mica-Interview mit Constanze Wimmer

Habilitation im Fach Musikvermittlung: Constanze Wimmer studierte Musikwissenschaft und Publizistik an der Universität Wien und Kulturmanagement an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien. Als Musikreferentin beim Österreichischen Kultur-Service und als Leiterin des Bereichs „Kinder- und Jugendprojekte“ der Jeunesse gingen Anliegen der Musikvermittlung mit Managementaufgaben Hand in Hand. An der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz leitet sie seit 2009 den postgradualen Masterstudiengang „Musikvermittlung – Musik im Kontext“ und ist Studiendekanin für künstlerisch-pädagogische Studien. Für die internationale MasterClass of Music Education der Hamburger Körber-Stiftung ist sie im Adivsory Board tätig. Das Interview hat Barbara Semmler geführt.

Liebe Constanze, nochmals herzliche Gratulation zu deiner erfolgten Habilitation im Fach Musikvermittlung an der Anton Bruckner Privatuniversität! Welche neuen Möglichkeiten tun sich nun für dich, aber auch für deine Studierenden auf?

Dankeschön! Das Wichtigste scheint mir zu sein, dass es nun an einer österreichischen Musikuniversität das wissenschaftliche Fach „Musikvermittlung“ gibt – das ist definitiv neu. Für das Praxisfeld der Musikvermittlung bedeutet es, dass es an der Hochschule eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung, Reflexion und Forschung für die Tätigkeit gibt, die den Beruf hoffentlich einen Schritt weiter zur Profession führen wird.

Darüber hinaus kann man bald im Bereich „Musikvermittlung“ dissertieren, bisher war das ja nur in verwandten Fächern wie „Musikpädagogik“ oder „Musikwissenschaft“ möglich. Leider nicht sofort, weil es an der Bruckneruni noch kein Doktoratsstudium gibt. Aber wir sind gerade dabei herauszufinden, welche Möglichkeiten der Kooperation sich mit unserer Partnerhochschule in Augsburg ergeben könnten, die ja ebenfalls einen Master in Musikvermittlung anbieten.

Du hast an der Anton Bruckner Universität den postgradualen Masterstudiengang „Musikvermittlung – Musik im Kontext“ inhaltlich und organisatorisch begründet, den du seit Beginn im Jahr 2009 auch leitest. Was waren deine Intentionen ein solches Angebot in Österreich zu schaffen und wie hat sich der Lehrgang in den letzten Jahren entwickelt?

Die Möglichkeit, in Linz einen neuen Schwerpunkt zum Thema Musikvermittlung zu etablieren, geht auf den damaligen Rektor der Bruckneruni Reinhart von Gutzeit zurück, der die Wichtigkeit der Thematik erkannt hat. Leider verließ er gerade das Haus Richtung Salzburg, als ich kam und ein Konzept für den Lehrgang zu entwickeln begann. In meiner praktischen Tätigkeit beim damaligen Österreichischen Kultur-Service (heute KulturKontakt Austria) und später bei der Jeunesse wurde mir bewusst, dass Musikvermittlung ein Bereich ist, der nicht nur dillettierend ausgeübt werden sollte, sondern eine eigene Professionalität verlangt, die man zur damaligen Zeit noch nicht an einer Hochschule studieren konnte. Inzwischen hat der dritte Jahrgang begonnen und wir lernen kontinuierlich, wie wir ihn verbessern können. Alle zwei Jahre schließen rund 20 MusikvermittlerInnen ab. Der Lehrgang wird berufsbegleitend angeboten, d.h. ca. zwei Drittel der AbsolventInnen hat bereits ein fixes Standbein in der Schule, in der Musikschule oder in einem Orchester und setzt das Erlernte in diesem Beruf neu ein. Ein Drittel macht sich auf die Suche nach Jobs im Kulturbereich. AbsolventInnen finden sich derzeit bei der Jeunesse Österreich, beim Mozarteum Orchester Salzburg, bei freien Kulturinitiativen und im Kulturforschungsbereich.

Du bist neben deiner projektentwickelnden Tätigkeit in der Musikvermittlung vor allem auch als Forscherin aktiv. Was wären aus deiner Sicht besonders interessante Fragen und Themen, denen nachgegangen werden sollte?

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Musikvermittlung sich als selbständiger Begriff für ein Berufsfeld an der Schnittstelle von Kultur- und Bildungseinrichtungen etabliert hat, entstand der Begriff der „Community of Practice“, den der Schweizer Sozialforscher Etienne Wenger ab den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts prägt. Er stellt dabei das Lernen in einen Kontext von sozialen Beziehungen.

Um tatsächlich eine solche Community zu sein, sind drei Aspekte ausschlaggebend:

  • Ein gemeinsames Arbeitsgebiet: also mehr als ein Freundesverein oder ein loses Netzwerk
  • Eine Gemeinschaft mit gemeinsamen Aktivitäten, Diskussionen, geteilten Informationen und Beziehungen zueinander
  • Eine gemeinsame Praxis: eine Community of Practice besteht aus Praktikern in dem Feld, die ein gemeinsames Repertoire an Ressourcen generieren: Erfahrungen, Geschichten des Gelingens und des Scheiterns, Werkzeuge und Wege, Probleme zu bewältigen.

Hier möchte ich nun einen vierten Aspekt ins Spiel bringen: den der geteilten Reflexion und Wissensgenerierung, den die Anbindung an eine Hochschule ermöglicht.

Diese Community of Practice in ihren Bedingungen weiter zu erforschen, fände ich äußerst spannend und lohnend, weil der Forschungsbereich zwar nah an der Umsetzung bleibt, aber der Praxis reflektierend etwas zurückgibt, was sie zur Weiterentwicklung gut gebrauchen kann. Einen besonders interessanten Aspekt finde ich dabei die Qualität der Kooperation von Musikvermittlung an Kultureinrichtungen mit Musikpädagogik an Bildungseinrichtungen.

Wie schätzt du die derzeitigen Bedingungen und Herausforderungen für in Österreich aktive MusikvermittlerInnen ein? Wenn du einen Wunsch an die Fee, die für Kulturpolitik zuständig ist, frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Für alle MusikvermittlerInnen, die ausschließlich als solche in Österreich arbeiten wollen, sehe ich nach wie vor die Schwierigkeit, dass sich der Bereich im Vergleich zur Kunstvermittlung erst sehr jung hier etabliert hat. Deshalb kann ich jedem/r nur raten, den gesamten deutschsprachigen Raum für eine Karriere in den Blick zu nehmen und Flexiblität an den Tag zu legen. Auch Patchwork-Tätigkeiten halte ich für realistisch, wobei das kommunikative Element der Vermittlung vermutlich alle Tätigkeiten durchdringen wird, seien sie eher im organisatorischen oder im pädagogischen Bereich. Mittlerweile gibt es an den großen österreichischen Orchestern MusikvermittlerInnen, an den Konzerthäusern und Landestheatern könnte sicherlich noch ausgebaut werden. Auch das wichtige Segment der regionalen Kulturarbeit ist ein großes Entwicklungsgebiet für MusikvermittlerInnen.

An die Fee der österreichischen Kulturpolitik hätte ich den Wunsch, nachhaltige Rahmenbedingungen für Kultureinrichtungen zu schaffen, die Kulturvermittlung tatsächlich als einen integrativen Bestandteil der künstlerischen Arbeit der Institution versteht und nicht als oberflächliche Behauptung, die mit ein paar Kinderkonzerten in die Tat umgesetzt wird. Kommunikation mit dem Publikum meint alle Altersgruppen und meint phantasievolle Formate und Räume der Konzentration auf und mit Kunst, die Menschen dabei unterstützen, ihr Leben reicher und tiefer zu gestalten. Das bedeutet aber bei den Verantwortlichen in der Kulturpolitik, dass sie sich nicht nur für die Arbeitsbedingungen von Künstlern und Kunstproduktion interessieren dürfen, sondern genauso intensiv für das Publikum und damit für die Arbeitsbedingungen der KulturvermittlerInnen.