"Neue Musik – heute?" Symposium, Bericht vom 23.10.2012

„Neue Musik“ – ein Begriff, der bereits Patina angesetzt hat. Und dennoch vermochten sich die damit bezeichneten Musikformen in den rund 100 Jahren ihres Bestehens (das Jahr 1912 sah unter anderem die Uraufführung von Schönbergs „Pierrot Lunaire“) nie so recht zu etablieren. Auch heute noch sind KomponistInnen mit fehlender Anerkennung sowie ungenügenden finanziellen und institutionellen Rahmenbedingungen konfrontiert. Diese Umstände waren Auslöser eines Symposiums, das von 23. bis 26. Oktober von mica – music austria in Kooperation mit Wien Modern und der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst ausgerichtet wird. Am ersten Tag wurde die Frage, was denn eigentlich „neu“ sei an der „Neuen Musik“, von den Vortragenden einmütig beantwortet: Es seien die Neuen Medien, insbesondere die technischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte, die einen gravierenden Wandel in der Musikproduktion und -rezeption zur Folge hätten. Der Akzent wurde von den Beteiligten indes etwas unterschiedlich gesetzt.

So begann Martha Brech mit einem historischen Überblick über die medientechnischen Umwälzungen, welche in den letzten Jahrzehnten das Musikschaffen tiefgreifend verändert hätten. Die Musikwissenschaftlerin führte aus, dass digitale Technologien zu Beginn der 1980er-Jahre nur einem kleinen Kreis von PionierInnen zugänglich gewesen seien, dass ab Mitte jenes Jahrzehnts jedoch zunehmend Technologien und Geräte für den Heimgebrauch entwickelt worden seien. Da die Aneignung der digitalen Technologie nach wie vor mit hohem intellektuellen und zeitlichen Einsatz verbunden gewesen sei, habe die kompositorische Auseinandersetzung vornehmlich in der experimentellen Aneignung der technischen Grundlagen mit ungewissem klanglichem Resultat bestanden. Erst im Laufe der Jahre sei die Beherrschung der Technik so weit fortgeschritten, dass KomponistInnen sich der Feinstruktur der klanglichen Oberfläche zuwenden konnten. Unter den relevanten Entwicklungen seit der Jahrtausendwende erwähnte Brech die Inklusion visueller Elemente in den Kompositionsakt und die Spatialisierung, also die punktgenaue Projektion von Klängen in den Raum. Bei der Betrachtung der künstlerischen Ergebnisse lässt sich nach Brech allerdings auch feststellen, dass innovative Technik nicht notwendigerweise interessante Kunst nach sich zieht.

Die Einflüsse und Umbrüche, die Neue Medien im Bereich des Musikschaffens bewirken, nahm Rosa Reitsamer im Kotext der Popularmusik in den Blick. Die Musiksoziologin definierte DJs als neuen Typus von Musikschaffenden, der sich infolge der „digitalen Mediamorphose“ entwickelt habe. Der Begriff der Mediamorphose wurde von Alfred Smudits geprägt und bezeichnet Transformationen des Kulturschaffens, die auf den Einfluss Neuer Medien zurückzuführen sind. In einer Studie, die Reitsamer unter Wiener DJs durchführte, versuchte sie deren Selbstrepräsentation auf die Spur zu kommen. Dabei konnte sie die DJs in drei Typen unterteilen, die sie als „TechnikerInnen“, „KünstlerInnen“ und „RockerInnen“ klassifizierte. Während „KünstlerInnen“ in ihrem Selbstverständnis die moderne Genieästhetik fortschreiben, betonen „TechnikerInnen“ laut Reitsamer die experimentelle Seite ihres Tuns. Besonders in der Selbstdarstellung der TechnikerInnen sowie der RockerInnen lässt sich laut Reitsamer ein Anknüpfen an traditionelle Geschlechterrollenbilder beobachten. Beide Identitätsentwürfe korrespondieren mit tradierten Vorstellungen von Männlichkeit, was einen weitgehenden Ausschluss von Frauen aus den genannten Bereichen mit sich bringt. Daraus folgerte die Wissenschaftlerin, dass der Einsatz neuer Technologien durchaus mit einem Festhalten an überkommenen Identitätskonzepten einhergehen kann.

Auf pointierte Weise bringt der Komponist Johannes Kreidler in seiner Arbeit die Frage nach dem Neuen in der Neuen Musik zum Ausdruck. Als Anhänger der mediendeterministischen Schule geht Kreidler von der Prämisse aus, dass eine Gesellschaft nachhaltig von medialen Organisationsformen geprägt ist. Eine Folge der jüngeren Entwicklungen im Medienbereich sei die Verfügbarkeit nahezu sämtlicher existierender Musik im Internet – Kreidler spricht von einem „totalen Archiv“. An die Stelle des „Materialfortschritts“ solle in der Neuen Musik darum das „Recyceln“ bereits vorhandener Musik treten. Dieses Anliegen brachte der Komponist in aktionistischer Form auf den Punkt, als er bei der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA ein Werk anmeldete, das ungeachtet seiner Kürze (33 Sekunden) rund 70 000 Fremdanteile enthält.

Unter dem Motto „Die ,ausfransenden‘ Ränder“ ging es bei einem Podiumsgespräch am Nachmittag um die Neuverhandlung von Genregrenzen im aktuellen Musikschaffen. In seinem Impulsreferat stellte Alfred Smudits (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) das Klassifikationsmodell von Harald Huber vor, nach dem sich aktuelle Musikformen in „art“, „dance“ und „media“ untergliedern lassen. Diese Richtungen seien aber nicht als einander ausschließend zu betrachten – vielmehr gebe es in jeder Musikform Tendenzen, die sich dem einen oder anderen dieser Bereiche zuordnen ließen. Sind also Genre-Bezeichnungen obsolet geworden? Diesbezüglich gingen die Meinungen der Diskutierenden auseinander. Während der Autor und Musiker David Toop den Hip-Hop als Beispiel dafür heranzog, wie sich eine bestimmte Musikform in diverse kulturelle Kontexte transferieren lasse, wies Alfred Smudits darauf hin, dass hierzulande ein breiter Musikgeschmack nach wie vor eine Angelegenheit der Mittel- und Oberschicht sei. Thomas Schäfer, seines Zeichens Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, gab seinerseits zu bedenken, dass die Metapher von den „ausfransenden Rändern“ problematisch sei, sei doch der Neuen Musik die Vorstellung eines „Zentrums“ abhandengekommen. Dem Musiker Stephan Wunderlich zufolge ist der gegenwärtige Begriff der „Neuen Musik“ grundsätzlich an deren schriftlichen Charakter gebunden. Eine Auflösung der Grenzen zwischen KomponistIn und InterpretIn, wie sie im Bereich der experimentellen Musik stattfinde, müsse somit eine Auflösung der „Neuen Musik“ in ihrer altbekannten Form mit sich bringen.

Die Neue Musik zwischen Verengung, Grenzüberschreitung und Auflösung – um solche Diagnosen nicht im luftleeren Raum hängen zu lassen, wurden die Vorträge von zwei künstlerischen Beiträgen ergänzt. Marko Cicilianis Stück „All of Yesterday’s Parties“ konfrontierte das Publikum mit der Übermacht medial vermittelter Musikformen, während Sylvia Wendrock mit ihrer Videoarbeit ein praktisches Beispiel für die selbstverständliche Verknüpfung von Film, Musik, Fotografie und Literatur bot.
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien

 

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