Musikleben mit Kindern – wie geht es Musiker*innen im Berufsalltag? Teil 6: LUCIA LEENA

In der Serie „Musikleben mit Kindern“ geht mica – music austria der Frage nach, wie es professionellen Musiker*innen geht, wenn sie Kinder haben. Im sechsten Teil unserer Serie erzählt Lucia Leena, wie es ist, wenn beide Elternteile selbstständig muszierend tätig sind und wie sich ihr Feminismus seit der Geburt ihres ersten Kindes verändert hat. Wer trägt die Verantwortung für die Situation – sind es die Veranstalter*innen oder ist es doch ein gesamtgesellschaftliches Problem? Und was könnte eine Pauschale für Kinderbetreuung für Konzerte bewirken?

Was hat sich für dich verändert, seitdem du Mutter/Vater geworden bist?

Lucia Leena: Vieles! Es kommt so viel dazu. Neue Themen, Prioritäten, Verantwortung, Werte, Herausforderungen, Gefühle (!) und sehr, sehr viel Arbeit. Mutterschaft ist für mich die pure Fülle. Und oft auch aus diesem Grund total überwältigend. Am stärksten verändert hat sich natürlich die zeitliche Verfügbarkeit. Zeit wird kostbar, Effizienz absolut notwendig und beides beeinflusst sämtliche künstlerische Entscheidungen. Auch zum Guten! Ich bin viel klarer und selbstbestimmter geworden.

Was ich besonders vermisse, sind zeitlose Räume für Kreativität, die Möglichkeit, völlig ohne permanenten Zeitraster einzutauchen. Die Alltagsstruktur verändert sich enorm durch das Leben mit Kind(ern). Abgesehen davon hat sich mein politisches Selbstverständnis und mein Feminismus stark verändert. Meine Mutterschaft hat mir patriarchale Strukturen bewusst gemacht, die ich davor nicht mal erahnen konnte. Dadurch ist mein Feminismus lauter geworden, vor allem im Inneren, was wiederum in meine Songs einfließt und mich künstlerisch prägt.

„Die Musikszene ist auch nur ein Schauplatz patriarchaler Strukturen in unserer Gesellschaft.“

Werden Mütter in der Musikszene anders behandelt als Väter?

Lucia Leena: Ja! Die Musikszene ist auch nur ein Schauplatz patriarchaler Strukturen in unserer Gesellschaft. Das große Thema der Vereinbarkeit wird nur Müttern zugeschrieben, falls es überhaupt thematisiert wird. Väter bleiben in der Szene präsent, werden nicht mit „langweiligen“ Themen wie Sorgearbeit und Vereinbarkeit in Verbindung gebracht. Ich empfinde die Musikszene kein bisschen fortschrittlicher als andere Bereiche. Darüber hinaus besteht sie ja großteils aus selbstständigen Kleinunternehmer*innen, was die Situation verschärft. Es gibt keine Absicherung, keine Möglichkeit auf Pflegeurlaub oder Krankenstand, keine Fördermittel für Kinderbetreuung etc. … Zusätzlich zur künstlerischen Selbstständigkeit kommt mit der Elternschaft ein in der Gesellschaft unsichtbarer, unbezahlter und nicht wertgeschätzter Vollzeitjob. Und der Struggle, der dadurch entsteht, bleibt im privaten Rahmen und leider immer noch viel zu oft ausschließlich an den Müttern hängen. 

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Auf Tour mit (kleinen) Kindern? Abends im Konzert und Kinderbetreuung? Welche Netzwerke nützen Musiker*innen?

Lucia Leena: Ich bin vor fast fünf Jahren unerwartet und mitten in einem Album-Release-Prozess schwanger geworden und mit großer Naivität und viel Enthusiasmus in die Vereinbarkeit von Musikerin- und Mutter-Sein gepurzelt. Mein Partner, mit dem ich eine absolut gleichberechtigte Elternschaft lebe, ist auch selbstständiger Musiker, was eine gewisse Flexibilität in der Planung mit sich bringt. Es war uns von Anfang an sehr wichtig, unser Leben nicht völlig umzukrempeln, weil wir Kinder bekommen, sondern sie in unser Leben zu integrieren. Somit habe ich auch in den ersten Lebensjahren unseres ersten Kindes sehr viele Konzerte gespielt, auch kleine Touren und Konzerte mit längerer Anreise, Stillen im Backstagebereich, etc. Ich empfinde das Unterwegssein mit Baby/Kleinkind meist ziemlich schön und lustig, aber auch enorm anstrengend! Bei einem Kind ist der Organisationsaufwand noch machbar, natürlich immer abhängig vom persönlichen Netzwerk, mit zwei Kindern wird es (zumindest die ersten ein, zwei Jahre) deutlich schwieriger. Zum Glück bekommen wir große Unterstützung von unseren Familien und Freund*innen, die die Betreuung manchmal übernehmen können. Aber: All das ist immer mit einem hohen Organisationsaufwand verbunden und kostet mitunter einfach sehr viel Zeit und Geld. Ich merke, dass ich nach fast fünf Jahren Vereinbarkeitsjonglieren etwas müde geworden bin. Ich überlege mir aktuell drei Mal, ob ich ein Projekt zusage, ob der Aufwand gerechtfertigt bzw. die Gage annähernd fair ist. 

„Oh, wie würde es alles verändern, wenn es etwa ganz normal wäre, pro Konzert eine Pauschale für Kinderbetreuung zu bekommen!“

Was würdest du dir von Veranstalter*innen wünschen und wo muss man dringend etwas verändern?

Lucia Leena: Es ist immer die Frage, ob es überhaupt in der Verantwortung der Veranstalter*innen liegt, aber wünschen würde ich mir ganz klar: erhöhte Gagen bzw. Fördermittel für Eltern, niederschwellig und unkompliziert beziehbar. Oh, wie würde es alles verändern, wenn es etwa ganz normal wäre, pro Konzert eine Pauschale für Kinderbetreuung zu bekommen! Es ist nun mal so: Wenn ich ein Konzert spielen möchte, muss sich mindestens eine Person für dieselbe Zeit freinehmen. Wenn mein Partner zum Konzert mitkommt, bedeutet es zugleich, dass er an dem Abend kein Konzert spielen und somit auch kein Geld verdienen kann. Die Vorstellung, dass es eben dafür finanzielle Mittel gäbe, würde sehr vieles erleichtern! 

Braucht es allgemein mehr Sensibilität in der Szene? Was fehlt? Wird auf Special Needs eingegangen?

Lucia Leena: Prinzipiell sehe ich das Hauptproblem gesamtgesellschaftlich. Es gibt zu wenig Bewusstsein für Elternschaft und Vereinbarkeit, zu wenig finanzielle Ressourcen, um den Mehraufwand auszugleichen, zu wenig Wertschätzung und Anerkennung. Menschen, die keine Kinder haben (oder Elternschaft durch ein Nahverhältnis miterleben), haben oft einfach keine Vorstellung von den zeitlichen Abläufen, Alltagsstrukturen, Bedürfnissen und dem hohen Organisationsaufwand, den die Vereinbarkeit von künstlerischer Selbstständigkeit und Elternschaft bedeutet. Ich hatte vor ein paar Jahren selber auch keinen blassen Schimmer davon. Es braucht einfach mehr Bewusstsein für das Thema allgemein, auch für die schönen Aspekte der Vereinbarkeit mit künstlerischen Berufen – die gibt es nämlich auch!!

Die Zeiten haben sich geändert, Social Media bedient das Privatleben als auch das professionelle Umfeld. Wie gehst du damit in Hinblick auf deine Doppelrolle als Mama/Papa und Musiker*in um?

Lucia Leena: Ich verwende Social Media fast ausschließlich für berufliche Zwecke und sehr sporadisch, weil mir die Zeit dafür fehlt bzw. das echte soziale Leben Priorität hat. Mir ist meine Privatsphäre und die meiner Familie sehr wichtig. Daher wahre ich die Grenzen strikt, und poste so gut wie nie Fotos oder Details aus unserem Familienalltag. Zugleich denke ich manchmal darüber nach, dass eben genau diese klare Trennung die Unsichtbarkeit von Elternschaft verstärkt, was ich zugleich schade finde. Die Instafeeds vieler Musiker*innen mit Kindern lassen vermuten, dass sie 95 Prozent ihrer Zeit mit Musik verbringen und 5 Prozent mit ihren Kindern, die Realität ist aber natürlich genau umgekehrt.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit uns teilen möchtet?

Lucia Leena: Es gibt all diese oben genannten strukturellen Probleme, die unbedingt thematisiert und gesellschaftlich verändert werden müssen. Zugleich aber empfinde ich Mutterschaft in aller Komplexität und Ambivalenz unbegreiflich schön, erweiternd und wertvoll, auch in Hinblick auf mein künstlerisches Schaffen! 

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