja, so der Musiker Stephan Wunderlich, der ein optimistisches Gegenbild zum Kulturschaffenden als Ich-AG entwarf: Er beobachte in der experimentellen Musik neue Formen der Zusammenarbeit, die jenseits des Konkurrenzdenkens überkommene Formen der Arbeitsteilung aufheben würden. Die Utopie lebt weiter: Kunst als Vorschein einer besseren Welt …

 
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien

 

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