Musikleben mit Kindern – wie geht es Musiker*innen im Berufsalltag? Teil 8: ARIEL OEHL (OEHL)

In der Serie „Musikleben mit Kindern“ geht mica – music austria der Frage nach, wie es professionellen Musiker*innen geht, wenn sie Kinder haben. ARIEL OEHL gibt uns im achten Teil der Serie Einblick in seinen Berufsalltag mit Kind: Übernehmen Väter heute mehr Verantwortung in Sachen Elternpflichten? Warum sind Väter dennoch „freigespielter“ und was bedeutet das für die Musikszene? Was für eine Rolle spielt zudem der eigene finanzielle Background in der Kunst? Und warum hat auch das Modell von getrennt lebenden Eltern auch Vorteile?

Was hat sich für dich verändert, seitdem du Vater geworden bist?

Ariel Oehl: Alles. Das ganze Bewusstsein über (männliche) Rollenbilder und wie meine Haltung auf ein Kind abfärbt, da wird man schon erstmal nachdenklich und definitiv ein Stück weit bewusster! Kinder lernen ja über Imitation und halten uns den sprichwörtlichen Spiegel vor. Außerdem lebt man recht wenig selbstbestimmt, und das kann nerven. Allerdings, und das ist vermutlich das Beste am Elternsein, ist die Sinnfrage im Leben relativ leicht zu beantworten, oder zu sagen, dass es immer einen Grund gibt aufzustehen. Klar sind da auch öde Tage, an denen ich Buchhaltung mache oder sonstwas, aber abends eine Kleinigkeit zu kochen, zusammen Abendessen. Fertig, das ist Glück, das reicht schon ganz oft.

„Aber ich glaube dennoch, dass Väter von jüngeren Kindern in den Köpfen der meisten Menschen „freigespielter“ sind von Pflichten, als man das bei Müttern annimmt.“

Werden Mütter in der Musikszene anders behandelt als Väter?

Ariel Oehl: Vielleicht. Ich habe meinen Sohn etwa drei Tage die Woche, wenn ich auf Tour fahre oder wenn ich für andere Termine aus Wien raus muss, tausche ich Schichten mit der Mutter meines Sohnes.

Insofern muss ich sehr gut timen, damit sich alles ausgeht, auch Ärzt*innen-Termine oder saisonal anfallende Gewand-Einkäufe mit Kind wollen erledigt werden; und wenn der Kindergarten wegen Corona wiedermal geschlossen ist oder eine der unzähligen Kinderkrankheiten anrückt, muss auch jemand zuhause bleiben, insofern treffen mich Verantwortungen vermutlich recht ähnlich wie viele Mütter, da wir solche Dinge sehr gleichwertig aufteilen.

Aber ich glaube dennoch, dass Väter von jüngeren Kindern in den Köpfen der meisten Menschen „freigespielter“ sind von Pflichten, als man das bei Müttern annimmt.

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Auf Tour mit (kleinen) Kindern? Abends im Konzert und Kinderbetreuung? Welche Netzwerke nützen Musiker*innen?

Ariel Oehl: Ich glaube, für ganz viele Familien heißt das Netzwerk Opa/Oma/Tante. Die meisten Freund*innen sind raus, wenn’s um Kinderbetreuung bzw. Babysitten geht. Um überhaupt dahin zu kommen, dass man von Musik leben kann, ist oft ein langer Atem notwendig, und da spielt, wie in jeder Kunst, auch ein finanzieller Background eine Rolle. In meinem Fall heißt das etwa, dass Anschaffungen wie Fahrrad, Kinderwagen, Autositz etc. von den Großeltern übernommen werden. Ich finde außerdem das Modell getrennt lebender Elternschaft hier zu bevorzugen, weil hier auch potenzielle neue Partner*innen aushelfen können, sich das Feld somit verdoppelt. Außerdem kann es manchmal ganz angenehm sein, auszuschlafen oder nachts heimzukommen und nicht „leise zu sein“, also eine Wohnung ohne Kind ist auch als Vater hin und wieder eine tolle Sache!

Was würdest du dir von Veranstalter*innen wünschen und wo muss man dringend etwas verändern?

Ariel Oehl: Popkonzerte sind tendenziell aufgrund von Fahrtwegen, Fahrt- und Uhrzeiten und der Lautstärke nicht besonders kinderfreundlich, das sehe ich ein. Der Zuwachs von weiblichen bzw. FLINTA*-Acts in der heimischen Musikszene kommt mir allerdings gewaltig vor, außerdem übernehmen Väter auch mehr und mehr gleichberechtigte Elternpflichten, daher glaube ich, dass wir uns diese Frage in den kommenden Jahren immer wieder stellen müssen, um hier Acts nicht wieder von den Bühnen zu verlieren. Konkrete Beispiele habe ich aber keine, da mir das ganze Konzept von Touring mit Kindern erst ab frühestens Volksschulalter sinnvoll erscheint (und da ist mein Sohn noch nicht).

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Braucht es allgemein mehr Sensibilität in der Szene? Was fehlt? Wird auf Special Needs (der Kinder) eingegangen?

Ariel Oehl: Hier würde ich zwischen Festivals und Soloshows unterscheiden, da die Rahmenbedingungen grundverschieden sind. Wir waren schon auf Festivals, wo der Artist-Bereich sehr kindgerecht gestaltet war, und etwa mit Friska Viljor (Rock im Dorf 2019) ist auch eine Band samt Kind und Kegel angereist, was super funktioniert hat. Wir haben allerdings auch schon auf Festivals gespielt, wo im gesamten Artist-Bereich sehr wenig Licht war und dank Regen ziemlich alles geschwommen ist. In so einem Fall hätte ich Kinder mit Begleitpersonen ins Hotel geschickt, weil das am Festival über den ganzen Tag einfach nicht tragbar gewesen wäre. Hier ist das Finanzieren von Begleitpersonen, zusätzliche Unterbringung etc. auf jeden Fall ein Thema. Bei Clubs oder Konzerthäusern variieren die Räumlichkeiten sowie die Unterbringungen stark, sodass es schwierig ist, pauschale Urteile über die Familientauglichkeit abzugeben. Was ich aber zum Beispiel in England erlebt habe, ist, dass dort Konzerte typischerweise recht früh beginnen und auch pünktlich aufhören, was ich als familienfreundlich empfinde. Dort ist es auch relativ normal, nach der Arbeit noch ins Pub oder auch ins Konzert zu gehen, aber dann halt direkt im Anschluss („Afterwork“) und nicht erst Stunden später. Wien ist hier vielleicht besonders hart, in einem Gürtellokal beginnen Konzerte oft nicht vor 21:30, in einen Club geht man prinzipiell nicht vor 00:30 Uhr. Da frage ich mich schon manchmal, wie das mit Elternsein zusammengehen soll, wenn Kinder nun mal irgendwann ab 6 Uhr Früh aufwachen und auch die Schule um 8 Uhr losgeht.

„Kunst und Kinder beginnen nicht zufällig mit K. Beides ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Die Zeiten haben sich geändert, Social Media bedient das Privatleben als auch das professionelle Umfeld. Wie gehst du damit in Hinblick auf deine Doppelrolle als Mama/Papa und Musiker*in um?

Ariel Oehl: Ich zeige keine identifizierbaren Bilder meines Sohnes auf Social Media, aber wenn’s gerade passt, hört man ihn schonmal in einem Video im Hintergrund plappern. Ich sehe auch nicht ein, warum ich ein unrealistisches Setting schaffen sollte, um mit meinem Publikum zu kommunizieren. Es kommt, wie’s kommt, und dann passt’s auch. Gleichzeitig haben meine Zuhörer*innen auch nicht Oehl als Familienchannel abonniert, ich versuche schon, den Content immer mit Musik/Kunst zu verknüpfen.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit uns teilen möchtet?

Ariel Oehl: Kunst und Kinder beginnen nicht zufällig mit K. Beides ist schön, macht aber viel Arbeit.

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