
Das mica war ab Donnerstag, 07.10. Auge- und Ohrenzeuge des Geschehens. Als erstes konnte man seine Schritte zielstrebig (wenn man sich nicht verirrte) in die TU Graz /neues Chemieinstitut lenken und staunen, wie ein zahlreich erschienenes Publikum – auch viele Stundenten – in allen Stockwerken an den Fenstern stand, um die auf der Terrasse spielende Molekularorgel von Peter Jakober (Komposition)/Constantin Luser (Installation) zu bewundern. Uraufgeführt wurde Jakobers „Puls 4 für 35 Röhren“, auszuführen von 35 


Sehr empfehlenswert ist auch die Besichtigung zweier weiterer Ausstellungen im Stadtmuseum Graz, zum einen eine Dokumentation der Mitarbeit namhafter steirischer Künstler (Steiermärkischer Kunstverein) während des Nationalsozialismus, besonders aber eine Fotosammlung mit Porträts und großartigen Interviewausschnitten: „Jüdische Porträts“, von Herlinde Koelbl bereits 1989 erstellt, gibt es auch als Buch (hrsg. vom S. Fischer-Verlag). Hier nur die Namen der in Wien geborenen oder tätigen Vertriebenen und Verfolgten, alle prominent gewordene große Geister des 20. Jahrhunderts, die Koelbl (noch) interviewen und fotografieren konnte: Robert Jungk, Bruno Kreisky, George Tabori, Victor Weisskopf, Bruno Bettelheim, Erich Fried, Ernst Gombrich, Henry Grunwald, Erich Leinsdorf, Karl Popper, Georg Stefan Troller, Simon Wiesenthal, Karl Kahane, Teddy Kollek, Max Perutz, Arthur Georg Weidenfeld, Fred Zinnemann. – Merk’s Wien!

Das Arditti Quartett brachte Ur- und Erstaufführungen, zunächst „Streichquartett Nr. 2“ (2009) von dem Briten James Clarke, eine wunderbare Auslotung heutiger, auch neuartiger Klangmöglichkeiten der „Königsdisziplin“ Kammermusik. Es folgte das vielleicht beste Werk des Quartettabends: „Muri III b per Federico de Leonardis“ (2010) von Pierluigi Billone, ein Musikprotokoll-Auftragswerk – Billone wird ab Oktober wieder in an der Kunstuniversität Graz unterrichten. Sein Stück – einem italienischen Künstler gewidmet – interessiert sich (wie auch schon in der „mani“-Reihe) für Fragen der Klangproduktion, „den Entstehungsmöglichkeiten, die nicht erst im Erklingenden, sondern bereits in der Produktion des Klanges, im Zusammenwirken von Instrument und Körper ihren Anfang nehmen“ (Gregor Kokorz). Zum Ohrenspitzen. Nach der Pause Olga Neuwirth: „In the realms of the unreal“ (2009). Ein „Denkmal“ für den amerikanischen Künstler Henry Darger (1892-1973) und Neuwirths bereits dritte Auseinandersetzung mit der Gattung Streichquartett, die 1995 in Graz mit dem ersten ihren Ausgang nahm. „In loving memory of Alfredo Gallowitsch“ ist die Zusatzbemerkung Neuwirths. „Ausgangspunkt des Quartetts ist ein Vierteltoncluster um die Tonhöhe a’, ihm folgt nach einer Pause ein ähnliches, rhythmisch und dynamisch anders ausgearbeitetes Cluster mit Zentrum g’ “ (Stefan Drees). Vielfalt, Gedankenfülle, auch manchmal satirische Ironie kennzeichnen das gute Stück, das ein perkussives Pizzicato beschließt. Das letzte Werk, komponiert 2010, stammte von dem Franzosen Hugues Dufourt – es bestand aus extremen Anforderungen und (sehr) vielen Noten, im Zentrum „verwünschende Monologe“ der Viola.

Die in Polen geborene Erste Bank-Kompositionspreisträgerin Joanna Wozny beschäftigt sich in ihrem uraufgeführten Stück für das Klangforum, das auch bei Wien Modern zu hören sein wird, mit Spiegelphänomenen, Verunreinigungen, die sich einem zeigen, wenn man durch zerkratztes Glas schaut („as in a mirror, darkly“). Es beginnt hell, lässt aber auch an zersplittertes Glas denken. Zwischendurch gibt es zarte Klanggebilde, Klangblasen quasi. Es gibt Wiederholungen mit ständigen (minimalen) Veränderungen, es wird dunkler. Dramaturgisch wunderbar ist der Schluss gestaltet – ein ostinat wiederholter Zweiklang zweier Holzbläser, ein „Spiegel“-Ausgang. Die Ausstrahlung des Werks in dem am Montag von Lothar Knessl moderierten „Ö1-zeitton“ erwies sich in der Balance-Aussteuerung stimmiger als live in der List-Halle.
Am Samstag das zwei Komponisten gewidmete Konzert des RSO Wien unter der Leitung von Gottfried Rabl. Da gab es eine Wiederbegegnung mit dem Cage-Weggenossen James Tenney (1934-2006), ein „scientist-composer“ (New York Times vor sechs Jahren), die wirklich lohnte. In den 60-ern studierte Tenney bei Eduard Steuermann Klavier, traf auf Varèse, Harry Partch und Cage und ging seinen eigenen Weg. In „Critical Band“ geht es nicht um eine „kritische Band“ sondern um die kritische Bandbreite eines Tons in der Psychoakustik. „For Piano and …“ (diesfalls Orchester) aus 2005 ist eine wunderbare Komposition für Klavier, dem Tenney zeitlebens die Treue hielt, und … Im Foyer dann „In a Large, Open Space“ (1994) – Konzeptkunst, Installation und Improvisationsanweisung. Das Orchester mutiert zur begehbaren Klangskulptur, dem Hörer ist durch Positionswechsel möglich, sich mit Hörerfahrung auseinanderzusetzen. Spielanweisung: „In einem großen, offenen Raum, in dem sich die Zuhörer frei bewegen können (…). Die Musiker sollen voneinander entfernt im Raum spielen, wobei Instrumente mit einer tieferen Lage im Zentrum, jene mit einer höheren gegen den Rand hin positioniert sein sollen. Jeder Instrumentalist spielt eine der innerhalb des Ambitus seines Instruments ‚verfügbaren Tonhöhe’, sehr leise (pp), mit weichem Einsatz, für ungefähr 30-60 Sekunden. Nach einer kurzen Pause oder einem Atemholen wird eine neue Tonhöhe ausgewählt …“. Schön, durch solche Klänge spazieren zu gehen.
Von Georg Friedrich Haas hörte man eine gewichtige, bereits 1996/97 entstandene Orchesterkomposition: „Fremde Welten“ (für Klavier und Streichorchester) lotet das Verhältnis von tonalen und chromatischen Klangwelten (Klavier) gegen verschiedene mikrotonale Akkordsysteme der Streicher aus. Obertonakkorde mit „Wyschnegradsky“-Harmonien (um einen Viertelton verkürzte Quintentürme) schimmern immer wieder auf. Der letzte Abschnitt wird vom Klavier in c-Moll eingeleitet, das seltsam unvertraut, „fremd“ erscheint.

Peter Ablinger lud am Sonntag junge Komponistinnen und Komponisten im Rahmen der Klangwege 2010 zur Präsentation ihrer Kompositionen/Installationen/ Performances/ Film. Da gab es im Teil I im Foyer eine „Installation in 17 Ich-Schichten“, dann zu öffnende (Klang)Koffer mit akustischen Graz-Aufnahmen und ein Schall(platten)ballet. Im Konzertsaal dann eine durchaus nennenswerte Ensemblekompostion von Matthias Kranebitter (* 1980) mit dem Ensemble für Neue Musik: „Konzert für Cembalo und Ensemble in Es-Dur“ heißt das Stück für Elektronik, Klangskulptur und Ensemble (inkl. Klavier), mit hochvirtuoser, rasant werdender Cembalomusik, nachempfunden dem 17. Jahrhundert – für heutige Ohren. António Breitenfeld de Sá Dantas bot Haydns Streichquartett Hob. III/16 in B-Dur – zu hören war dieses schöne Quartett, gespielt von einem weiblichen Streichquartett – und sonst nichts. Eine durchaus nicht unwitzige „Aneignung“. Eun Ju Chah (Korea) nannte ihr Stück für Ensemble Ö-Chim „Konzert“, inspiriert ist es von einem Film über Menschen in Afrika, „die weder Trinkwasser noch Essen haben und an Krankheiten leiden.“ Im Foyer dann der Film „The making of“, eine Doku über Proben eines Musikstückes; und „Loch für Violoncello“, wo die japanische Cellistin in einem großen Kasten spielt und durch Löcher-Sehschlitze beobachtet werden kann „Cater your taste“ ist ein wiederum witziges Performance-Projekt von Americ Goh (Singapur) – das Publikum kann einen Fragebogen mit den jeweiligen Wünschen, wie und wie lange und was und wie schnell und ob mit/ohne Geräusch die jeweiligen Solisten auf ihrem Instrument spielen sollen, ausfüllen und diesen den Musikern überreichen, die das dann umzusetzen versuchen. Der Autor dieses Beitrags wünschte sich von der Geigerin speziell eine Improvisation „Haydn x Kranebitter“, zu spielen „molto espressivo e lamentoso“ …
Am Ende des Musikprotokolls für die Wachgebliebenen im Saal noch einmal ein Solo-Auftritt von Martin Brandlmayr (Komposition/Schlagzeug) – mit der Verarbeitung von „Lieblingssekunden in Stücken aller möglichen Genres“: „Technisch gesehen handelt es sich um ein Arrangement am Computer, das, abgesehen von bereits aufgenommenen Samples, Leerstellen beinhaltet, die während der Performance ‚befüllt’ werden. Am Schlagzeug sind Mikrophone montiert, die das musikalische Material auffangen. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es am Computer in bearbeiteter oder unbearbeiteter Form wieder abgespielt, über Lautsprecher oder Transducer (Körperschallüberträger), die diese Sounds direkt auf mein Schlagzeug projizieren. Ich nehme instrumental auf das wiederauftauchende Material Bezug.“
Heinz Rögl
Foto Molekularorgel: Markus Rössle
Foto Radian: Pascal Petignat
Foto State of Sabotage: Robert Jelinek
Foto Klangforum Wien: Lukas Beck
Foto Martin Siewert: Thomas Epple