"Neue Musik – heute?" Symposium, Bericht vom 24.10.2012

Wie lässt sich Neue Musik vermitteln? Gelingt es Schulen und Universitäten, mit aktuellen Entwicklungen im Musikschaffen mitzuhalten? Sind Vermittlungsangebote von Orchestern und Ensembles ernsthafte Bemühungen oder lediglich Ausdruck von Marketinginteressen? Um solche  und ähnliche Fragen ging es am zweiten Tag des Symposiums „Neue Musik – heute?“, veranstaltet vom mica im Rahmen des Festivals „Wien Modern“. Bereits das Eröffnungsreferat der Musikproduzentin und Sängerin Anna Schauberger brachte einen gewichtigen Unterschied zwischen „E-“ und „U-Musik“ zum Ausdruck: Während Erstere in den Bildungseinrichtungen fest verankert ist, erwerben MusikerInnen im Bereich der sogenannten Unterhaltungsmusik ihre Fertigkeiten zwangsläufig meist autodidaktisch. Die Erfahrungen der Musikerin im Kompositionsstudium ließen sich als Hinweis auf grundlegende Divergenzen in der Arbeitsweise von KomponisInnen im Bereich der E-Musik und ProduzentInnen im popmusikalischen Bereich verstehen.

Eher ernüchternd geriet auch die Diagnose von Hans Schneider in Bezug auf Vermittlungsangebote im Ensemblebereich. Bei der Analyse mehrer Musikvermittlungsprojekte im Raum Freiburg/Breisgau konstatierte der Musikpädagoge und -wissenschaftler das Fehlen von Vernetzung und Kontinuität. Einblicke in die praktischen Herausforderungen, die ein Neue-Musik-Ensemble in Vermittlungsfragen zu bewältigen hat, gab der Beitrag von Emilija Jovanović. Im Klangforum Wien für PR, Marketing und Musikvermittlung zuständig, bot die Kulturmanagerin einen Überblick über die Bemühungen des Ensembles, den Graben zwischen MusikerInnen und Publikum zu überwinden. Dieses Ziel verfolgte unter anderem eine Veranstaltung, die unter dem Namen „Symposion“ den Konsum von Wein mit jenem zeitgenössischer Musik verband. Da das Klangforum über keine eigene Vermittlungsabteilung verfügt, beruhen pädagogische Aktivitäten – wie etwa ein Schlagzeug-Workshop oder die Kooperation mit einer Schule im fünften Wiener Gemeindebezirk – auf der Initiative der Ensemblemitglieder. Diese geben ihr Wissen nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an MusikstudentInnen weiter: An der Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst hat das Klangforum als Kollektiv eine Professur für Aufführungspraxis zeitgenössischer Musik (PPCM – Performance Practice in Contemporary Music) inne.

Der Vortrag des Musikpädagogen, Musikwissenschaftlers und Pianisten Thorsten Wagner  ging von der Hypothese aus, dass gerade die akademisch verstandene Neue Musik besonders schwer mit dem Musikverständnis von Jugendlichen zu vereinbaren sei. Als Anknüpfungspunkt für das Vermitteln von zeitgenössischer Musik im Schulunterricht schlug er darum mediale Tools und Verfahrensweisen vor, die sowohl in musikalischen Jugendkulturen als auch in bestimmten Spielarten experimenteller Musik eine Rolle spielen. Im Grenzbereich zwischen „E“ und „U“ beheimatete Stilrichtungen wie Noise, avancierte Elektronik oder das junge Genre Clicks & Cuts arbeiten ebenso mit neuesten elektronischen Medien und der Einbeziehung von Umweltgeräuschen wie manche populäreren Musikformen (beispielsweise Ambient). So könne popkulturelle Elektronik einen Ausgangspunkt bieten, der die Beschäftigung mit komplexeren Formen von Musik ermögliche. Sehr praxisorientiert zeigte sich wiederum der Beitrag von Ludger Hofmann-Engl, der in London eine Reihe von Musikvermittlungsprojekten geleitet hatte. Mehr als das Ideal einer progressiven Ästhetik stand hier die Frage im Vordergrund, wie Kindern aus Familien jenseits der bildungsaffinen Mittel- und Oberschicht ein Zugang zu zeitgenössischer Musik ermöglicht werden könne. Hofmann-Engl zog aus seiner Erfahrung die Schlussfolgerung, dass Jugendliche durchaus für Neue Musik begeistert werden könnten, sofern diese die emotionale Dimension nicht vernachlässige.

Sollen Vermittlungsangebote, die sich an Kinder und Jugendliche richten, diese also bei ihrer eigenen Musikkultur „abholen“? Oder sollen SchülerInnen eher mit Klangereignissen konfrontiert werden, mit denen sie sonst nie in Berührung gekommen wären? Durchaus kontrovers wurden diese Fragen unter dem Motto „Pädagogische Projekte – Mission oder Alibi?“ beim abschließenden Podiumsgespräch diskutiert, an dem sich auch das Publikum rege beteiligte. Während Thorsten Wagner dafür plädierte, Jugendlichen einen Weg „in“ die Musik – egal welche – zu weisen, meinte Hans Schneider, das Ausgehen von der Alltagsmusik der SchülerInnen sei kein produktiver Ansatz. Moderator Wolfgang Seierl wies auf ein grundlegendes Dilemma der Neuen Musik hin: Einerseits in einer Verweigerungshaltung befangen, strebe sie andererseits doch nach breiterer Resonanz. Ist die Neue Musik also selbst schuld an ihren vermittlungstechnischen Schwierigkeiten? Dass auch diese Diagnose nicht unwidersprochen blieb, versteht sich von selbst. So brachte die Diskussion zwar keine Einigung, wohl aber produktive Ansätze für eine weitere Auseinandersetzung.
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien

 

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