Dionysos Rising (c) netzzeit

netzzeit 2019 – out of control: „der ewige augenblick“

Nora Scheidl und Michael Scheidl von netzzeit zeigen im Rahmen des biennalen Festivals für Neues Musiktheater „out of control 2019“ im Herbst drei neue Musiktheaterproduktionen. Alle drei laufen unter dem Motto „Der ewige Augenblick“ und in allen drei Produktionen geht es um traumatisierte Menschen, wenngleich sich diese Traumata natürlich nicht gleichen.

Der ewige Augenblick
Im Trauma
Im Liebesakt
In selbstvergessenem Spiel

Unwiederbringlich
und
unvergesslich

Erzeugt am Ort der Augenblickskunst: Theater wird geboren … und verbrennt gleichzeitig an sich selbst.

Tatsächlich wird jedes Trauma zum „ewigen Augenblick“, da traumatisierte Menschen in eine Art Zeitschleife geraten, in der sie dazu verurteilt sind, die das Trauma verursachend habende Situation immer wieder zu erleben. Sie können nicht anders, sie kreisen immer wieder um den Moment der Explosion, die sie verstümmelt, um den Unfall, der ihnen ihr Kind genommen, um die Verurteilung, die sie ihrer Existenzgrundlage beraubt hat.

Der ewige Augenblick ist aber auch der Liebesakt, dessen Höhepunkt die Franzosen als „la petite mort“ bezeichnen, bei dem wir alles um uns vergessen und vollkommen im Augenblick ohne „zeitliches“ Bewusstsein leben.

Den ewigen Augenblick gibt es in der Fotografie. Und dann ist natürlich das Theater DER Ort und DIE Kunstform, wo der ewige Augenblick stattfindet. Theater ist per se eine Augenblickskunst. „Theater wird geboren und verbrennt gleichzeitig an sich selbst“ ist eine berühmte Liebeserklärung ans Theater eines der größten Regisseure des 20. Jahrhunderts: Giorgio Strehler.

Der griechische Mythos von Dionysos erzählt von der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Rausch und Ekstase, nach der Intensität der Wahrnehmung. Als Kinder wussten wir noch alle um den ewigen Augenblick: Wenn wir selbstvergessen in ein Spiel oder eine Aufgabe vertieft waren und nichts als das Hier und Jetzt existierte.

Dionysos Rising von Roberto David Rusconi / ÖEA
Termine: 19. – 21. September 2019, Museumsquartier / Halle G

701 britische Teelöffel – Viva la muerte! / UA
Termine: 24.Oktober – 2. November 2019, DAS OFF THEATER

This is what happened in the telephone booth / UA
Termine: 14. – 30. November 2019, DAS OFF THEATER

Dionysos Rising

Menschen im Transit:
Traumatisiert,
hoffend auf eine bessere Zukunft.
Patienten im Warteraum?
Von Mythen Besessene?
Kriegsversehrte im Camp?
Sind Ärzte Götter?
Sind Pfleger Satyre oder Tod-Bringer?
Wie viel Wahnsinn ist normal?
Ist Chaos konstruktiv
Ist Ordnung destruktiv?
– oder umgekehrt?

In einer nüchternen Welt, vernünftig und empathie­befreit, versichert gegen alles Störende von außerhalb und innerhalb ihrer selbst, in einer Welt, in der Ordnung und Chaos nicht mehr zu unterscheiden sind, schreien, singen und tanzen die ausgehungerten Menschen unserer Zeit wie verrückt nach Leben: Der Mythos ist zurück: Dionysos is Rising.

Der Komponist Roberto David Rusconi beschwor den griechischen Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase, gemeinsam mit vier SängerInnen und vier TänzerInnen in der Choreographie von Claire Lefevre in einem bisher nie gehörten modernen hyperrealen Klangraum erstmals am Teatro Sanbapolis in Trient. Und jetzt in Wien bei netzzeit 2019 OUT OF CONTROL.

Mehr Infos über das Tonsystem gibt es hier: http://www.l-isa-immersive.com/l-isa-rises-to-the-opera-challenge/

Oper von Roberto David Rusconi / ÖEA (UA am 19.01.2019 am Teatro Sanbapolis/Trient/Italien)
Koproduktion von netzzeit mit OPER.A 20.21/Bozen

Termine: 19./20./21. September 2019, Beginn: 20.00 Uhr
Ort: Museumsquartier Halle G, Museumsplatz 1, 1070 Wien
Tickets zu € 29.- (SchülerInnen, StudentInnen, Zivildiener € 15.- / Ö1-Club-Mitglieder und Standard-AbonnentInnen € 22.-) unter https://shop.eventjet.at/netzzeit und an der Abendkassa.

Komposition: Roberto David Rusconi
Libretto: Roberto David Rusconi nach „Dionysiaka“ von Nonnus von Panopolis, Michael Scheidl (deutsche Texte)
Musikalische Leitung: Timothy Redmond
Ensemble PHACE
Regie: Michael Scheidl
Ausstattung: Nora Scheidl
Choreographie: Claire Lefevre
Sounddesign: Elias Kern/Florian Bach
SängerInnen: Zachary Wilson (Dionysos), Ray Chenez (Ampelos), Da Yung Cho (Telete), Anna Quadrátová (Semele)
TänzerInnen: Britt Kamper-Nielsen, Juliette Rahon, Evandro Pedroni, Luan de Lima

701 britische Teelöffel – Viva la muerte! / UA

Musikalischer Essay. Eine netzzeit 2019-Produktion

Eine Hochzeitsgesellschaft in Auflösung
Am schönsten Tag im Leben.
Ist Sterben peinlich?
Ist der Tod erfolgsoptimiert?
Muss er ein Wiener sein?
– oder eine Mexikanerin?
Wie gestylt ist unser letztes Hemd?
Du hast noch 6 Leben:
Wiedergeburt – wer will das?
Sind Ego-Shooter unsterblich?
– und was ist der letzte Schrei?
– oder wie?

Sterben ist peinlich. Sogar in Wien, wo dem folkloristischen Klischee zufolge ein besonders vertrauter Umgang mit den letzten Dingen gepflegt wird, passt Sterben nicht ins Konzept neoliberaler Leistungsträger. Zeitgemäß Selbstoptimierte können sich den letalen Einbruch der persönlichen Performance schlicht nicht leisten. Der Umgang mit dem Tod wird outgesourct an professionelle Dienstleister.

In ein solches Setting platzt als ungebetener Gast eine Verwandte der mexikanischen Todes-Inkarnation der La Catrina. Die Gestalt aus dem Jenseits mischt sehr handfest die Familie einer Wiener Hochzeitsgesellschaft auf, die zunächst noch nicht ahnt, dass sie am angeblich schönsten Tag des Lebens ihren letzten Weg in ein „Zwischenland“ antreten wird.

Die Tödin führt und verführt die Feiernden zu Exzessen, die alle möglichen Transzendenzen beinhalten. Sie führt im Bardo Regie und lässt die Familienmitglieder in Flash-backs ihr grell-komisches Leben Revue passieren, das hier nach Läuterung schreit. Nicht einmal das Publikum kann sich dem entziehen, denn während der Aufführung verlieren sich die Grenzen zwischen Bühne und Auditorium, bis sich Darsteller und Zuschauer in schönstem Durcheinander auf einem Friedhof wiederfinden, wo alle gemeinsam mitsamt den Toten essen, singen und tanzen – eine direkte inszenatorische Umsetzung der mexikanischen Feiern zu Allerheiligen. Lifemusik und Soundclouds sorgen für die Ambiance einer Narration aus Monologen, Dialogen, surrealen Bildern und Tweets.

Anmerkung: Ein britischer Teelöffel ist ein (britisches) Raummaß und es sind 701 britische Teelöffel, die jene Aschemenge ausmacht, die von einem Menschen von durchschnittlicher Größe und Gewicht übrig bleibt, wenn man sie in die Urne füllt.

Termine: 24., 26., 31. Oktober & 1., 2. November 2019, Beginn: 20.00 Uhr
Ort: DAS OFF THEATER, Kirchengasse 41, 1070 Wien
Tickets: zu € 20.- (StudentInnen, SchülerInnen, Zivildiener: € 13.- / Ö1-Club-Mitglieder und Standard-AbonnentInnen € 17.-) unter https://shop.eventjet.at/netzzeit und an der Abendkassa.

Texte: Ilse Helbich, Ernst Kurt Weigel, Lukas Meschik & Ensemble
Komposition: Arturo Fuentes
Regie: Petra Weimer
Ausstattung: Nora Scheidl
Mit: Kristina Bangert, May Garzon, Valentin Ivanov, Peter Raffalt, Jutta Schwarz, Tamara Stern

This is what Happened in the telephone booth / UA

My mind in transition:
Atemstillstand.
Geistesstillstand.
Kreislaufstillstand.
Still standing?
Was verändert mich endlich?
Menschen, Worte, Bilder, Räume, Bewegungen?
Alles? – Hm?
Was, verdammt, passierte mit meiner Mutter in der Telefonzelle?

Das Projekt „This is, what happend in the telephone booth “ beschäftigt sich auch mit unvergesslichen Augenblicken, wobei die Idee dazu einer Begebenheit entsprang, über welche die Tänzerin und Performerin Leonie Wahl Folgendes erzählt:

„Ausgangspunkt für das Projekt ist eine autobiografische Geschichte. Kurz bevor wir – meine geschiedene Mutter, meine Schwester und ich – in den Urlaub fahren wollten, verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle, um ihren Geliebten anzurufen. Als sie zu uns Kindern zurückkehrte, war sie plötzlich ein anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich und nicht mehr zu beruhigen. In diesem Moment hatte meine Mutter ihre allererste schizophrene Krise. Ich war gerade zehn Jahre alt. Seither quält mich beständig die Frage, was genau in der Kabine vorgefallen ist. Ich konnte es mir nicht erklären und ich habe es niemals herausgefunden. Auch sie selbst weiß bis heute nicht, was mit ihr dort passiert ist. Ich glaube aber, dass ich genau deshalb Künstlerin geworden bin. Ich bin Tänzerin geworden, weil mir damals bewusst wurde, dass die wesentlichen Dinge, die das Leben verändern, nicht mit Worten erzähl- und erklärbar sind.“

Musikalisch arbeitet Leonie Wahl erstmals mit dem österreichischen Komponisten für elektronische Musik ASFAST (Leon Leder) zusammen (https://aaasfast.com/).

Tanz.Schau.Spiel von Leonie Wahl und Ernst Kurt Weigel
Koproduktion von netzzeit 2019 mit orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble in Kooperation mit DAS OFF THEATER
soundscape by ASFAST
Uraufführung beim Festival netzzeit 2019 out of control

Termine: 14./15./16./21./22./23./28./29./30. November 2019, Beginn: 20.00 Uhr
Ort: DAS OFF THEATER, Kirchengasse 41, 1070 Wien
Tickets: zu € 18.- (SeniorInnen € 15.- / StudentInnen, SchülerInnen, Zivildiener € 10.-/ Ö1-Club-Mitglieder und Standard-AbonnentInnen 15.-) unter https://zen.eventjet.at/shop/2354 und an der Abendkassa.

Konzept und Choreografie: Leonie Wahl
Regie/Text: Ernst Kurt Weigel
Komposition: ASFAST
Tänzerinnen: Leonie Wahl, Hannah Timbrell
PerformerInnen: das.bernhard.ensemble
Ausstattung: Devi Saha
Choreographie: Leonie Wahl

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netzzeit 2019 (Website)