„Ich glaube, dass in diesem Netzwerk eine seismografische Qualität steckt.“ – Constanze Wimmer und Sabine Reiter (Plattform Musikvermittlung Österreich) im mica-Interview

Die PLATTFORM MUSIKVERMITTLUNG ÖSTERREICH feiert ihr 10-jähriges Jubiläum. CONSTANZE WIMMER, Vizerektorin für Lehre und Internationales an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, und SABINE REITER, Geschäftsführerin von mica – music austria, blicken im Gespräch mit der freien Musikvermittlerin Esther Planton zehn Jahre zurück, ziehen Resümee und blicken positiv in eine ungewisse Zukunft für die Plattform für Musikvermittlung.

Wir reisen in das Jahr 2012, in das Gründungsjahr der PMÖ. Könnt ihr euch an die Gründung noch erinnern?

Sabine Reiter: Wir haben uns 2012  bei einer Veranstaltung der österreichischen UNESCO-Kommission kennengelernt. Es war sehr schnell klar, dass es ein Netzwerk für die Musikvermittlung braucht. Durch den Universitätslehrgang „Musikvermittlung – Musik im Kontext“ an der Anton Buckner Privatuniversität in Linz, den Constanze zu diesem Zeitpunkt leitete, konnten wir schließlich viele Musikvermittler:innen erreichen und einladen.

„Uns lag die Musikvermittlung am Herzen und so war uns total wichtig, hier etwas zu tun.“

Constanze, wie erinnerst du dich an die Gründungsphase der PMÖ?

Constanze Wimmer (c) Reinhard Winkler
Constanze Wimmer (c) Reinhard Winkler

Constanze Wimmer: Wir waren ja in Österreich „Spätstarter“ mit unserem Lehrgang 2009. Zu dieser Zeit gab es schon seit zehn Jahren universitäre Ausbildungen in Deutschland und das Netzwerk Junge Ohren. In der Schweiz gründete sich damals auch eine Art Plattform rund um die Kulturvermittlung, und auch die Zürcher Hochschule war uns mit einem Weiterbildungsangebot voraus. Daher war ganz klar, dass wir uns die Frage stellen mussten, wie wir in Österreich mit der Musikvermittlung umgehen sollen und etwas Eigenes, etwas Identitätsstiftendes brauchen. So war es wunderbar, dass Sabine Reiter und das mica diesem Vorhaben eine Heimat geben wollten. 

Sabine Reiter: Uns lag die Musikvermittlung am Herzen und so war uns total wichtig, hier etwas zu tun. Da wir als mica in der Musikvermittlungs-Szene aber gar nicht aktiv waren, wussten wir nicht, was es für dieses Netzwerk genau braucht.

Constanze Wimmer: Ja, das ist ein interessanter Aspekt. Auch das Netzwerk Junge Ohren hat immer wieder damit zu kämpfen gehabt. Was erwartet die Szene vom Netzwerk und was ist das Netzwerk in der Lage zu geben?

Mit wenig Ressourcen, Budget und Personal etwas Neues auf die Beine zu stellen, ist nie leicht und von einer großen Idee dann Abstriche machen zu müssen, gehört oft dazu. Wo musstet ihr kleiner denken? 

Sabine Reiter: Wir wollten zum Beispiel Themen aufgreifen, die in einen Berufsverband gepasst hätten, das haben wir leider nicht geschafft. Mit einem Blick ins Gründungsprotokoll finde ich unsere ersten Ziele: Anfangs wollten wir auch die Rahmenbedingungen für Musikvermittler:innen verbessern und für die Szene Lobbyingarbeit und Advocacy betreiben. 

Constanze Wimmer: Ja, aber stellt euch vor, wie das damals war. Nur eine Musikvermittlerin war damals wirklich freiberuflich und alle anderen waren fix angestellt. Und damit war der Bedarf ein ganz anderer als heute. 

Wie ging es dann weiter? Nach eurem ersten Zusammentreffen habt ihr also losgelegt?

Sabine Reiter, Porträtfoto, 2022 (c) Maria Frodl
Sabine Reiter, Porträtfoto, 2022 (c) Maria Frodl

 Sabine Reiter: Wir haben die Szene 2012 zu einer Auftaktveranstaltung eingeladen. Auch die damalige Geschäftsführerin des Netzwerk Junge Ohren, Ingrid Allwardt, war dabei und hat erzählt, was das deutsche Netzwerk tut, was es mit den Wettbewerben auf sich hat und wohin sich das Netzwerk weiterentwickeln will. Zu dieser Veranstaltung kamen viele Leute, sicher 50 oder 60 Personen. 

Richtig, ich erinnere mich selbst noch an diese Veranstaltung. 

Sabine Reiter: Bei dem Treffen wurden Themen wie Aus- und Weiterbildung, Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying und Advocacy diskutiert. Der Fokus lag jedoch nicht auf den Problemlagen von Musikvermittlung als Beruf, sondern auf der Positionierung der Musikvermittlung in Politik und Verwaltung, sowie auf der Generierung von öffentlicher Aufmerksamkeit für das Thema, und vor allem auch auf Vernetzung und Austausch.

Constanze Wimmer: Aus der damaligen Situation heraus sehr logisch. Es gab ein paar fix Angestellte in den Orchestern und ein paar fix Angestellte in den Konzerthäusern und Opernhäusern und die fühlten sich ungesehen und mussten dafür kämpfen, überhaupt etwas sagen zu dürfen. Kollektivverträge oder Mindesthonorare waren damals noch kein Thema.

Ich erinnere mich noch so gut daran. Als Mitarbeiterin beim ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das waren meine Anfänge, war das eine Energie des Aufschwungs. Endlich haben wir Gleichgesinnte getroffen. Ich erinnere mich aber auch an die Herausforderungen. Was konnte die PMÖ in den letzten zehn Jahren für die Szene bewegen? 

Sabine Reiter: Die regelmäßigen Tagungen sind das Herzstück der PMÖ. Dann kamen auch Workshops dazu und ganz stark im Vordergrund war immer der Vernetzungsaspekt. Über die PMÖ-Website und den Newsletter konnten wir Projekte zeigen, Services anbieten und Jobangebote ausschreiben. Der PMÖ-Newsletter ist übrigens der meist geöffnete mica-Newsletter, worauf wir sehr stolz sind. Ein großer Meilenstein ist definitiv, dass die Musikvermittlung nun endlich in den Förderformularen des Musikbereichs enthalten ist. Das war ein wichtiger Schritt. 

Letztes Jahr wurde bei einem Meeting des Bundes zur Kunst- und Kulturstrategie der Bedarf nach einem Dachverband für Vermittlerinnen geäußert. Dies könnte dazu führen, dass in Zukunft vermehrt in Richtung Verbandsarbeit gegangen wird. Man muss aber ehrlich sagen: Hätte man mehr Mittel, könnte man wesentlich mehr erreichen.

Constanze Wimmer: Wir haben nach einer sehr pragmatischen Lösung gesucht und das war mit dem mica verbunden. Aus dem heraus hat die Plattform getan, was sie tun konnte. Währenddessen schreitet die Zeit voran und Veränderungen werden sichtbar. Jetzt gibt es das „Forum Musikvermittlung“, wo sich alle Lehrenden der Musikhochschulen und Universitäten im deutschsprachigen Raum einmal im Jahr treffen und sich über die Lehre austauschen. Dadurch entstehen Ideen für Tagungen, somit läuft der ganze „Tagungszirkus“ über die Hochschulen, so wie das auch in anderen Fächern üblich ist.

„Errungenschaften, dass Förderanträge die Musikvermittlung berücksichtigen, sind Meilensteine, die man jetzt absichern muss.“

Und was braucht die PMÖ jetzt? 

Constanze Wimmer: Corona hat uns alle völlig neu politisiert und klargemacht, welche Bedeutung Vermittlung hat. Vor allem, weil wir uns durch diese Pandemie die Fragen stellen müssen, wo ist nun unser Publikum, wie erreiche ich es und was hat die Vermittlung dazu zu sagen? Errungenschaften, dass Förderanträge die Musikvermittlung berücksichtigen, sind Meilensteine, die man jetzt absichern muss. 

Sabine Reiter: Ich glaube, auch die Gründung eines eigenen Berufsverbandes, der wirklich von der Politik gesehen und ernstgenommen wird, könnte nun gelingen. Dafür braucht es Personen aus der Szene, die direkt mit Menschen aus Politik und Verwaltung sprechen und verständlich machen können, was es braucht. 

Sollte sich ein Berufsverband formieren, übergibt man die jahrelange Arbeit und wir würden als mica mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir arbeiten ja mit vielen Organisationen auf ähnliche Art und Weise zusammen und geben unsere Expertise weiter. Einfach alles fallen lassen, nach all den Jahren, das machen wir natürlich nicht. Wir haben ja weiterhin ein großes Interesse, die Musikvermittlung voranzutreiben.

Das klingt nach einer neuen Herausforderung in der Musikvermittlung. Schaffen wir diesen Schritt?

Constanze Wimmer: Wenn ich an unsere erste Tagung 2013 denke, dann war das eine Tagung zu interkulturellen Themen in der Musikvermittlung und knapp vor Corona war die Tagung zur Digitalität in der Musikvermittlung. Ich glaube, dass in diesem Netzwerk eine seismografische Qualität steckt. Das ist eine besondere Fähigkeit dieser Plattform gewesen, all das genau zu erspüren und in eine Form zu gießen. Aber auch das wird sich natürlich zunehmend mit den Universitäten und Hochschulen verändern, die sich der Musikvermittlung verschreiben und die Themen in einen wissenschaftlichen Kontext stellen, was für das Fach auch notwendig ist. Das ist ganz natürlich, wenn sich ein Berufsfeld professionalisiert. 

Esther Planton: Wir kommen nun zum feierlichen Abschluss und bitte euch um euren Grußbotschaften an die Jubilarin, die PMÖ.

Constanze Wimmer: Die Plattform Musikvermittlung ist in den letzten Jahren auf dem Meer des Kunst- und Kulturbetriebs geschwommen, fest verbunden, was rundherum in der Gesellschaft passiert. Sie bietet einen Ort, wo man sich über das Meeresrauschen hinweg austauscht. Die See ist rauer, wahrscheinlich wesentlich rauer, als sie es noch vor zehn Jahren war. Vielleicht braucht die Plattform jetzt einen Hafen, einen Berufsverband. Ich wünsche der Plattform für die Zukunft weiterhin dieses freie Flottieren, aber in Verbindung zu einem sehr sicheren Hafen, von dem aus man Politik betreiben kann.

Sabine Reiter: Ich wünsche der Plattform nicht zu viele Stürme und wenn doch, dass sie diese resilient übersteht. Die letzte Tagung hat gezeigt, dass der Community-Gedanke dringend gebraucht wird. Es ist in einem zukünftigen Verband wichtig, das Wissen vieler einzubeziehen, um visionär sein zu können. Wir reden schon so konkret in die Richtung dieses Berufsverbandes, es sollte ihn einfach geben. Daher wünsche ich der PMÖ und ihrer Zukunft politische Stärke und dem Verband das notwendige Gewicht.

Constanze Wimmer: Ja und bitte auch rotz-frech! Wir waren lieb, wir waren sehr nett, wir waren sehr sozial, und das aus gutem Grund. Wir behalten das alles bei, aber nicht nur. 

Vielen Dank für diesen Austausch, den Blick zurück in die Vergangenheit und einem mutigen und ehrlichen Diskurs über Zukunftsperspektiven, auf die wir nun sehr gespannt sein können.

Esther Planton

Link:
Plattform Musikvermittlung Österreich