Evelyn Fink-Mennel (c) kulturfoto.at (Ernst Bimminger)

Immer auf Spurensuche und am Spuren ziehen: Evelyn Fink-Mennel

Die Musikerin, Sängerin, Musikethnologin und Pädagogin EVELYN FINK-MENNEL ist in Vorarlberg und weit über die Landesgrenzen hinaus Musikliebhaberinnen und -liebhabern bekannt. In zahlreichen Projekten, wie der Radix Musikwerkstatt, der Bregenzerwälder Fiddle-School, bei Mit-Tanzen und ab dem Frühjahr 2021 bei der Pforte für alle, gibt sie im Land ihre Freude und sprühende Energie am gemeinsamen Singen, Musizieren und Tanzen weiter. Mit ihrer Kompetenz und kreativen Art der Musikvermittlung macht die Musikerin alle Mitwirkenden frei vom strikten Spielen nach Noten. Singend werden Melodien mit Puls gelernt und sie auf das Instrument zu übertragen.

„Ausgehend von der Melodie kommen dann, wie beim Rohbau eines Hauses oder Wachsen einer Pflanze, step by step andere Zutaten (Rollen) dazu“, erklärt Evelyn Fink-Mennel, „Bassstimme mit Funktion, andere Melodiestimmen, eine rhythmisch agierende Stimme. Wir lernen also immer das ganze Stück mit allen Rollen. Das braucht erstmals natürlich Zeit, aber es macht frei und das Lernen geht jedes Mal schneller. Bald stellt sich eine Lockerheit, Lust und Erfahrung ein gegenüber dem Hören von Melodien und der Aneignung von Musik und ihren Strukturen übers Gehör. Das ist aus meiner Sicht die Basis und der Schlüssel zum freien Spiel durch die Ausbildung einer inneren gehörten Vorstellungskraft.“

Uralt, aber urmodern

Viel Anerkennung und die Nominierung auf die Longlist des Preises der deutschen Schallplattenkritik fand das im vergangenen Jahr publizierte Album „Jucker, Springer, Rongger, Schlicher“. Darin wurden Lieder und Tänze aus den Sammlungen Sonnleithner und Strolz eingespielt. Der Wert dieser beiden in den 1810er-Jahren aufgezeichneten Sammlungen und Lieder liege in ihrer inhaltlichen und musikalischen Dimension. Hierin sei das älteste einschlägige Tanzmusikrepertoire des Landes versammelt, erklärt die Musikethnologin. „Es ist zwar uralt, aber auch urmodern! Es zeigt ein akustisch anderes Vorarlberg, als jenes, das wir seit vielen Jahrzehnten durch die Vorherrschaft von Polka- und Walzerformen haben.“

Volksmusikliebhaberinnen und -liebhaber können sich auf die Edition der Notensammlung Strolz freuen, die in den nächsten Monaten erscheinen wird. „Diese alten Tänze repräsentieren typisches Geigenrepertoire, was die Melodieführung und die bevorzugten Kreuztonarten der Tänze belegen. Die Geige war auch in Vorarlberg bis ins frühe 19. Jahrhundert das übliche Tanzbodeninstrument. Die Blasinstrumente, die die Geigen schließlich ablösen, kommen damals aber erst langsam in die Dörfer“, so die Herausgeberin.

Vor nunmehr zwei Jahren fand im Hittisauer Frauenmuseum das Symposium „Frauen: Musik/Geschichten“ statt. Dabei wurden die Stellung der Frau im Musikbetrieb sowie die „gesellschaftspolitische Haltung“ erläutert. Als Pädagogin am Vorarlberger Landeskonservatorium zeichnete Fink-Mennel für das Programm wesentlich mitverantwortlich. Im Dezember 2020 erschien der Tagungsband im digitalen Format der Reihe „IMPULS:VLK. Aufsätze, Vorträge und Schriften zur Musikpädagogik und Musikwissenschaft des Vorarlberger Landeskonservatoriums“ erscheint.

Singpraxis im Bregenzerwald – ein immaterielles Erbe

Ein spannendes Forschungsprojekt der Internationalen Bodenseehochschule (IBH) richtet in den kommenden zwei Jahren den Blick auf Aspekte immateriellen Kulturerbes, in dem Ankerpunkte für die regionale Identitätsstiftung untersucht werden. Daran beteiligt sind das von Evelyn Fink-Mennel initiierte Zentrum Volksmusikforschung am Vorarlberger Landeskonservatorium sowie drei weitere Hochschulen aus der Schweiz und Deutschland. Untersucht wird unter anderem die im Bregenzerwald noch in breiten Bevölkerungsschichten bekannte und gelebte Singpraxis. „Wir gehen einerseits davon aus, dass immaterielles Erbe wesentlich durch Immobilität von Menschen bewahrt wird und fragen nach den Trägern, Institutionen, Orten und ihren Geschichten, die Erbe vererben. Weil aber diese Immobilität heute mit Mobilitätsdynamiken konfrontiert ist, fragen wir, wie Tradierung angesichts des demografischen Wandels und der Abwanderung junger Menschen gelingt, also welche konkreten Probleme sich stellen und Teilhabe initiiert werden kann“, erklärt Evelyn Fink-Mennel.

Anlässlich des 200. Geburtstages von Kaspar Hagen plant das vorarlberg museum eine Hommage. Über 550 Gedichte hat der Bregenzer, der im Hauptberuf als Arzt tätig war, hinterlassen. Ferdinand Andergassen, Wunibald Briem, Hans Lutz, Eduard Moser und Anna Burger-Seeber haben Texte des Mundartdichters vertont. „O Hoamatle“ ist wohl das bekannteste Lied, dem ein Gedicht aus Hagens Feder zugrunde liegt. Evelyn Fink-Mennel bringt mit Studierenden des Landeskonservatoriums einige der Lieder zu Gehör.

Auf der Bühne mit Zündschnur & Bänd sowie finkslinggs

Neben all diesen Tätigkeiten ist Evelyn Fink-Mennel eine aktive Musikerin. Seit Jahren singt, jodelt und spielt die Geigerin „uf or Wiborsito“ von Zündschnur & Bänd. Zweimal musste die für 2020 geplante Tournee bereits abgesagt werden. Nun liegt das Projekt auf Eis. Erst wenn wieder „normale“ Veranstaltungen organisiert werden können, denken Ulli Troy und die Bandmitglieder darüber nach, „ob und wie es weitergehen kann“.

finkslinggs in eine jüngere Band, in der Evelyn Fink-Mennel mit dem Singer-Songwriter Philipp Lingg, dem Bassisten Matthias Härtel sowie Irma-Maria Troy auf ihre ganz eigene Art miteinander musizieren. Auftritte beim Confluence Festival in Zürich sowie ein Gastspiel bei den Stanser Musiktagen 2021 sind bereits im Konzertkalender der Musikerin fixiert. Auch ein Auftritt beim renommierten Schweizer Festival Alpentöne in Altdorf ist im Gespräch.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur im Dezember 2020 erschienen.

CD-Tipp
„Jucker, Springer, Rongger, Schlicher“. Koproduktion: ORF-Vorarlberg, Vorarlberger VolksLiedWerk, Zentrum Volksmusikforschung Bodenseeraum am VLK. 2019

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